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BLECHDOSEN UND HÄHNCHENSCHENKEL


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Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 12.01.2022

VULGAR DISPLAY OF POWER

Artikelbild für den Artikel "BLECHDOSEN UND HÄHNCHENSCHENKEL" aus der Ausgabe 2/2022 von Metal Hammer. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Metal Hammer, Ausgabe 2/2022

„PANTERA WAREN FUR MICH WIE MEINE KINDER.“

Terry, du hast Pantera erstmals mit COWBOYS FROM HELL (1990) produziert. Was wusstest du vorher über diese Band?

Sehr wenig. Mein damaliger Manager schickte mir ein paar Informationen sowie das Demo zu COWBOYS FROM HELL und meinte, dass diese Jungs riesiges Potenzial besäßen. Das hatte ich vorher zu oft gehört, meine Euphorie hielt sich also in Grenzen... Ich war skeptisch, aber die Musik war großartig. Als ich Pantera dann noch persönlich traf, war die Sache für beiden Seiten klar.

Auf COWBOYS FROM HELL wurde ein neuer Sound entwickelt. Gab es im Vorfeld von VULGAR DISPLAY OF POWER Gespräche darüber, wie man diese Richtung weiter ausbauen könnte?

Absolut – wobei die Diskussionen im Übergang von VULGAR DISPLAY OF POWER und FAR BEYOND DRIVEN (1994) sogar noch größer waren. Uns allen war klar:

Wir wollen die Band noch härter machen! ...

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... Speziell, was Phils Gesang angeht, bemerkt man deutliche Unterschiede. Pantera hatten die Gabe, selbstbewusst, aber nie abgehoben zu sein. Sie wussten, wie gut sie waren. Die Aggression stand bei VULGAR DISPLAY OF POWER über allem. Der Albumname spricht Bände... (lacht)

Wie war deine Reaktion auf die ersten Demos?

Ich glaube nicht, dass mir außerhalb von COWBOYS FROM HELL während meiner Zeit mit Pantera jemals Demos zu Ohren gekommen sind. Damals war es so, dass wir, Entschuldigung, sie den Großteil des Materials im Studio komponierten. Es existierte eine sehr strukturierte Arbeitsweise. Wir schrieben ein Intro – jetzt sage ich schon wieder „wir“, das belegt, was für eine Einheit die Band und ich damals bildeten. Es startete jedenfalls immer mit dem Intro und wurde über den Vers und den Höhepunkt Stück für Stück komplettiert. Irgendwann war das betreffende Lied instrumental fertig, ich machte einen Rough Mix, wir nahmen die Kassette und fuhren damit im Auto durch die Gegend, um das Ganze zu testen. Mir war immer wichtig, unsere Ideen einer Prüfung außerhalb unseres Studios zu unterziehen. Wenn ein Arrangement unter diesen Bedingungen nicht funktioniert hat, wurde es verändert.

Wie stark war dein Einfluss auf die Lieder von VULGAR DISPLAY OF POWER?

Es war schon immer mein Ansatz als Produzent, die Bands auf ihrem Weg hundertprozentig zu unterstützen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken, aber nicht zu großen Einfluss zu nehmen. Die Alben sollen die Musiker reflektieren, nicht mich. Ich bin in meiner Funktion eine Art Spiegel.

Haben sich die Lieder von VULGAR DISPLAY OF POWER im Vergleich zu den Roversionen stark verändert?

Das würde ich schon sagen, weil sie zum Großteil erst im Studio entstanden sind und wir damals noch oldschool mit einer Bandmaschine gearbeitet haben. Sprich: Wenn etwas nicht gepasst hat, konnten wir nicht einfach Teile verschieben, sondern mussten alles noch mal neu einspielen. Phil war zwar nicht ständig vor Ort, aber er hatte jederzeit den Überblick über den aktuellen Stand. Selbst kurz vor dem Mix änderten sich noch manche Dinge.

Was für Musik hast du zum damaligen Zeitpunkt privat gehört?

Zu Hause legte ich eher alte Sachen aus dem Jazz-, Country- und Blues-Bereich auf. Davon konnte man immer ein paar Ideen mit ins Studio nehmen. Ich komme aus Seattle, deswegen existierte ein enger Kontakt zur dortigen Szene. Pantera liebten Soundgarden und das Album LOUDER THAN LOVE (1989), das ich mitproduziert hatte. Deswegen kontaktierten sie mich überhaupt erst.

Wie lange hat es gedauert, bis der Gitarren- Sound von Dimebag Darrell gefunden war?

Er hat unablässig experimentiert, verschiedene Einstellungen, unterschiedliche Räumlichkeiten, verschiedene Mikrofone, Modelle et cetera. Am Ende blieb er aber immer seiner Dean-Gitarre und den Randall-Verstärkern treu. Für VULGAR DISPLAY OF POWER wählten wir sechs Mikrofone, nur um dann bei einer Nachbearbeitung festzustellen, dass der Sound mit einem Mikrofon sogar noch besser klang. (lacht) Es lag eben nicht an der Technik, sondern an Dime. Er war einzigartig, wie die ganze Band. Ich hätte ihr Material damals mit einer Blechdose aufnehmen können, und es hätte noch immer fantastisch geklungen.

Kurz vor den Aufnahmen war das schwarze Album von Metallica erschienen. Hatte das irgendeinen Einfluss auf VULGAR DISPLAY OF POWER?

Eher nicht. Es bestand zwar privater Kontakt zwischen Metallica und Pantera, aber man darf nicht vergessen, dass es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung große Diskussionen über diese Scheibe gab und das schwarze Album nicht bei allen Fans gut ankam. Der Vorwurf des Ausverkaufs stand im Raum. Metallica sind ihren Weg konsequent gegangen. Pantera war immer daran gelegen, ihre Die Hard-Anhängerschaft nicht zu enttäuschen.

Das stand über allem, auch wenn sich die Pantera- Alben nie glichen. Es war eher so, dass ... AND JUSTICE FOR ALL (1988) einen Einfluss auf COWBOYS FROM HELL hatte – vor allem, was den Drumsound betrifft.

Wie kann man sich einen normalen Aufnahmetag im Studio in Pantego, Texas, 1991 vorstellen?

„ICH BIN IN DIESEN ZWEI MONATEN UM ZWOLF JAHRE GEALTERT!“

TERRY DATE

Ich fing mittags an, einen Assistenten hatte ich nicht, die Band kam meistens erst später dazu. Speziell Dime schlief gerne etwas länger. (lacht) Das Studio gehörte seinem Vater, entsprechend hatten wir keinerlei Zeitdruck und genossen alle Freiheiten. Wir prüften die Aufnahmen des Vortags, spielten mit ein paar Ideen rum oder einzelne Teile gleich neu ein. Ich denke, dass wir meist bis zwei Uhr nachts arbeiteten, zwischen zwölf und 14 Stunden täglich. Am Ende standen fünf Wochen Aufnahmezeit und drei Wochen für den Mix.

Hast du Jerry Abbott persönlich kennengelernt, der zu Beginn großen Einfluss auf die Karriere von Pantera nahm?

Er war zwar vor Ort, weil sein Büro im Studio beheimatet war, mischte sich aber nicht ein – mit einer Ausnahme: Jerry mochte unsere Idee zu ‘Fucking Hostile’ nicht. (lacht) Damals waren Nine Inch Nails in aller Munde, und wir wollten Phils Gesang nach dieser Vorlage auch verzerren. Irgendwann hat er sich aber mit diesem Ansatz angefreundet, Jerry war wie seine Söhne ein sehr positiver Typ. Ich kann mir vorstellen, dass es für ihn gar nicht so einfach war, bei Pantera loszulassen. Aber er schenkte mir Vertrauen. Insgesamt ging es sehr familiär zu.

Übernahmen die Abbott-Brüder eine Führungsrolle im Studio, oder ging es bei Pantera damals eher demokratisch zu?

Letzteres. In dieser Band gab es einige ziemlich dominante und meinungsstarke Persönlichkeiten. Phil ist kein Typ, der vor irgendwas oder irgendwem zurückzieht, auch nicht vor den Brüdern. Rex Brown war im Vergleich eher ein moderater Charakter, der versucht hat, zwischen den Polen zu vermitteln. So sah ich auch meine Rolle.

In meiner Erinnerung kam es aber nie so weit, dass eine Diskussion außer Kontrolle geriet – und falls doch mal Spannungen aufkamen, hatte Dime schnell ein paar Bier und einen Black Tooth Grin zur Hand! (lacht)

Die Abbotts genossen einen Ruf als Party- Könige. Galt das auch während der Aufnahmen?

Vinnie und Dime waren absolute Perfektionisten, Phil stand eher für das spontane Element. Die Brüder tolerierten nicht die kleinsten Fehler. Ich mag es klanglich grundsätzlich eher luftiger, aber trotzdem zogen wir alle an einem Strang. Und was die Partys angeht – ich glaube, ich bin in diesen zwei Monaten um zwölf Jahre gealtert! (lacht) Ich war es nicht gewohnt, während der Arbeit zu trinken.

Wir hielten uns eigentlich nur im Studio auf. Klar kamen mal ein paar Freunde der Musiker vorbei, doch ansonsten waren wir komplett abgeschottet. Wenn Dime dann zu einer Runde Black Tooth Grin rief, versuchte ich zu schummeln und den Drink hinter meine Schulter zu kippen – Dime hatte aber immer ein besonderes Auge auf mich. Als Strafe musste ich zwei Gläser austrinken! (lacht)

War dir von Beginn an klar, dass ihr an einem Meisterwerk arbeitet?

Nein. Es ist unvorstellbar, dass solch aggressive Musik im Mainstream Erfolg haben kann. Ein Selbstläufer war das bestimmt nicht. Außerdem steckte ich derart tief im Prozess, dass es mir nicht möglich war, eine objektive Meinung zu bilden. Ich schnappte mir auf einer Geburtstagsfeier in Seattle ein paar von den Soundgarden-Jungs und spielte ihnen die Rough Mixe von VULGAR DISPLAY OF POWER vor. Die Jungs waren von der ersten Sekunde an komplett begeistert! Ihre euphorischen Reaktionen haben mich sehr positiv gestimmt, dass wir etwas Außergewöhnliches in Händen hielten.

War Dime der talentierteste Gitarrist, mit dem du jemals zusammengearbeitet hast?

Das ist schwierig zu sagen, weil ich viele verschiedene Stile produzierte. Aber in seinem Genre gab und gibt es niemand Besseren als Dime. Es wirkte, als sei die Gitarre Teil seines Körpers. Er war der Beste – und sehr frustriert, weil ich selbst keine Gitarre spiele. Also gab mir Dime Unterricht. Nach zehn Minuten gab er aber entnervt auf, weil ich gar nichts auf die Kette bekam... Mehr als ein „fuck off“ fiel ihm dazu nicht ein. (lacht)

Ein Kernelement im Sound von Pantera ist die fehlende Rhythmusgitarre im Soloteil...

Absolut korrekt, das haben Vinnie und Dime von den Van Halen-Brüdern übernommen. Sie liebten diese Band und waren am Ende auch sehr gut mit ihnen befreundet. Der Grundansatz war, dass nur das auf dem Album landen sollte, was später auch live auf der Bühne reproduzierbar ist. Entsprechend wichtig war für Pantera der Bass von Rex Brown. Sein Instrument musste vor allem in diesen Momenten das Fundament bilden.

Wird die Rolle von Rex Brown bei Pantera seitens der Öffentlichkeit unterbewertet?

Absolut. Rex geht leider manchmal etwas unter, obwohl sein Wert immens war. Ich habe nach dem Ende von Pantera noch mal mit ihm zusammengearbeitet und immer wieder festgestellt, was für ein fantastischer Bassist er ist. Rex hat sich nie nach vorne gedrängt und ist ein eher ruhiger Charakter. Auf ihn konnten sich die anderen Jungs immer hundertprozentig verlassen.

Wie war dein Verhältnis zu Phil Anselmo?

Wir sind bis heute gut befreundet. Das erste Treffen zwischen uns war allerdings etwas seltsam – wir befanden uns in einem Hotelzimmer, später sollten Pantera einen Gig spielen. Phil sagte, ich solle ihm ins Badezimmer folgen. Das machte mir schon ein bisschen Angst... (lacht) Ich sollte ihm aber nur den Schädel vor der Show rasieren. Im Lauf der Produktion zu COWBOYS FROM HELL entwickelte sich eine Freundschaft zwischen uns.

Phil ist ein absoluter Komiker – der lustigste Typ, mit dem ich jemals im Studio zusammengearbeitet habe, zugleich aber auch mit vollem Herzblut bei der Sache.

Bist du ein Produzent, der auf die Texte achtet?

Ja – aber bei drei Sängern habe ich mich nie eingemischt, weil die in einer eigenen Liga spielten: Chris Cornell von Soundgarden, Chino Moreno von Deftones, und eben Phil Anselmo. Sie hatten die Gabe, ihre Texte so zu verfassen, dass sie den Hörer immer erreichen und massig Raum für eigene Interpretationen bieten.

Wurde Phil Anselmo damals als Sänger, speziell im Bereich des Klargesangs, unterschätzt?

Das glaube ich nicht. In der Band gab es immer Diskussionen darüber, wie viel Melodie die Lieder brauchen.

Phil hatte bereits bei ‘Cemetery Gates’ von COWBOYS FROM HELL gezeigt, was er technisch draufhat. Und auch seine Leistungen in den späteren Jahren waren absolut beeindruckend. Das galt allerdings für jeden einzelnen Musiker von Pantera. Vor allem das Zusammenspiel zwischen Vinnie und Dime war geradezu magisch, die Brüder bildeten musikalisch eine unzerstörbare Einheit.

Sie brauchten nicht einmal Worte, um sich während der Proben auszutauschen: Es herrschte blindes Verständnis! Es hat Spaß gemacht, ihnen zuzugucken. Was nicht viele wissen: Vinnie war als Tontechniker eine absolute Granate und arbeitete eng mit Dime und mir an den Soli.

„DIE BRUDER BILDETEN MUSIKALISCH EINE UNZERSTORBARE EINHEIT.“

„PANTERA HATTEN DIE GABE, SELBSTBEWUSST, ABER NIE ABGEHOBEN ZU SEIN.“

Kannst du mit dem Begriff „Groove Metal“ etwas anfangen?

Dank Pantera schon! (lacht) Allerdings denke ich grundsätzlich nicht in solchen Kategorien, und diese Stilbezeichnung spielte auch während der Aufnahmen keine Rolle. Wir taten auf VULGAR DISPLAY OF POWER einfach das, was wir tun mussten – und wussten, dass es gut wird.

‘Mouth For War’ wurde als erste Single ausgewählt. Hattest du auf diese Entscheidung Einfluss?

Nein. Ich konnte damals ohnehin nicht nachvollziehen, warum diese Art Musik eine Single-Auskopplung braucht. (lacht) Mir war das eigentlich egal, von mir aus hätten sie jedes Lied auswählen können, die waren alle top.

Würdest du trotzdem zustimmen, dass ‘Walk’ bis heute die Visitenkarte von VULGAR DISPLAY OF POWER ist?

Definitiv. Um das Grund-Riff so einzufangen, wie Dime es wollte, haben wir acht Stunden gebraucht. Wir haben gedoppelt, getrippelt und noch viele andere Dinge probiert. Dime wollte eine Art Surroundsound kreieren, sodass einen das Riff zeitgleich aus allen Richtungen attackiert: links, rechts, hinten und frontal von vorne. Man muss sich das Ganze mal unter Kopfhörern reinziehen: Es gibt tatsächlich einen kurzen Moment, in dem es sich anhört, als ob das Riff von hinten heranrauscht. Absolut fett. Als wir die Scheibe von Howie Weinberg in New York mastern ließen, habe ich erst mal den Raum verlassen, um etwas Abstand zu gewinnen. Kurze Zeit später begegnete ich Dime in der Lobby – er heulte. Ihm liefen die Freudentränen über die Wangen, nachdem er VULGAR DISPLAY OF POWER in der finalen Version gehört hatte. Er sagte zu mir: „Terry, es war verdammt viel Arbeit, aber es hat sich absolut gelohnt!“ Dime war mit der Scheibe hundertprozentig zufrieden.

Hast du die Scheibe seit der Veröffentlichung mal wieder in Gänze angehört?

Ja, aber erst sehr viel später, etwa vor zehn Jahren während eines Flugs. Ich muss sagen, dass es auch aus heutiger Sicht noch ein höllisch gutes Album ist.

Wie wichtig war ‘This Love’ für die Dynamik von VULGAR DISPLAY OF POWER?

Sehr wichtig, und das war auch die Meinung von Pantera. Auf COWBOYS FROM HELL hatten sie mit ‘Cemetery Gates’ schon eine ähnliche Nummer, wenngleich ‘This Love’ im Höhepunkt alles killt. Ergibt Sinn: Selbst die Ballade von VUL- GAR DISPLAY OF POWER besaß noch eine ultraharte Seite.

Bis 1996 und THE GREAT SOUTHERN TRENDKILL warst du für vier Studioalben verantwortlich. Wie haben sich Pantera in dieser Zeit entwickelt?

Ich denke, dass Pantera qualitativ eine extrem konstante Karriere hingelegt haben. Das war ihr Hauptanliegen – die Fans nicht hängen zu lassen. Der größte Stilwechsel fand zwischen COWBOYS FROM HELL und VULGAR DISPLAY OF POWER statt. Ab da hatten sie ihren Stil gefunden.

2020 hast du REINVENTING THE STEEL zum zwanzigsten Jubiläum neu gemischt. Warst du enttäuschst, dass du bei den Originalaufnahmen nicht hinter dem Mischpult sitzen durftest?

Um Himmels Willen, nein! Ich hatte damals selbst abgesagt, weil ich mittlerweile Familie hatte und in den Jahren zuvor selten zu Hause war. Es war ein guter Zeitpunkt für eine Pause, auch wenn ich telefonisch gerne beratend zur Seite stand. Die Band kam mit meinem Nachfolger Sterling Wingfield gut aus. Er kannte die Band, war jahrelang der Bass-Techniker von Rex und stand uns bei den Aufnahmen im Studio als Assistent zur Seite. Sterling hat auf REINVENTING THE STEEL als Co-Produzent von Dime und Vinnie einen guten Job abgeliefert. Außerdem war es so, dass ich einer Entwicklung nicht im Wege stehen wollte. So hielt ich es auch mit den Deftones. Da habe ich nach den ersten vier Alben ebenso freiwillig Platz gemacht.

Welcher ist dein Lieblings-Track von VULGAR DISPLAY OF POWER?

Wahrscheinlich ‘Fucking Hostile’, weil es sehr spontan zustande kam. Der erwähnte Ansatz, Phils Vocals zu verzerren, erwies sich als schwierig. Wir bekamen es irgendwie nicht hin. Dann kam Dime auf die Idee, Phil durch seinen Vier- Track-Rekorder singen zu lassen, auf dem er normalerweise seine Riff-Ideen aufnahm, und den verbauten Verstärker voll aufzudrehen. Manchmal sind die Lösungen so idiotisch simpel! Phil sang das Lied direkt hinter mir im Kontrollraum ein. Zum Mittagessen hatten wir der ganzen Truppe Barbecue bestellt. Am Ende von ‘Fucking Hostile’ war Phil so aufgeheizt, dass er das Mikro mit voller Wucht in den Mülleimer mit den Hähnchenschenkeln und der Grillsoße warf – das ist als Feedback in den letzten Sekunden zu hören. (lacht)

Ist VULGAR DISPLAY OF POWER dein Lieblingsalbum von Pantera?

Da muss ich vorsichtig und eher diplomatisch antworten. Pantera waren für mich wie meine Kinder. Ich denke, dass VULGAR DISPLAY OF POWER und FAR BEYOND DRI- VEN die Höhepunkte von Pantera repräsentieren, aber ich glaube, dass auch alle anderen Platten richtig gute Qualität und einen Haufen außergewöhnliche Nummern bieten.

Hast du jemals ein Cover gesehen, das besser zu einem Album passt als das von VULGAR DISPLAY OF POWER?

Wahrscheinlich nicht! (lacht) Ich weiß, dass verschiedene Versionen zur Entstehung im Umlauf sind, meiner Erinnerung nach war es so: Der Vater hatte einen sauteuren Kopierer im Studio rumstehen, mit dem seine Söhne allerhand Schabernack getrieben haben. Einerseits, um den Erzeuger ein bisschen zu nerven, und andererseits, um Party zu machen. Dime kam die Idee, dass es doch lustig wäre, wenn man das Gesicht von einem Roadie im Kopierer einzwängen und während des Kopiervorgangs mitziehen würde. So kamen wir auf die Idee!

Was waren deine Gedanken, als sich die Musiker zerstritten und die Band auseinanderbrach?

Ganz ehrlich? Ich war einfach nur traurig. Ich hatte das schon oft gesehen und es war schade, dass es Pantera nicht anders erging. Das Geld, die Drogen, der Ruhm, die Egos – all das nahm überhand. Eigentlich waren Phil, Dime, Rex und Vinnie Brüder. Ich hoffte, dass sie sich irgendwann einmal für eine Stunde in ein Zimmer sperren, sich gehörig die Schnauze polieren und wieder im Reinen miteinander sind, Pantera wiederbeleben und auf Tour gehen. Leider ist es nie so weit gekommen.

MATTHIAS WECKMANN