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Bleibt alles anders


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musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 13.10.2022

ARCTIC MONKEYS

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An einem frühen Dienstagmorgen im Londoner Stadtteil Hackney lässt sich die Klimakrise nicht leugnen. Es ist Mitte August, noch kaum hell, aber die Straße dampft bereits, hat sich über Nacht kaum abgekühlt. Später am Tag wird die Feuerwehr wegen mehrerer Brände eine Großschadenslage ausrufen, Schulen und Geschäfte machen hitzefrei, am Flughafen Heathrow wird erstmals seit Beginn der Wetteraufzeichnungen eine Temperatur von mehr als 40 Grad gemessen, Züge und Flüge werden gestrichen oder umgeleitet. London ächzt und stöhnt.

Alex Turner sitzt derweil in einem wohlklimatisierten Zimmer seines Londoner Lieblingshotels. Der Arctic-Monkeys-Sänger und Songschreiber trägt ein weit aufgeknöpftes weißes Hemd über ebenfalls weißem Shirt, eine blaue Stoffhose, Loafers, Goldkette, eine Kappe mit dem Schriftzug der amerikanischen Mafiaserie „The Sopranos“ – und natürlich keine Schweißperle auf der ...

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... Stirn. Einige Wochen zuvor hat er mit seiner Band die Arbeit an dem neuen Album THE CAR abgeschlossen, der Weiterführung des loungeartigen Vorgängers TRANQUILITY BASE HOTEL + CASINO. Nun proben die Arctic Monkeys für eine Tournee, die sie von Europa nach Nord- und Südamerika sowie Ozeanien führen wird, während Turner einige wenige Interviews gibt.

Über die Jahre hat er sich an den Umgang mit Medien gewöhnt, ist nicht mehr der einsilbige Turner der frühen Tage. Aber er nimmt seine Musik auch weiterhin lieber auf, als über sie zu sprechen. Wer ihn nicht kennt, könnte den 36-Jährigen an diesem Tag für angespannt, misstrauisch, unhöflich halten. Aber das ist er nicht. Er hatte jedoch bis zu diesem Zeitpunkt noch mit niemandem außerhalb der Monkeys-Clique über THE CAR gesprochen, und wenn es nur nach ihm ginge, würde er es vermutlich dabei belassen. Hinzu kommt, dass Alex Turner zu jenen Menschen zählt, die Dinge entweder richtig oder gar nicht machen. Auch daher die Anspannung: Das ist jetzt also der Moment, in dem er die Arbeit der vergangenen zwei Jahre in Sätze kleiden muss. Sätze, die bleiben werden. Er ringt daher um die richtigen Formulierungen, legt überdurchschnittlich lange Pausen ein, seine Stimme gerät ins Stocken, oft benötigt er mehrere Ansätze. Es geht ihm um Genauigkeit. Turner gibt nicht viele Interviews, aber in den wenigen Gesprächen, auf die er sich einlässt, will er keinen Unsinn erzählen.

Alex, ich hätte nicht unbedingt erwartet, von euch noch ein weiteres Album in der Temperatur von TRANQUILITY BASE HOTEL + CASINO zu hören.

Es gibt immerhin wieder mehr Gitarren und auch sonst einige Parallelen zu älteren Alben von uns, wie ich finde.

Es gibt Ausnahmen, Erweiterungen. „Sculptures Of Anything Goes“ erinnert mich zum Beispiel an die späten Portishead.

Damit kann ich gut leben, wir sind große Fans. Für mich ist das allerdings der Song auf dem Album, der mich am ehesten an die Monkeys der AM-Phase erinnert: Als hätten wir „Do I Wanna Know?“ komplett auf links gedreht und durch einen Moog gejagt, die Struktur aber erhalten. Grundsätzlich ist es aber ja kein Wunder, dass wir nicht mehr so klingen wie früher. Es ist bald zehn Jahre her, seit wir AM veröffentlicht haben.

Die Arctic Monkeys waren eine der ersten Bands der digitalen Zeitrechnung. Quasi über Nacht erzeugten sie durch ihre ersten, über MySpace verbreiteten Demos einen gigantischen Internet-Hype. Heute sind Erfolge im Netz gängige Vorgeschichten beinahe jeder großen Poperzählung. Der Unterschied: Als die Teenager aus Sheffield Mitte der 2000er-Jahre groß wurden, funktionierte der klassische Tonträgermarkt noch einigermaßen, vor allem kauften viel mehr Leute als heute noch CDs. Folglich entwickelte sich das Debüt WHATEVER PEOPLE SAY I AM, THAT’S WHAT I’M NOT mit 363.725 verkauften Exemplaren allein in der ersten Woche zum schnellstverkauften Album der britischen Pop-Historie. Das zweite Album FAVOURITE WORST NIGHTMARE war beinahe ebenso erfolgreich, nach zwei Übergangsalben wurden die Arctic Monkeys dann 2013 mit dem amerikanisch geprägten Album AM endgültig zu globalen Superstars und Alex Turner zu einer Stil-Ikone seiner Generation.

Diese Band stand also längst jenseits aller Kategorien, als 2018 mit TRANQUILITY BASE HOTEL + CASINO die Freistilphase ihrer Karriere begann. Es gibt niemanden aus der britischen Indie-Rock-Klasse der mittleren Nullerjahre, dem eine vergleichbare künstlerische Entwicklung gelungen ist – und der dabei, gegen alle vermeintlichen Gesetzmäßigkeiten der Branche, immer erfolgreicher wurde. In den Wochen vor der Veröffentlichung von THE CAR zählten die Arctic Monkeys genreübergreifend zu den 30 weltweit meistgestreamten Künstlern. Sie haben insgesamt 27 Millionen Tonträger verkauft und sämtliche vorstellbaren Musikpreise gewonnen. Dabei sind sie ihrem Indie-Label Domino treu geblieben, haben das Spiel nach ihren Regeln gespielt und immer genau die Musik gemacht, die sie jeweils spielen wollten. Aus den pickligen Teenagern mit dem bescheuerten Bandnamen ist eine der wichtigsten, größten und künstlerisch interessantesten Bands der vergangenen 20 Jahre geworden.

Als ich euch zum ersten Mal interviewt habe, warst du 19 Jahre alt …

Damals hattest du noch nicht so ein schickes Mikrofon wie heute.

Stimmt! Insgesamt bist du sogar schon seit 20 Jahren in dieser Band, dein komplettes Erwachsenenleben. Machst du dir das bisweilen bewusst?

Nicht besonders oft, um ehrlich zu sein. Wenn wir bei den Proben für die aktuelle Tour ältere Stücke spielen, wird mir immer mal wieder klar, wie jung wir damals waren, wir machen augenzwinkernde Scherze darüber. Ich versuche aber, mich von solchen Gedanken nicht davontragen zu lassen.

Erstaunlich finde ich, wie gut bei euren Konzerten alles zusammenfließt. Der Indie-Rock der frühen Alben, der von Stoner inspirierte Riffrock der mittleren, die R’n’B- und HipHop-informierten Stücke von AM, der Chamber Pop von TRANQUILITY BASE HOTEL + CASINO werden eins, wie man es auf eurem Live-Album LIVE AT THE ROYAL ALBERT HALL von 2020 hören konnte.

Da war ich ehrlich gesagt genauso überrascht. (lacht) Ich war vorher unsicher, ob die neuen Sachen überhaupt ins Programm passen. Aber die Bühne besitzt die Eigenschaft, die Dinge bis zu einem gewissen Grad einander anzupassen.

Wie meinst du das?

Alle Songs, nicht nur die neuen, entwickeln sich auf den Tourneen automatisch weiter. Das gilt für „I Bet You Look Good On The Dance Floor“ ebenso wie für alle Stücke des letzten Albums. Die Songs immer wieder hintereinander zu spielen, sorgt automatisch dafür, dass sich eine gewisse Harmonie ergibt und alles ineinanderfließt. Ich hoffe, das wird auch bei dem neuen Album der Fall sein, auch wenn es zunächst anders klingt als die meisten Sachen, die wir früher gemacht haben. Und auch anders als das letzte Album, wie ich finde. Aber letztlich werden die- se Songs hoffentlich neben älteren wie „Brianstorm“ bestehen.

Du klingst unsicher ... So ist es immer ... Jedenfalls mindestens in den vergangenen zehn Jahren, da will ich ehrlich sein. Jedes Mal, wenn wir ein Album machen, gibt es diese Phase vor der Veröffentlichung, in der ich denke, dass wir uns komplett auf dem Holzweg befinden. Am stärksten war dieses Gefühl übrigens ausgerechnet vor der Veröffentlichung von AM. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das irgendjemand hören will – oder diese Musik in unsere Shows integrierbar wäre.

Stattdessen wurde AM euer kommerziell erfolgreichstes Album.

So ist es. In dieser ganz besonderen Phase bin ich offenbar nicht in der Lage, die Dinge realistisch einzuschätzen. Was ich eigentlich sagen will, ist vermutlich: Jedes Album ist zunächst eine Momentaufnahme, von der man noch nicht weiß, ob sie über den Moment hinaus funktioniert.

Die Arbeit ist getan, man hat keine Kontrolle mehr darüber, welchen Weg die Musik nehmen wird. Wie schwierig ist dieser Prozess für einen Perfektionisten wie dich?

Auch da spielen mir die Konzerte in die Karten. Sie versetzen mich in die Lage, die Songs niemals wieder loslassen zu müssen. Das gilt wenigstens für jene, die das Glück haben, ihren Weg in unser Programm zu finden. Wir können sie immer weiter entwickeln, verbessern, korrigieren. Auch wenn es manchmal vermutlich besser wäre, sie loszulassen.

In einem Interview mit „New York Vulture“ hast du gesagt: „Die schwierigste Phase beim Songwriting beginnt nach der Idee, ich habe nie verstanden, was daran toll sein soll, innerhalb von 20 Minuten einen kompletten Song auf eine Zigarettenschachtel zu schreiben.“ Verdichtung und Verfeinerung sind wichtig, aber wie sehr quälst du dich selbst mit deinem Drang nach Perfektion, wie leicht fällt dir das generell: loslassen?

Hm, an das Zitat kann ich mich nicht erinnern. Vermutlich habe ich es aus einem Nick-Cave-Interview geklaut. Oder war es ein Nic-Cage-Interview? (grinst) Aber ernsthaft: Zumindest theoretisch hat sich meine Haltung geändert. Inzwischen gefällt mir die Idee gut, so schnell wie möglich zu arbeiten und vielleicht auch mal ein Album in einer Woche fertigzustellen. Erst kürzlich habe ich noch mit unserem Engineer Loren Humphrey darüber gesprochen: Wäre es nicht wunderbar, einmal einen echten Schnellschuss zu produzieren? Das ist bislang nur ein Traum, aber ein sehr reizvoller.

Unmittelbar nach der Welt-Tournee, die auf TRANQUILITY BASE HOTEL + CASINO folgte, begaben sich die Arctic Monkeys 2019 ins Studio. Der Plan war, mit Hilfe der frischen Live-Energie ein bis zwei Songs zu schreiben und aufzunehmen, die dann den Ton für das nächste Album setzen sollten. Ähnlich hatten sie es bereits bei AM gemacht, als „R U Mine“ die Richtung vorgab. Diesmal jedoch scheiterte die Session: „Irgendwie hat das überhaupt nicht funktioniert“, sagt Turner, „es ist nichts Verwertbares dabei herumgekommen. Also beschlossen wir, uns zunächst ans Reißbrett zu begeben und in Ruhe zu überlegen, was für eine Art von Album wir machen wollten.“ Es waren dann erst noch eine ganze Menge anderer Dinge zu erledigen, ehe Alex Turner mit dem Songwriting begann. Nachdem er sämtliche Songs von TRANQUILITY BASE HOTEL + CASINO allein auf einem Steinway-Vertegrand-Piano geschrieben und der Band erst später vorgestellt hatte, komponierte er auch diesmal wieder einiges am Klavier, traf sich darüber hinaus aber auch für eine mehrtägige Writing-Session mit dem Arctic-Monkeys-Gitarristen Jamie Cook in London sowie für eine weitere mit Tom Rowley, der bei den Konzerten Gitarre und Keyboards spielt. Während der Pandemie arbeitete Turner diese Ideen dann allein aus, ehe sich die Band im Sommer 2021 ins Studio begab.

Im Butley Priory, einem herrschaftlichen Anwesen in Suffolk, zwei Autostunden von London entfernt, arbeiteten die Arctic Monkeys gemeinsam mit Tom Rowley, dem Engineer Loren Humphrey sowie Produzent James Ford einige Wochen an den Demos und nahmen die Basics für THE CAR auf. Abermals mit James Ford ins Studio zu gehen, der seit FAVOURITE WORST NIGHTMARE an jedem Monkeys-Album beteiligt ist, stand außer Frage. Turner: „Ich wüsste gar nicht, wer den Karren sonst für mich aus dem Dreck ziehen könnte.“ Anschließend begab sich der Sänger nach einer längeren Pause im September 2021 in die La Frette Studios bei Paris, wo bereits große Teile von TRAN-QUILITY BASE HOTEL + CASINO entstanden waren, und nahm dort Vocals und Overdubs auf. Das Covermotiv stammt von Schlagzeuger Matt Helders, einem begeisterten Hobbyfotografen, der den einsamen Toyota Corolla – THE CAR – auf einem Parkdeck in Los Angeles zufällig mit seiner Leica fotografiert hatte.

Die maßgebliche Inspiration für viele Songs auf TRANQUILITY BASE HOTEL + CASINO stammte aus Büchern und Filmen. Was hat dich bei der Arbeit an THE CAR beschäftigt?

Ich glaube nicht, dass es auch diesmal eine solche Art von Inspiration gab. Ich könnte jetzt eine Handvoll Bücher und Filme aufzählen, mit denen ich mich beschäftigt habe, bin aber nicht sicher, ob das zielführend wäre.

Ist der „Sopranos“-Schriftzug auf deiner Kappe vielleicht ein dezenter Hinweis?

(lacht) Eher nicht. Ich habe eine Menge Raymond Chandler gelesen, als ich mit den neuen Songs angefangen habe, aber die Lektüre hat keinen Eingang in meine Texte gefunden.

Sie könnte aber eine Stimmung gesetzt haben. Wie ich finde, ist das Album von einer gewissen Filmnoir-Atmosphäre durchzogen, das wäre dann ein Link zu Chandler: Den Sprachbildern, der Atmosphäre und der Instrumentierung wohnt die Grandezza des alten Hollywood inne.

Damit kann ich sehr gut leben. Es freut mich, dass das offenbar rübergekommen ist, wunderbar.

Wenn die Protagonistin in dem Song „Body Paint“ von einem Covershooting kommt, ist instinktiv klar, dass es sich nicht um ein Instagram-Shooting handelt. Man denkt eher an Rita Hayworth als an Selena Gomez.

Perfekt. Mir gefällt die Idee, dass es auf THE CAR im Hintergrund um eine große Produktion geht, die sich wie ein roter Faden als Kulisse durch das ganze Album zieht. Ich kann nicht einmal genau sagen, was für eine Art von Produktion es ist, aber sie gibt diesem Album eine Basis, von der aus wir operieren.

Akribie und Präzision, mit denen du Szenen erschaffst, erinnern tat- sächlich an Set-Design. Wenn du „There’d Better Be A Mirrorball“ singst, scheint die Discokugel kein unwichtiges Requisit zu sein, sondern absolut essenziell.

Absolut, um 10:30 Uhr ist ein Meeting wegen der Discokugel, so läuft das hier! (lacht) Selbst diese Zeile spricht ja für den Produktionshintergrund, ständig wird auf diesem Album etwas vorbereitet, etwas kreiert. Was natürlich auch so war, ganz offensichtlich haben wir ja ein Album produziert. Ich würde zwar nicht sagen, dass THE CAR von einer Albumproduktion selbst handelt. Es gibt aber diesen Spirit.

Vor dieser Kulisse einer fiktiven Produktion scheint es immer wieder um verschiedene Stadien einer Beziehung zu gehen. Ist THE CAR in Wahrheit ein Trennungsalbum? Darauf deuten die Dialoge in einigen Songs hin, bei denen man nie so genau weiß, wer da überhaupt miteinander spricht.

Das ist interessant, es könnte so sein. Ich würde allerdings wirklich gerne herausbekommen, wie viele dieser Dialoge in Wahrheit Selbstgespräche sind.

Machen wir es konkreter: Kurz vor dem Beginn der Albumproduktion ist deine Beziehung mit Taylor Bagley gescheitert, ihr wart drei Jahre zusammen. Spielt das eine Rolle?

Es ist nachvollziehbar, dass man das denkt. In meinen frühen Songs habe ich sehr konkret tatsächliche Situationen aus meinem Leben und dem meiner Freunde beschrieben. Aber diese Phase liegt lange hinter mir, das habe ich schon ewig nicht mehr gemacht. Die Charaktere und Situationen in diesen Songs sind fiktiv. Ich versuche hier nicht, autobiografische Erfahrungen metaphorisch zu verschleiern.

In „Brianstorm“ ging es damals in der Zeile „’Cause we can’t take our eyes off the t-shirt and ties combination“ um einen Typen, der nach einem Konzert in eben diesem Aufzug – T-Shirt und Krawatte – in eurer Garderobe aufgetaucht ist. Für solche Lyrics bist du damals als einer der größten Songschreiber deiner Generation gelobt worden. Sind dir diese Geschichten irgendwann ausgegangen?

Dieser Ansatz hat nur eine Weile lang getragen. Es ist als Künstler problematisch, aus den falschen Gründen einer früheren Erfolgsformel hinterherzujagen. Dieser Typ in „Brianstorm“ war übrigens wirklich irre damals. Du hast mich gerade wieder an ihn erinnert, ich hatte ewig nicht daran gedacht. Es war ein einfarbiges T-Shirt mit einer grellen Krawatte, das war schon ziemlich weit draußen. Der Typ war seiner Zeit voraus, er hat sein Ding gemacht.

Autobiografisch oder fiktiv: Wie viel Alex Turner steckt in den neuen Texten?

Was ich eben gesagt habe, bedeutet nicht, dass meine Gefühle in diesen Songs keinen Platz mehr haben, ganz im Gegenteil. Wobei es nicht unbedingt darum geht, wie ich mich fühle. Es geht mir um eine wahrhaftigere Form des künstlerischen Ausdrucks. Mir ist aber noch etwas anderes wichtig ...

Nämlich?

Wenn wir beide uns treffen, sprechen wir immer sehr ausführlich über die Texte und ich kann nachvollziehen, warum das so ist, denn an ihnen kann man sich prima entlanghangeln. Mir ist es aber wichtig, auf die Bedeutung der Musik hinzuweisen. Die Charaktere und Geschichten in den Songs werden erst durch sie richtig zum Leben erweckt, durch den Sound, einen bestimmten Drum-Beat, die Produktion. Alle diese Dinge sind es, die diese Atmosphäre erschaffen.

Atmosphäre ist das Schlüsselwort für THE CAR. Die Produktion des Albums ist superb und gediegen, jeder Ton, jeder Beat, jeder Streichersatz besitzt eine Funktion innerhalb einer perfekt austarierten Gesamtdramaturgie, ein Song geht in den anderen über, so entsteht ein einziger, knapp 38-minütiger Fluss. Turner singt hingebungsvoll und akzentuiert wie nie zuvor, der Lounge-Rahmen des letzten Albums wurde behutsam um offensivere Gitarren ergänzt, die kongenial mit den schwelgerischen Streichern und vereinzelt eingesetzten elektronischen Sounds harmonieren.

Die wesentliche musikalische Inspiration für dieses Album zu benennen, fällt mir relativ leicht: THE CAR ist vor allem beeinflusst von TRANQUILITY BASE HOTEL + CASINO.

(lacht)

Mit Ausnahmen: Die Gitarre in „I’m Quite Where I Think I Am“ erinnert an Phillysound und den Funk der Siebziger, wo kommt das nun wieder her?

Stimmt, so kann man das hören. Ich weiß allerdings gar nicht mehr genau, woher das gekommen ist. Manchmal ist es einfach nur irgendein Equipment-Detail, das einen bestimmten Sound erzeugt und uns dadurch in eine gewisse Richtung führt. Heutzutage kommt es kaum noch vor, dass wir uns gegenseitig Musik zeigen und uns vornehmen, einen Song in einer ähnlichen Stimmung zu schreiben. Insofern fand ich es auch sehr zutreffend, dass du eben gesagt hast, der Haupteinfluss für das Album sei TRAN-QUILITY BASE HOTEL + CASINO. Mir kommt es nämlich auch so vor, dass wir für diese Musik nur aus uns selbst geschöpft haben.

Kunst entsteht allerdings niemals im luftleeren Raum …

Natürlich gibt es immer Referenzen, auch auf diesem Album. Es gibt gewiss Alben, über die wir in diesem Zusammenhang gut sprechen könnten. Dennoch ist die Musik bei uns noch nie zuvor auf derart natürliche Weise zustande gekommen. Sie ist förmlich aus uns hinausgeflossen.

Dafür spricht die Tatsache, dass THE CAR für mich eher wie ein echtes Bandalbum klingt als der Vorgänger.

Jetzt wird’s interessant, wie meinst du das?

Korrigiere mich gern, aber damals hatte ich den Eindruck: Das ist die Musik und das Album, die du, Alex Turner, unbedingt machen wolltest. Und weil ihr so gute Freunde seid und die anderen gespürt haben, wie wichtig es dir war, haben sie sich darauf eingelassen. Und diesmal klingt es für mich eben so, als hättet ihr alle zusammen diese Musik machen wollen.

Das freut mich sehr, ich liebe diese Beobachtung. Und, ja, ich gebe dir recht: TRANQUILITY BASE HOTEL + CASINO war in gewisser Weise ein Experiment, eine Versuchsanordnung. Und dieses Gefühl ist auf dem neuen Album nicht mehr in vergleichbarer Weise vorhanden. THE CAR fühlt sich nicht experimentell, sondern natürlich an.

In Zeiten wie diesen mutet die Realität bisweilen an wie eine Groteske. Ist es da einfacher, eine Fantasiewelt mit einer nicht näher definierten künstlerischen Produktion zu erfinden, als sich ganz konkret beispielsweise mit Boris Johnsons Partygate zu beschäftigen?

(lacht) Das ist nicht der Grund, aus dem ich diese Songs schreibe, es geht mir nicht um Eskapismus. Die Texte sind, was immer du in ihnen siehst und hörst. Ich kreiere Situationen und Szenen, die es mir erlauben, Ideen zu erforschen und darüber Wahrhaftigkeit zu finden. Alles, was mich beschäftigt, findet sich in der ein oder anderen Weise auch in diesen Texten. Es gibt aber keine bewusst versteckten Botschaften in ihnen. Ich finde es langweilig, konkret auf aktuelle Entwicklungen einzugehen.

Wer über Politik und Gesellschaft sprechen möchte, muss sich einen anderen Gesprächspartner suchen. In einer von Klimakrise, Kriegen und Pandemien geprägten Welt im Aufruhr zeichnet THE CAR ein auf den ersten Blick romantisches Bild der Entertainment-Industrie mit ihren Träumen und Verheißungen, Abgründen und Intrigen, Illusionen und gescheiterten Lebensentwürfen. Wenn sämtliche Satiren von der Realität einkassiert werden, ist die Kunst der letzte Zufluchtsort. Davon erzählen die Arctic Monkeys auf THE CAR – mit einer Musik, die in der flirrenden Hitze des Londoner Jahrhundertsommers klingt wie aus einer Traumfabrik entwichen.