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BIOLOGIE: WALE VOR DEN AZOREN: DEN WALEN AUF DER SPUR


TAUCHEN - epaper ⋅ Ausgabe 110/2018 vom 12.10.2018

Bei einer Reise auf die Azoren sammelteTAUCHEN -Autorin Astrid Därr wissenschaftliche Daten über Delfine und Wale. Mit Biosphere Expeditions kann jeder meeresbiologisch interessierte Laie einen Beitrag zum Walschutz leisten und viel über die Meeressäuger lernen.


Artikelbild für den Artikel "BIOLOGIE: WALE VOR DEN AZOREN: DEN WALEN AUF DER SPUR" aus der Ausgabe 110/2018 von TAUCHEN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Alle Wal- und Delfinsichtungen werden nach einem festen Schema auf einem Formular erfasst


Vor dem ersten Einsatz auf dem Meer findet ein ausführliches Briefing statt


Die Ausfahrten von Faial aus sind auch ohne Walsichtungen ein eindrucksvolles Erlebnis


FOTOS: A. DÄRR

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Glückliche Gesichter: Als Laie bei wissenschaftlichen Untersuchungen zu helfen, macht sichtlich Spaß!


Blow!“, ruft Lisa an der vorderen Reling des Motorboots. Aufgeregt zeigt sie in eine Richtung während die anderen Teammitglieder noch suchend aufs Wasser starren. Lisa Steiner entdeckt sie (fast) immer zuerst: ob Pott- oder Finnwal, ob vor oder ganz weit hinter dem Katamaran. „Eyes everywhere!“ lautet das Kommando der resoluten US-amerikanischen Meeresbiologin, wenn wir darauf warten, dass ein Wal mit einem kräftigen Blas wieder auftaucht. Und Lisa scheint tatsächlich ihre Augen überall zu haben. So bemerkt sie auch sofort, wenn einer der freiwilligen Helfer etwas Müdigkeit zeigt. Mit einer großen Portion Humor leitet sie das internationale Team, das in zehn Tagen auf den Azoren nicht nur jede Menge Fakten über die Biologie von Walen, Delfinen und Schildkröten lernt, sondern auch aktiv Feldforschung auf dem Meer betreibt. An der Reise von Biosphere Expeditions kann jeder meeresbiologisch interessierte Laie teilnehmen – unter der Anleitung von Lisa Steiner und eines englischsprachigen Expeditionsleiters sammeln die „Bürgerwissenschaftler“ in den Gewässern um die Inseln Faial, Pico und San Miguel eine Vielzahl an Daten über die großen Meeressäuger der Azoren. Im Fokus der wissenschaftlichen Arbeit steht die Foto-Identifizierung von Pott-, Blau- und Finnwalen sowie von Tümmlern, Rundkopfund Streifendelfinen, um ihre Migrationsbewegungen im Atlantik nachzuvollziehen. „Wenn wir herausfinden, wo sie hinwandern, dann können wir einen Plan entwickeln, sie zu schützen“, sagt Lisa, die seit 1988 auf den Azoren forscht. Sie kam gleich nach ihrem Studienabschluss auf die Inseln und ihre Begeisterung für die Wale ist ungebrochen. „Ich hatte Glück, sofort meinen Traumjob zu bekommen“, erzählt sie fröhlich. „Ich bin die Pottwal-Königin! Ich habe die größte Datenbank an ID-Fotos, weil ich zwischen April und Oktober fast jeden Tag auf dem Meer bin.“

Meeresbiologen rund um den Nordatlantik schicken Lisa ihre Bilder, um sie mit ihrer Datenbank abzugleichen und Pottwale zu identifizieren. Seit 2004 unterstützt sie Biosphere Expeditions bei ihrer Arbeit. Die Freiwilligen erwartet während ihrer Zeit auf den Azoren ein Abenteuer mit vielen Ungewissheiten bezüglich Wind, Wetter und Tierbeobachtungen. Manche Gruppen bekommen tagelang nichts als grauen Nebel und raue See zu sehen. Andere Gruppen – wie unsere – beobachten täglich neue Tierarten und Verhaltensweisen.

AUFGABENTEILUNG

Der Tag beginnt um 8 Uhr mit dem gemeinsamen Frühstück im Banana Manor, unserem gemütlichen Gästehaus auf der Insel Faial. Im Seminarraum sammeln wir die Ausrüstung wie Kamera, Fernglas, Notizblöcke und GPS ein, bevor wir uns auf den Weg Richtung Hafen machen. Während der 15 Minuten Fußmarsch entlang der Promenade steigt uns der salzige Duft des Meeres in die Nase und wir stimmen uns mental auf den Tag ein. Lisa wartet schon an Deck des Katamarans „Physeter“ und versichert sich, dass jeder seine täglich wechselnde Aufgabe kennt: Eine Person schießt ID-Fotos der Tiere, eine Person notiert alle Sichtungen, zwei Freiwillige kümmern sich um die (wenig beliebten) „POPA“-Formulare der Universität der Azoren mit Daten über den Kurs, Vögel, Schildkröten, Müll et cetera, eine Person misst regelmäßig die Wassertemperatur, eine weitere nimmt mit der Stoppuhr die Blas-Intervalle der Wale auf und setzt das Hydrophon ein, mit dem Pottwale anhand ihrer Klicklaute lokalisiert werden können. Den wichtigsten Job übernehmen wohl die „Späher“, die sich in allen Richtungen positionieren, um nach den Walen und Delfinen Ausschau zu halten.

Eine Gruppe Gemeiner Delfine schwimmt am Katamaran vorbei.


CHARAKTERISTIKA ERKENNEN

Wir nehmen Kurs Richtung Süden. Schwarze Basaltfelsen vor der Kulisse saftiger Kuhweiden auf den Inseln Faial und Pico ziehen vorbei. Schon nach kurzer Zeit reiten mehrere Dutzend Tümmler vor dem Bug. Das Deck schwankt unter den Füßen, das Teleobjektiv zittert in der Hand und die Rückenflossen tauchen nur sekundenlang aus dem Wasser auf – kein leichter Job für den Fotografen. Manchmal tut sich stundenlang fast nichts, dann zeigen sich wieder viele Tiere gleichzeitig. Nachmittags beobachten wir Buckelwale vor der beeindruckenden Kulisse des Vulkans Ponta do Pico. Ein Wal überrascht uns, als er nach längerer Tauchzeit laut schnaubend unmittelbar neben dem Boot wieder an die Wasseroberfläche bricht. Für wenige Augenblicke schauen wir direkt auf sein Blasloch, dann verschwindet er in die Tiefe. Zwischen vier und fünf Uhr nachmittags sind wir zurück im Hafen und es bleibt Zeit zum Duschen und Relaxen. Abends steht noch etwas Theorie auf dem Programm, dann fallen wir mit Bildern von blasenden Pottwalen und springenden Delfinen im Kopf selig ins Bett.

Auch die nächsten Tage verbringen wir – unterbrochen von je einem freien und einem Tag zur Dateneingabe/-verarbeitung – auf dem Meer und sammeln möglichst viele ID-Fotos von Delfinen und Walen. Lisa erkennt viele Individuen sofort anhand der Form ihrer Flossen, während für uns fast alle Tiere gleich aussehen. Bei den Tümmlern ist die Rückenflosse charakteristisch, bei den Pottwalen die Fluke. „Die Schwanzflosse der Pottwale ist vergleichbar mit dem Gesicht eines Menschen. Es verändert sich im Laufe der Zeit, aber du kannst es nach 20 Jahren immer noch erkennen“, erklärt Lisa. Bei uns kommen Falten hinzu, bei den Walen sind es Narben und Kerben. „Manche Pottwale verschwinden jahrelang und dann sichten wir sie wieder mit Bissnarben von Orcas in der Fluke“, sagt Lisa. Anhand der ID-Fotos konnten Migrationsbewegungen einzelner Individuen nach Nordnorwegen, zu den Kanaren und sogar bis in den Golf von Mexiko verfolgt werden. Auch bei den Buckelwalen versuchen wir, die Fluke zu fotografieren. Bei Blauwalen ist das Fleckenmuster um die winzige Rückenflosse und das Blasloch charakteristisch. Auch bei den Finnwalen nehmen wir ID-Fotos der Rückenflosse von beiden Seiten auf.

Nach wenigen Tagen erledigen wir unsere Aufgaben routiniert und ruhig. Inzwischen können wir die Walarten ganz gut unterscheiden. Bei Finnwalen erkennen wir zum Beispiel den weißen rechten Unterkiefer unter Wasser. Beim Abtauchen hinterlässt er wie ein Dinosaurier riesige „Fußabdrücke“ – glatte, aneinandergereihte Wasserflecken – an der Oberfläche. Die Tage auf See gleichen einem Wunschkonzert. Veronika wünscht sich einen Blauwal – „Baléo Azul!“ tönt es aus dem Funkgerät von Skipper Jairo und wir steuern auf die Südküste von Pico zu, wo uns ein rund 20 Meter langer Blauwal mit einer gewaltigen Fontäne empfängt. Corinna wünscht sich Rundkopfdelfine – schon schwimmt eine Gruppe der am ganzen Körper von Kratzern übersäten Tiere neben dem Katamaran. Meistens haben wir die Wale für uns alleine, nur selten gesellt sich ein weiteres Boot dazu. Im März und April ist es nicht nur auf dem Wasser ruhig, sondern auch in den Gassen des hübschen Städtchens Horta, bevor im Sommer ständig Kreuzfahrtschiffe in Faial anlegen.

WALE VOR DEN AZOREN

POTTWALE gehören zu den Zahnwalen und sind in allen Weltmeeren heimisch. Männliche Tiere wiegen bis zu 44 Tonnen und werden bis zu 18 Meter lang. Sie tauchen bis zu 2000 Meter tief.

BUCKELWALE gehören zu den Furchenwalen und leben in allen Ozeanen. Sie werden bis zu 15 Meter lang und bis zu 30 Tonnen schwer. Charakteristisch sind ihre außergewöhnlich langen, weißen Brustflossen.

BLAUWALE sind mit einer Länge von bis zu 35 Metern und einem Gewicht von bis zu 120 Tonnen die größten Lebewesen unseres Planeten. Sie haben einen sehr kraftvollen Blas (bis zu neun Meter hoch).

FINNWALE sind mit einer Länge von 24 Metern (auf der Nordhalbkugel) die zweitgrößte Walart. Ihr bis zu 80 Tonnen schwerer Körper ist dunkelgrau bis braun. Die Tiere tauchen meistens nur bis zu zehn Minuten ab.

Wer meeresbiologisch interessiert ist, wird auf der Expedition nicht enttäuscht: Es wird viel Fachwissen vermittelt


Blick in die Datenbank: Pottwale lassen sich anhand der Fluke identifizieren


Es ist immer wieder eindrucksvoll, Wale beim Abtauchen zu beobachten.


Bei einem Gin Tonic im legendären Peter’s Sports Café ziehen wir am letzten Tag eine beachtliche Bilanz: 277 Gemeine Delfine, 180 Tümmler, 47 Rundkopfdelfine, fünf Streifendelfine, drei Buckelwale, acht Pottwale, zehn Finnwale, vier Blauwale und 36 Karettschildkröten. Dazu haben unsere ID-Fotos schon Übereinstimmungen mit früheren Sichtungen gebracht. Walforscher auf Zeit – so ist Whale Watching ein spannendes Abenteuer!

REISE-TIPP

Biosphere Expeditions (www.biosphereexpeditions. org) bietet im nächsten Jahr zwei Termine für bis zu zwölf Teilnehmer an: vom 29. März bis zum 7. April und vom 9. bis zum 18. April 2019. Im Preis von 1790 Euro/Person sind Vollverpflegung und alle Bootsfahrten zur Wal-/Delfinbeobachtung enthalten.WEITERE INFOS: Whale Watching Touren mit Biologin Lisa Steiner, www. whalewatchazores.com; Tourismusverband der Azoren, www.visitazores.com

WALE VOR DEN AZOREN

GROSSE TÜMMLER erreichen eine Körperlänge von bis zu vier Metern und zählen damit zu den größeren auf den Azoren heimischen Delfinarten. Sie haben eine gleichmäßig graue Färbung mit einem etwas helleren Bauch und einen klaren Absatz zwischen der kurzen Schnauze und der Stirn. Tümmler wiegen bis zu 650 Kilogramm und werden 24 bis 40 Jahre alt.

STREIFENDELFINE sind für ihre akrobatischen Sprünge bekannt und etwas scheuer als andere Delfinarten auf den Azoren. Sie werden durchschnittlich 2,2 Meter lang und bis zu 140 Kilogramm schwer. Charakteristisches Kennzeichen sind die schwarzen Linien, die vom Auge entlang der Flanken zum Schwanzansatz unter dem weißen Bauch verlaufen.

RUNDKOPFDELFINE sind wegen ihres Narbenmusters, das kreuz und quer den Körper bedeckt, unverwechselbar. Die Herkunft der Narben ist nicht geklärt, wahrscheinlich stammen sie von Begegnungen mit anderen Artgenossen. Einzelne Individuen können anhand ihres Musters identifiziert werden. Rundkopfdelfine werden bis zu vier Meter lang und 30 Jahre alt.


FOTOS: A. DÄRR (3), BIOSPHERE EXPEDITIONS (1), GHOST IN THE SHELL/WIKIPEDIA, H. KRIMMER, MICKMORTON/WIKIPEDIA