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BIOLOGIE SCHILDKRÖTEN-KRANKENHAUS: WAHRE LIEBE


TAUCHEN - epaper ⋅ Ausgabe 60/2018 vom 11.05.2018

Ein Mensch allein kann nichts verändern? Von wegen! Seit 17 Jahren betreibtDaniela Freggi mit vielen jungen Volontären auf der Insel Lampedusa das einzige autarke Schildkröten-Krankenhaus am Mittelmeer. Dank ihres Einsatzes wurden seit 2001 mehr als 4500 Karettschildkröten gerettet!


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Bildquelle: TAUCHEN, Ausgabe 60/2018

Viele Schildkröten verletzen sich an Angelhaken – diese hier hatte Glück und wurde gerettet!


Mit den Operationen wird es heute nichts, unser Generator hat den Geist aufgegeben und in zwei Stunden kommen die ersten Touristen.“ Daniela Freggi mag mit den Schultern zucken, knapp 20 Volontärinnen und sich selbst beruhigen, aber ...

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... in der Schildkröten-Auffangstation herrscht gerade das Chaos. Mit 36 Tieren in Bassins und in zweckentfremdeten Wäschewannen ist die Einrichtung am Hafen nicht nur überlastet, sondern steckt in einer akuten Notlage. Weil auch die Wasserpumpen mit Generatorstrom betrieben werden, hängt das Wohl der Karettschildkröten vom Einsatz der Freiwilligen ab, die unter Hochdruck Eimer mit frischem Meerwasser herantragen und mit Keschern Plastikfetzen aus den Becken fischen. Plastikmüll, den die Patienten, mit und ohne Langleinen-Haken im Rachen, beständig ausscheiden. An eine Operation der mittags von Fischern abgelieferten drei kleinen Schildkröten nach Feierabend ist natürlich nicht zu denken, so ganz ohne Beleuchtung. Obwohl die nach der Einlieferung aufgenommenen Röntgenbilder in jedem Tier Angelhaken zum Vorschein brachten, die breiter sind als ihre Hälse!

Eine Stunde später strahlen Daniela und die Volontärinnen übers ganze Gesicht, als sei nichts gewesen, und präsentieren „ihre“ Schildkröten einer Meute von 100 Touristen vom Festland, die sich in den ehemaligen Fährterminal quetschen. Nicht nur die Kinder, auch viele Erwachsene wissen nicht einmal, dass Meeresschildkröten vor ihren Küsten leben. Wenn die Türen um 20 Uhr geschlossen werden, haben sich hoffentlich ein paar Euro in die Spendenbox verirrt, damit die Reparatur des Generators bezahlt und neues Benzin gekauft werden kann.

DIE FISCHER HELFEN MIT

„Ich hasse es, dass wir Benzin verschwenden müssen, um die Schildkröten gesund zu pflegen, aber was bleibt uns übrig ohne staatliche Unterstützung?“, beantwortet Daniela die Frage, noch bevor ich sie überhaupt stellen kann. Abgesehen von den drei, vier Monaten, während dener Lampedusa vor Touristen überquillt, ist auf der Insel der sprichwörtliche Hund begraben. Als sie Anfang der 1990er-Jahre als junge Studentin auf das karge Eiland kam, existierte praktisch keine touristische Infrastruktur, dafür aber etliche Schildkröten-Nester. Heutzutage sieht es genau umgekehrt aus – obwohl der traditionell wichtigste Eiablage-Ort und Vorzeigestrand Spiaggia dei Conigli nach Sonnenuntergang für Besucher gesperrt ist. Über die Jahre baute die wissenschaftliche Leiterin der „Lampedusa Turtle Group“ Kontakte zu Fischern auf, die ihr Schildkröten brachten, welche in Treibnetzen und an Langleinenhaken hingen, aber noch nicht ertrunken waren.

Unter primitiven Bedingungen operiert der Chirurg Antonia Dibello die eingelieferten Tiere.


Nicht nur der Arzt Antonia Dibello.


sondern auch viele junge Volontäre vom Festland arbeiten ehrenamtlich und helfen dabei, den Bestand der Meeresschildkröten im Mittelmeer zu schützen.


ALLE FOTOS: D. BRINCKMANN


„Das Wohl der Schildkröten hängt vom Einsatz der Helfer und den Spenden ab!
Daniela Freggi
Leiterin der Schutzstation


Abends kommen die Touristen ins Hospital. Viele wissen nicht, dass vor der Küste Meeresschildkröten leben.


WIR RETTEN VERLETZTE TIERE

„Die Schildkrötenstationen in der Türkei, Israel, Griechenland und Zypern befinden sich in den Eiablagegebieten und entsprechend geht es dort meist um den Schutz der Nester“, erklärt Daniela. „Aber hier bringen uns Fischer verletzte Tiere, die mit den von Netzen abgerissenen Flossen oder gebrochenen Knochen alleine nicht überleben würden.“ Rein statistisch werden ihr täglich zwei bis drei Karettschildkröten von Fischern gebracht, die im verhältnismäßig fischreichen Seegebiet zwischen Sizilien und Tunesien arbeiten. Im Sommer wandern etliche Schildkröten durch die nördlich gelegene Straße von Sizilien zu ihren Eiablageplätzen im östlichen Mittelmeer, und südlich der Insel schließt sich nahtlos ein wichtiges Überwinterungsrevier vor der tunesischen Küste an. Weil es in diesem Nadelöhr zwischen dem westlichen und östlichen Becken praktisch immer Schildkröten gibt, haben die Pelagischen Inseln trotz weniger Eiablageplätze eine Schlüsselbedeutung für den gesamten Bestand im Mittelmeer. Drei Mal wurden gigantisch große Lederschildkröten eingeliefert, von der eine aufgrund einer Deko-Krankheit verstarb – was bei den bis auf 1000 Meter Tiefe abtauchenden Lungenatmern gar nicht so selten vorkommt.

Über die Jahre konnte der ehrenamtliche Chirurg Antonia Dibello seine Erfolgsquote bis auf 89 Prozent steigern – trotz archaischer OP-Beleuchtung und steinalter Infrastruktur. Nach rund zehn Tagen im Becken, einer Antibiotika-Therapie und einer Metallplakette mit Nummer als Markierung, können die meisten Tiere wieder ins Wasser gelassen werden. Oftmals unter tosendem Applaus von Badegästen, die abends im Ristorante Caretta Pasta bestellen. Wie überall am Mittelmeer wird gern mit den seltenen Tieren geworben, doch kaum jemand investiert einen Cent in das Überleben der Werbeträger.

„Ich habe heute erfahren, dass ein lokaler Veranstalter am Flughafen Spenden für uns sammelt, die aber allein in seine eigene Tasche fließen – ist das nicht unglaublich?“, schimpft Daniela Freggi wie ein Rohrspatz. Verständlicherweise. Schließlich arbeitet sie selbst halbtags als Lehrerin, um nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihrer Lieblinge zu finanzieren, denen die zweite Tageshälfte gehört. Im Schnitt kommen pro Jahr etwa 200 studentische Volontäre vom Festland hinzu, die sich um die Patienten kümmern und in einem Selbstversorger-Haus untergebracht sind, das sie selber finanzieren. Nun ist die Einrichtung selbst in Gefahr, denn auf das von der Gemeinde zugewiesene Gebäude haben gleich mehrere Investoren ein Auge geworfen. Die wenigen Grundstücke mit Meereszugang sind auf der von Steilküsten geprägten Insel hart umkämpft. Die Meeresschützer brauchen die Nähe zum Meer dringend, um den Seewasserbedarf der Schildkröten zu decken.

INTERESSENSKONFLIKTE

Als sich Lampedusa 2011 einer Massenankunft von Migranten gegenübersah, wurden 600 von ihnen vorläufig im Schildkröten-Krankenhaus einquartiert. Frustriert durch den unfreiwilligen Zwischenstopp auf der Insel verwandelten die 14-bis 18-jährigen Nordafrikaner die Einrichtung nach zwei Monaten in ein Schlachtfeld. Die Schildkröten wurden evakuiert und überstanden die Revolte, ganz im Gegensatz zur Einrichtung, Mikroskopen, Computern und einem Auto.

Durch die Teilnahme an internationalen Symposien und Mundpropaganda ist Daniela Freggi zur Ansprechpartnerin für die gesamte Region geworden: „Vor knapp vier Jahren bekam ich einen Skype-Anruf von einem libyschen Studenten aus Kanada, der für einen Biologen aus Libyen um Rat fragte, weil dieser eine verletzte Schildkröte gefunden hatte. Als ich am nächsten Tag mit ihm skypen wollte, um zu sehen, wie es dem Tier geht, wunderte ich mich über den hellen Hintergrund auf dem Monitor – in der Nacht war eine Bombe auf sein Haus gefallen.“ Das, so sagt sie tapfer, seien ganz andere existenzielle Probleme als die notorische Geldknappheit ihrer Einrichtung.

Was für ein schöner Moment: Eine gerettete und aufgepeppelte Meeresschildkröte wird in die Freiheit entlassen.


Von ihrem Einsatz hängt alles ab: das Team aus freiwilligen Helfern.


Schwer verständlich, dass ihr Institut keine Fördergelder bezieht, obwohl als Nebenprodukt der Pflege durchaus neue wissenschaftliche Erkenntnisse abfallen: „Eines der von uns markierten Tiere ist vor den Kanaren gefangen worden und ein anderes sogar vor Massachusetts an der amerikanischen Ostküste“, berichtet die Leiterin der Einrichtung und spielt darauf an, dass es offiziell keine Überschneidungen der Populationen von Unechten Karettschildkröten im Mittelmeer und im Atlantik gibt. Und genau das sei ja das faszinierende an den Tieren, wie sie sagt: „Schildkröten kennen keine Grenzen!“

SO KÖNNEN SIE HELFEN!

Die Turtle Foundation, eine seit 20 Jahren bestehende deutschschweizerische Organisation zum Schutz von Meeresschildkröten, hat sich bereit erklärt, ihr Konto für Spenden an das Projekt auf Lampedusa zur Verfügung zu stellen. Eingehende Spenden mit dem Vermerk „LAMPEDUSA“ werden in voller Höhe und ohne Abzüge in einer Sammelüberweisung nach Italien weitergeleitet. Auf Wunsch können auch Spendenbescheinigungen ausgestellt werden.

DIE KONTOVERBINDUNGEN Schweiz
Turtle Foundation Swiss Post, PostFinance PC-Kontonummer: 40-429368-1 IBAN: CH13 09000000 4042 9368 1 BIC: POFICHBEXXX
Deutschland
Turtle Foundation Sparkasse Bad Tölz-Wolfratshausen Kontonummer: 55515555 Bankleitzahl: 700 543 06 IBAN: DE90 7005 4306 0055 5155 55 BIC: BYLADEM1WOR Bitte in die Betreff-Zeile „LAMPEDUSA“ schreiben.