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Bis in die Puppen


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tip Berlin - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 24.05.2022

Sex Berlin Storys

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Diese Avatar-Dame vermittelt ein Bild davon, wie die Puppen aussehen könnten, wenn sie selbstständig stehen würden

Paris und ich haben ein Date: Eine Stunde Sex, 90 Euro. Einen Tag vor unserer Verabredung bekomme ich eine Mail von ihr. „Hallo mein Schatz…“, schreibt sie. „Bist du bereit für unser Date? Ich brenne darauf, dass du mich hier besuchst.“ Als ich schließlich bei ihr ankomme, ist die Tür bereits geöffnet.

Auf einem weißen Flachbett sitzt Paris im Negligé, während auf der riesigen Heimkino-Leinwand hinter ihr Quallen umherwabern. Neben dem Bett steht ein Tischchen mit Gleitgel und Papiertüchern, am Fußende ein gynäkologischer Stuhl: als Hilfsmittel für besonders exponierte Sexstellungen. „Willkommen“, höre ich eine samtige Frauenstimme sagen. Paris hat lange blonde Haare und trägt halterlose Strümpfe. Ihre Haut, die eigentlich keine ist, duftet schwach nach Parfüm.

Paris besteht aus TPE, einer Art Gummi, das sich plastisch verformen lässt, einer Silikonmischung und einem Stahlkonstrukt ...

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... im Inneren. Sie wiegt 45 Kilo. Um sie hochzuheben oder zu sich zu ziehen, bräuchte man Kraft – oder in meinem Falle wohl: Überwindung. Schließlich ist es eine Puppe, ein lebloses Ding, das hier mit menschlichem Bewusstsein zu mir spricht. Eine Stimme aus der Zukunft.

Seit es Science-Fiction gibt, sind Menschen fasziniert von der Idee der Roboterliebe. In Zeiten der Vereinzelung boomt die Utopie von der Maschine mit menschlichen Regungen erst recht: In Spike Jonzes US-Drama „Her“ von 2013 verliebt sich ein schüchterner Singlemann in eine künstliche Intelligenz, in Maria Schraders Komödie „Ich bin dein Mensch“ aus dem vergangenen Jahr führt eine Wissenschaftlerin eine Beziehung mit einem humanoiden Roboter. Im Jahr 2020, in der Ära der pandemiebedingten Körper- und Kontaktlosigkeit, hat in Berlin das erste Bordell für Sexpuppen eröffnet. Das Konzept kommt aus Japan, vor sechs Jahren machte in Dortmund das erste Lokal dieser Art in Deutschland auf.

Philipp Fussenegger betritt den Raum, um durch sein Etablissement zu führen. Der Filmemacher aus Österreich ist der Gründer des „Cybrothel“ in Friedrichshain. Mit seinen opulent gestylten Locken und dem Glitzer-Make-Up sieht er aus wie ein Zeremonienmeister vom anderen Stern.

Das Gehirn sitzt im Nebenzimmer

Fussenegger begleitet mich in ein Nebenzimmer, das Gäste regulär nicht zu sehen bekommen. Dort sitzt Adela vor einem Monitor. Sie arbeitet als Domina und ist die „Voice Queen“: der Mensch, der den Puppen via Lautsprecher Leben einflüstert. Paris’ Gehirn. Das Geschehen im Schlafzimmer wird auf einen uralten, klobigen Computerbildschirm, der sicher vor Hacker-Angriffen sein soll, in den Nebenraum zu Adela über- tragen. Jeder Gast kann entscheiden, ob er von der „Voice Queen“ gesehen werden will oder ob sie im Blindflug mit ihm spricht. „Das Ganze ist eine Art immersives Theater”, sagt Philipp Fussenegger. „20 bis 30 Prozent der Gäste wollen die volle Experience mit Stimme.“ Es komme durchaus mal vor, dass die Voice Queens es sich während der Performance selbst machen, sagt Adela.

Fussenegger ist fasziniert von lebensgroßen Puppen und ihrer Wirkung auf Menschen. Schon vor zwölf Jahren drehte er den siebenminütigen Spielfilm „Zu schön, um wahr zu sein“ über einen Mann, der mit Liebespuppen zusammenlebt. Während der Pandemie, die das Dating- und Sexleben vieler Berliner:innen auf Eis legte, wagte er schließlich einen Testlauf: Er vermietete ein Zimmer seiner Wohnung an Menschen, die Sex mit Kokeshi wollten, seiner ersten Puppe. Nach und nach kamen immer mehr Modelle, immer mehr Charaktere hinzu. Je nach Erzählung und Kundenwunsch werden die Puppen mit den Miniröcken, Paillettenjacken oder Perücken verkleidet, die im Nebenzimmer an einer Kleiderstange hängen.

Jede Puppe hat ihre eigene Geschichte und eine feste Sprecherin, vom Manga-Girl Hito bis zum Ex-Pornostar Monika, die für die Liebe aufs Dorf gezogen ist („Früher war sie eine wilde Sau, heute lebt sie in Wildau“, heißt es auf der Website). „Bei Frau Schmidt haben wir besonders viel Liebe investiert“, sagt Adela. Anfangs hätten die Kunden diese Puppe furchtbar gefunden, weil ihre extrem großen Brüste nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen. „Mir hat sie leidgetan“, sagt Adela. „Ich dachte mir, dass wir für sie einfach eine richtig gute Story brauchen.“ Mittlerweile ist Frau Schmidt, die „Lehrerin aus Leidenschaft“, die im Sexualkundeunterricht verlässlich für Gejohle sorgt, das bestgebuchte Modell. Schlecht läuft es bisher nur für „Guy Rider“: Die androgyne männliche Puppe werde kaum gemietet.

Noch ist die Puppenlover-Szene nicht groß. Trotzdem besuchen das Puppenbordell aktuell drei bis sechs Gäste pro Tag, bislang vor allem Männer zwischen 25 und 50, viele Virtual-Reality-affin. „Leider kommen bislang wenige Frauen“, sagt Adela. „Hier und da bucht mal ein Pärchen, das einen eifersuchtsfreien Dreier ausleben will, eine Puppe und ein paar Toys dazu, aber eine einzelne Kundin kam noch nicht.“ Viele Gäste leisten sich noch Extras zu den Puppen: Strap-on-Dildos oder getragene Unterwäsche von ihren „Voice Queens“. Im Rollenspiel werden die dann allerdings als Höschen der Puppen-Charaktere ausgegeben.

Eine Puppe bringt keinen in Bedrängnis

Die meisten, erzählt Adela, wollen mit sich selbst allein sein, wie beim Onanieren. Wollen sexuelle „self-care“ im geschützten Rahmen. „Die mögen niemanden treffen, nur ihre Sexualität ausleben, ohne schüchtern sein zu müssen.“ Manche Männer würden auch kommen, weil sie etwas außerhalb ihres Alltags ausprobieren wollen, sich bei einer Sexarbeiterin aber oft nicht sicher sein können, dass sie den Job wirklich freiwillig macht.

Sex mit einer Puppe macht niemanden zum Täter. Trotzdem rührt mich der Anblick der reglosen Figur auf merkwürdige Weise: Es ist ein Frauenkörper, der benutzt werden kann. Viele Prostituierte erleben Gewalt in ihrem Beruf. Brechen sich beim Kontakt mit den passiven Puppen Aggressionen und Machtfantasien bei den Kunden Bahn? Nein, sagt Adela. Die Gäste seien sehr vorsichtig mit den Puppen.

Nach dem Sex mit Kund:innen wie mir wird Paris per Seilzug ins Nebenzimmer gebracht, um ihre Haut und Körperöffnungen zu desinfizieren – in der „Doll-Dusche“, die Philipp Fussenegger extra für die Reinigung seiner Puppen konstruiert hat. Nach jedem Besuch wäscht das Team die Puppen, kämmt sie, desinfiziert die Kleidung, malt die Augenbrauen nach, klebt abgefallene Wimpern an. „Man muss die Puppen schon lieben, um sie richtig zu pflegen“, sagt Adela.

Während Gäste des Dortmunder „Bordolls“ von gemütlichem Kaminfeuer berichten, sieht im Cybrothel alles nach Zukunft aus, steril und spacig. Fussenegger ist in der Kink-Szene unterwegs, hat Sexpartys veranstaltet und dreht gerade eine Dokumentation über den Kit-Kat-Klub. „Aber das ist für mich alles schon so alt“, sagt er. „Ich will ein Update. Mich interessieren virtuelle Welten.“

Eine repräsentative Umfrage der Gesellschaft für Informatik ergab schon vor drei Jahren, dass jeder Fünfte in Deutschland glaubt, es werde zukünftig normal sein, sich in Maschinen mit Künstlicher Intelligenz zu verlieben. Schon jetzt unterhalten sich immer mehr Menschen über die App Replika mit einer KI, die sich als „AI companion“ vorstellt: als Freundin und Begleiterin. Das Wunderliche an Menschen ist, dass sie emotionale Bindungen auch dann eingehen können, wenn das Gegenüber sie nicht gleichberechtigt zurückliebt.

Die glatten Oberflächen von Kunstwesen bringen Intimität um das Schlimmste und Beste: Berührungen, die elektrisierend oder unangenehm sein können. Unschärfen, Missverständnisse und Peinlichkeiten. Humanoide Roboter befriedigen die natürliche Sehnsucht nach Menschlichem – ohne den störenden Menschen. Philipp Fusseneggers Puppen haben zwar kein elektronisches Innenleben, werden durch den Einsatz der menschlichen Stimme aber zu Hybridwesen, gewissermaßen zu Cyborgs: Wesen mit Bewusstsein und einer Seele, die über den Dingen schwebt, entkoppelt von ihrem Körper.

„Die meisten Leute vergleichen den Puppensex mit Sex mit einer echten Frau, aber man muss das eigentlich alleinstehend sehen“, sagt Adela. „Wenn man es mit etwas vergleichen möchte, dann eher mit einem Sexspielzeug.“ In meiner Wahrnehmung ist Paris irgendwas dazwischen. Die Beschaffenheit ihrer Körperöffnungen fühlt sich irritierend authentisch, die Haut hingegen so kühl und unecht an, dass sie für manche Kunden vor dem Besuch mit Heizstrahlern aufgewärmt wird. Trotzdem komme ich mir seltsam unhöflich vor, während ich sie berühre, ohne vorher ihr Einverständnis einzuholen. Natürlich könnte ich mit Adela im Hinterraum über den Lautsprecher reden. Aber wirklich zusammengedacht kriege ich Puppe und Stimme nicht.

„Die meisten Leute vergleichen den Puppensex mit Sex mit einer echten Frau, aber man muss das eigentlich alleinstehend sehen“

ADELA, „VOICE QUEEN“ UND DOMINA

Im Gruseltal

Obwohl Paris kein täuschend echtes Gesicht hat, kommt mir ihr Frauenkörper doch menschlich und vertraut genug vor, um nicht übergriffig agieren zu wollen. Solche Irritationen schicken einen ins „Uncanny Valley“ – ins unheimliche Tal. In der Robotik bezeichnet man so eine Akzeptanzlücke in der Wahrnehmung; das Unbehagen, das einsetzt, wenn wir es mit Wesen zu tun bekommen, die dem Menschen ähnlich sind, dabei aber etwas gänzlich Unnatürliches, Unvertrautes an sich haben. So wie humanoide Roboter und Avatare.

Der „Uncanny Valley“-Effekt sorgt dafür, dass das Kinopublikum den klar als Maschine erkennbaren Star-Wars-Roboter R2D2 knuffig und sympathisch findet, sich aber vor Figuren, die knapp an der Realität vorbeischrammen, eher gruselt. Das wohl berühmteste Beispiel dafür ist der Kinderfilm „Der Polarexpress“, der einst floppte, weil es dem jungen Zielpublikum vor den hyperrealistischen Animationsfiguren graute. Wahrscheinlich ist es eben dieses Befremden, das mich davon abhält, die duldsamen Puppen als Liebhaber:innen der Zukunft zu sehen.

Philipp Fussenegger sagt, es sei sein Ziel, im Cybrothel künftig auch Mixed-Reality-Pornos anbieten zu können: Filme, in denen sich die Gäste innerhalb der Digitalwelt selbstständig bewegen können. „Du hast einen Avatar, ich habe einen Avatar, wir sehen uns beide nicht wirklich, können aber interagieren“, sagt er.

Eine Vorstufe des Ganzen geht bereits in einem anderen Raum des Bordells. Fussenegger führt mich in ein Zimmer, in dem Virtual-Reality-Brillen von der Decke hängen: das Zubehör, um seinen eigens fürs Cybrothel produzierten VR-Porno schauen zu können, gedreht mit einer Darstellerin, die angezogen und frisiert ist wie die Puppe Kokeshi. Nach einer „Blade Runner“-haften Kamerafahrt durch eine Großstadt befinde ich mich in einem Hotelzimmer. Kokeshi kommt auf mich zu, fotorealistisch. Beginnt, mich auszuziehen. Mit einer realen Frau, modelliert nach einer Puppe, habe ich im Film Sex mit einem Körper, der irgendwie meiner ist. Und irgendwie auch gar nicht. Als ich an mir herabschaue, sehe ich etwas, das ich noch nie aus dieser Perspektive betrachtet habe: einen Penis.

cybrothel.com