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Bittere Süße


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 29.01.2019

Im 18. Jahrhundert entwickelte Europa Appetit auf Zucker. Der KaufmannHeinrich Carl Schimmelmann stieg ins Geschäft mit dem Kolonialprodukt ein – und wurde zum Sklavenhändler.


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Bildquelle: Spiegel Geschichte, Ausgabe 1/2019

Mit Messern
Der Maler William Clark war Anfang des 19. Jahrhunderts auf der Karibikinsel Antigua zu Gast und hielt dort Szenen aus der Arbeit auf den Zuckerrohrplantagen fest. Hier schneiden Sklaven das Zuckerrohr, das bis zu drei Meter hoch werden kann(kolorierter Stich, 1823).


Mit Profit
Auf dem Porträt, das Heinrich Carl Schimmelmann etwa 1773 von sich und seiner Frau anfertigen ließ, ist auch ein schwarzer Kammerdiener zu ...

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Mit Profit
Auf dem Porträt, das Heinrich Carl Schimmelmann etwa 1773 von sich und seiner Frau anfertigen ließ, ist auch ein schwarzer Kammerdiener zu sehen – ein exo tisches Status-symbol.


Es war eine gewaltige Investition gewesen, keine Frage. 400000 Reichstaler waren auch für einen schwerreichen Geschäftsmann wie Heinrich Carl Schimmelmann kein Pappenstiel. Und mindestens 100000 würde er noch zusätzlich drauflegen müssen: Um die Plantagen wieder »in guten Stande« zu bringen, brauche man »viele Neegers«, hatte ihm sein Verwalter Johann Lobeck geschrieben – Sklaven aus Afrika. Eines nicht so fernen Tages aber, daran konnte für Schimmelmann kein Zweifel bestehen, würde es sich rentieren, dass er dem dänischen König 1763 vier Zuckerrohrplantagen auf den westindischen Inseln St. Croix, St. Thomas und St. Jan abkaufen konnte. Dass er obendrein noch die Königliche Zuckerraffinerie in Kopenhagen – die größte Nordeuropas – bekommen hatte, war sicherlich auch kein Nachteil.

Er solle »die erforderlichen Neger« ankaufen, schrieb Schimmelmann also an Lobeck, und ihm »eine ausführliche Specification« nach Hamburg schicken – mit Geschlecht, Name und Wert »von jedem Stück«. Die Brenneisen seien bereits auf dem Weg. Von nun an nämlich wurden jedem Sklaven auf den ehemals königlichen Plantagen die Initialen des neuen Besitzers in die Schulter gebrannt: »BvS« – Baron von Schimmelmann.

Eine halbe Million Reichstaler also für den Einstieg in ein Geschäft, mit dem Schimmelmann vorher noch nie zu tun hatte. Doch es war nicht irgendein Geschäft: In den vergangenen Jahrzehnten hatte sich Zucker von einer Kostbarkeit für Königshäuser und Adelige zu einem teuren, aber allmählich auch für breitere Bevölkerungsschichten erschwinglichen Luxusgut entwickelt. Die Nachfrage stieg und würde aller Voraussicht nach weiter steigen. Schon um 1700 war der Handelswert von Zucker doppelt so hoch gewesen wie der von Tabak. Sein Siegeszug hing maßgeblich mit der Verbreitung von Tee, Kaffee und Kakao zusammen – Genussmittel, die in ihren Herkunftsländern ungesüßt getrunken wurden, bei Europäern aber erst breiten Anklang fanden, als man dazu überging, ihre Bitterkeit durchs Süßen zu mildern. Besonders großen Bedarf gab es in England, wo Tee durch den Handel mit den ostindischen Kolonien so billig geworden war, dass auch der ärmste Arbeiter ihn sich leisten konnte; mit Zucker verrührte man ihn zur Illusion einer warmen Mahlzeit. Zwei Produkte, die aus den äußersten Enden der Welt herangeschafft werden mussten, hatten die Konsumgewohnheiten der Briten und vieler anderer Europäer innerhalb kurzer Zeit grundlegend verändert.

Dabei war Zuckerrohr lange auch in Europa angebaut worden: Die Araber hatten es während ihrer Eroberungszüge Mitte des 7. Jahrhunderts vermutlich als kalorienreichen Proviant im Gepäck und gaben ihr Wissen über den Anbau und die Kunst der Zuckerherstellung in den Ländern des Maghreb weiter. Bald wuchs Zuckerrohr auf Sizilien, Zypern, Malta und Kreta, bis sich der Anbau im 10. Jahrhundert schließlich auch in Spanien etablierte.

Für das normale Volk blieb Zucker trotzdem jahrhundertelang praktisch unbezahlbar. Im Mittelalter verwendete man ihn nur in winzigen Mengen als Gewürz oder Medizin. Er galt als Mittel gegen Fieber, Husten und Schmerzen und sogar gegen die Pest. Die Redewendung »wie ein Apotheker ohne Zucker« stand noch lange für einen Zustand vollkommener Hilflosigkeit. »Bei der Heilwirkung, die man ihm zuschrieb, spielten Farbe und Struktur eine entscheidende Rolle«, erklärt Kerstin Poehls, Professorin für Volkskunde an der Universität Hamburg. »Das Weiß stand für Reinheit, die Kristalle erinnerten an Edelsteine. So war schon rein äußerlich klar, dass man es mit einer Kostbarkeit zu tun hatte.«

Die Aura des Besonderen habe Zucker auch dann noch umgeben, als er ab dem 16. Jahrhundert in größeren Mengen aus den Kolonien der Neuen Welt kam: Wer es sich leisten konnte, reichte bei Diners zwischen jedem Gang eine Süßigkeit und schmückte die Tafel mit kunstvollen Zuckerskulpturen, um seinen Reichtum zu demonstrieren. Diese sogenannten »subtleties« wurden mit der Zeit immer ausladender und raffinierter und waren ab Mitte des 17. Jahrhunderts ein fester Bestandteil jeden Banketts. Könige und Fürsten ließen sich ganze Schlösser modellieren, weniger Betuchte behalfen sich mit marzipanüberzogenen Pappmodellen. Hundert Jahre später war Zucker in der Mittelschicht angekommen: immer noch teuer, aber zunehmend gefragt.


Immer wieder ist von geschwollenen und wunden Beinen die Rede, viele Sklaven trugen Holzprothesen.


Auf die Dauer hatten die europäischen Erzeuger gegen den Rohrzucker aus den Kolonien keine Chance: Im tropischen Klima gedieh das Zuckerrohr besser, ließ sich häufiger ernten, und es gab Land in Hülle und Fülle. Vor allem aber gab es Arbeitskräfte, die sich praktisch von selbst rentierten: Sklaven. Die Portugiesen hatten schon im 15. Jahrhundert begonnen, Männer, Frauen und Kinder aus Afrika zur Zuckerrohrernte auf die Azoren, nach Madeira oder Sao Tomé zu verschleppen – eine Praxis, die sich schnell auch in den anderen europäischen Kolonien durchsetzte.

»Die Plantagenwirtschaft auf den Rücken von Versklavten war gewissermaßen die Blaupause für die Industrialisierung«, sagt Michael Zeuske, Professor für Geschichte an der Universität Köln. »Die arbeitsteiligen, mechanischen Abläufe, die spezialisierte Massenproduktion, letztlich auch der Einsatz von Menschen als Betriebskapital – alles, was später typisch wird für die Arbeit in den Fabriken, wurde im Grunde auf den Plantagen erfunden.« Als Schimmelmann die königlichen Plantagen kaufte, gingen auch mehrere Hundert Sklaven in seinen Besitz über. Wie Werkzeug, Mühlen, Wirtschaftsgebäude und Vieh galten sie als Teil des Inventars. 386 versklavte Menschen waren es auf den zwei großen Plantagen von St. Croix, fast ein Drittel davon Kinder. Das geht aus einem Bericht zweier Gutachter hervor, die der dänische König kurz zuvor nach Westindien geschickt hatte, um den Wert der Besitzungen schätzen zu lassen. Sie inspizierten Abrechnungen und den Kulturstand der Felder, maßen kultivierte und nicht kultivierte Flächen und ließen sich sämtliche »Negersklaven « vorführen, um sie schriftlich zu erfassen.

Heute liegen diese Listen zusammen mit Schimmelmanns umfangreicher Geschäftskorrespondenz im schleswig-holsteinischen Landesarchiv. »Andreas« taucht darin auf, »Treiber für die anderen Neger, frisch und stark«; »Christian«, der es »gewohnt« sei, »in den Busch wegzulaufen«, und »Tobias«, der »die linke Hand in der Mühle ver-loren« habe. Da ist »Akra«, der weggelaufen sei, »obgleich er schlechte Beine hat«, und nun »angekettet an der Mühle« steht, »um Zuckerrohr einzustecken «, und »Martha«, die Ketten an den Füßen trägt: Weil sie an einer »Rebellion« beteiligt war, sei sie »verurteilt, zeitlebens in Eisen zu gehen«. Immer wieder ist von geschwollenen und wunden Beinen die Rede; viele Sklaven trugen Holzprothesen als Folge drakonischer Strafen. Ein Mann hatte sich erhängt, etliche waren geflüchtet, »maron-gelaufen«, wie man sagte, und wurden als Verluste verbucht.

Um das bereits kultivierte Land gewinnbringend zu bewirtschaften, empfahlen die Gutachter, 100 neue Sklaven anzuschaffen. Zur Urbarmachung seien weitere 130 vonnöten. Am besten, man beordere ein Schiff mit 300 »Negern« von Guinea nach St. Croix, wähle gleich bei der Ankunft im Fort Christiansted die besten aus und versteigere den Rest. Im Übrigen sei der Ankauf von jährlich 15 bis 20 »Negern« geboten, um die durch Alter, Krankheit, Tod und niedrige Geburtenzahlen verursachte Unterbilanz auszugleichen. Das also war das Geschäft, in das der 41-jährige Heinrich Carl Schimmelmann im März 1763 einstieg.

Er muss gewusst haben, worauf er sich einließ. Beim Geldverdienen machte ihm keiner etwas vor. Die Branche war ihm egal, solange sich damit Gewinn machen ließ, und Risiken hatte der Sohn eines Getreidekaufmanns aus Pommern ohnehin nie gescheut: Nach seiner Lehre bei einem Seidenhändler hatte er ein Transportunternehmen auf der Elbe gegründet, war in Hamburg bankrottgegangen, hatte sich 1745 als Kaufmann in Dresden niedergelassen, wo er das sächsische Bürgerrecht erhielt und erneut Konkurs anmeldete – auf betrügerische Weise, wie manche sagten. Dank der vorteilhaften Hochzeit mit Caroline Tugendreich von Friedeborn konnte er aber zwei Jahre später in die gesellschaftliche Elite Dresdens aufsteigen.

Mit Zwang
Christoph Kolumbus hatte Zuckerrohrschösslinge in die Karibik gebracht; Zucker wurde zum wichtigsten Exportartikel der euro-päischen Kolonien dort. Um die Plan-tagen zu bewirtschaften, wurden Millionen von Menschen in Afrika versklavt und in die Karibik gebracht. Hier stellte William Clark dar, wie die Schösslinge des Zuckerrohrs gepflanzt wurden (1823).


Schimmelmann leistete sich prunkvolle Kutschen, Möbel aus ganz Europa und lud zu pompösen Festen.


Sein Handel mit Kaffee, Tabak und Zucker florierte damals, zugleich verdiente er gut als Steuereintreiber für Kaffeeimporte; ein Recht, das er für mehrere Jahre gepachtet hatte. Selbst den Einmarsch des preußischen Heeres in Sachsen 1756 zum Auftakt des Siebenjährigen Krieges konnte Schimmelmann zu seinem Vorteil nutzen: Friedrich II. war an seinem Insiderwissen über die sächsischen Finanzen interessiert und betraute ihn darüber hinaus damit, seine Armee mit Getreide zu beliefern – für die Sachsen Landesverrat, für Schimmelmann eine Goldgrube.

1757 war er nach Hamburg gegangen, das vom Krieg nicht betroffen war. Zu seinem Tross, der sich für den Umzug auf der Elbe einschiffte, gehörten neben seiner Frau und seinen vier Kindern mehr als 70 Mitarbeiter und Diener, zahlreiche Fässer voller Münzen verschiedener europäischer Prägungen und über hundert Kisten Meißner Porzellan, die Friedrich II. in Sachsen beschlagnahmt und zum Schleuderpreis an Schimmelmann verkauft hatte, der sie nun mit gutem Gewinn in der Hansestadt losschlug. Er bezog ein herrschaftliches Palais in bester Lage und richtete dort sein Kontor ein. Dass die Hamburger Kaufleute ihm das Bürgerrecht verweigerten, weil er ihnen als Günstling des Preußenkönigs suspekt war, kümmerte ihn nicht; die Geschäfte liefen auch so ausgezeichnet.

Er stieg ins Münzgeschäft ein, wo er, unter anderem mit Manipulationen, sein nächstes Vermögen machte und legte sich 1759 das nahe gelegene, zu Dänemark gehörende Schloss Ahrensburg zu, samt mehreren Dörfern, Höfen, Meiereien und Wald. Mit dem repräsentativen Anwesen, das Schimmelmann sofort nach dem Geschmack der Zeit im Rokokostil umbauen ließ, gingen zugleich die Privilegien eines adligen Gutsherren wie das Jagdrecht und die Gerichtsbarkeit über die leibeigenen Bauern auf ihn über. Seine Kaufentscheidung dürfte das maßgeblich beeinflusst haben, denn ihm lag daran, in Adelskreisen als ebenbürtig anerkannt zu werden: Achtspännige Kutschen mit livrierten Dienern und Pferden in Prunkgeschirr, kostspielige Möbel aus ganz Europa, der Habitus eines Fürsten, pompöse Feste und feine Salons – was Schimmelmanns bürgerliche Herkunft nicht hergab, sollte sein Reichtum wettmachen.

Und das Konzept ging auf: 1760 war der dänische König Friedrich V. auf den erfolgreichen Ge-schäftsmann aufmerksam geworden und hatte ihn als Finanzberater an den Hof geholt. Nun hatte Schimmelmann Zugang zu höchsten Regierungskreisen.

In Kopenhagen kaufte er sich ein hochherrschaftliches Stadtpalais, in dem er von nun an mit seiner Familie die Wintermonate verbrachte, und kurz darauf das vor den Toren Hamburgs gelegene Gut Wandsbek, wo er ein Schloss in französischem Stil bauen ließ. Der Kauf der Baronie Lindenborg bei Aalborg und weiterer Ländereien machten Schimmelmanns Status als Großgrundbesitzer perfekt, erst kürzlich hatte ihn der dänische König in den Freiherrenstand erheben lassen.

Unter Qualen
In großen Kesseln mussten versklavte Menschen – hier auf Trinidad – den Saft des Zuckerrohrs einkochen, um daraus Zucker zu gewinnen. Es war eine Knochenarbeit bei großer Hitze. Die Zeichnungen von William Clark beschönigen die Arbeitsbedingungen der Versklavten stark, bei ihm sind sie auf jedem Bild gut gekleidet, und ihre Arbeit wirkt leicht (1823).


Nun also Zucker.

Schimmelmann war sich des Risikos bewusst, das er einging: Von schlechten Ernten, gekenterten Schiffen und entlaufenen »Negersklaven« bis zu fallenden Preisen – an jedem Abschnitt der Wertschöpfungskette drohten Verluste. Doch zeigte sich schnell, dass ihn sein Gespür für lukrative Ge-schäfte nicht getäuscht hatte: Schon 1767, vier Jahre nach dem Kauf, warfen Plantagen und Raffinerie einen Gewinn von 54298 Reichstalern ab. Seine Investition hatte sich also mit 10,8 Prozent verzinst. Mit landwirtschaftlichen Betrieben in Europa waren solche Renditen nicht zu erzielen. Sie brachten höchstens 5 Prozent.

Die letzte Zuckerernte war allerdings auch hervorragend gewesen: 1500 Fässer, jedes 500 Kilogramm schwer, hatten die Inseln Richtung Europa verlassen – ein sensationelles Ergebnis. Und dabei ging es ja gerade erst los. Große Flächen waren gerodet und mit Zuckerrohr bepflanzt worden.

Auch die Anschaffungskosten für die neuen Sklaven würden sich erst allmählich amortisieren: Drei Jahre, so hieß es, dauere es, bis die Neuankömmlinge sich an das Klima gewöhnt und in die harte Arbeit gefügt hätten. Erfahrungsgemäß starben dabei rund 20 Prozent dieser »Bussalneger« – Verluste, die mit kaufmännischer Präzision in die Kalkulationen flossen und durch entsprechende Zukäufe ausgeglichen wurden.

1767 arbeiteten auf Schimmelmanns Plantagen schon 930 Versklavte – 80 Prozent mehr als vorher. 1781 würden es weit über tausend sein, was Schimmelmann zu einem der größten Sklavenhalter seiner Zeit machte. Und doch sind diese Zahlen nur ein winziger Ausschnitt: Insgesamt lebten auf den drei Inseln in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts fast 30000 verschleppte Menschen, die man zur Arbeit auf den Plantagen zwang. He-rangeschifft wurden noch viel mehr, denn nicht nur der steigende Bedarf musste gedeckt, sondern auch die hohen Sterblichkeitsraten mussten aus-geglichen werden.

Und schließlich waren auch die Inseln nur ein Bruchteil der europäischen Kolonien: Allein in der Karibik gab es um 1790 knapp drei Millionen Versklavte, 500000 davon in der französischen Kolonie Saint-Domingue, dem heutigen Haiti. »Sklavenhandel war ein kompliziertes Geschäft, aber wenn die Expeditionen gelangen, war es hoch profitabel«, sagt Historiker Zeuske. »Mit Ausnahme von Nah-rungsmitteln wurde keine andere Ware, nicht einmal Gold oder Elfenbein, in vergleichbarem Umfang aus Afrika exportiert wie die Ware Mensch.«

Die Plantagen machten Schimmelmann mit einem Schlag zum Global Player, zum Teilhaber und Profiteur eines Systems, das den wirtschaftlichen Aufstieg Europas begründete und dessen Vormachtstellung zementierte – der »transatlantische Dreieckshandel «: An der Küste Westafrikas verkaufte man Waffen, Schnaps und Webstoffe aus europä-ischen Manufakturen. Im Gegenzug erwarb man bei lokalen Händlern aus dem Landesinneren verschleppte Menschen, pferchte sie gefesselt unter Deck in Schiffe und schaffte sie auf einer wochenlangen Seefahrt in die amerikanischen Kolonien und nach Westindien – eine Tortur, bei der bereits bis zu zehn Prozent starben. Wenn an Bord Epidemien ausbrachen, auch mehr. Nach der Ankunft vergingen meist noch einmal mehrere Wochen, bis alle Überlebenden verkauft waren: Mal herrschte ein Überangebot, mal waren die Käufer mit dem Angebot nicht zufrieden, oder die Versklavten waren von der Überfahrt krank oder zu schwach, um den erhofften Gewinn zu erzielen. »Das war Marktwirtschaft mit menschlichen Körpern«, sagt Zeuske.

Mit den Erlösen kauften die Händler dann die Früchte der Sklavenarbeit und beluden ihre Schiffe für die Rückfahrt nach Europa mit Baumwolle, Kaffee, Indigo, Kakao, Zucker und Rum. »Solange die Europäer ihre Kolonien unter Kontrolle hatten, war der ›Dreieckshandel‹ aus Sicht europäischer Reeder, Kaufleute und Bankiers ein geradezu ideales Konstrukt mit maximalen Gewinnmargen«, sagt Zeuske. »Er schaffte Absatzmärkte, versorgte die Kolonien mit Arbeitskräften, die den Boden erst wertvoll machten, und spülte kostbare Waren in die Handelsmetropolen, die durch den Weiterverkauf immer reicher und prächtiger wurden.«

Schimmelmann verdiente an jeder Ecke des Dreiecks: Von seinen Gütern in Holstein, Wandsbek und Jütland kamen Kattun und Branntwein, die er in Guinea verkaufen ließ. Mit dem Gewinn kauften seine Unterhändler Sklaven für seine Plantagen, die wiederum die Rohstoffe für seine Raffinerie in Kopenhagen und die Manufakturen seiner Güter lieferten. 1768 war ihm ein zusätzlicher Coup gelungen, als er die Kronborg-Gewehrfabrik auf Seeland erwerben konnte – und mit ihr das staatliche Monopol für die Waffenproduktion.

Nun war es nicht mehr die dänische Krone, sondern der private Unternehmer Schimmelmann, der die dänischen Forts in Afrika und der Karibik mit Gewehren belieferte. Auch den Bedarf seiner eigenen Plantagen an Waffen oder Werkzeug wie Haumesser für die Zuckerrohrernte konnte er nun selbst bedienen. Ein nahezu geschlossener Kreislauf also, dessen Reingewinn in Schimmelmanns Taschen floss. Und die Bedingungen dafür bestimmte er zum Gutteil selbst: 1768 war er zum dänischen Schatzmeister ernannt worden und saß in diversen Regierungskommissionen. Seither übte er faktisch die Aufgaben eines Finanz- und Wirtschaftsministers aus und konnte so als Politiker vorantreiben, was ihm als Kaufmann nützte.


»Das Elend einer halben Million im Joche der härtesten Tyrannei seufzender Menschen.«


Noch goldener wurden die Zeiten für ihn während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, als sich Frankreich mit Spanien 1778 auf die Seite der Amerikaner stellte und einen Seekrieg mit England begann. Zucker- und Kaffeeimporte gingen zurück, Versicherungen für Schiffsfrachten waren kaum noch zu bezahlen, und in den Kolonien stiegen die Preise für Salzheringe, Mehl und Werkzeug aus Europa auf das Doppelte. In dieser Situation entschied sich Dänemark für Neutralität und wurde zum Kriegsgewinnler, indem es als Transithändler einsprang: In Windeseile kaufte und baute man neue Handelsschiffe. Von bewaffneten Fregatten begleitet übernahmen diese als neutrale Flotte die Transporte der Waren.

Um die Kriegskonjunktur voll auszuschöpfen, wurde unter der Ägide des dänischen Schatzmeisters Schimmelmann die Dänisch-Westindische Handelsgesellschaft gegründet. Deren Kapital stückelte man in kleine Anteile, damit sich auch einfache Bürger Aktien leisten konnten. So kamen in kurzer Zeit große Geldmengen zusammen. Zu den Direktoren, die selbst auch Aktionäre waren, gehörten neben anderen hohen Beamten auch Schimmelmann und sein Sohn Ernst, der mittlerweile ins väterliche Imperium eingestiegen war und ebenfalls einflussreiche Posten im dänischen Staat innehatte. Auf dänischen Werften wurde rund um die Uhr gearbeitet. Stets sollte in Altona oder Kopenhagen ein Schiff bereitliegen, um kurzfristig Waren auf die Insel St. Thomas bringen zu können, die sich zum größten Umschlagplatz des Dreiecks handels entwickelte. Es galt, den Handel an sich zu reißen, solange die Konkurrenz durch den Krieg gebunden war.

Auch Schimmelmann Senior ließ es sich nicht nehmen, eigene Schiffe auszurüsten und zusätzli-che zu chartern. »Der Sklavenhandel liegt mir sehr am Herzen«, schrieb er an seinen Neffen, der vom Verwalter seiner Plantagen zum Generalgouverneur von Dänisch-Westindien aufgestiegen war. Er plane, den Handel »von St. Thomas aus« zu den »spanischen und französischen Inseln gleichfalls zu etablieren und deshalb beständig einigen Vorrat von Negern auf einer wohlfeil zu erkaufenden Plantage« zu halten.

Mit Mühe
Der Rohzucker wurde in Fässer gefüllt und nach Europa zur Weiterverarbeitung verschifft. Die Plantagen auf Antigua wurden von Briten betrieben, die Zeichnungen von William Clark waren für die Veröffent-lichung in England gedacht – sie vermittelten jedoch ein falsches Bild von den Lebens-umständen der Arbeiter (1823).


Inzwischen war es in Adelshäusern und unter reich gewordenen Reedern und Kaufleuten in Mode gekommen, schwarze Kammerdiener zu beschäftigen, sich den Kaffee, Tee oder Kakao von einem bunt gekleideten »Mohrenjungen« servieren oder bei Feiern einen schwarzen Trompeter auftreten zu lassen. Wem der Sinn nach einem solchen exotischen Statussymbol stand, dem war Schimmelmann gern behilflich: »Da der König zwei recht schöne Neger von 4 und 8 Jahren haben will, so bringe die 2 schönsten von allen meinen Negern mit«, befahl er dem Neffen. Und als der für die Herzogin von Mecklenburg bestimmte »Negerknabe Peter« in Kopenhagen eintraf, sorgte Schimmelmann persönlich dafür, dass dieser nach Lübeck verschifft und abgeholt wurde. Auch im Hause Schimmelmann standen mehrere junge Afrikaner in Diensten, die Heinrich von seinen Plantagen geholt hatte und die – wie Ananaspflanzen, Orangenbäume oder das Äffchen im Pferdestall – von seinem Reichtum und seinen Verbindungen in ferne Länder zeugten. Als Heinrich Carl Schimmelmann überraschend am 15. Februar 1782 in Kopenhagen starb, hinterließ er ein Vermögen von geschätzten fünf Millionen Reichstalern. Ein Jahr später schlossen Briten und Franzosen einen Friedensvertrag, der, genau wie er befürchtet hatte, für Dänemark das Ende des großen Profits einläutete: Das wiedererstarkte England drängte zurück auf den Sklaven- und Zuckermarkt und hängte in den folgenden Jahren mit Dumpingpreisen sämtliche Konkurrenten ab.

1799 gelang es dem deutschen Chemiker Franz Carl Achard nach jahrelangen Versuchen, Zucker aus Runkelrüben zu gewinnen. Das mühsame Unterfangen brachte ihm weder Geld noch Ruhm, doch darum ging es ihm auch nicht: Angesichts des »schrecklichen Schicksals der Neger-Sklaven«, schrieb er 1809, werde »die Erzeugung des Zuckers aus Runkelrüben zur Sache der Menschheit«, zum Mittel, »das Elend einer halben Million im Joche der härtesten Tyrannei seufzender Menschen aufzuheben«.

Erst in den 1830er-Jahren entwickelte sich die Rübenzuckerindustrie zu einem der wichtigsten deutschen Wirtschaftszweige. Um 1850 hatte der Zucker aus Runkelrüben dem Rohrzucker in Euro-pa endgültig den Rang abgelaufen. Dänemark, das Land, in dem Schimmelmann mit dem Sklaven-handel reich geworden war, hatte schon vorher die Gesetze geändert: Als erster Staat verbot es 1792 den Sklavenhandel – allerdings weniger aus Überzeugung, sondern weil damit wegen der englischen Konkurrenz kein Geld mehr zu verdienen war. Der Firma Schimmelmann und den anderen Profiteuren des Sklavenhandels blieb eine großzügige Übergangsfrist: Das Gesetz trat erst 1803 in Kraft.