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Blatten auf Heimliche und Unbekannte


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JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 80/2022 vom 15.07.2022

Faszination Blattjagd

Artikelbild für den Artikel "Blatten auf Heimliche und Unbekannte" aus der Ausgabe 80/2022 von JÄGER. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Aufmerksam äugen Bock und Ricke, wo der Fiepton herkommt.

Vieles bleibt in unseren Revieren im Verborgenen, selbst bei unserem geliebten Rehwild.

Da gibt es zwar Böcke, die voller Stolz fast majestätisch im gesamten Sommer zur gleichen Zeit zu beobachten sind und wiederum andere, die wir nur hin und wieder zu Gesicht bekommen. Im Feld verschwinden sie mit einem Mal in den Getreide- und Maisschlägen, im Wald in den dunklen Naturverjüngungen die Schatten und Kühle in den heißen Sommertagen bringen. Sie werden nur noch unregelmäßig bestätigt.

Aber da gibt es trotz der modernen Zeit den Unbekannten. Fast nie gesehen, nur vermutet, wahre Geister. Im Waldrevier sind sie sicher häufiger als im Feldrevier.

Wie sie sich unseren Blicken über Jahre entziehen, bleibt ihr Geheimnis. Doch das ist auch gut so, Geheimnisse müssen bewahrt werden.

Hochphase der Blattzeit

So waren auch mein Sohn und ich wieder überrascht über die Erlegung eines völlig ...

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... unbekannten Bocks im letzten Sommer.

Als mein Sohn mich Anfang August fragte, ob ich ihn nicht zum Blatten begleiten könne, sagte ich natürlich sofort zu. Die beste Zeit zum Blatten liegt bei uns in der norddeutschen Tiefebene zwischen dem 2. und 12. August. Anfang August, wenn die meisten Schmalrehe und Ricken bereits beschlagen sind, halten die Böcke nach weiteren brunftigen Stücken Ausschau und springen eher auf die künstlich erzeugten Fieptöne, als am Anfang der Brunft. Wenn der Bock aufs Blatten springt, erfordert eben diese Situation einen umsichtigen Waidmann, denn dieser muss den Bock mitunter in wenigen Sekunden ansprechen, oft sogar zum Anhalten bringen und im richtigen Augenblick eine saubere Kugel antragen. Bei der Blattjagd muss der Jäger einfach reaktionsschnell sein.

Verschiedene Töne nutzen

So saßen wir am großen Moor mit unserem sorglosen Optimismus gegen Abend auf der alten Kanzel. Ich blatte vom Schirm aus, im deckenden Unterholz oder auch vom Hochsitz und habe dabei nie einen Unterschied im Erfolg erlebt. Selbst nutzte ich an diesem Abend nach einer Wartezeit beim „Blatten“ den Mundfiepton. Der Vorteil ist, immer beide Hände für Fernglas und Waffe frei zu haben. Ich mag diesen als Kind schon gelernten, natürlichen Ton ohne weitere künstliche Blatter. So werden zudem viele unnötige Bewegungen erspart. Der Mundfiepton wird durch Herauspressen der Luft durch die zusammengepressten Lippen erzeugt. Aber wie so oft auch an diesem Abend: Die Bühne in Mutter Natur blieb leer. Nicht einmal ein neugieriger, gerade geschlechtsreif gewordener Jährling erschien. Wir wollten nicht wechseln. Vielleicht waren wir aber auch einfach zu bequem. Nach einiger Zeit wechselte ich zu meinem beliebten Buttolo-Blatter. Der Mundfiepton trägt nicht besonders weit, beim Gummiblasebalg Buttolo ist das Gegenteil der Fall. Mit ihm können sämtliche Töne erzeugt werden. Mit etwas Übung lässt er sich darüber hinaus zusammen mit der Waffe halten.

„Der Erfolg beim Blatten wird auf eine ganz leichte Art gesteigert: Man lässt die Böcke bis zur Brunft leben. Tote Böcke springen nicht!“

Dennoch, die ersehnte Anblick blieb an diesem Abend aus. Falscher Platz, falsche Zeit? Fragen, auf die wir beim Blatten nie eine Antwort bekommen.

Ein Bock springt ungern aus der Dickung in eine Freifläche. Gerade der Alte nutzt oft jede Deckung. Ich hadere mit mir selbst, hätte ich am Mai oder doch am geernteten Raps mit Junior sitzen sollen?

Faszination der Jahreszeit

Doch noch bevor die Sonne sich schwerfällig weiter neigte, passierte das Unglaubliche. Ein mir völlig unbekannter Bock verhoffte wie hingezaubert im Schutz der jungen Moorbirken. Seine Farbe war hell, nicht dunkel wie es oft fälschlicherweise von einem alten Bock erwartet wird. Der Träger wirkte nicht allzu dick, aber irgendwie steif. Eines war aber offensichtlich, er war auffallend erregt. Ich beobachtete ihn gespannt. Immer wieder zog er seinen Lecker über den Wildfang und bevor ich überhaupt eine Entscheidung fällen konnte, zog der Unbekannte mit dem Haupt nach unten suchend zügig spitz auf uns zu. Es wurde aber immer offensichtlicher. Kurze Rosenstöcke, fast auf dem Schädel sitzend, Dachrosen, wahrscheinlich zurückgesetztes unregelmäßiges Gabelgehörn. Aber dann passte dem alten Herrn augenblicklich etwas nicht, hatte er doch eine Bewegung eräugt oder unser Tuscheln vernommen? Er drehte ab, wollte zurück in sein sicheres Moor, seinen Einstand. Aber die Entscheidung war gefallen. Alles geschah wie im Zeitlupentempo. Die Herzen schlugen, ein Nicken zum Junior, ein weiterer Fiepton, ein zusätzliches Schrecken bannte den Bock auf den Fleck und in der gleichen Sekunde brach der Schuss. Am erlegten Bock dann die Gewissheit: alt, unbekannt und nie vorher gesehen. Kein Bock vom Nachbarn, dafür ist das Revier viel zu groß und glauben sie mir, wir verbringen unser Leben im Revier. Ja, das ist die Faszination der Blattjagd.

Standortwahl

Aus Erfahrung kennen wir bevorzugte Einstände und frische Plätz- und Fegestellen, wir bestätigen den Bock. Ich wähle den Standort, in dem ich mich in den Bock versetze und stelle mir vor, wo ich mich am liebsten als Bock aufhalten würde.

Ein Jäger muss sich ohnehin grundsätzlich in die Lage des Wildes versetzen. Oft sind leicht einsehbare Stangenhölzer im Wald ideal oder Lagergetreide in den großen Schlägen. Selbst so manche Fahrgasse verspricht Erfolg. Wald und Feldreviere unterscheiden sich enorm in der Standortwahl. Haben wir einen solchen Platz in Einstandsnähe gefunden, muss nicht immer gleich ein transportabler Schirm aufgestellt werden. Oft steht an einem solchen bevorzugten Platz ohnehin eine Leiter, die wenn sie nicht zu dicht an der Dickung steht, auch benutzt werden kann.

1x1 des Blattens

Der Stand ist bei der Blattjagd ein sehr wichtiger Faktor, da der Bock ungern vom Dunklen ins Helle springt. Mit unseren Lauten beginnen wir zunächst leise, um mit den folgenden Tönen lauter zu werden. Zu frühes Abbaumen kann den Jagderfolf zunichte machen, es ist also nach der letzten Strophe Geduld gefragt.

Für einen Blattstand kann ein Baum, das Getreide oder ein wenig Deckung ausreichend sein. Dabei sollte die Deckung in der dunkelsten Stelle der näheren Umgebung stehen. Ideal sind stets Anhöhen. Im Wald ist darauf zu achten, dass Sicht vor Deckung kommt. Was nützt es, wenn er zusteht und wir ihn nicht bemerken. Vorhandenes Reisig wird ringsum beseitigt.

So ist ein geräuschloses Drehen nach allen Seiten möglich. Im Feld ist stets die erste Maisreihe die erste Wahl. Mitunter helfen Begrenzungen wie Kulturzäune bei der Wahl des Blattstandes, der Aktionsradius des Bockes wird eingegrenzt und steht der Wind zum Kulturzaun, laufen wir nicht in Gefahr, dass der Bock erst Wind bekommt.

Zeitpunkt

Das Wetter spielt keine so entscheidende Rolle beim Blatten wie stets gemeint.

Warmes Hochdruckwetter mit konstanter schwacher Windrichtung und das Blatten nach schweren Regenschauern erhöhen sicherlich den Erfolg. Der Merkspruch: „Jäger gib darauf acht, den Bock ver- wirrt der Sonne Glut, den Hirsch die kalte Nacht,“ müsste einmal überholt werden, zumindest beim Rehwild. Was die Tageszeit angeht, so kann sie in den verschiedenen Revieren sehr unterschiedlich sein.

In Revieren mit viel Publikumsverkehr eignet sich der frühe Morgen und der späte Abend. Dabei ist zu bedenken, dass bereits eine Stunde vor Sonnenuntergang die Lichtverhältnisse im Wald schwinden.

In ruhigeren Revieren können hingegen auch der Vormittag und späte Nachmittag durchaus Erfolg bringen.

Art und Weise

In der Brunft unterscheiden wir Fieplaute, Sprengfieplaute und das Angstgeschrei.

Die Brunft geht in der Regel von der Ricke aus, indem sie durch Fieplaute den Bock lockt. Sprengfieplaute sind zweisilbig und mehr in die Länge gezogen, wobei sie wesentlich lautstärker sind als Fieplaute. Diese Laute sind von hart getriebenen Stücken zu hören. Beim Angstgeschrei ist ein länger anhaltender, klagelautähnlicher schriller Ton zu hören.

Dieser stark vibrierende Ton ist nur zu hören, wenn ein weibliches Stück enorm stark von einem brunftigen Bock bedrängt wird. Das Angstgeschrei zieht sowohl Böcke als auch Ricken mitunter magisch an.

Am Stand angekommen, ist stets der Wind zu prüfen. Erst nach circa 10 bis 15 Minuten mit dem Blatten beginnen.

Wichtig sind Pausen zwischen den einzelnen Strophen, wenigstens 10 Minuten.

Die Fieplaute geben wir in einem Abstand von 4 bis 5 Sekunden ab. Die Lautstärke sollte nach dem ersten Fiepen erhöht werden. Vier bis fünf Töne in alle Himmelsrichtungen reichen aus. Mit der Lautstärke durchaus variieren, einfach mit Gefühl und Instinkt arbeiten. Meiner Erfahrung nach darf man hier keine Angst vor schiefen Tönen haben. Wenn’s läuft, dann läuft’s. Erscheint nicht der Ersehnte kommt zum Schluss das Angstgeschrei.

Der durchdringende, aggressive „Piä“ Ton hallt weit ins Revier. Wenn bislang nicht, nun reagiert der Platzbock in der Regel.

Durch simuliertes, eigenes Plätzen vermutet der Platzbock ebenfalls einen Rivalen und es wirkt oft Wunder. Wir stellen naturgetreu das Brunftgeschehen mit Brechen von Ästen und Zweigen bzw. Rascheln von Laub nach.

Alle Mühe umsonst?

Doch wie lange warten, wenn sich dennoch nichts zeigt und die Vogelwelt keinen verräterischen Alarm gibt? Die Erfahrung hat gezeigt, dass nach 15 bis 20 Minuten nach dem Angstschrei nicht länger gewartet werden braucht. Alles zusammen mit den 10 Minuten Pause zwischen den Strophen, kommen wir so auf etwa eine Stunde pro Blatten. Alles braucht seine Zeit. Wer zu früh abbaumt, hört die ersehnte Beute höchstens noch schreckend abspringen. Mitunter lässt sich der Bock gleich durchs Zielfernrohr ansprechen. Das variable Zielfernrohr ist Pflicht, es ist auf die jeweilige Situation eingestellt, in der Regel reicht vierfache Vergrößerung.

Welchen Blatter der Jäger nutzt, entscheidet er selbst. Alle mir bekannten Instrumente sind gut. Besuche von Seminaren sind zu empfehlen, ebenso JÄGER Prime anzuschauen! Erfahrungsaustausch mit anderen Jägern und YouTube bieten vermitteln wichtige Details. Bücher wie Filme vermitteln Informationen und geben ein kompaktes Wissen weiter.

Zum Schluss die Kleidung

Zur Kleidung gehört selbstverständlich geräuschfreier Loden oder Fleece, geräuschfreie Pirschschuhe sowie ein Hut mit breiter Krempe oder dem Mückenschleier. So wird das helle Gesicht zusätzlich verdunkelt oder wir benutzen ein komplettes Netz. Handschuhe bedecken die verräterischen weißen Handflächen.

Es gibt Tage da werden alle Tricks angewandt und dennoch passiert absolut nichts. Wiederum gibt es Tage, da steht der Bock wie hingezaubert schon nach der ersten Strophe. Lassen wir uns also überraschen, spannend wir es auch in diesem Jahr allemal!

Jens Krüger

Nach der Ausbildung zum Forstwirt im Forstamt Barlohe und Landwirt auf der Landwirtschaftsschule Rendsburg folgte die Berufsjägerausbildung in Niedersachsen und Schleswig-Holstein sowie die Theorie am Jägerlehrhof Springe. Der Wildmeister (DJV) ist Pächter eines Hochwildrevieres in Niedersachsen mit Dam- und Schwarzwild.

Zudem betätigt er sich seit über 25 Jahren als Outfitter in Britisch Kolumbien. Darüber hinaus bildet er Jäger aus und schreibt für uns über Themen der Jagdpraxis.