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„Bist du klar, ist es nicht kompliziert“


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Max - epaper ⋅ Ausgabe 3/2021 vom 10.09.2021

Artikelbild für den Artikel "„Bist du klar, ist es nicht kompliziert“" aus der Ausgabe 3/2021 von Max. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Max, Ausgabe 3/2021

„Unsere Generation hat oft das Gefühl, dass es so ein riesiger Step ist, sich zu engagieren: Ist es gar nicht!“ Charly Hübner zeigt Haltung, ein richtiges Gespür für Nuancen und erklärt, warum Stammtischgespräche ganz gute Grundlagen für Engagement sind.

Interview mit dem Schauspieler und Regisseur Charly Hübner.

MAX: Kann ich mich engagieren, ohne unmittelbar betroffen zu sein?

Charly Hübner: Natürlich kann man sich immer engagieren. Direkt oder indirekt. Direkte Betroffenheit ist natürlich ein authentisch wirkendes Moment. Aber wenn wir zum Beispiel über den Klimawandel reden, dann sind wir ja betroffen! Die Klimadebatte, die wird zu ideologisch geführt. Wenn man den Landwirten zuhört, merkt man, dass seit 10, 15 Jahren wirklich eine Dynamik stattfindet. Das Grundwasser ist schon weit tiefer. Und wenn die Moore erst mal verschwinden, dann hast du da einen riesigen Scheiterhaufen.

MAX: Hilft der ...

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... Beruf des Schauspielers, Menschen zu überzeugen, aus ihrer Bubble herauszutreten oder gar zu handeln?

Hübner: Na ja, ich möchte so was nicht überbewerten. Aber wenn wir wollen, können wir inspirieren oder einladen. Das besondere an unseren Berufen als Künstler oder Journalist ist ja: Du bist in der Gesellschaft, aber du kannst auch mal an den Spielfeldrand, mal an der Linie entlanggehen, ohne dass du dich für jeden Schritt erklären musst. Meine persönliche Erfahrung oder eben Betroffenheit – als kleiner Junge vom Land – ist die zu erleben, dass ein ganzer See verschwunden ist, den gibt es nicht mehr. Dann sagt die Lüneburger Bäuerin auf dem Markt, dass die Zisterne schon seit Jahren im Frühling nicht mehr den „normalen“ Wasserstand hat. Das heißt irgendwas verschiebt sich unter uns, etwas Grundsätzliches passiert – und wenn ich mir vorstelle, dass die ganzen Wälder aus meiner Heimat abfackeln, irgendwann so wie in Griechenland, dann ist das ein Horrorszenario, und ich frage mich schon: Was könnte ich tun?

Und das geht ja nur, wenn der eigene Mikrokosmos verlassen wird.

MAX: Was ist der Schlüssel, um den Stein des Engagements ins Rollen zu bringen?

Hübner: Unsere Generation hat oft das Gefühl, dass es so ein riesiger Step ist: Ist es ja gar nicht! Du kannst heute Abend jemanden anrufen und eine kleine Frage stellen:

Sag mal, was macht das Thema Klimaschutz eigentlich mit dir oder Armut oder Gewalt in jeglicher Form? Man kann einfach darüber reden, und wenn du dann sagst, du willst irgendwas machen im Sozialen, im Ökologischen, was Kleines, dann hast du sofort irgendwie einen Zugang. Heißt, dass man über die permanente Gesprächsführung ins Handeln kommt. Das ist auch glaube ich für Leute, die in Bubbles unterwegs sind wie wir, der Schlüssel.

MAX: Sollten Künstler dabei eine besondere Rolle spielen – also ihre Meinung oder Erfahrung öffentlich machen?

Hübner: Ich denke dann sofort, jeder kann eine Rolle spielen. Letztlich lautet die Frage immer: Was ist Befindlichkeit, und was hilft? Und was Befindlichkeit ist, lassen wir mal zu Hause, aber was der Gemeinschaft eine Idee geben kann, ist gut. Von ganz vielen Sachen kann man doch gar nicht überzeugt sein, weil man vieles nicht versteht. Aber man kann was einleiten, ein Gespräch in Gang setzten, man kann moderieren, eine Sache anschieben.

MAX: Ist es kompliziert, als Schauspieler Haltung zu zeigen?

Hübner: Die Stigmatisierung ist im digitalen Zeitalter viel schneller! Ich muss da an Til Schweiger denken, der sich damals in der Flüchtlingskrise sehr klar als Mensch positioniert hat. Was ihm widerfahren ist im Social-Media-Raum – das ist wirklich hart gewesen. Man kann sich auch hinter der Kunst verstecken und sagen: Alle Kunst ist politisch. Aber kompliziert ist es nicht. Hat das nicht was mit innerer Authentizität und Klarheit zu tun? Bist du klar, ist es nicht kompliziert.

MAX: Stars mit Haltung ecken an, können auch schon mal in großem Stil scheitern, wie die „Alles dicht machen“-Aktion beweist …

Hübner: Wann ist der Moment, in dem man aus seiner Bubble raustritt und in welchem Verhältnis. Bei dieser „Alles dicht machen“-Aktion hat man mich auch gefragt, und die Texte hatten mich da nicht überzeugt. Das war ein künstlerischer Punkt.

Die Aktion wurde dann populistisch, und der gemeinte inhaltliche Ansatz verlor sich in der Hysterie der Macher und der Reaktionen. Aber im Gesamtkontext der gesellschaftlichen Aufgabe der Pandemie-Eindämmung war sie letztlich gar nicht hilfreich.

MAX: Hat Corona gezeigt, wie wichtig Kunst für unsere Gesellschaft ist?

Hübner: Wir leben in einem extrem luxuriösen Land. Wir haben extrem freie Märkte, haben dazu extreme staatliche Subventionierungen, das ist in der Menge und der Form fast einmalig in der Welt.

Und ich dachte in der Zeit, in der ich in unserer Lockdown-WG lebte, jetzt sagt die Wissenschaft, was sie erkannt hat, jetzt muss die Politik irgendein Regelmuster finden, damit die Gesellschaft überlebt. Und da fehlte mir von Anfang eine Einschätzung, ein Kommentar, ein Reizpunkt, der das hinterfragt, anders darstellt oder manifestiert. Ich nahm eine Hilflosigkeit war, die sich wirklich lange lähmend über die Künstler legte. Natürlich zum Teil aus strukturellen Gründen, aber auch im künstlerischen Diskurs war dann eher das Mäandern interessant als neue Denk-und Fühlräume. Die Journalisten waren da natürlich fixer.

MAX: Wie sieht es denn mit dem Thema Nachhaltigkeit in der Filmbranche aus?

Hübner: Es gibt Filmemacher wie Lars Jessen (Produzent von „Wildes Herz“), der ist da total hinterher. Er spricht in den Sendern über grünes Drehen. Da ist das Catering zum Beispiel total grün. Fleisch wird nur noch genommen, wenn man weiß, wo es herkommt, Müll wird reduziert – es gibt nur noch Keramik oder Glasflaschen. Aber wo kommt der Strom her? Das machen sie immer noch mit diesen Dieselgeneratoren. Das Umdenken fängt gerade erst an in der Branche. In meinem Umfeld ist es sehr angekommen, aber auch hier gibt es doppelte Wahrnehmung.

Die einen sagen: ihr Moralisten. Und die anderen sagen: Ey, das geht nicht, dass du hier mit ’nem Plastikbecher ankommst …

MAX: Wird die Branche denn im Umdenkprozess unterstützt?

Hübner: Ich glaube, es gibt mittlerweile Prämien für „grünes Drehen“ von den Filmförderanstalten. Das wird sicherlich noch mehr werden. Das steht alles noch am Anfang. Da brauchst du im Grunde ja Konzeptualisten, die sich damit befassen – das ist quasi ein wissenschaftlicher Vorgang.

MAX: Am Ende muss es sich eben lohnen …

Hübner: Das ist das Problem im Kapitalismus: Es muss sich immer lohnen! Es gibt am Theater jetzt so was wie eine ökologische Prüfung, da kann man gucken, wie groß eigentlich der ökologische Fußabdruck ist.

Das war für die Berliner Schaubühne zum Beispiel brutal ernüchternd, denn die leben davon, dass sie weltweit viele Gastspiele machen, das ist deren Lebensader und fast ein Alleinstellungsmerkmal innerhalb des deutschen Kosmos.

MAX: Sind Engagement und Nachhaltigkeit nur eine Diskussion, die in der gebildeten Schicht stattfindet? Wie erreiche ich den normalen, im Hamsterrad steckenden Menschen?

Hübner: Wie ich am Anfang schon gesagt habe – nur im Gespräch. Wie machst du das? Auf jeden Fall nicht immer gleich die Klinge auf den Tisch. Aber wir können nicht warten, bis der Golfstrom versiegt ist.

Ja, es gab schon immer Dürren, es gab schon immer Monsunregen, es gab auch schon Klimawandel. In meiner Biografie, so lange ich Kind, Teenager, junger Erwachsener war, blieben die Pole immer gleich. Seit zehn Jahren nicht mehr. Ich hatte jedes Jahr einen Winter als Kind, habe mindestens einen Monat im Jahr Schnee gesehen. Seit fünf Jahren kein Schnee mehr! Letztes Jahr: acht Stunden in Hamburg. Wer mag, kann sich das Verschwinden der Gletscher anhand von Bilderstrecken im Netz gewahr machen. Das ist richtig krass. Noch mal: Wir sind die am Spielfeldrand, der Sturm hat den Ball, und wir können mal gucken, ob die Verteidigung für den Konter eigentlich vorbereitet ist.

Dafür sind wir auch zuständig. Deshalb ist es wichtig, dass ihr darüber schreibt und wir Filme machen oder Theaterstücke, die sich darum drehen. Wenn der Konter dann läuft und wir nicht gesagt haben, dass die drei Verteidiger nicht stehen, dann kommt das Gegentor.

MAX: Das heißt, wir tragen Verantwortung?

Hübner: Na logisch! Kunst und Journalismus sind die, die vom Spielfeldrand reinrufen, was einem auffällt. Damit die Trainer, also die Politiker, das Gegentor verhindern. Wenn man so gestrickt ist wie ich, dann hat man Lust, mit den Kumpels den Wald und das Feld zu retten, dass man Säume schafft, damit der Landwirt davon leben kann. Es gibt andere, die setzen nur auf die abstrakte Kraft der Kunst und der Suggestion. Das ist auch gut.

MAX: Ist mit dem Lockdown, dem Auf-sich-zurückgeworfen-Sein, etwas verloren gegangen?

Hübner: Na, es ist eine massive Irritation. Aber Mein Eindruck ist, dass alles dafür getan wird, dass es sehr sehr bald wieder so läuft wie davor.

MAX: Gibt es bei Ihnen einen Lernprozess? Hübner: Na ja, das Lernen passiert permanent, ob man will oder nicht, täglich stolpere ich über Überraschendes in der Arbeit, in den Begegnungen mit den Menschen, in der Beobachtung der Zeiten. Und im Rückblick sehe ich dann, dass ich vor zehn Jahren anders dachte oder handelte, und manches aber bleibt und bleibt und bleibt …

MAX: Diese Frage muss am Ende erlaubt sein: Warum machen Sie Schluss mit Kommissar Bukow und „Polizeiruf 110“?

Hübner: Ich bin kein ritualisierter Fernsehgucker, und als die Rolle an mich rangetragen wurde, war ich echt erst irritiert, weil ich nicht der Sonntagabend-Lagerfeuer-Gucker bin. Ich hatte erst gar keine Haltung dazu. Aber ich fand die Konstellation formal total spannend, eine Frau, die für den Rechtsstaat steht, die eine Biografie gebastelt bekommen hat, weil sie Adoptivkind ist (die Rolle von Anneke Kim Sarnau) gegen einen Typen, der vor Authentizität nur so platzt, zu setzen. Und es war großartig, dass die Idee und der Lauf der Dinge so erfolgreich wurden. Irgendwann bemerkte ich aber, dass bestimmte Arbeiten nicht mehr zustande kommen oder nur, wenn ich so bin wie Bukow. Ich bin aber so gestrickt, dass der andere Blick auf mich dann doch auch interessiert. Und dann wollte ich Bukow, dem Team und mir die Gelegenheit geben, bewusst und im Schönen zu enden.