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Bl nde Fl cke


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 06.03.2020

SELBSTWAHRNEHMUNG Unser eigenes Verhalten und das von anderen messen wir oft mit zweierlei Maß. Warum fällt es uns so schwer, unsere Fehler zu erkennen?


UNSE R AUTOR

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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 4/2020

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Martin Hecht studierte Politik, Geschichte, Soziologie und Kommunikationswissenschaften in Freiburg und London. Er ist seit vielen Jahren Autor, Publizist und Schriftsteller.

Jeder hat sie, niemand sieht sie: blinde Flecke. Kognitive Blackouts trotz nächster Nähe, Aussetzer der Erkenntnis, ausgerechnet wenn es um einen selbst geht. Beispiele dafür gibt es viele: Der Bischof, der zur Armut aufruft, aber selbst in Saus und ...

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... Braus lebt. Die Krankenschwester, die vorgibt, barmherzig zu sein, ihre wehrlosen Patienten jedoch wie eine Gefängniswärterin anherrscht. Journalisten, die andernorts Seilschaften anprangern, aber nur durch heimliche Absprachen in ihre Position gekommen sind. Immer wieder missachten wir, ohne dass wir es bemerken, ausgerechnet die Werte, in deren Namen wir angetreten sind.

Bei anderen Menschen fallen uns solche logischen Brüche in ihrem Verhalten viel eher auf als bei uns selbst. Schon in der Bibel benennt Jesus diese nur allzu menschliche Schwäche und fragt: »Was siehst du aber den Splitter im Auge deines Bruders, doch den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?« (Matthäus 7,3). Erstaunlich ist, dass auch Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater nicht vor blinden Flecken gefeit sind. Ihr »fremdanalytisch « scharfer Blick scheint sie genauso wenig vor großen Fehltritten im privaten Leben zu bewahren wie den psychologischen Laien.

Ein besonders eindrückliches Beispiel hierfür lieferte vor ein paar Jahren der Psychotherapeut Martin Miller in seinem Buch »Das wahre ›Drama des begabten Kindes‹ «, das von der schwierigen Beziehung zu seiner Mutter handelt, der berühmten Psychologin Alice Miller. Er erzählt darin die Geschichte eines blinden Flecks, der massiver kaum sein könnte: Ausgerechnet die große Kindheitsforscherin, die sich wie keine andere mit den Themen Gewalt und Missbrauch von Kindern befasste, soll, glaubt man den Schilderungen ihres Sohns, jahrelang vollkommen tatenlos geblieben sein, als ihr eigenes Kind von seinem Vater misshandelt wurde. Viel spricht dafür, dass sie nicht einfach weggeschaut hat, sondern dass sie das, was sie mitbekam, schlicht nicht als problematisch betrachtete.

Wie kann es sein, dass eine so scharfsichtige und engagierte Analytikerin wie Alice Miller bei anderen Eltern und deren Kindern so viel erkannt hat, bei sich selbst als Mutter und bei ihrem eigenen Sohn jedoch nichts? Warum sind Menschen überhaupt mit solch großen blinden Flecken geschlagen?

Offenbar können wir unsere Mitmenschen relativ gut einschätzen, bei uns selbst scheitern wir hingegen häufig. Was wir bei anderen erkannt haben, sehen wir bei uns nicht und können es oft nicht auf unser eigenes Handeln übertragen. Zwischen einer kognitiven Erkenntnis und ihrer praktischen Umsetzung besteht anscheinend ein großes Hindernis. Oder wie es die beiden Autoren des Buchs »Blind Spots«, Max Bazerman und Ann Tenbrunsel, ausdrücken: »Es existiert eine Kluft zwischen dem, was wir eigentlich tun sollten, und dem, was wir am Ende tatsächlich tun.«

Im Prinzip sind blinde Flecke die Folge eines strukturellen Erkenntnisproblems. Jeder Mensch ist in dem unlösbaren Dilemma gefangen, sich als Subjekt nicht gleichzeitig zum Objekt seiner Erkenntnis machen zu können - zumindest nicht ohne gewisse Einschränkungen. Im Erkenntnismoment sind wir immer zugleich emotional betroffen. Der Blick auf uns selbst ist nicht rational und wird getrübt von wechselnden Gefühlen, die unsere Wahrnehmung beeinflussen. Für echte Selbsterkenntnis brauchen wir deshalb auch »bildgebende « Verfahren oder andere Menschen, die uns aus einer gewissen Distanz heraus in den Blick nehmen.

Das verdeutlicht beispielsweise eine Untersuchung von Simine Vazire von der University of California in Davis. Die US-amerikanische Sozialpsychologin befragte 165 Versuchspersonen zu deren Charaktereigenschaften und ließ sie verschiedene Verhaltenstests absolvieren. Anschließend sollten vier Freunde und vier Fremde ebenfalls die Persönlichkeit der Probanden analysieren. Bei Eigenschaften, die sich von außen nicht sehr gut beobachten lassen, wie etwa die emotionale Stabilität, konnten die Teilnehmer sich selbst am besten einschätzen. Anders sah es bei Merkmalen wie den intellektuellen Fähigkeiten aus: Hier trafen Freunde häufiger ins Schwarze als die Versuchspersonen.

In eine ähnliche Richtung weist ein Experiment, das Vazire 2019 gemeinsam mit ihrer Kollegin Jessie Sun durchführte. Dazu statteten die Wissenschaftlerinnen mehr als 400 Studierende mit mobilen Aufnahmegeräten aus, die in regelmäßigen Abständen Tonmitschnitte aus dem Alltag der Teilnehmer sammelten. Zusätzlich wurden die Probanden mehrmals am Tag per SMS dazu aufgefordert, sich selbst in diesem Moment zu beschreiben. Anschließend legten die Forscherinnen die gesammelten Aufnahmen sechs Assistenten vor, welche die Charaktereigenschaften der Versuchspersonen ebenfalls bewerten sollten.

Im Hinblick auf die Merkmale Extraversion und Gewissenhaftigkeit stimmten Selbst- und Fremdbewertung relativ gut überein. Wann sie sich liebenswürdig und wann sie sich ruppig verhielten, konnten die Studierenden hingegen nicht besonders gut beurteilen. Vazire schließt daraus, dass es anscheinend Facetten unserer Persönlichkeit gibt, die wir selbst am besten an uns erkennen können. Andere sind hingegen von außen klarer ersichtlich - ein Phänomen, das die Forscherin als »self-other knowledge asymmetry« (SOKA) bezeichnet.

Die Gefühle anderer spielen kaum eine Rolle

Doch wie kommt es zu Stande? Die Psychologin Emily Pronin von der Princeton University glaubt, dass wir bei der Einschätzung von uns selbst häufig einer »introspektiven Illusion« erliegen: Während wir andere Menschen vor allem anhand ihres nach außen sichtbaren Verhaltens beurteilen, basiert unsere Bewertung unserer eigenen Handlungen hauptsächlich auf unseren inneren Einsichten - auf unseren Gedanken, Gefühlen, Absichten. Das Innenleben der anderen Menschen wie auch unser eigenes Verhalten spielen für unsere Urteile kaum eine Rolle. Das führt etwa zu dem Phänomen, dass sich die meisten Menschen für überdurchschnittlich klug halten oder glauben, sie könnten besonders gut Auto fahren. Es sorgt ebenfalls dafür, dass sich 90 Prozent als weniger manipulierbar und beeinflussbar betrachten als der Durchschnitt der Bevölkerung, wie eine Befragung unter 600 US-Amerikanern ergab, an der Pronin ebenfalls beteiligt war.

Auf einen Blick: Die Lücken der Selbsterkenntnis

1 Während uns logische Brüche im Verhalten von anderen Menschen leicht auffallen, sind wir für eigene Fehler oft blind. Dadurch missachten wir unbewusst jene Werte, die uns eigentlich wichtig sind.

2 Blinde Flecke entstehen unter anderem dadurch, dass wir unsere eigenen Handlungen und die von anderen aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Sie sind aber auch ein Schutzmechanismus, mit dem wir ein stimmiges Bild von uns selbst aufrechterhalten.

3 Personen, die uns nahestehen, schätzen manche Facetten unserer Persönlichkeit häufig besser ein als wir selbst. Regelmäßiges Feedback von außen kann deshalb unsere Selbstwahrnehmung merklich verbessern.

»Menschen versuchen ein starkes, widerspruchsfreies Selbstbild von sich aufrechtzuerhalten. Wie möchte ich sein? Was nicht ins Bild passt, wird ausgeblendet, um Kohärenz und Konsistenz herzustellen. Blinde Flecke sind sozusagen ein Schutz vor negativen Gefühlen, Verunsicherung und unliebsamen Selbsterkenntnissen«, sagt Klaus Lieb, Professor für Psychiatrie am Universitätsklinikum Mainz. Und dieser Selbstschutz ist sehr effektiv. Schon Sigmund Freud hat die Mechanismen der Tilgung unangenehmer Selbsterkenntnis in seiner Verdrängungstheorie thematisiert. Auch er spricht von einer »Blindheit gegenüber dem eigenen psychischen Apparat«. Man sieht bei sich selbst nicht, was man bei anderen sieht, weil Affekte oder gar Handlungsaufträge an einen selbst entstehen könnten, die als unangenehm oder bedrohlich empfunden und deshalb unterdrückt werden.

Unter den blinden Flecken liegen oft die wunden Punkte der eigenen Persönlichkeit. In manchen Fällen können sie womöglich sogar traumatische Erfahrungen überdecken: jene innere Regionen, um die herum unser Unterbewusstes im Lauf unseres Lebens hohe Barrikaden errichtet hat, um uns vor Schmerz und Verunsicherung zu schützen. Das könnte auch bei Alice Miller der Fall gewesen sein, die den Schilderungen ihres Sohns zufolge ebenfalls ein großes Kindheitstrauma erlebte: So war sie nicht nur ein ungeliebtes Kind, das von seiner Mutter abgelehnt wurde, sondern auf Grund ihrer jüdischen Wurzeln durch die Nationalsozialisten zudem ständig vom Tod bedroht. Möglicherweise verhinderte das Kindheitstrauma hinter ihrem blinden Fleck, dass sie eine liebevolle Beziehung zu ihrem Sohn aufbauen und ihr professionelles Instrumentarium auf das eigene Kind anwenden konnte.

»Unser Geist ist nicht dafür geschaffen, sich selbst zu erkennen, sondern um zu funktionieren«, schreibt »Gehirn&Geist«-Redakteur Steve Ayan in seinem Buch »Ich und andere Irrtümer. Die Illusion der Selbsterkenntnis «. Aber kann man nicht dennoch, wie Hermann Hesse schon als 15-Jähriger von sich gefordert hat, die Mauern einrennen, die einen von sich selbst trennen?

Mit der Zeit kommt die Einsicht

Es scheint auf jeden Fall auch eine Frage der Zeit, der Reife und des Alters zu sein. Es gibt viele biografische Rückblicke etwa von Schriftstellern, die von wahrer Hellsicht zeugen. Hesse schrieb in seinem Spätwerk: »Aber wenn meine Bücher auch alle guten Erkenntnisse der Welt enthielten, so bliebe doch das bestehen, dass Schreiben nicht Leben ist und dass man edle Psalmen dichten, dabei aber ein höchst ungerechter Kammermacher sein kann. Ich habe als Dichter Kelche geleert und Pillen gefressen, um die ich mich als Herr Hesse gedrückt habe.« Und sogar Alice Miller erkannte offenbar noch spät ihre Fehler. In einem Brief an ihren Sohn aus dem Jahr 1998 räumt sie ein, als Mutter »ahnungslos, kalt, hart« gewesen zu sein, dazu »kritisierend, korrigierend, erzieherisch und nie wirklich so, wie ich hätte sein wollen, wie ich es mir einbildete zu sein«. Tatsächlich erscheint, wie der Schweizer Journalist und Autor Andreas Strehle geschrieben hat, ihr Buch »Das Drama des begabten Kindes« »vor dem Hintergrund des Erfahrungsberichts ihres Sohns als undeklarierte Rechtfertigung, vielleicht sogar als Bitte um Ablass und Verzeihung«.

SELBSTWAHRNEHMUNG

Max Bazerman und Ann Tenbrunsel schlagen vor, an der eigenen Selbstwahrnehmung zu arbeiten, um blinde Flecke zu beseitigen. Statt reflexhaft zu reagieren, gelte es gerade vor moralischen Entscheidungen, erst einmal die eigenen Werte herauszuarbeiten - und deren Auswirkungen auf das Handeln. Die beiden Autoren stützen sich dabei auf ein ähnliches Modell wie der USamerikanische Psychologe Daniel Kahneman, der davon ausgeht, dass unser Denken auf zwei verschiedenen Wegen abläuft: »System 1« ist das schnelle, automatische und emotionale Entscheidungssystem, »System 2« das langsame, logische und bewusste. Häufig lassen wir uns von System 1 leiten. Weniger blinde Flecke gebe es, so die Autoren, wenn wir beim Treffen von moralischen Entscheidungen ausführlicher und mit mehr Geduld System 2 konsultierten. So falle es uns leichter, Unstimmigkeiten zwischen unserem Wollen und unserem Tun aufzudecken.

Aber auch Feedback von anderen Menschen kann uns dabei helfen, uns selbst in einem klareren Licht zu sehen und mögliche Charakterschwächen zu erkennen, die wir nur allzu gerne ausblenden - etwa, dass wir in Gesprächen dazu neigen, immer nur von uns selbst zu reden. Zu diesem Schluss kamen Simine Vazire, Kathryn Bollich und Paul Johannet 2011 an der Washington University in St. Louis in einer Übersichtsarbeit. Wertvolle Tippgeber sind demnach Personen, die uns nahestehen, im besten Fall aber noch genug Distanz zu uns haben, um ein möglichst objektives Urteil zu fällen. Die Bewertungen von Freunden und Familienmitgliedern sind ebenfalls hilfreich, da wir diese in aller Regel für besonders glaubwürdig erachten. Somit steigt die Chance, dass wir uns etwaige Kritik auch zu Herzen nehmen.

Wie gut wir auf fremdes Feedback reagieren, hängt zudem von den Umständen und von unserer Persönlichkeit ab. So sei es nicht ratsam, jemanden mit zu vielen (negativen) Informationen auf einmal zu konfrontieren, schreiben die Autoren. Stattdessen brauche die betreffende Person Zeit, um das Gehörte zu verarbeiten. Menschen mit einem hohen Selbstbewusstsein verkraften unangenehme Wahrheiten über sich selbst grundsätzlich besser, wie Studien zeigen. Ein gewisses Maß an Extraversion, Offenheit und emotionaler Stabilität helfen uns ebenfalls dabei, die Ratschläge anderer Menschen anzunehmen.

Für diejenigen, die im ersten Moment beratungsresistent wirken, kann Feedback von außen allerdings trotzdem nützlich sein, glauben Vazire und ihre Kollegen: indem die Rückmeldung neue Informationen liefert, die potenziell immer dann wieder ins Bewusstsein vordringen, wenn man in entsprechende Situationen gelangt - oder wenn man erneut mit derselben Kritik konfrontiert wird.

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