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BLICKPUNKT: Marsch in die Freiheit


G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 16.08.2019

Im Herbst 1989 leiteten die Leipziger Kundgebungen den Zusammenbruch der DDR ein. Im Abstand von 30 Jahren blicken entscheidende Protagonisten von damals für G/GESCHICHTE jetzt noch einmal auf die dramatischen Ereignisse zurück


Die Leipziger Montagsdemonstrationen

Artikelbild für den Artikel "BLICKPUNKT: Marsch in die Freiheit" aus der Ausgabe 9/2019 von G Geschichte. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 9/2019

BILDNACHWEIS: AP/DPA/PICTURE ALLIANCE/SÜDDEUTSCHE ZEITUNG PHOTO, THOMAS HÄRTRICH

9. Oktober 1989 (li.):

Kundgebung in Leipzig. Die Menge wächst

30. Oktober 1989 (re.):

Die Demonstranten fordern ihre Rechte als Bürger ein

Wenn Siegbert Schefke darüber spricht, wie er am 9. Oktober 1989 die Stasi austrickste, ist ihm die Freude immer noch anzuhören. ...

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... Weil ihn die Spitzelbehörde für einen der gefährlichsten Oppositionellen der DDR hielt, wurde er rund um die Uhr beschattet. Dennoch gelang es ihm an jenem Tag, aus seiner Berliner Wohnung zu entkommen: »Ich bin übers Dach ausgestiegen. Dachluke auf, zehn Häuser vorgelaufen, da wieder runtergekommen, und da hat mich mein Freund Aram aufgesammelt, und dann sind wir nach Leipzig gefahren«, erinnert sich der heute 60-Jährige im Gespräch mit G/GESCHICHTE. Aram – das war der Fotograf Aram Radomski, mit dem er seit Jahren den tristen DDR-Alltag, die verfallenen Städte, die Umweltzerstörung dokumentierte. Die Filme übergaben sie Westjournalisten, die dafür sorgten, dass sie in Fernsehsendungen wie dem ARD-Magazin »Kontraste« gezeigt wurden – und so auch Millionen DDR-Bürger erreichten.


»Ich bin übers Dach ausgestiegen. Dachluke auf, zehn Häuser vorgelaufen, da wieder runter«


Siegbert Schefke, Journalist und DDR-Oppositioneller


An diesem ungemütlichen nieseligen Herbsttag wollten die beiden nach Leipzig, wo seit einigen Wochen jeden Montag um 17 Uhr demonstriert Sie wollten die Kundgebung filmen und ihr damit eine breite Öffentlichkeit verschaffen. Das war gefährlich, denn die Behörden hatten allen Fernsehteams verboten, in die Stadt zu kommen.
Die Montagsdemonstrationen hatten sich aus Friedensgebeten entwickelt, die 1981 in Dresden von dem evangelischen Pfarrer Christoph Wonneberger initiiert worden waren. Auf die Idee dazu kam er durch die politischen Nachtgebete, die 1968 in der Kölner Antoniterkirche ins Leben gerufen worden waren. »Damals ging es um den Vietnamkrieg, jetzt hatten wir die Hochrüstung in Mitteleuropa«, erzählt der heute 75-Jährige gegenüber G/GESCHICHTE. »Das habe ich dann ganz unverfänglich Friedensgebet genannt.« Es hatte aber von Anfang an einen gesellschaftskritischen Charakter.
Als Wonneberger 1985 in die Leipziger Lukasgemeinde wechselte, wurde er eingeladen, die Friedensgebete in der Nikolaikirche fortzusetzen. Dort waren die Räumlichkeiten aber nur am Montag frei. So fanden die Friedensgebete montags statt. »Am Anfang war das eine ganz kleine Gruppe«, sagt Wonneberger. »Und dann hat es sich entwickelt.«
Im Sommer 1989 war die DDR-Führung durch die Massenflucht von Bürgern über die ungarisch-österreichische Grenze massiv unter Druck geraten. Die reformorientierten Oppositionskräfte sammelten sich neu, die Leipziger Friedensgebete zogen jetzt Tausende Menschen an – mehr, als die Nikolaikirche fassen konnte.
Viele mussten draußen bleiben. Am 4. September, als während der Leipziger Herbstmesse auch westdeutsche Journalisten in der Stadt waren, entstand daraus erstmals eine Demonstration auf dem Hof der Nikolaikirche. An den nächsten Montagen wurde weiter demonstriert, und jedesmal kamen mehr Men- geschen. Am 2. Oktober reagierte die Polizei mit Straßensperren und dem Einsatz von Gummiknüppeln. Das führte dazu, dass die Atmosphäre eine Woche später, am 9. Oktober, überaus angespannt war. Manch einer befürchtete nun eine »chinesische Lösung« – ein gewaltsames Eingreifen wie auf dem »Platz des Himmlischen Friedens« in Peking vier Monate zuvor. Gisela Kallenbach, 75, die damals dabei war, erinnert sich: »Es hieß, es sind Panzer in der Stadt, es ist massenhaft Polizei in der Stadt. Die Geschäfte in der Innenstadt wurden um 16 Uhr geschlossen. Es hieß, die Krankenhäuser müssen Reservebetten und Blutkonserven haben. Ob das alles stimmte, konnte niemand nachprüfen, aber diese Informationen sind verbreitet worden.«

Bild aus einer anderen Zeit

Bei den Maifeiern 1988 trägt die »Freie Deutsche Jugend« FDJ noch Porträts des Politbüros, darunter

Erich Honecker und Egon Krenz (Pfeile),

durch die Straßen von Ostberlin

Am 30. Oktober 1989 bilden die Montagsdemonstranten eine Menschenkette um das Stasi-Gebäude in Leipzig


»Es hieß, es sind Panzer in der Stadt, es ist massenhaft Polizei in der Stadt«


Gisela Kallenbach, Politikerin und Montagsdemonstrantin


Siegbert Schefke und Aram Radomski suchten nach ihrer Ankunft einen geeigneten Punkt, um die Demonstration zu filmen. Sie entschieden sich für den Turm der Reformierten Kirche. Von dort sahen sie in der Dunkelheit die Demonstranten aufziehen – eine gewaltige Menschenmenge. »Das war wirklich ein Gänsehautgefühl «, erinnert sich Radomski. »Es gab ja kaum Telefon. Dass es dennoch in diesem Umfang zu so einer Menschenansammlung gekommen ist, das war schon verschärft.«

Die Menge skandierte ursprünglich: »Wir sind keine Rowdies!« Die SED-Zeitung »Neues Deutschland« hatte die Demonstranten als betrunkene »Rowdies« verunglimpft. »Aber das klang scheiße«, erzählt Radomski. »Dann kam der Umbruch zu ›Wir sind das Volk‹. Das war knackig, kurz und hieß so viel wie ›Wir haben keine Angst, ihr könnt uns gar nichts!‹«


»Das war wirklich ein Gänsehautgefühl … eine Menschenansammlung in diesem Umfang«


Aram Radomski, Fotograf und DDR-Oppositioneller


Bis heute steht in allen Büchern und Berichten, dass an jenem Tag 70 000 Menschen demonstriert hätten. Diese Zahl war jedoch frei erfunden: »Wir haben vor der Demonstration im Freundeskreis schon beschlossen, dass es 70 000 sind«, erzählt Schefke lachend. »Das Schlimmste ist, wenn unterschiedliche Zahlen in Umlauf sind. Und so hat halt einer gesagt: ›100 000‹. Da hab ich gesagt: ›Das sind zu viele.‹

Einer sagte: ›40 000‹. Da hab ich gesagt: ›Das ist zu wenig, machen wir einfach 70 000.‹« Mittlerweile wird angenommen, dass es noch viel mehr gewesen sind, weit über 100 000.

Gisela Kallenbach, die vor dem Friedensgebet Hunderte Flugblätter mit einem Aufruf zur Gewaltlosigkeit verteilt hatte, wurde während der Demo von einem Polizisten aufgefordert: »Kommen Sie mit!« Sie weigerte sich zunächst, doch er schob sie »mit sanfter Gewalt« auf eine Gruppe von Stasi-Leuten zu. »Die Stasi-Gruppen konnten wir auf zehn Kilometer erkennen«, erzählt Kallenbach G/GESCHICHTE. Doch während sie auf der Straße vernommen wurde, bildete sich um sie herum eine Traube von Menschen – so groß, dass die Stasi sie ziehen ließ.

Die Kundgebung ging friedlich zu Ende. »Warum, das müssen Historiker mal sehr ge nau analysieren, ob das nun an der Einsatzleitung in Berlin oder in Leipzig oder an wem auch immer lag«, sagt Gisela Kallenbach.

Der Tag nach dem Mauerfall

Am 10. November 1989 ist alles anders als noch tags zuvor: Die Menschen aus Ost und West kommen zur Mauer (hier ein Blick von Westen), sie laufen auf ihr herum und können es vor Glück immer noch nicht fassen


Für Egon Krenz, der wenige Tage später als Nachfolger von Erich Honecker an die Spitze des SED-Staates aufrückte, ist diese Frage klar zu beantworten: »Schießen stand an jenem Nachmittag überhaupt nicht zur Debatte«, erklärt der heute 82-Jährige im Gespräch mit G/GESCHICHTE. »Die Befehlslage war eindeutig – keine Gewalt!« Am Tag zuvor habe er sich im Berliner Ministerium für Staatssicherheit mit den obersten Sicherheitsleuten und Militärs der DDR getroffen, um sie dort auf diese Linie einzuschwören. Der Schlüsselsatz der von ihm verfassten Politbüro-Erklärung habe gelautet: »Mit militärischer oder polizeilicher Gewalt ist nichts zu machen. Politisch entstandene Probleme dürfen nur politisch gelöst werden!« Dafür habe er die uneingeschränkte Zustimmung der Generalität erhalten.


»Schießen stand … überhaupt nicht zur Debatte. Die Befehlslage war eindeutig«


Egon Krenz, damals zweithöchster Politiker der DDR


BILDNACHWEIS: BRIDGEMAN/SZ PHOTO/HANS-PETER STIEBING, PRIVAT

»Das ist für mich einer der entscheidenden Augenblicke im Herbst 1989«, sagt Krenz. »Die Verantwortlichen aller Sicherheitsorgane der DDR bekannten sich in diesem Moment zur Gewaltlosigkeit.« Stasi-Chef Erich Mielke selbst habe den Behörden in Leipzig klargemacht, dass am Montag nicht gegen die Demonstranten vorgegangen werden solle. »Dass damals Panzer in oder vor der Stadt waren, stimmt schlichtweg nicht«, so Krenz. »Es gab keinen Befehl, auf Menschen zu schießen. Es waren weder Blutplasma noch Leichensäcke bereitgestellt worden. Das waren alles nur Gerüchte und ist später immer wieder ungeprüft von den Medien übernommen und weitergegeben worden. Einige haben natürlich auch gezielt an dieser Legende gestrickt.« Örtliche SED-Funktionäre in Leipzig haben dementgegen immer betont, sie seien am 9. Oktober weitgehend auf sich allein gestellt gewesen.

Nach der Demo übergaben Schefke und Radomski die Videokassette mit ihren Aufnahmen vom Kirchturm noch am Abend dem Ostberliner »Spiegel«-Korrespondenten Ulrich Schwarz. Am nächsten Tag waren die Bilder in der »Tagesschau « und den »Tagesthemen« zu sehen. Um die Urheber zu schützen, behauptete Moderator Hanns Joachim Friedrichs, ein italienisches Fernsehteam habe sie aufgenommen. Der Film zeigte den DDR-Bürgern, dass offene Systemkritik möglich war – und das Regime nicht einschritt. Dies befeuerte die Proteste enorm. Schefke stieg am Abend des 9. Oktober übers Dach wieder in seine Wohnung ein – die Stasi- Leute, die ihn bewachen sollten, hatten von seinem Ausflug nichts mitbekommen. »Am nächsten Tag bin ich zum Bäcker gegangen, und die Stasi ging wieder mit«, schmunzelt er.

Dass heute bei Pegida-Demonstrationen wieder »Wir sind das Volk!« ertönt, findet Gisela Kallenbach empörend. »Die Leute, die das jetzt rufen, können das frei von jeder Angst tun«, sagt die Leipzigerin, die für die Grünen im Europaparlament und im Sächsischen Landtag saß. »Sie haben ihre Rechte garantiert durch unser Grundgesetz, durch die freiheitlich-demokratische Rechtsordnung. Wenn man das dann dennoch ruft mit dem ganzen dazugehörigen Habitus, dann ist das für mich eine Verhöhnung.«

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LESETIPP

Siegbert Schefke: »Als die Angst die Seite wechselte. Die Macht der verbotenen Bilder«. Transit 2019, € 16,–

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BILDNACHWEIS: BPK/BUNDESSTIFTUNG AUFARBEITUNG/KLAUS MEHNER, MAREN MARTELL, PRIVAT (2), ULLSTEIN BILD/CHRISTIAN GÜNTHER