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Bis ans Limit


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fotoMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 30/2022 vom 14.02.2022

REPORTAGE

Er ist gerade auf dem Sprung. Von Italien nach Uganda. Aber man kann ihn anrufen. Er nimmt sich Zeit für Themen, die ihm wichtig sind: etwa das Unrecht in der Welt und die Relevanz von Journalismus. Jan Grarup ist schon sein ganzes Leben Fotojournalist, dokumentierte seinen ersten Konflikt mit 17, in Belfast. Der Däne hat 2007 das Fotografenkollektiv Noor mitgegründet, für GEO, Spiegel, Stern und das SZ-Magazin fotografiert, wichtige Preise gewonnen, darunter acht Mal den World Press Photo Award. Sein Leben als Krisenreporter kann man sich seit 2019 auch in dem Dokumentarfilm „Photographer of War“ anschauen.

Jan Grarups Alltag sieht so aus, wie wir uns das klassisch vorstellen: immer unterwegs. Fotos von Orten mitbringen, wo keiner selbst hin will. Und jetzt also Uganda. Was macht er da? Er dokumentiert für Unicef den Rollout des Covid-Impfstoffs in Dritt-Welt-Ländern. Und genau das hat ...

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Die jahrzehntelange Arbeit in Krisenregionen hinterlässt Spuren. Jan Grarup verarbeitet seine Blessuren auch in Form von Selbstporträts.
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... sich für ihn geändert: Statt Redaktionen, wie früher, schicken ihn nun meist NGOs los. Welche, sucht er sich aus: etwa Human Rights Watch, Amnesty International, Ärzte ohne Grenzen und Unicef. „Sie repräsentieren alle etwas, woran ich glaube.“ Gleichzeitig lassen sie ihm freie Hand. Win-win für beide Seiten. Die Situation für Fotojournalisten habe sich dramatisch gewandelt seit er angefangen hat. „Es gibt definitiv weniger Aufträge von Redaktionen, wegen der sinkenden Auflagen.“

»Deutschland war ein wichtiger Anker für Fotojournalismus in Europa. Um ehrlich zu sein, vielleicht der wichtigste.«

Jan Grarup, Fotograf

Es ist zwei Tage vor Heiligabend und Emile Ducke sitzt in einem Café in Moskau und editiert Fotos, die er in der Ukraine gemacht hat. „Nachher ist Abgabe“, meint er, klingt aber entspannt. Er telefoniert über einen Messenger-Dienst. Zumindest das Problem hoher Telefonkosten hat sich für Fotojournalisten erledigt. Hauptsache, das WLAN ist stabil. Seit vier Jahren wohnt er in der russischen Hauptstadt. Für Geschichten aus dem Osten hatte er sich früh interessiert. Und als er während seines Fotojournalismus-Studiums in Hannover ein Auslandssemester im sibirischen Tomsk zubrachte, war sein Plan gefasst, nach dem Abschluss nach Russland zu ziehen. „Die sechs Monate haben mir klar gemacht, dass ich den Alltag vor Ort brauche, um an Geschichten arbeiten zu können. Um die Gesellschaft besser zu verstehen.“ Auch wenn die Entfernungen im Osten Europas groß sind, er von Moskau aus immer noch reisen muss, ist er zumindest gefühlt näher dran an seinen Themen – auch für die Redaktionen. „Eine der wichtigsten Strategien fürs Fotojournalistsein ist, sich eine Art Profil aufzubauen.“ Mit dem Standort Moskau hebt er sich von anderen ab. Eine weitere Hilfe für den 27-Jährigen waren die Preise, die er gewonnen hat, zuletzt den renommierten Oskar Barnack Award von Leica, für seine Serie über das Andenken an den Gulag. Erzählt hat er sie entlang einer Straße, auch Straße der Knochen genannt, die damals von Hunderttausenden Gefangenen entlang des Kolyma-Stroms gebaut wurde: 2000 Kilometer durch die sibirische Kälte.

»Es kann nicht sein, dass Menschen, die die Existenz unserer Demokratie sichern, auf Hartz-IV-Niveau leben.«

Lars Bauernschmitt, Professor Hochschule Hannover

»Man kann nicht erwarten, dass Vielfalt, Engagement und Kreativität Leistungen sind, die nichts kosten dürfen.«

Silke Frigge, Geschäftsführerin der Bildagentur laif

„Schon als ich studierte, hörte ich von älteren Fotografen, dass der Markt aussterbend oder schwierig sei. Aber mir schien, dass es immer noch funktioniert.“ Er steckte viel Zeit in die Suche nach Magazinen, die dem Fotojournalismus noch Platz einräumen und bereit sind, dafür zu zahlen. Dafür schaute er auch ins Ausland, sodass er eine Story mehrfach verwerten konnte, weil sich die Leserschaft nicht überschnitt. Und es funktionierte. Trotzdem merkt er schon jetzt, nach vier Jahren, dass der Platz wieder kleiner wird, dass Honorare schrumpfen und Portfolioseiten in der Pandemie aufgegeben wurden. Deshalb fragt er sich schon, ob das Ganze eine Langzeitperspektive hat. Er lebt als junger Fotograf von Geschichte zu Geschichte und mag dieses Modell. Aber er braucht auch nicht viel, hat in Moskau geringere Lebenshaltungskosten als in München oder Hamburg, teilt sich die Wohnung mit einem Kollegen, hat keine finanziellen Verpflichtungen und braucht keine Planungssicherheit. „Ich habe auch nichts dagegen, so weiterzumachen. Man verschreibt sich dem Leben unterwegs und gibt sich vollkommen dem Rhythmus der Geschichten und Aufträge hin. Aber ich frage mich schon, inwieweit das noch passt, wenn man vielleicht eine Familie hat, in zehn oder zwanzig Jahren.“

MEHR STANDBEINE MACHEN SINN

2017 hat Freelens, der Berufsverband für Fotojournalisten und Fotografen, eine Umfrage durchgeführt, an der sich 500 Mitglieder beteiligten. 29,5 Prozent hatten zwar immerhin einen Jahresgewinn von 25.000 bis 50.000 Euro, aber bei jedem Fünften lag er nur bei 10.000 bis 25.000 Euro und bei jedem vierten bei weniger als 10.000 Euro. Fast die Hälfte der weiblichen Mitglieder erwartet, dass sie einmal eine gesetzliche Rente von nur 250 bis 500 Euro bekommen wird, wobei die Hälfte derer nicht mal auf zusätzliche Quellen aus privater Vorsorge hoffen kann. Trotz der schlechten wirt- schaftlichen Lage glaubte nur jede oder jeder Zehnte, dass er oder sie in fünf Jahren nicht mehr dabei sein werde. Ein echter Traumjob, wenn man ihn trotz finanzieller Widrigkeiten weiter ausübt?

»Ich kann davon ganz gut leben. Aber ich bin auch jung. Ich habe ein kleines altes Auto und ein WG-Zimmer ...«

Ingmar Björn Nolting, Fotograf

Lutz Fischmann, der Freelens-Geschäftsführer, hat schon sein ganzes Leben mit Fotojournalismus zu tun. Anfangs arbeitete er selbst im Beruf, dann für den Verband. Bald geht er in Ruhestand. „Natürlich hat sich die Situation wahnsinnig verändert, das können alle bestätigen.“ Und er zählt auf, was alles nicht passt: Print wird weniger. Online zahlt kaum etwas. Die Honorare sinken. Die Strecken werden kürzer. Es wird mehr zweitvermarktet, also im Verlag weitergereicht. Und man gesteht Fotografen weniger Zeit für ihre Arbeit zu. „Man kann nicht mehr rein vom Journalismus leben“, sagt Fischmann. „Das ist vorbei.“ Aber er sieht auch, dass es Strategien gibt, die helfen. „Die Jungen haben viel mehr Standbeine.“ Er meint damit, dass sie sich um Corporate, Werbung, Ausstellungen und Stipendien ebenso kümmern wie um Editorials. Denn es ist ja nicht so, dass Fotos nicht mehr wichtig wären. Im Gegenteil: „Noch nie wurden so viele Bilder gebraucht wie heute. Und jemand muss sie ja auch machen.“

MITEINANDER IM KOLLEKTIV

Ingmar Björn Nolting studierte in Dortmund Fotografie, lebt in Leipzig und ist an diesem Wochenende vor Weihnachten im Ahrtal. Den ganzen Tag hat er die Folgen des Hochwassers fotografiert. Jetzt am Abend, von einer Airbnb-Wohnung aus, hat er Zeit, über seinen Beruf zu sprechen. Bekannt geworden ist der 26-Jährige besonders mit einer freien Arbeit, die es ins Time Magazine geschafft hat und dann ein ganzes ZEIT Magazin füllte. 25.000 Kilometer fuhr er innerhalb eines Jahres nach dem Start der Pandemie quer durch Deutschland, um zu dokumentieren, was Covid mit der Nation machte. Die Krisenregion war plötzlich nicht mehr nur anderswo, sondern im eigenen Land. Freie Langzeitprojekte sind für Nolting zentral für sein Journalistendasein und können ja während des Prozesses durchaus zu Aufträgen werden. Die Mischkalkulation aus Aufträgen, Stipendien, Ausstellungshonoraren, Preisen und Zweitverwertungen über eine vertretende Agentur geht für ihn auf, zumindest solange auf der anderen Seite nur ein WG-Zimmer und ein kleines, altes Auto stehen. Meist arbeitet er alleine, aber auch gemeinsam mit seinem Fotografen-Kollektiv Docks. Aktuell ist er mit einem Kollegen unterwegs. Schon vor ein paar Wochen dokumentierten Docks-Mitglieder gemeinsam die Flutkatastrophe für amerikanische und deutsche Medien. „Es war ein Vorteil, zu fünft zu sein, weil an so vielen Orten gleichzeitig etwas passiert ist. Einer hätte es nicht in der Breite fotografieren können.“ Ein Team an Fotografen? Das irritiert vor allem, weil wir dieses Bild des Einzelkämpfers im Kopf haben. „Aber warum muss das so sein? Gerade meine Fotografen-Generation ist da wohl anders drauf. Vielleicht will man sich supporten statt auf dem Markt gegeneinander anzukämpfen. Es macht doch mehr Sinn, sich gemeinsam zu präsentieren. Mein Erfolg ist auch der der anderen.“ Dass die individuelle Autorenschaft aufgehoben wird, geht natürlich nur, weil sie Dinge ähnlich sehen und eine verbindende Bildsprache haben. Die früheren Studienkollegen trafen sich schon seit dem zweiten Semester privat, um über Fotografie im Allgemeinen und ihre Projektideen im Besonderen zu sprechen. „Aus der Freundschaft heraus, mit dem Bindeglied dokumentarische Fotografie, haben wir gesagt, es wäre cool, sich gemeinsam aufzustellen und auch zusammen Ausstellungen machen zu können.“ Im Mai 2018, noch vor Abschluss des Studiums, gründeten sie dann Docks. Was es nutzt? „Ich glaube, ich hätte nicht so viel Freude und Motivation, wenn ich das nur für mich machen würde, es nicht teilen könnte.“

»Ich glaube schon, dass es den Journalismus noch weiter geben wird, aber eben ganz, ganz anders.«

Lutz Fischmann, Geschäftsführer des Berufsverbandes Freelens

Lars Bauernschmitt, 58, ist Professor an der Hochschule Hannover und hat täglich mit dem Fotojournalisten-Nachwuchs zu tun. Und weiß, dass sich Dinge ändern. „Der Fotograf, der nur seine Fotos auf den Redaktionstisch legt und weiterzieht, ist eigentlich vom Aussterben bedroht“, sagt er. Dass es weniger Orte für Fotojournalismus gibt, den er lieber Bildjournalismus nennt, glaubt er nicht. Die Publikationen würden aber multimedialer und crossmedialer. Da gehe es um Datenvisualisierung, Interviewführung, O-Töne, Bewegtbild. „Es macht heutzutage keinen Sinn mehr, die Fotografie alleine zu denken. Wer heute journalistisch arbeiten will, muss ein solides Fundament in einem Medium haben, aber auch sehr gute Kenntnisse in anderen Medien mitbringen.“ Gerade das findet er reizvoll, denn man könne Geschichten nun auch nonlinear erzählen. „Ein Printprodukt ist toll, ich kann es anfassen. Aber die Möglichkeiten, Inhalte zu vermitteln, sind durch die digitalen Medien stark gewachsen.“

Dass Fotografieren alleine nicht mehr genügen könnte, sehen nicht alle in der Branche so. Allgemeine Zustimmung bekommt er aber ganz bestimmt für seine Bedenken: „Die wirtschaftliche Situation der im Journalismus Tätigen hat sich teilweise deutlich verschlechtert. Es kann nicht sein, dass Menschen, die die Existenz unserer Demokratie sichern, auf Hartz-IV-Niveau leben und so am Ende das Bestehen unabhängiger Medien in Frage gestellt wird.“

»Mein Hauptinteresse ist es, an Langzeitprojekten zu arbeiten. Und dabei oder danach ein Zuhause für sie zu finden.«

Emile Ducke, Fotograf