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Biss zur letzten Rübe – der reinste Genuss


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INKA Stadtmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 162/2022 vom 01.05.2022

Heute: Ay!

Im Rahmen der internationalen Ausgleichsbestrebungen hinsichtlich einer gezielten Fortentwicklung sozial relevanter Dringlichkeitsmaßnahmen – liest noch jemand weiter? Das ist nett. Was wir sagen wollten: Italien war jetzt erst mal genug dran, heute wird’s spanisch! Auch das ist in Karlsruhe jederzeit möglich. Eine Frage der Ehre, dass du vorher deine unwohnliche Wohnküche etwas umstylst: Zuerst malst du eine spanische Fahne an den Schrank, die geht zur Not auch als badische durch, kann also bleiben. Dann werden Wimpel des FC Valencia aufgehängt, ein sympathischer Club. Schließlich lässt du mehrere ganze Iberico-Schinken von der Decke baumeln, die sind in Tapas-Bars üblich und schmecken original, wenn du ein paar Schachteln Ducados drunter geraucht hast.

Wo aber kriegst du die Schinken her? Aus der Südstadt natürlich. Viva la Südstadt! Das steht sogar auf Verkehrsschildern drauf. In Zeiten, da der Stadtteil noch alternativer geprägt war als heute, konzentrierte sich die politische Liebe vor allem auf ehemalige spanische Kolonien in Mittel-und Südamerika. Was sich eine echte Südstädterin nennen wollte, musste mindestens mit einem echten Revolutionär liiert sein, vorzugsweise Kuba oder Nicaragua, Chile ging auch. Die spanischen Bürgerkriegsrevolutionäre spielten in jenen von kultureller Hyperaneignung geprägten Feiertagen erotisch leider schon kaum mehr eine Rolle. Dafür waren auf einmal ganz schön viele Jürgens und Dieters auch Revolutionäre, wobei es durchaus statthaft war, sich etwas anders auszusprechen: Jorge, also Chorche oder Diedérrr, mit stark gerolltem „R“ hinten.

Das süße Lädchen Comestibles Espana also liegt in der Südstadt, unweit vom magisch-realistischen Werderplatz (Plaza Werdérrr) und bietet alles, was wir für einen spanischen Abend, eine spanische Nacht, sogar einen spanischen Morgen benötigen, bestimmt sogar Gitarren (Jetzt bitte nicht Cindy und Bert einspielen!!!). „Spaniens Gitarren erklingen…“ (Also doch: fünf Tage lang Ohrwurm.) Wir sagten Schinken. Und wir kaufen Schinken. Genauer gesagt: zwei. Leider nur in Scheiben, das Deckengebaumel muss aus finanziellen Gründen verschoben werden; einzelne Schinkenscheiben aufzufädeln sieht leider scheiße aus. Der wahre Pata Negra, von kundiger Hand von der Wampe ziseliert, kostet 8,99 Euro pro 100 Gramm. Dafür gibt es den köstlichen Serrano für 1,99. Deal? No digo nada!

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Bildquelle: INKA Stadtmagazin, Ausgabe 162/2022

Eine Kolumne von Johannes Hucke, der seit 2007 die Region mit seinen Weinlesebüchern, Kriminalnovellen und Theaterstücken malträtiert. Jetzt versucht er, INKA mit epikureischem Gedankengut zu destabilisieren.

Für eine richtige Tapas-Platte war das erst der Anfang. Manchego wird ebenfalls zwiefach erworben: mal gereift, mal weniger. Der Laden führt natürlich auch Dutzende Oliven; wir wäre es gefüllt mit Knoblauch, Paprika, Thunfisch? Etliche Dosen Muscheln und Sardinen werden schlankerhand mit eingesackt. Für den Nachtisch braucht’s zuckrige Magdalenas und Konsensmilch, äh Kondensmilch: dicklich süß für den Café Bon-Bon. Bitte die spanischen Weine nicht vergessen! Weil schon fast Sommer ist, geraten die Rosés (nicht Josés) in den Blick, aber auch die Weißen: ein Thema für sich, ein faszinierendes zudem, da Iberien eine ungeheuerliche Fülle von autochthonen Rebsorten aufweist. Du kennst dich nicht aus? Albarino ist so was wie bei uns der Riesling, nur nicht so sauer… Ein weißer Port muss auch sein, man verfügt hier über Kontakte nach Portugal.

Was fehlt noch? Weißbrot. Es ist denkbar, ein luftiges Pan de Cristal selber zu backen. Du kannst dir aber auch einfach eins kaufen, zumindest so was in der Art. Zu Hause dekorierst du alles auf deinen Küchentisch, dessen Mitte von einem prachtvollen Strauß Granada-Rosen geziert wird, die du neulich beim Jahrestreffen der Rosenverkäufer in der Alhambra erworben hast. Zufrieden? Absolutamente no! Denn eine nette Gazpacho muss schon noch sein: Paprikaschoten, Gurke, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch, Weißbrot, Tomatensaft, Olivenöl, Zitrone, Honig, Salz, Paprikapulver bis zum Wahnsinnigwerden pürieren und kaltstellen. Die Mengenangaben variieren nach Region, Jahreszeit und Vergesslichkeit. Ich zum Beispiel vergesse immer den Tomatensaft.

Noch was Warmes? Devinitivamente! Für Patatas Bravas kochst du Bio-Pellkartoffeln ab und pellst sie nicht. Sondern viertelst und brätst sie in Olivenöl knusprig. Die passende Soße dazu gibt’s auch in der Südstadt, Aioli ebenso, frisch aus der Kühltheke, wobei die nicht so schwer selber zu basteln ist. Nicht anders verhält sich das mit Mojo rojo und Mojo verde, die sind dann ein bisschen kanarisch, aber ganz furchtbar gesund. Wenn du es noch kanarischer haben magst, verwandelst du die Patatas Bravas in Papas Arrugadas, also verschrumpelte Papas. Dazu brauchst du 300 Gramm Salz pro Liter Wasser: Kartoffeln 20 Minuten bei geschlossenem Deckel garkochen, Deckel weg und drei Minuten volle Kanne aufkochen.

Schnell Salzwasser abgießen und Kartoffeln umfüllen: Nur dann gibt’s diese irre Salzkruste. Wie gewohnt, liefern wir die passende Musik gleich mit. Von Manuel de Falla stammen die „7 Canciones populares Espanolas.“ Klingen aber nur so richtig, wenn Teresa Berganza sie singt. „El Pano Moruno“ ist ein kurzes Liedchen, enthält aber schon alles, was dir das Blut gefrieren lässt. Der Text scheint zunächst wenig emotionale Spannkraft zu entfalten: „Auf das feine Tuch im Laden fiel ein Fleck. Man verkaufte es zu einem geringeren Preis, weil es seinen Wert verlor. Oje.“ Dies ist natürlich alles ungemein symbolisch, und deswegen schneidet das für den cante hondo typische expressive Schluss-„Ay!“ mitten durch die Seele.

Übrigens, kann es sein, dass du gar nichts gekocht hast? Sondern den Text liest, während du gemütlich in der Toro Tapasbar sitzt? Im Terra Mare? Im Besitos? También una buena idea! Aber bei Comestibles Espana solltest du trotzdem mal vorbeischlappen. En todo caso.

„Dokka 9“, das Karlsruher Dokumentarfestival

Zurück auf seinem angestammten Mai-Date ist das 2021 Corona-bedingt in den September verlegte Karlsruher Dokumentarfestival. 17 Filme und Hörstücke präsentiert die im Logo genial mit der Ausgabenummer spielende neunte „Dokka“-Auflage im zentralen Veranstaltungsort Kinemathek sowie erstmals auch in der Schauburg. Zur Eröffnung (Mi, 19 Uhr, Kinemathek) läuft der Film „Anima – die Kleider meines Vaters“ (Foto rechts unten: Flare Film Privatarchiv Familie Decker), mit dem Regisseurin Uli Decker auf ihre ganz persönliche Familiengeschichte zurückblickt. Erstmals werden auf einem „Dokka“-Festival gleich zwei Dokus gezeigt, die eng mit Karlsruhe verbunden sind: „Köy“ (Do, 16 Uhr, Kinemathek, Foto links: Edition Salzgeber) von Serpil Turhan, die eine Vertretungs-HfG-Professur in Medienkunst Film inne-und über drei Jahre hinweg Gespräche mit Kurdinnen geführt hat, und „Die Karte der Schönheit“ (Fr, 19 Uhr, Kinemathek, Foto rechts oben), in dem sich HfG-Medienkunst-Alumni Marco Kugel vor dem Hintergrund der Energiewende fragt, wie man eigentlich die Schönheit eines Landes bemisst und subjektive Eindrücke in objektiv statistisch vergleichbare Daten umgemünzt werden können.

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Weitere Nova: das öffentlich zugängliche „Dokka Frühstück“ (Do So, 10-12 Uhr, Passagehof ) mit seiner „langen Tafel für Gespräche und Genuss“ und die zum Festival-Opening online gehende interaktive Streamingplattform „Dokka Connect“, auf der bis zum 5.6., 23 Uhr, nahezu alle Programmpunkte samt Nachbesprechungen verfügbar sind. Zum Abschluss steigt die von Johannes Kreidler, Konzept-und Medienkünstler sowie Professor für Komposition an der Basler Hochschule für Musik, umrahmte Preisverleihung (So, 20 Uhr, Kinemathek). Neben dem besten Filmbeitrag sowie Hörstück wird dank der Ursula Blicke Stiftung erstmals ein Recherche-Stipendium für die Projektentwicklung und -vorbereitung in Höhe von bis zu 5.000 Euro vergeben. -pat · Mi-So, 25.-29.5., Kinemathek & Schauburg, komplettes Programm: www.dokka.de

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