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BIOLOGIE: WANN IST EIN BESTAND ÜBERFISCHT?


Blinker - epaper ⋅ Ausgabe 100/2019 vom 06.09.2019

„Überfischung“ – dieses bedrohliche Wort ist nicht nur unter Anglern, sondern auch in den Medien allgegenwärtig. Doch wann gilt ein Bestand als überfischt? Was ist Überfischung aus wissenschaftlicher Sicht überhaupt? Das erklärt Ihnen unser WissenschaftsautorProf. Dr. Robert Arlinghaus .


Artikelbild für den Artikel "BIOLOGIE: WANN IST EIN BESTAND ÜBERFISCHT?" aus der Ausgabe 100/2019 von Blinker. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Nur Berufsfischer für überfischte Bestände verantwortlich zu machen, entspricht nicht immer der ganzen Wahrheit…


FOTO: S. LÜNENSTRASS, N. FELLECHNER

… denn je nach den Voraussetzungen, die das Gewässer mit sich bringt, können auch Angler Einfluss auf die Bestände nehmen.


Angler machen gerne den Berufsfischer für ...

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... Überfischung (oder den Kormoran für übermäßigen Fraßdruck) und damit verbunden Fischrückgänge verantwortlich. So einfach ist es leider nicht: Je nachdem, wie groß und produktiv ein Gewässer ist und wie intensiv es beangelt wird, können auch die Angler merklich auf die Bestände einwirken. Um überhaupt zu verstehen, wann ein Gewässer überfischt ist, müssen wir uns mit den Grundlagen der Fischereibiologie beschäftigen. Wie reagieren Fischbestände auf eine Bestandsausdünnung durch Fischer und Angler?

FISCHPOPULATIONEN UND FISCHEREI

Die Entwicklung eines Fischbestandes hängt von mehreren Faktoren ab: Individuelles Wachstum, Anzahl der Laichfische und ihre Fruchtbarkeit und natürliche und fischereiliche Sterblichkeit. Der Grad des Wachstums, der Reproduktion und der Sterblichkeit hängen wiederum von gewässerökologischen Faktoren ab, darunter Nährstoffgehalt, Gewässergröße und -tiefe sowie Wassertemperatur. Reproduktion, Wachstum und Sterblichkeit werden außerdem ganz zentral von der Fischmenge im Gewässer gesteuert: Ist die Fischmenge pro Hektar im Verhältnis zur verfügbaren Nahrung groß (hohe Dichte), ist das individuelle Wachstum gering und die natürliche Sterblichkeit hoch. Bei wenigen Fischen (geringe Dichte) ist es umgekehrt: Die Fische haben viel Nahrung und Platz, um zu wachsen und alt zu werden.

Jetzt kommen Fischer und Angler ins Spiel. Durch die entnommenen Fische sinkt zunächst die verfügbare Biomasse, also das Gewicht aller Individuen einer Art – die Dichte nimmt ab. Dadurch wird das Wachstum der verbleibenden Fische dieser Art gesteigert und die natürliche Sterblichkeit (vor allem der Jungfische) reduziert, ohne dass die Reproduktionsrate zwangsläufig zurückgeht. Eine Voraussetzung dafür ist, dass es dauerhaft genügend Laichfische im Bestand gibt. Das wiederum kann man durch angemessene Mindestmaße oder Entnahmefenster garantieren. Die Fischbestände gleichen die Biomasse, die Angler und Fischer entnehmen, also in gewissen Grenzen aus und bilden sie neu. In der Fachsprache nennt man diese Zusammenhänge Dichteabhängigkeit der Fischproduktion, wobei unter Produktion die Fischbiomasseneubildung des Bestands als Ganzes von einem Jahr auf das nächste verstanden wird. Oder anders ausgedrückt: Fischbestände, die ausgedünnt sind, produzieren einen „Überschuss“ an Biomasse, der ohne weitere Befischung die Biomasse im nächsten Jahr wieder auffüllen würde. Alternativ kann dieser „Überschuss“ auch über die Fischerei abgeschöpft werden, ohne dass die Fischbestände zusammenbrechen.

Abbildung 1: Entwicklung des Fischbestands in einem nährstoffarmen, tiefen Gewässer (orange) und einem produktiven Flachwassersee (blau). Durch die Ressourcen wächst der Bestand zunächst schnell, bis er sie ausreizt und ein dynamisches Gleichgewicht erreicht.


Abbildung 2: Typische Ernährungspyramide eines Gewässers. Die verfügbare Energie wird von einer zur nächsten Nährstufe nur mit einer Effizienz von rund zehn Prozent übertragen.


DIE NATUR REGULIERT SICH SELBST

Ein Bestand ist also bestrebt, in jedem Jahr die verfügbare Nahrung im Gewässer optimal zu nutzen. Die dann heranwachsende Biomasse von einem Jahr zum anderen kann abgefischt werden, ohne dass sich die Bestandsgröße gegenüber der Situation am Anfang des Jahres vor dem Beginn der Befischung ändert – man spricht vom Ertragspotenzial eines Fischbestands. Dieses Potenzial ist aufgrund der bereits angesprochenen, dichteabängigen Populationsregulation abhängig von der aktuellen Biomasse und den vorherrschenden Umweltbedingungen. Die aktuelle Biomasse wiederum ist abhängig vom vergangenen Fischereidruck und der damit verbundenen Entnahme.

Schauen wir uns die Entwicklung eines Fischbestands in einem Beispiel an, um die Zusammenhänge noch besser zu verstehen. Nehmen wir einen neu geschaffenen Baggersee, der zunächst fischfrei ist und in den eine für Angler interessante Fischart ausgesetzt wird, die dort auch gut leben und wachsen kann.

Diese Fische haben keine Nahrungskonkurrenten, daher können sie schnell heranwachsen, sich vermehren und einen Bestand entwickeln. Zunächst wächst die neue Population exponentiell rasch (Abb. 1). Das Wachstum der Population als Ganzes nimmt aber bald ab, sobald sich im See ein Gesamtfischbestand (über mehrere Arten) ausgebildet hat, der den natürlichen Gegebenheiten entspricht: Nahrung und Unterstände werden rar, der Raubdruck steigt. Und irgendwann „ist das Fass voll“ – im Gewässer sind so viele Fische, wie es ernähren kann.

Zu diesem Zeitpunkt wächst die Population nicht mehr weiter, sondern gleicht die Verluste von einem Jahr zum nächsten nur noch aus – die Produktion beziehungsweise der „Überschuss“ stagniert. Dieser Punkt wird gewässerspezifische Tragekapazität in einem (dynamischen) Gleichgewicht genannt. Dynamisch deswegen, weil es ein absolutes Gleichgewicht nicht gibt. Temperaturschwankungen und Wettereinflüsse führen immer zu Schwankungen im Bestand. Die ökologische Tragekapazität für die Fischbiomasse einer Art in einem Gewässer kann man dauerhaft nicht überschreiten: Fördert man eine Art über das natürliche Maß hinaus, zum Beispiel durch Besatz, reguliert sich der Fischbestand sehr schnell selbst – die hungrigen Fische sterben oder werden leicht gefangen. Als Bewirtschafter wird man niemals die Natur austricksen können. Das Gewässer gibt vor, wie viele Fried- und Raubfische es hervorbringen kann. Verändern lässt sich das nur, indem man neue Energie hinzufügt, zum Beispiel durch Anfüttern. Die Energieverluste sind dabei von einer Stufe der Nahrungskette zur anderen sehr hoch (90 Prozent), daher ist es normal, dass in einem Gewässer stets weniger Raubfische als Friedfische vorkommen (Abb. 2). Genauso ist es zu erwarten, dass kleinere Fische häufiger vorkommen als die größeren.

MAXIMALE ERTRÄGE

Klar, einige Angler – gerade die spezialisierteren – nehmen nur einen Teil ihrer Fische mit nach Hause und setzen vor allem große Tiere, wo erlaubt, zurück. Die meisten Angler jedoch haben große Freude daran, den gefangenen Fisch auch mitzunehmen – sie dünnen den Bestand also aus. Wie reagiert der Gesamtbestand einer Art darauf? Oder, anders gefragt: Wie funktioniert die fischereiliche Ertragsbildung angesichts der Fähigkeit von Fischen, diese Ausdünnung in den folgenden Jahren über Biomasseneubildung auszugleichen?

In der Regel wird der Bestand auf Befischung mit diesen Anpassungen reagieren:

• Die Fische wachsen schneller und werden früher geschlechtsreif, da sie eine bessere Nahrungsgrundlage vorfinden.

• Durch das bessere Wachstum und die fehlende Konkurrenz steigt die natürliche Überlebensrate der Fische (vor allem der Jungfische).

• Die Rekrutierung (Anzahl an Jungfischen, die im Fang auftauchen) bleibt gleich oder nimmt bei kannibalistischen Arten sogar zu. Als „Rekruten“ bezeichnet man einen Fisch, der seine Fanggröße erreicht – bei Hechten sind das zum Beispiel 45 oder 50 Zentimeter lange Fische.

Die genannten Veränderungen von Wachstum, Reproduktion und natürlicher Sterblichkeit erlauben, dass nach der Entnahme neue Biomasse gebildet wird, das Gewässer produziert also neue Fische, als Ersatz für die entnommenen. Und dann kommt der Angler im nächsten Jahr und fängt die neugebildete Biomasse wieder heraus. Wird dieser sogenannte Fischereidruck aufrechterhalten, entsteht ein neues Biomassegleichgewicht bei einer Biomasse aller Individuen einer Art, die geringer ist als die Biomasse an der Tragekapazität. Schauen wir uns noch einmal Abbildung 1 an: Wenn Fische entnommen werden, gehen wir auf der blauen Kurve quasi „in der Zeit“ zurück, wo es im Gewässer noch weniger Fische gab. Würde man das Angeln jetzt einstellen, würde die Menge der Fische entlang der blauen Kurve wieder „mit der Zeit“ zunehmen, bis die maximale Tragekapazität wieder erreicht ist. Stellt man das Angeln aber nicht ein und entnimmt weiter mit der gleichen Intensität (der fischereilichen Sterblichkeit) Fische, wird die neu gewonnene Biomasse im nächsten Jahr über den Fang wieder entnommen, und die neue Gleichgewichtspopulationsgröße pendelt sich unterhalb der Tragekapzität ein. Am produktivsten ist der Bestand etwa auf der Hälfte der unbefischten Bestandsgröße an der Tragekapazität: Es sind genügend Fische da, um zu wachsen und sich fortzupflanzen, aber es gibt noch genug Platz und Nahrung für weitere Fische, die über die Fischerei Jahr für Jahr entnommen werden. An diesem Wendepunkt (dort ist die Steigung der Kurve maximal, für die Mathematiker unter uns) ist das Populationswachstum am größten, das heißt, das Fischertragspotenzial ist maximal groß.

Abbildung 3: Schematische Darstellung der Reaktion von natürlich reproduzierenden Fischbeständen auf zunehmende Befischung. Der maximale Dauerertrag („Maximum Sustainable Yield“, MSY) wird meist bei mittlerer Befischung und Bestandsbiomasse erreicht, also am höchsten Punkt der Kurve. Direkt rechts davon setzt die Wachstumsüberfischung ein – hier sind die Fische im Schnitt weniger häufig, kleiner und jünger als im unbefischten Zustand. Die Fangrate ist direkt proportional zur Bestandsgröße, daher sind Einheitsfänge (Fänge pro Zeit) im unbefischten Zustand maximal. Links vom Maximalertrag spricht man von Qualitätsüberfischung: An diesem Punkt werden die großen Fische selten im Fang. Sobald Laichfische fehlen und Fische extrem verjüngt und klein sind, kommt es zur Rekrutierungsüberfischung, der für den Bestand schlimmsten Form der Überfischung.


ÜBERFISCHUNG IN DER FISCHEREI

Der Punkt, an dem die Produktion und damit die Ertragsfähigkeit maximal groß sind, ist in der Fischerei als „Maximum Sustainable Yield“ (MSY), also maximaler Dauerertrag, bekannt. An diesem Punkt sind die Fischbestandsbiomassen im Gewässer im Schnitt über das Jahr nur halb so groß wie im unbefischten Zustand. Würde man die Fischereisterblichkeit genauso in der Zukunft aufrechterhalten, wäre der Ertrag dauerhaft maximal, aber die Bestandsgröße weiter im Schnitt nur halb so groß wie im unbefischten Gleichgewicht. Fischt man über diesen Punkt der maximalen Ertragsfähigkeit hinaus weiter, kommt es zunächst zur Wachstumsüberfischung (Abb. 3) – die Fische werden zu jung befischt und erreichen ihre maximale Wachstumsrate nicht. Danach setzt die Rekrutierungsüberfischung ein, der Bestand geht zurück, weil es nicht mehr genug Laichfische gibt. Der Ertrag verringert sich, die Bestandsgröße sinkt weiter und bricht am Ende völlig zusammen.

Die Überfischung ist aus wissenschaftlicher Sicht also an dem Punkt erreicht, an dem ein Gewässer von Jahr zu Jahr nicht ausreichend Biomasse bilden kann, um den maximal möglichen Ertrag zu garantieren (rechts vom Maximum in Abbildung 3). Überfischung bedeutet aber nicht, dass der Bestand kollabiert! Ein Bestand hingegen, der weniger Ertrag hervorbringt als möglich, weil er zu wenig befischt wird (links vom Maximum), wird als „unterfischt“ bezeichnet.

ÜBERFISCHUNG BEIM ANGELN

Nun sind Angler jedoch keine Berufsfischer, ihnen geht es beim Angeln nicht allein um den maximalen Ertrag an „Fischfilet“ je Hektar. Zwar essen die meisten Angler gerne selbstgefangenen Fisch, aber vielen sind auch schlicht die Fangaussicht und das Fangen großer Fische wichtig.

Mit steigender Befischungsrate sinkt mit dem Bestandsrückgang logischerweise die Häufigkeit der Fische. Je mehr geangelt wird und je stärker ein Bestand ausgedünnt ist, desto schwieriger ist es also, an einem Angeltag überhaupt einen Fisch zu fangen. Außerdem nimmt die durchschnittliche Größe der Fische ab, je größer der fischereiliche Druck auf den Bestand ist. Die Tiere werden nicht mehr alt und groß, sondern bleiben im Schnitt kleiner und jünger. Das ist zunächst aus Ertragsmaximierungssicht gut, denn junge Fische wachsen pro Jahr schneller als alte. Nur leider werden dann auch die großen, alten Fische rar, und genau die führen zu zufriedenen Anglern. Bei besonders scharfer Befischung werden die Fische nur noch knapp das Mindestmaß erreichen. Für einen Angler ist aber die Fangaussicht an sich (die bei einem unbefischten Bestandszustand mit maximal möglicher Biomasse im Gewässer maximal wird) sowie der Fang möglichst großß er Fische (was ebenfalls bei sehr geringen Fischereisterblichkeiten maximal wird) wichtiger als einem Berufsfischer, der insgesamt möglichst viel Fischmasse fangen will. Daher sprechen Angler schon bei geringeren fischereilichen Intensitäten von Überfischung als derjenigen, bei der ein Bestand seinen maximaler Dauerertrag im Sinne der Biomasse hervorbringt. Diesen Punkt nennt man Qualitäts- oder Zufriedenheitsüberfischung, die schon links vom Maximum der Ertragskurve in Abbildung 3 eintritt und inbesondere für Angler gilt.


„ÜBER- ABER AUCHUNTERFISCHT IST EIN BESTAND, DER WENIGER ERTRAG ALS MÖGLICH HERVORBRINGT.“


EINE FRAGE DES BLICKWINKELS

Je nach Perspektive gibt es also unterschiedliche Einschätzungen darüber, ab wann ein Bestand als überfischt gilt:

Viele Angler wollen maximale Fangraten– also viele und möglichst große Fische sowie ab und zu einen selbstgefangenen Fisch in der Pfanne. Um das langfristig zu garantieren, dürfen sie den Beständen nur relativ geringe Fischmengen entnehmen.

Berufsfischer hingegen legen Wert auf maximale, dauerhafte Erträge im Sinne der Biomasse; die Fanggröße beziehungsweise die Länge der Fische ist den meisten weniger wichtig. Um einen maximalen Biomasseertrag zu haben, müssen Berufsfischer und Bewirtschafter aber stark verjüngte Fischbestände und um die Hälfte reduzierte Fangraten im Vergleich zum unbefischten Zustand in Kauf nehmen. Das dürfte zur Zufriedenheitsüberfischung bei vielen Angler beitragen, die wiederrum Fischern (oder dem Kormoran) die Schuld an den reduzierten Fängen oder Fanggrößen in die Schuhe schieben.

Die meisten Angelvereine werden folglich einen Kompromiss anstreben wollen: moderate Entnahme und gute Angelqualität mit angemessen hohen Fischkontakten für jedes Vereinsmitglied. In der Angelei ist die ideale Fischsterblichkeit daher meist geringer als diejenige, die zum maximalen Ertrag MSY beiträgt.

Angler und Berufsfischer gleichzeitig zufriedenstellen? Das ist ein schwieriges Unterfangen, zugegeben, aber nicht ganz unmöglich, zum Beispiel über Entnahmefenster. Warum das so ist, werde ich in einem zukünftigen Artikel im Detail erläutern.

KURZ UND BÜNDIG

Prof. Dr. Robert Arlinghaus forscht am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei und an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er beschäftigt sich nicht nur mit den Auswirkungen des Angelns auf Fische, Fischbestände und Gewässer, sondern auch mit gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Fragestellungen.

Zum Nachlesen:

Arlinghaus, R., Müller, R., Raap, T., Wolter, C. (2017). Nachhaltiges Management von Angelgewässern: Ein Praxisleitfaden. Berichte des IGB, Heft 30/2017

Mehr Infos:

Internet:www.ifishman.de
Facebook:ifishman.science
Twitter:RArlinghausFish


ABBILDUNG: N. ZADER

FOTO: R. ARLINGHAUS