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Bitte keine Lobhudelei


Piaffe - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 18.09.2019

Pferde richtig loben


„Loben nicht vergessen!“: Diesen Satz kennen viele aus den ersten Reitstunden. Klopfen, tätscheln, kraulen, knuddeln oder „Priiiima!“ – es gibt verschiedenste Möglichkeiten, einem Pferd mitzuteilen, dass es etwas gut gemacht hat. Wir haben die Methode zu loben im Reitunterricht gelernt oder von anderen abgeschaut, vielleicht ist das Lob auch intuitiv oder aus dem zwischenmenschlichen Bereich übertragen. Auf ganz unterschiedliche Weise kommen diese Bekundungen dann bei den Pferden an. Manche werden naturgemäß verstanden, manche machen nur bei richtiger Anwendung Sinn. Und für alle ...

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Bildquelle: Piaffe, Ausgabe 2/2019

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... gilt: Bewusst eingesetzt und nicht gehudelt, bewirken sie eine engere Verbindung zum Pferd.

Foto: Franz-Josef Lang Alle anderen Fotos: Paulina Vogelgsang

Berührungen

Bereits 2014 untersuchte eine Studie die Auswirkungen des Klopfens im Vergleich zum Kraulen: „The effects of patting and wither scratching on behavior and heart rate of domestic horses“, vorgestellt bei der 10. International Equitation Science Conference in Dänemark. Die anlässlich der Studie vorgenommene Beobachtung der Pferde beim Grand-Prix-Spécial der Olympischen Spiele in London 2012 zeigte anschaulich, dass fast alle Pferde auf das Klopfen mit einem deutlichen Vorwärtsdrang reagierten. Keineswegs die positive Reaktion, die man beim gelobt-werden erwarten würde. Bei weiteren Tests konnten keine messbaren Ergebnisse wie z. B. die Herzfrequenz ausgewertet werden, jedoch zeigten die Pferde beim Klopfen erhöhte Unruhe und nervöses Ohrenspiel. Die Beobachtung der Pferde lieferte weiter ein ganz eindeutiges Ergebnis: Das Kraulen am Widerrist schien die von den Pferden bevorzugte Belohnung zu sein. Sie zeigten dies durch entspanntes Absenken des Halses und genüssliches Oberlippenspiel. „Das Kraulen des Widerrists kann das Vertrauensverhältnis zwischen Mensch und Tier stärken und ist die effektivere Belohnung“, kommentierte Emily Hancock, die Leiterin der Studie, das Ergebnis. Zurückzuführen sei dies darauf, dass sich Pferde bei der Fellpflege an eben dieser Stelle gegenseitig kraulen. Auch Fohlen werden bereits in den ersten Tagen an dieser Stelle von ihren Müttern liebkost und dies ist als positiv im Pferdegehirn gespeichert. Auch das Kraulen am Mähnenkamm oder hinter den Ohren wird von vielen Pferden als angenehm empfunden.


Die Beobachtung der Pferde lieferte ein ganz eindeutiges Ergebnis: Das Kraulen am Widerrist schien die von den Pferden bevorzugte Belohnung zu sein.


Stimmlob

„Guuuuuut” oder „schööööön” hört man oft auf Reitplätzen. Neben dem Lobwort an sich spielt vor allem die Tonlage der Stimme eine wichtige Rolle. Tiefe, dunkle Vokale in einer warmen Tonart transportieren das Stimmlob am besten. Vorsicht ist geboten, wenn man das Wort „fein“ als Stimmlob verwenden möchte. Es klingt fast wie „nein“ und kann beim Pferd zur Verwirrung führen, da ja nur der Tonfall den Unterschied ausmacht. Das seit einiger Zeit populär gewordene „priiiima!“ ist für die empfindlichen Pferdeohren eigentlich zu schrill. Doch genauso wie beim Halsklopfen lernen die Pferde bald, dass dies eine positive Verstärkung sein soll und lassen das gutgemeinte Lob über sich ergehen.


KnuddelnClicker FutterStimmlobLeckerlie


Genauso wichtig wie das Lobwort und der Tonfall, in dem man es sagt, ist aber auch die Intention, mit der man zum Pferd spricht. Betrachtet man das Pferd als ernstzunehmenden Partner, zeigt man dies durch ernsthaftes und respektvolles Loben. Quietschestimme und Babysprache zeigen hingegen nicht nur dem Pferd deutlich, dass man es zwar für niedlich hält – aber eben nicht für besonders intelligent oder ernstzunehmend. Das „allersüßeste Mäuschen“ kann nur schwerlich ein selbstbewusster und stolzer Partner im Reitviereck werden.

Kritiker vertreten die Meinung, dass ein Lob per Stimme für Pferde unnatürlich ist, da sie untereinander nonverbal kommunizieren. Hat ein Pferd zudem mit unterschiedlichen Menschen zu tun, ist es unmöglich, dass alle dasselbe Wort in derselben Stimmlage benutzen. Trotzdem lässt sich feststellen, dass Pferde verbales Lob durchaus erkennen und gern annehmen. Das mag damit zu tun haben, dass wir Menschen nur dann mit dunkler, tiefer Stimme sprechen können, wenn wir selbst entspannt und ruhig sind. Der positive Effekt des richtigen Stimmlobes wirkt also sowohl auf das Pferd als auch auf den Reiter.


Kein Grashalm ist jemals vor einem Pferd weggelaufen – darum ist ihnen der Instinkt per se fremd, dass erhaschtes Futter Glücksgefühle auslöst.


Futter und Clicker

Die Belohnung mit Leckerli gleicht einem Glaubenskrieg: Man kann nur absolut dafür oder dagegen sein. In Piaffe 1/2017 haben wir ausführlich über „Die Gretchenfrage: Wie hältst du’s mit dem Leckerli?“ berichtet. Grundsätzlich müssen Pferde als Gras- und Heu-Fresser nicht um ihr Futter kämpfen. Kein Grashalm ist jemals vor einem Pferd weggelaufen – darum ist ihnen der Instinkt per se fremd, dass erhaschtes Futter Glücksgefühle auslöst. Andererseits haben sie durchaus gelernt, dass vom Menschen manchmal besondere Leckereien kommen. Zudem weiß man, dass Pferde in Bildern denken. Folgt auf ein bestimmtes Verhalten regelmäßig ein Leckerli, so wird das Bild dieser Kombination im Pferdegehirn gespeichert und leicht wieder erinnert.

Ein weiteres Argument für Leckerlies ist, dass Kauen entspannt. Wie bei uns Menschen auch: In schwierigen Situationen, unter Stress oder aus Angst halten wir den Atem an und verspannen. Ebenso ist es beim Pferd, da geht nichts mehr. Bekommt es dann ein Leckerli gereicht, bewegt es Ober- und Unterkiefer. Dabei entspannen sich zuerst die Gesichtszüge, der Atem wird tiefer und ein Beruhigungseffekt kann einsetzen. In gewissen Situationen kann diese Ablenkung durchaus Sinn machen – um ein Lob handelt es sich dabei aber nicht.

Während des Reitens ist das Belohnen per Leckerli unpraktisch. Um eine für das Pferd verständliche Verknüpfung von Aktion und Belohnung herzustellen, muss das Lob unverzüglich auf die Leistung erfolgen.

Dafür das Reiten zu unterbrechen und ein Leckerli hervorzukramen, ist nicht nur umständlich, sondern meist ungeeignet. Die Zeitspanne ist viel zu lang und das Pferd kann das Lob nicht mehr mit seiner Aktion verknüpfen. Schlimmer noch, wird es sogar das Anhalten mit dem Leckerli verbinden, das dann zukünftig von sich aus anbieten und öfter mal stehenbleiben. Obendrein ist die Pause, die das Leckerli-geben beim Reiten verursacht, eigentlich bereits eine ausreichende Möglichkeit des Lobens.

In der Freiheitsdressur ist die Arbeit mit Futterlob einfacher und somit auch weitverbreitet. Nach dem Prinzip der Dressur ist es leicht, einem Pferd gewisse Tricks beizubringen, wenn man Futter als Lockmittel verwendet. Hier ist das Leckerli jedoch nicht mehr das Lob für eine freiwillige Leistung, sondern ein Appell an das Pferd, etwas zu leisten, um dann dafür Futter zu bekommen. Dies erinnert an Bestechung. Die Gefahr dabei ist, dass das Pferd wie ein Roboter seine Kunststückchen abspult, um das Leckerli zu erhalten. Die Harmonie ist verschwunden und das Leckerli hat seinen Sinn als Belohnung verloren. Es ist zu einem Kniff geworden, vom Pferd etwas geliefert zu bekommen.

Ein unangenehmer Nebeneffekt kann zudem sein, dass Pferde anfangen Futter einzufordern oder danach zu betteln. Sie nesteln an Jackentaschen oder schnappen nach der Hand, weil sie nach Leckerlis suchen. Darum ist bei der Gabe von Leckerlis exaktes Timing absolut notwendig. Eine Variante der Leckerli-Belohnung ist das Clickern. Ein kurzes Klick-Signal wird zuerst in Verbindung mit einem Leckerli konditioniert. Wenn das Pferd etwas richtig macht, folgt sofort ein Klick und daraufhin ein Leckerli. Hat das Pferd diese Abfolge verstanden, markiert der Klick das positive Ergebnis und gibt dem Menschen mehr Zeit, das Leckerli folgen zu lassen. Im weiteren Verlauf kann man die Leckerlis reduzieren und auch andere Belohnungsvarianten anwenden. Das Clickertraining ist also keine Variante des Lobens, sondern eine Trainingsmethode, die – vor allem beim Menschen – exaktes Timing erfordert.

Negative Verstärkung

Lob funktioniert nicht nur durch Geben einer Belohnung wie einer Berührung, Geste, Leckerli oder Stimmlob. Diese werden unter dem Fachbegriff „positive Verstärkung“ zusammengefasst. Die andere Variante ist die „negative Verstärkung“ und bedeutet, dass etwas Unangenehmes nachlässt oder entfernt wird, sobald das Pferd korrekt reagiert. Das ist eines der grundlegenden Prinzipien des Natural Horsemanship, aber auch der Klassischen Reiterei und Pferdeausbildung.


Das Prinzip von „pressure and release“ benutzt Druck, der dann nachlässt, wenn das Pferd reagiert.


Das Prinzip von „pressure and release“ benutzt Druck, der dann nachlässt, wenn das Pferd reagiert. Knotenhalfter oder Gerte, ebenso Schenkel- oder Gewichtshilfen senden Signale aus, die vom Pferd befolgt werden sollen. Reagiert das Pferd korrekt, stoppt der Mensch das Signal und „entfernt“ es damit aus der Situation. Dass dieser unangenehme Reiz aufhört, wird gleichfalls als Belohnung empfunden. Im Unterricht von Manuel Jorge de Oliveira ist oft zu hören: „Give reins!“, den Druck der Zügel nachlassen, wenn das Pferd die Lektion korrekt ausgeführt hat.

Auch hier ist das exakte Timing enorm wichtig. Da wir Menschen gerne dem Perfektionismus und Kontrollzwang unterliegen, lassen wir uns verleiten, den Druck zu verstärken, wenn eine Lektion noch nicht perfekt ist. Doch genau das kann das Pferd in Schwierigkeiten bringen. Vielleicht kann es sich in dem Moment nicht ausbalancieren oder es verkrampft sich, vielleicht versteht es die Hilfen nicht oder ist überfordert. Anhaltender oder vermehrter Druck blockieren jeden Fortschritt in diesem Moment. Hier hilft nur Nachlassen und dann ein neuer Versuch, klare Signale, und vor allem: Weg mit dem Druck sofort in dem Moment, wenn das Pferd zur richtigen Bewegung ansetzt.

Pausen

Nach einer gelungenen Übung eine Pause machen, ist ebenfalls eine Form der Belohnung. Durch die Unterbrechung einer Phase von Konzentration ist auch hier der Druck weg und Zeit, um durchzuatmen und kurz zu rasten. Unsere Anforderungen an die Pferde sind oft sehr hoch, wir erwarten zu viel, zu lange, zu oft. Eine Pause holt die Motivation zurück. Das kann ein Hingeben der Zügel sein, etwas Schritt gehen oder stehen bleiben.

Insbesondere bei Übungen, die dem Pferd eher schwerfallen, wirken Pausen manchmal Wunder. Ein Pferd, das nicht gerne galoppiert, lässt man z. B. nur einige Galoppsprünge machen und dann folgt eine Pause. So lernt es, dass es sich nicht zu sehr anstrengen muss und wenn es diese Lektion ausführt, gleich eine Unterbrechung folgt. Es entsteht Freude bei der Übung und meist wird das Pferd von sich aus immer ein paar Galoppsprünge mehr anbieten.


Spaß PausenDruck LieblingsübungMotivationTiming


Während einer Pause sieht man Pferde oftmals Kauen oder Gähnen. Damit entspannen sie nicht nur ihren Kiefer, sondern lockern auch den Rest des Körpers. Unter Anstrengung werden gewisse Körperpartien angespannt und die Atmung wird flacher. Die kleine Pause gibt dem Körper die Gelegenheit, sich kurz zu regenerieren. „Let him rest!“ ist eine Aufforderung, die man im Reitunterricht von Manuel Jorge de Oliveira häufig hört.

Doch das Loben mit Pausen birgt auch Fallen. Manche Pferde fühlen sich allein gelassen, wenn man ihnen mit der Pause den Kontakt oder die Aufmerksamkeit entzieht. Ihnen kann es helfen, die Pause mit einer angenehmen Berührung, z. B. einem Kraulen, zu kombinieren. Andere Pferde hingegen brauchen Raum für sich. Sie fühlen sich durch Kraulen bedrängt und können sich in der Nähe des Menschen nicht entspannen. Hier geht man besser auf Distanz und wartet außerhalb des persönlichen Raumes des Pferdes ab.


Die kleine Pause gibt dem Körper die Gelegenheit, sich kurz zu regenerieren. „Let him rest!“ ist eine

Aufforderung, die man im Reitunterricht von Manuel Jorge de Oliveira häufig hört.


Spaß und Ende

Ist das Pferd schon weiter ausgebildet, hat es mit Sicherheit eine Lieblingsübung. Eine, die ihm leicht fällt oder immer gut gelingt, bei der es sich nicht so sehr anstrengen muss oder die in irgendeiner Form Wohlbefinden auslöst. Auch junge Pferde oder diejenigen, die am Beginn der Ausbildung stehen, haben irgendetwas im Repertoire, das Spaß macht. Solch eine Lieblingsübung zwischendurch abzufragen, kann ebenso wie ein Lob wirken. Anstrengung und Konzentration werden kurz ausgesetzt und etwas Vergnügen darf sein. Insbesondere bei der Arbeit an höheren Lektionen kann es helfen, zwischendurch wieder einfachere Bewegungen abzufragen, um Anspannung und Druck loszuwerden. Zudem sollte man keinesfalls unterschätzen, wie stolz Pferde sein können in ihrer eigenen Kraft oder wenn ihnen etwas gelingt. Die Lieblingsübung am Ende der Trainingseinheit abzufragen, führt allgemein dazu, dass man mit einem positiven Erlebnis aufhört und dies im Pferdegehirn abgespeichert wird.

Die ganz große Pause, also das Ende des Trainings, empfiehlt sich generell, wenn das Pferd etwas sehr gut gemacht hat. Es ist nicht nur die Belohnung in dem Moment oder die alte Weisheit, dass man aufhören soll, wenn’s am schönsten ist. Sondern für das in Bildern denkende Pferd bleibt genau diese Sequenz gespeichert. Viele Reiter oder Trainer fordern Wiederholungen ein, um zu überprüfen, ob das Pferd es jetzt tatsächlich kann oder um noch ein bisschen daran zu feilen. Doch all diese weiteren Versuche wirken nur demotivierend, führen zu Frust und im schlimmsten Fall klappt es nicht mehr so gut. Wenn man dann aber aufhört, weil man ja irgendwann aufhören muss, wird eben genau diese gar nicht mehr so gute Lektion mit dem frustrierenden Beigeschmack erinnert.


Die ganz große Pause, also das Ende des Trainings, empfiehlt sich generell, wenn das Pferd etwas sehr gut gemacht hat.


3 Sekunden Regel

Nicht nur von der richtigen Art zu loben hängt der Erfolg ab, das richtige Timing ist mindestens genauso wichtig. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht, wenn der Reitlehrer z. B. dazu auffordert, nach einer geglückten Lektion abzusteigen, das Pferd in die Box zu bringen und zu knuddeln. Nur in einer Zeitspanne von drei Sekunden nach einer Handlung können Pferde das erteilte Lob damit auch verknüpfen. Bis zu sechs Sekunden kann eine Verknüpfung noch glücken. Jedes Lob, das später kommt, läuft Gefahr, dass es vom Pferd nicht mehr mit der betreffenden Aktion in Verbindung gebracht wird. Im schlimmsten Fall hat das Pferd mittlerweile sogar etwas anderes gemacht und verknüpft das Lob mit etwas völlig anderem. Das heißt konkret, das Leckerli am Ende der Reiteinheit macht genauso wenig Sinn wie Dauerbeschallung mit langgezogenem Stimmlob. Es ist für das Pferd unmöglich, den geforderten Zusammenhang herzustellen.


Timimg GestenPausen Belohnung BerührungSignale


Nur nicht hudeln

Neben dem richtigen Timing ist auch die richtige Dosis von Lob ein wichtiger Faktor. Nach dem Motto: „Nicht geschimpft ist genug gelobt!“ nimmt man viele Leistungen des Pferdes reaktionslos an. Die Einstellung: „Ach, das kann der doch“, ist nicht nur unaufmerksam, sondern sogar respektlos gegenüber dem Pferd. Hat es etwas gut gemacht, bedarf es einer positiven Reaktion! Dem Richtigen sollte man keinesfalls weniger Aufmerksamkeit widmen als dem Falschen oder der Korrektur. Ein kleines Streicheln, ein zufriedenes „danke“ oder „brav“ zeigt nicht nur Anerkennung, sondern vermittelt auch ein entspanntes, freudiges Gefühl – und dieses nimmt das Pferd prompt wahr.

Die eigenen Emotionen übertragen sich in sekundenschnelle auf das Pferd, egal ob wir versuchen sie auszudrücken oder nicht. Gemeinsam mit dem Pferd in Harmonie schwelgen, davon träumen wohl alle Reiter. Dafür sollte man jedoch zuerst hinterfragen, welchem Leistungsdruck man sein Pferd aussetzt. Überwiegen die positiven Erlebnisse in der gemeinsamen Arbeit? Empfindet das Pferde diese ebenso? Ist man in der Lage, sich gemeinsam dem Moment hinzugeben und zu genießen, dass eine Lektion geglückt ist?


Nehmen Sie sich die Zeit, herauszufinden, welches Lob Ihr Pferd gerne mag, motivierend oder beruhigend findet.


Jeder Reiter kennt auch die Kehrseite der Medaille: die Situation, in der man Reitschüler ist. Welchen Unterschied es macht, ob der Reitlehrer zugewandt und wertschätzend bestätigt, wenn etwas gut läuft – oder mürrisch aus der Ecke „weiter so“ murmelt. Ebenso geht es dem Pferd mit uns als Reiter. Der wundervolle gemeinsame Moment, der uns ein Lächeln auf die Lippen zaubert, beruht auf tiefer Verbundenheit. Dazu muss man sich aufeinander einlassen, Signale und Stimmungen wahrnehmen und so darauf reagieren, dass der andere versteht. Nehmen Sie sich die Zeit, herauszufinden, welches Lob Ihr Pferd gerne mag. Es werden weder große Gesten noch laute Worte sein. Es ist eine Investition in gegenseitiges Verständnis und Harmonie. Wenn Manuel Jorge de Oliveira die Hände hinter dem Rücken verschränkt und leise, tief und langgezogen „Exakt“ sagt, dann wissen sowohl Reiter als auch Pferd, dass sie etwas gut gemacht haben.