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Bis ans Ende der Welt


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 3/2018 vom 28.05.2018

Nie zuvor hatte ein europäischer Feldherr eine größere militärische Operation gewagt. Alexanders Feldzug nach Asien führte ihn tief in die Dschungel Indiens.


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Bildquelle: Spiegel Geschichte, Ausgabe 3/2018

Gletscher, Gipfel bis fast 8000 Meter Höhe und geröllbedeckte Hänge – wer von Norden aus auf den indischen Subkontinent will, muss zuerst den Hindukusch überwinden.


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Beherrscher der Welt zu sein, das bedeutete, auch Indien zu unterwerfen, bis an die Grenze der bewohnten Welt vorzudringen.


Rußgeschwärzt ragten die Ruinen der eingeäscherten Palaststadt Persepolis in den Himmel. Auf Befehl Alexanders des Großen hatten seine Soldaten die Stadt im Süden Persiens zerstört. Auf der Burg, etwas erhöht, hielt ein makedonisches Kommando Wache. Seinen Truppen gönnte der König vier Monate Rast. Er selbst jedoch kümmerte sich darum, dass die Expansion seines Reichs weiterging.

Alexander wollte den persischen Herrscher Dareios III. endgültig schlagen und ganz Persien unter seine Kontrolle bringen. Im Mai 330 v. Chr. zog der Feldherr mit seinen Leuten von Persepolis 700 Kilometer nach Norden in die nächste der insgesamt vier Residenzstädte des persischen Reichs, nach Ekba tana.

Alexanders Truppe war die modernste und am besten organisierte Armee der damaligen Welt. Sein Heer hatte zu Beginn des Persienfeldzugs aus etwa 30000 bis 40000 Kriegern bestanden, gegliedert in drei Truppenteile: die einfache Infanterie, die Elite - truppen der Hypaspisten und die Kavallerie.

Sie alle waren schwer bewaffnet: Die Infanteristen führten Sarissen mit sich, Lanzen mit hölzernem Schaft. Die fünf bis sechs Meter lange Waffe hatte eine 30 Zentimeter lange Klinge und wog bis zu acht Kilogramm. Die Soldaten trugen diese Lanzen wohl nicht beim Marsch, sondern führten sie im Gepäcktross mit. Zum Schutz trugen die Infanteristen kleine, über die Schultern gehängte Holzschilde.

Noch besser ausgerüstet waren die Hyp aspi sten, die »Schildträger«, zu deren Aufgabe auch der Schutz des Königs gehörte. Rekrutiert aus der make - donischen Landbevölkerung wie die anderen Soldaten auch, waren sie größer und kräftiger als die Masse der Kämpfer. Auch ihre Schilde waren größer. Bewaffnet waren sie mit einer zwei Meter langen Lanze und einem Schwert. In Ekba ta na, Susa und Babylon dienten Schildträger auch als Palastgarde.

Das Kernstück der Armee bildete die schwere Kavallerie, zu Beginn des Feldzugs etwa 5000 Mann. Sie stammten aus dem makedonischen Adel, in den beiden Schlachten gegen den Perserkönig Dareios brachten sie die Entscheidung (siehe Seite 83).

Dareios zog sich immer weiter zurück. Er hoffte, wenigstens die Stämme im Osten des Reichs zum Widerstand mobilisieren zu können. Eigentlich hatte Alexander geplant, den Perserkönig in Ekbatana – heute nahe der iranischen Großstadt Hamadan – zu einer Entscheidungsschlacht zu stellen. Die Stadt jedoch ergab sich kampflos. Auf ihrem Weg auf Dareios’ Fährte, weiter nach Osten, nahmen Alexanders Truppen auch die alte Residenz des persischen Reichsgründers Kyros des Großen ein, Pasargadae.

Doch nicht Alexanders Soldaten , sondern ein Verräter aus den eigenen Reihen erledigte den persischen Großkönig schließlich: Einer seiner Heerführer, Bessos, ein entfernter Verwandter und ranghoher Satrap in Baktrien, einer Region in Zentralasien, setzte Dareios fest und ließ ihn im Juli 330 ermorden.

Persische Überläufer hatten Alexander über die Festnahme des feindlichen Heerführers informiert. Mit 60 Reitern stürmte Alexander den Persern entgegen. In einer persischen Wagenkolonne 350 Kilometer östlich des jetzigen Teheran fand er den ermordeten Dareios. Er legte seinen Mantel über den Toten und ließ ihn in Persepolis beisetzen.

Das war mehr als nur die noble Geste eines Siegers. Alexander sah sich als Nachfolger der Perser- könige, sein Imperium als Fortsetzung des Reichs der Achämeniden. Er wollte eine »neue Reichselite« schaffen, erklärt der Historiker Hans-Joachim Gehrke. Sie sollte aus der Verschmelzung von Makedonen und Persern entstehen.

Der König gab den Persern den Vorrang vor ande - ren Ethnien in seinem Vielvölkerreich. Auch in den eroberten Gebieten setzte er ausschließlich Makedonen und Perser auf leitenden Positionen ein, und sogar eine persische Leibgarde stellte er auf. Wie sehr er die persische Kultur achtete, zeigte er auch in seinem offiziellen Auftreten: Er trug ein persisches Diadem zu seinem makedonischen Umhang und siegelte seine Erlasse mit dem Ring des Dareios.

Auch nach dem Tod des Großkönigs setzte Alexander seinen Zug fort. Bessos, nun der gegnerische Heerführer, hatte sich nach Baktrien, in die Hauptstadt Baktra – rund 20 Kilometer nordwestlich der heutigen nordafghanischen Stadt Masar-i-Scharif – zurückgezogen.

Um ihn zu schlagen und Zentralasien unter Kontrolle zu bringen, zog Alexander mit seinem Heer von Ekbatana entlang des Südufers des Kaspischen Meers ins heutige Herat im Westen Afghanistans. Dort gründete er ein weiteres Alexandreia, ebenso im heutigen südaf gha nischen Kandahar.

Alexanders Passage durch den HINDUKUSCH – hier das Luftbild eines Tals – dauerte 16 Tage; eine zehrende Strapaze für seine Soldaten.


Im Frühjahr 329 überquerte seine mehr als 30000 Mann starke Armee den Hindukusch. Der Marsch über den 3500 Meter hohen Khawakpass, nördlich der heutigen afghanischen Hauptstadt Kabul, führte zwischen baumlosen, schneebedeckten Bergen hindurch. Über die von Geröllmassen übersäten Hänge fegten eisige Winde. Soldaten erfroren in Zelten oder erblindeten vom gleißenden Licht. Hungrige Kämpfer verzehrten ihre Lasttiere, mussten danach Schilde und Waffen selbst tragen. 16 Tage dauerte die quälende Gebirgspassage.

Die Strapazen ertrugen Alexander und seine Männer, weil sie sich als Welteroberer fühlten. In der geografischen Vorstellung Alexanders war der Hindukusch eine Verlängerung des Taurusgebirges in Kleinasien. Die Makedonen glaubten, sie zögen an den Felsen des Kaukasos vorüber, an die der Sage nach einst Prometheus geschmiedet worden war. In dem Gebiet zwischen Kaspischem Meer und Hindukusch war Alexander nicht nur als Kriegsherr unterwegs, sondern auch als geografischer und ethnografischer Entdecker, denn er hatte keinerlei Karten oder Vorkenntnisse, natürlich auch keinen Kompass (siehe Seite 82).

Hinter der Nordseite des Gebirges führte der Weg durch das heutige Kunduz an den Fluss Amudarja. Er bildet heute mit seinem Quellfluss Pjandsch die Grenze zwischen Afghanistan und Tadschikistan. Alexanders Truppen überquerten den gemächlich fließenden, mehrere Hundert Meter breiten Pjandsch auf mit Spreu gefüllten ledernen Zelthäuten und Flößen.

Aber der Feldherr wollte noch weiter vordringen. Den nordöstlichsten Punkt seines Feldzugs erreichte Alexander im Mai 329 v. Chr. im heutigen Chu - dschand, im nördlichen Tadschikistan. Dort errichtete er eine Art Zwingburg. Offenbar glaubte er, dort das Ende der bewohnten Welt erreicht zu haben, wie es einem Universalherrscher gebührte.

Bessos allerdings war noch nicht geschlagen. Immerhin hatte er das Gebiet bis zum Amudarja bereits geräumt. Nun geriet er unter Druck durch die vor - rückende makedonische Armee. Das schwächte seine Machtbasis; es erging ihm ähnlich wie zuvor Dareios: Einige Fürsten seines Gebiets rebellierten gegen ihn, setzten ihn fest und lieferten den Gefangenen an Alexander aus.

Der agierte in seiner Rolle als Nachfolger des ermordeten Dareios und als dessen Rächer: Er ließ Bessos auspeitschen, foltern und dann brutal exekutieren. Umstritten ist in den Quellen nur, ob Bessos zerstückelt oder gekreuzigt wurde.

Doch auch mit diesem Sieg hatte Alexander das eroberte Zentralasien noch nicht befriedet. Lokale Fürsten versammelten sich 329/328 v. Chr. in Baktra und organisierten den Widerstand. Auch die Bevölkerung von Sogdien, im Kern das Gebiet des heutigen Tadschikistan, erhob sich im Frühherbst 329 zum Aufstand. Die Rebellen bildeten Partisanengruppen. In der zerklüfteten Berggegend setzten berittene Bogenschützen Alexanders Soldaten mitunter übel zu. Doch ohne ein stehendes Heer mit einem festen Kommando waren die Aufständischen der Streitmacht Alexanders nicht gewachsen.

Alexander zerschlug den Widerstand mit aller Härte: Mit fünf Armeekolonnen durchkämmte er Sogdien bis ins heutige Samarkand. Er überzog die Region mit Militärlagern und Kontrollpunkten. In eroberten Orten ließ er die Männer umbringen, Frauen und Kinder versklaven. Als sich die Aufständischen in Felsenburgen zurückzogen, griff Alexander sie auch dort an. Im Jahr 327 eroberte er den als uneinnehmbar geltenden Sogdischen Felsen und später die Felsenburg von Chorienes. Sie lag im heutigen nördlichen Afghanistan, wohl südlich von Faizabad.

Doch die Eroberung des heutigen Afghanistans, Usbekistans und Tadschikistans genügte dem makedonischen Machtpolitiker immer noch nicht. Beherrscher der Welt zu sein, das bedeutete, auch Indien zu unterwerfen – nach damaliger Vorstellung also bis ans Ende der bewohnten Erde vorzudringen.

Indien galt den Griechen und Makedonen als ein fernes Wunderland. Man erzählte sich schon zu Alexanders Zeiten darüber erstaunliche Legenden, die beispielsweise auf Angaben des griechischen Historikers und Reisenden Herodot aus dem Jahrhundert zuvor zurückgingen. Darin war beispielsweise die Rede von Riesenameisen »größer als Füchse«, die goldhaltigen Sand schaufelten.

Von der Größe des indischen Subkontinents hatten die Europäer keine Vorstellung. Was damals Indien genannt wurde, umfasste den Osten Afghanistans, Pakistan und eventuell das heutige Indusbecken, alles Übrige verlor sich im Nebel der Ferne.

Mit 50 000 Mann zog Alexander im Frühsommer 327 v. Chr. von Baktra aus nach Südosten. Er hatte neue Verbände aus Persern sowie Männern aus Baktrien und Sogdien bilden lassen. Die Reiterei bestand aus berittenen persischen Bogenschützen, begleitet wurden die Soldaten wie schon zuvor von Händlern und Huren, Kindern und Ehefrauen der Soldaten.

Der Vormarsch erwies sich als Abenteuer, in jeder Hinsicht. Alexander musste seine geografischen Vorstellungen immer wieder korrigieren. Er dachte zunächst, der Indus sei der Oberlauf des Nil.

Zudem realisierte er, dass sich die Inder nicht wie gehofft ohne Widerstand unterwerfen würden. Zu diesem Irrglauben hatte ihn der indische Fürst Sisikottos verleitet, der sich ihm bereits in Baktrien angeschlossen hatte. Da auch andere Regenten ihm als Tribut 25 Elefanten gesandt hatten, hatte Alexander optimistisch erwartet, die Herrschaft über Indien sei rasch zu erringen.

Nun aber merkte er, dass er anders vorgehen musste. Zu Beginn des Feldzugs teilte Alexander das Heer: Eine Hälfte zog über den Khaiberpass Richtung Indus; der andere Teil, den Alexander selbst führte, marschierte vom Norden Afghanistans ins heutige Pakistan und sicherte die Flanke.


Die Regen - güsse des Monsun setzten den Soldaten zu. Schlangen rafften mit ihrem Biss manch kräf - tigen Krieger dahin.


Im Frühjahr 326 überquerte der Makedone mit seinen Soldaten den Indus. Dahinter erwartete seine Leute eine fremde Welt mit unverständlichen Bräuchen: Sie sahen beispielsweise nackte Asketen, die in der sengenden Mittagssonne oder auch in kühlen Nächten ihre religiösen Riten vollzogen.

Für Alexander waren diese Menschen nicht nur ein ungewohnter Anblick, sie machten den Wissensdurstigen auch neugierig. Die »Gymnosophisten« (Nackt-Weisen), die Übersättigung und Luxus als Quelle gesellschaftlicher Übel ansahen, interessierten ihn ebenso wie andere Brahmanen, die Priester aus der obersten Hindukaste, er sandte seine Wissenschaftler aus, sie näher zu erforschen.

Beim Vorrücken stießen die Soldaten aber auch auf bislang unbekannte Hindernisse: Die Regengüsse des Monsun setzten ihnen zu. Dichte Wälder mit Bäumen und Lianen waren nur mühsam zu durchdringen. Und am Boden lauerten tödliche Gefahren.

Die Kettenviper, die erdfarbene Sandrasselotter und die Brillenschlange rafften mit einem Biss manch kräftigen Krieger dahin. Tückisch war auch die Indische Krait, eine Giftnatter, deren Biss die Soldaten zunächst wie einen Bienenstich verschmerzten. Später jedoch sanken sie geschüttelt von Krämpfen zu Boden und starben an Atemlähmung.

Der verlustreichste Kampf aber stand den Kriegern gegen einen indischen Feldherrn bevor. König Poros beherrschte ein ansehnliches Gebiet im heutigen Norden Pakistans westlich von Lahore.

Am Fluss Hydaspes, heute Jhelum, stellte er die Invasoren um Alexander. Dabei setzte Poros zur Sicherung des Ufers Elefanten ein. Sie schreckten die Pferde ab, sodass die Reitertruppe den 800 Meter breiten Fluss nicht passieren konnte. Doch zur Überraschung des Inders überquerte Alexander den von kaltem Gletscherwasser gespeisten Strom etwa 30 Kilometer weiter flussaufwärts. Makedonische und persische Reiter umzingelten das Heer des Poros und besiegten dessen Soldaten im Nahkampf. Zugleich schossen Alexanders Reiter die Elefantenführer nieder. So wurde die massive Wunderwaffe zu einem Haufen trampeliger Dickhäuter.

Poros wurde schwer verwundet und gab auf. Alexander aber erwies dem Gegner Achtung. Er beließ ihn an der Macht, fügte seinem Reich im Osten sogar weitere Gebiete hinzu und machte ihn so zu einem treuen Verbündeten.

Poros brachte neue Hilfstruppen heran; die Gesamtzahl der Soldaten stieg der Legende nach so auf etwa 120000. Zur Versorgung dieses bis dahin größten Heeres der Menschheitsgeschichte hatte Alexander etwa 230000 Rinder einfangen lassen, von denen er offenbar einen Teil lebend nach Makedonien schicken ließ, um sie für die Landwirtschaft zu nutzen. In jedem Fall war alles gerüstet für den weiteren Zug. Doch dann kippte Alexanders Feldherrnglück.

Bisher hatten feindliche Anführer erfolglos versucht, ihn aufzuhalten. Immer wieder hatte er seine Truppen motiviert, förmlich mitgerissen, überzeugt, ihm durch Gebirge und durch Einöden zu folgen. Nun aber waren es seine eigenen Leute, die den Weiterzug verweigerten. Denn der weitere Vormarsch war weitaus schwieriger als erwartet. Viele ertranken beim Überqueren des Flusses Chenab, als ihre Boote und Flöße kenterten. Die Soldaten waren erschöpft und auch aufgrund des ungewohnten feuchtheißen Klimas am Ende ihrer Kräfte.

Der Chronist Kleitarchos, der wohl mit Zeitzeugen gesprochen hatte, schrieb rückblickend über die Teilnehmer des Indienfeldzugs: »Lumpen barbarischer und indischer Beute, elend aneinander geflickt, umhüllten die narbenbedeckten Leiber der Welteroberer. «

General Kleinos, der Dienstälteste, machte sich im Sommer 326 v. Chr. zum Sprecher der müden Kämpfer und bat Alexander um einen Rückzug. Nach drei Tagen Bedenkzeit, für die er sich in sein Zelt zurückzog, ordnete der Feldherr die Heimkehr an.

Allerdings beschloss er keine Wendung um 180 Grad. Alexander entschied stattdessen, beginnend auf dem Zufluss Hydaspes, den Indus hinunter zum Ozean zu fahren. Dazu bauten die Krieger etwa tausend Schiffe und Boote. Das Kommando über die Flotte gab er seinem Kampfgefährten Nearchos. Im November 326 v. Chr. setzte sich die Flotte mit 8000 Soldaten in Bewegung. Die anderen Kämpfer marschierten am rechten und linken Ufer entlang, bestaunt von singenden und tanzenden Einheimischen.

Nach einer siebenmonatigen Tour erreichten Heer und Flotte im Sommer 325 das Delta des Indus, bei Haidarabad im heutigen Südosten Pakistan. Hier nun schien wirklich der Weltozean erreicht, das Meer, von dem man glaubte, dass es die Erde umfließe.

Doch auch dieses Meer wollte Alexander noch erkunden: Er ließ die Flotte, besetzt mit rund 10000 Mann, parallel zur Küste westwärts fahren – damals in völlig unbekanntes Gebiet; wie man heute weiß: in Richtung des Persischen Golfs.

Alexanders Heer zählte zu diesem Zeitpunkt noch rund 80 000 Soldaten. Etwa die Hälfte machte sich mit ihm auf den Weg von der Indusmündung entlang der Küste, darunter auch berittene Bogenschützen. Weitere 30000 zogen unter Leitung des Heerführers Krateros auf einem Weg weiter nördlich.

Daten für den Herrscher

Nicht allein militärisch, auch wissenschaftlich scheint sich Alexander als Eroberer gefühlt zu haben. Aus Asien ließ er zoologische Berichte an seinen großen naturkundlichen Lehrer Aristoteles schicken; ein Team von Gelehrten, das im Heereszug mitreiste, sollte Bodenschätze, Bergformationen, aber auch Volkscharaktere der unterworfenen Regionen registrieren. Junge Hirsche ließ Alexander beringen, um festzustellen, wie alt diese Tiere würden. Seine Seeleute brachten neue Informationen mit über die Insel Taprobane, das heutige Sri Lanka, über den Persischen Golf und die Küste Arabiens, über Rotes, Schwarzes und Kaspisches Meer. Von Bienensorten bis zur Erdölquelle, von der Verträglichkeit fremder Früchte und Heilkräuter bis hin zum Klima stieß Alexander Erkundungen an: Nichts sollte dem griechisch-makedonischen Wissensdurst verborgen bleiben – zum Nutzen des projektierten Weltreichs unter seiner Herrschaft.

Makedonische Heeresformation: unter Philipp II. und Alexander dem Großen


Der König erkannte die verloren geglaubten Soldaten zunächst nicht wieder. Dann war er tief gerührt.


Alexander wollte in Nähe des Meeres marschieren und Stützpunkte für die nachziehende Flotte anlegen. Doch der Plan scheiterte, weil genaue Kenntnisse über die Region fehlten. Stattdessen musste der Feldherr seine Truppen um das Küstengebirge Taloi herum ins Landesinnere führen. Die acht Wochen des Marsches durch die Gedrosische Wüste vom September bis November 325 wurden »die schwierigsten und verlust reichsten des gesamten Alexanderzugs«, resümiert der Althistoriker Alexander Demandt.

Auf dem Vormarsch durch die Wüste quälten Hitze, Durst und Sandstürme Alexanders Männer. In kalten Nächten hörten sie Schakale jaulen und Wölfe heulen. Hinzu kam bald der Hunger. Die Soldaten schlachteten Pferde, Kamele und Esel und aßen das Fleisch. Kamen die halb Verdursteten an kleine Gewässer, tranken manche so gierig, dass sie daran starben. Ihre Leichen blieben am Wegesrand liegen.

Dennoch legte man täglich etwa 30 Kilometer zurück. Die erschöpften Krieger ernährten sich von Palmkohl und Datteln. Das war die Rettung vor dem Hungertod. Doch viele bekamen Durchfall, weil sie mitgeführte Mangofrüchte verzehrten.

Bei dem rund 60 Tage dauernden Gewaltmarsch durch die Einöde hatte Alexander Tausende seiner Soldaten verloren. Auch Frauen und Kinder im Tross waren elend umgekommen. Dennoch hatte Alexander Glück im Unglück. In Karmanien, im Süden des heutigen Iran, traf er mithilfe eines ört - lichen Küstenbefehlshabers und von Suchtrupps im Dezember 325 v. Chr. Nearchos wieder, der die verloren geglaubte Flotte wohlbehalten ans dortige Ufer gebracht hatte.

Nearchos und mehrere Begleiter wurden zu Alexander geführt. Sie sahen zerlumpt und struppig aus – der König erkannte sie zunächst kaum wieder. Doch dann war er tief gerührt. Er weinte und schwor bei Zeus, dass ihm dieser Tag teurer sei als der Besitz von ganz Asien. Die kaum noch erhoffte Wieder - begegnung mit seinem Flottenkommandeur ließ Alexander feiern, mit Dankopfern, sportlichen Übungen und einem Festumzug.

Hinter der harten Schale des scheinbar kaltblü - tigen Kriegers, das zeigt diese Szene, verbarg sich offenkundig ein empfindsamer junger Mann.

Das Weltreich Alexanders des Großen: bis 323 v. Chr.