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BLICKPUNKT: Stoff aus Jahrtausenden: Mode und Macht


G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 11/2020 vom 16.10.2020

Wenn die Queen bei ihrem ersten Treffen mit Donald Trump eine Brosche trägt, die ihr sein Amtsvorgänger Barack Obama geschenkt hat, so zeigt das: Mode ist immer auch ein Statement


Artikelbild für den Artikel "BLICKPUNKT: Stoff aus Jahrtausenden: Mode und Macht" aus der Ausgabe 11/2020 von G Geschichte. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 11/2020

Antike Kaiser Augustus, ranghöchster Togaträger seiner Zeit. Nie fällt eine Toga edler als in bleichem Marmor


Um 1575 Der Pelikan auf dem Mieder von Elisabeth I. versinnbildlicht ihre mütterliche Aufopferung für England


1956 Endlich vorbei sind »Drittes Reich« und Zweiter Weltkrieg: Das Rot signalisiert Lebenslust


Um 2000 Punk ist in der Gesellschaft angekommen. An den Rand sollen andere, wie die Parole auf dem Ärmel zeigt ...

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Um 2000 Punk ist in der Gesellschaft angekommen. An den Rand sollen andere, wie die Parole auf dem Ärmel zeigt


Er hätte auch schicke Ledertreter gehabt und ein weniger zerknautschtes Sakko, das zumindest hat Joschka Fischer vor ein paar Jahren in einem Fernsehinterview ausgeplaudert. Und dass es nicht seine Idee war, sich in Turnschuhen vereidigen zu lassen, sondern Parteiraison - damals, 1985 im hessischen Landtag. Es war ein Skandal, ein Aufreger und Hingucker: Der erste grüne Umweltminister zieht ein in eine deutsche Landesregierung, und er tut das standesgemäß in weißen Sneakers, Jeans und beigem Tweed, damit auch alle die Botschaft verstehen: Wir sind jetzt zwar angekommen auf der Regierungsbank, aber wir bleiben die Rebellen. Ein paar Jahre später hat es Joschka Fischer (in ordentlich geschnittenen Anzügen inzwischen) ins Außenministerium und auf den Stuhl des Vizekanzlers geschafft - und seine Turnschuhe ins Offenbacher Ledermuseum.

Es ist nie egal, was wir anziehen, weil wir damit immer Signale senden. Wir wollen lässig sein oder seriös, bezaubern, rebellieren, die Chefetage beeindrucken. Und dafür brauchen wir das jeweils richtige Outfit: die Jeans, das kleine Schwarze, den dunkelblauen Zweireiher oder die Sicherheitsnadel im Ohr. Mode ist so alt wie die Menschheit, auch wenn sich die Dresscodes ändern. Wer den Pelz des Säbelzahntigers trägt, ist der Boss am Steinzeitlagerfeuer. Wessen Lendenschurz nur aus Rehoder Biberfell hergestellt wurde, rangiert weiter unten. Aus Sicht der Couturiers ist es deshalb auch nicht das Rad, das den Lauf der Weltgeschichte geprägt hat, sondern die Erfindung von Nähnadel, Spinnrad und Webstuhl.

Die römische Toga: Über fünf Meter Stoff, um sich darin zu verwickeln

Wir überspringen die Griechen und starten mit den Römern, die das quasi demokratischste und simpelste aller Kleidungsstücke salonfähig gemacht haben: die Tunika. Zwei aneinandergenähte Stoffrechtecke mit drei Löchern für den Kopf und die Arme. Kniekurz für den Herrn, bodenlang für die Dame, dazu ein Gürtel, der alles zusammenhält. Gerne weiß. Kleine eingewebte Streifen im Stoff waren ein Zeichen von Qualität und somit der finanzstärkeren Oberschicht vorbehalten. Der freie (männliche) römische Bürger trug darüber die Toga, ein unpraktisches Kleidungsstück von 5,5 Metern Länge und 3,5 Metern Breite, das zu drapieren eine Kunst war. Vor allem aber signalisierte die Toga, dass man es geschafft hatte im alten Rom. Ein bisschen Purpur am Saum hieß: Achtung, hier kommt ein höherer Amtsträger, und wer knallbunten Stoff um seinen Körper hüllte, hatte sich als erfolgreicher Feldherr bewiesen.

Um 1100 Französische Mode des Hochmittelalters, gesehen von Kostümkundlern des 19. Jahrhunderts


Um 1430 Die Flügelhaube dieser jungen Flämin führt wie bei einer Nonne unter dem Kinn entlang. Gemälde von Rogier van der Weyden


1851 Unpraktisch, aber zum Arbeiten auch nicht gedacht: Krinolinenkleider aus dem »Journal des Dames et des Demoiselles«


»Ich kleide mich für mein Image. Nicht für mich selbst, nicht für die Öffentlichkeit, nicht für die Mode, nicht für die Männer«
Marlene Dietrich, Schauspielerin, Sängerin und Mode-Ikone


Kleidervorschriften zuhauf gab es auch im Spätmittelalter. Hermelin und Purpur durfte nur der König, der Kardinal trug Rot und der Bischof Lila. Seide und feine Wolle waren dem Adel vorbehalten, Leinen und grobes Wolltuch gingen durch als Kleidung für den Rest. Spitze, die feine gute, die damals vor allem aus Italien oder Belgien kam, war nur reichen Bürgern und Adeligen erlaubt, was als Modediktat etwa so sinnvoll ist wie Hartz IV-Empfängern Haute Couture zu verbieten. Es war (und ist) vor allem eine Frage von: Wer kann sich so viel Chichi überhaupt leisten?

Im Spätmittelalter stolpern die Männer in Schnabelschuhen über die eigenen Füße

Ein neues Kleid gab es auch in solventeren Häusern nur alle paar Jahre, dazwischen wurden die Klamotten immer wieder mit Spitze und Bändern aufgehübscht. Vor allem aber war Mode im 15. Jahrhundert ebenso sehr Männerwie Frauensache: Brokat, Seide, Schleifen, Puffärmel und Rüschen, Gold- und Silberschnallen - Mann inszenierte sich, gern mit Schnabelschuhen, die so lang waren, dass kein Mensch damit laufen konnte. Das erste Fashion Victim moderner Ausprägung war trotzdem eine Frau. Elisabeth I. saß auf dem englischen Königsthron und erließ alle naselang neue Kleiderordnungen für ihren Hofstaat. Das klare Ziel: Ich bin die Schönste hier im Land. Ich herrsche, ich regiere. Punkt. Weil weiße, silberne und schwarze Kleider besonders gut zu Elisabeths roten Haaren passten, tat man als englische Hofdame gut daran, auf andere Farben auszuweichen. Als die Queen 1603 starb, hinterließ sie nicht nur eine werdende Weltmacht, sondern auch einen reich gefüllten Kleiderschrank: ein paar Tausend Kleider und an die 80 Perücken.

So richtig von Mode sprechen wir trotzdem erst 150 Jahre später, als sich das Nähen von Kleidern in Frankreich zum Wirtschaftsfaktor entwickelte. Es gab jetzt mechanische Spinnereien, Seide und Brokat wurden im Land produziert, es entstanden erste Modehäuser, für die Schneiderinnen arbeiteten. Französischer Chic wurde exportiert: mit kleinen Modepuppen, die ins Ausland wanderten, damit die Roben vor Ort nachgeschneidert werden konnten. ErsteModejournale entstanden in Frankreich und England - und 1786 das »Journal des Luxus und der Moden« in Deutschland. Mode spiegelte den Zeitgeist wider, und der war im Barockund Rokoko vor allem: immer mehr, immer wilder, immer extrovertierter - in der Architektur, in den Prunkgärten und den Hoftoiletten. Bis es zur Französischen Revolution kam. Da knallte und krachte es dann und veränderte - nicht nur, aber auch - die Herrenmode für immer.

Denn es waren neben den Reifröcken und toupierten Steckfrisuren vor allem die Kniebundhosen samt Gold- und Silberschnallen, die mit ihren Trägern unter die Guillotine wanderten. Knielange Hosen verschwanden nicht von heute auf morgen, aber sie wurden immer mehr zum Symbol einer Zeit, die sich überlebt hatte. Mit den Adelsprivilegien starb auch eine Mode, die vor allem für Spiegelsäle und Rokokopaläste taugte, während sich in Paris die Frage stellte: Was trägt man denn jetzt in einer Bürgerrepublik? Es waren die Griechen, die Römer, die gute alte Tunika, die zur Inspiration aus der Mottenkiste gekramt wurde und sich, leicht variiert, in der Damenmode durchsetzte. Schließlich ging es um Égalité, um Gleichheit und Demokratie, und da passen schlichte weiße Empirekleidchen irgendwie immer.


»Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren«
Karl Lagerfeld, Modeschöpfer


1985 Jeans und Turnschuhe: Joschka Fischer bei der Vereidigung der damaligen hessischen Landesregierung


1965 Die französische Designerin Coco Chanel posiert in ihrer Suite im Pariser »Ritz« - natürlich in Chanel


Die lange Hose: Politisches Statement in der Französischen Revolution

Viel spannender aber war die Männermode.Zum Must-have der Saison avancierte nämlich: die lange Hose, die bis zum 18. Jahrhundert fast ausschließlich von Arbeitern und Matrosen getragen und jetzt zum Symbol der Demokratisierungwurde. Die Sansculotten - also die Menschen »ohne Kniebundhosen« - wurden politisch einflussreich, weil die aufständischen Pariser Arbeiter und Kleinbürger die Jakobiner unterstützten, von denen sie sich soziale Gerechtigkeit erhofften.

Daraus wurde noch ein ganzes Weilchen nichts, aber die lange Hose - bequem und praktisch - blieb. Zunächst für die Herren der Schöpfung. Auch wenn bereits während der Zeit der Französischen Revolution die eine oder andere Dame mit Beinkleidern geliebäugelt hatte. Sie wurden in Frankreich dann auch prompt für Frauen verboten (und offiziell erst 2013 erlaubt), denn zunächst ging es einen großen Schritt zurück mit der Emanzipation. Die Biedermeierzeit kam und damit eine Renaissance des Korsetts. Frauen waren einmal mehr schmückendesBeiwerk, sie trafen sich in Salons, diskutierten, förderten die Kunst und setzten sich für soziale Belange ein, waren aber weit entfernt von jeglicher politischer Mitbestimmung.

Es ist daher kein Zufall, dass sich prominente Frauenrechtlerinnen auch für das Tragen von Hosen einsetzten. George Sand trug sie auf Reisen, die amerikanische Frauenrechtlerin Amelia Bloomer entwarf 1851 eine Art Haremshose,die unterm knielangen Kleid getragen wurde. Damen, die Rad fuhren, griffen zum Hosenrock, Coco Chanel entwarf Bademoden. Aber es war Marlene Dietrich, die den Hosenanzug für Frauen endgültig etablierte - eleganter wurde er auch später nie wieder in Szene gesetzt.

LESETIPPS

Barbara Vinken: »Angezogen. Das Geheimnis der Mode«. Klett-Cotta 2014, € 20,-

Landesmuseum Württemberg (Hg.): »Fashion?! Was Mode zu Mode macht«. Offizieller Begleitband zur großen Mode-Ausstellung in Stuttgart (siehe Beitrag rechts). Belser 2020, ca. € 10,-


BILDNACHWEIS: AKG, BRIDGEMAN/KIM YOUNG TAE, DHM/S. AHLERS /ARCHIV SCHMÖLZ+HUTH - HERINGSON/WUPPERTAL, LANDESMUSEUM WÜRTTEMBERG/HENDRIK ZWIETASCH

BILDNACHWEIS: AKG, WIKIMEDIA/A. KRETSCHMER/C. ROHRBACH, WIKIMEDIA/ROGIER VAN DER WEYDEN