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BLINDT 307 Jahre Leben


Deutsch perfekt - epaper ⋅ Ausgabe 11/2018 vom 24.10.2018

Vor 100 Jahren wurde Deutschland zum ersten Mal zur Republik. Seit damals ist viel passiert. Wir haben drei Hundertjährige zu einer Bilanz eingeladen – über Freundschaften im Alter, 60-Jährige Enkelkinder, Krieg und Frieden. Und darüber, was im Alter besser wird. Von Barbara Kerbel


MITTEL

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Bildquelle: Deutsch perfekt, Ausgabe 11/2018

komischerweise
so, dass man nicht versteht, warum das so ist


„Mein Leben geht immer weiter, komischerweise.“
Leopold Kuchwalek (101)


Der November 1918 war ein Schicksalsmoment in der deutschen Geschichte: Vor 100 Jahren ging die Monarchie zu Ende, Deutschland wurde eine Republik (siehe Seite 22). In den 100 Jahren danach ...

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... folgten die Nazizeit und der Krieg, die Teilung Deutschlands und deren Ende. Wie geht es Menschen, die das alles erlebt haben? Was denken sie über das Leben? Berlin ist eine gute Stadt, um das herauszufinden: Dort leben rund 1200 Menschen, die 100 Jahre oder älter sind.

Frieda Müller, Martha Cante und Leopold Kuchwalek sind alle noch während des Ersten Weltkriegs geboren worden. Zusammen sind sie 307 Jahre alt. Wir verabreden ein Treffen im Seniorenheim im Märkischen Viertel, ganz im Norden der Stadt. Dort leben Frau Müller und Frau Cante, beide 103 Jahre alt. Der 101-jährige Leopold Kuchwalek soll mit seiner Tochter aus dem Berliner Süden dazukommen. Leider muss er kurz vor dem Treffen absagen. Er ist wenige Tage vorher bei der Gartenarbeit gestürzt und hat sich etwas gebrochen. Für eine Autofahrt durch ganz Berlin hat er zu starke Schmerzen. Wir werden ihn ein paar Tage später in seinem Haus besuchen.

Frau Müller, Frau Cante, ich freue mich, dass Sie beide Lust haben, von sich zu erzählen.
Müller (schaut skeptisch): Ach naja, was gibt’s denn schon zu erzählen?
Ein bisschen was bestimmt, nach 103 Jahren. Zum Beispiel habe ich gelesen, dass Sie Ihren Mann zwei Mal geheiratet haben.
Müller: Ja, ich hab den zwei Mal geheiratet. Aber das war nicht meine Schuld. Er wollte die Scheidung. Aber das war weiter nicht schlimm. Wissen Sie, damals war Krieg. Man wusste, der Mann kann im Krieg sterben, oder er verschwindet. Wir waren ungefähr sechs Jahre getrennt. In der Zwischenzeit wurde meine Familie aus Schlesien vertrieben und ich bin mit meinen Eltern in Niedersachsen gelandet. Da kam er eines Tages an und fragte: Nimmste mich noch mal?
Und Sie haben ihn nochmal genommen. Wie viele Jahre waren Sie zusammen?
Müller: Im Ganzen über 50 Jahre.
Frau Cante, wie haben Sie Ihren Mann kennengelernt?
Cante: Ich hab meinen Mann in Berlin-Charlottenburg kennengelernt, wir waren entfernt verwandt. Ich wollte ihn gar nicht haben. Aber meine Mutter hatte mir zugeredet. Dann habe ich ihn geheiratet – und zwei Jungs und ein Mädchen gleich mit.
Und wie lange waren Sie verheiratet?
Cante: Ach, das kann ich gar nicht sagen, das weiß ich nicht mehr. Wir sind viel gereist. Wir waren immer auf Teneriffa, das war die Lieblingsstation meines Mannes.

In diesem Moment kommt Cantes Schwiegertochter in den Hof des Heims, wo wir am Kaffeetisch sitzen. Es ist ein heißer Tag. Cante sagt, dass sie sich nicht wohlfühlt. Ihre Schwiegertochter bringt sie nach oben in ihr Zimmer.

Müller: Oh Gott, jetzt hängt die ganze Geschichte also an mir. Das ist ja zum Wahnsinnigwerden.
Das haben Sie gut erkannt.
Müller: Und ich habe meine Tochter weggeschickt, die ist jetzt irgendwo da oben.
Haben Sie auch Enkelkinder?
Müller: Eine Enkeltochter. Die geht auf die 60 zu.
Hätten Sie gedacht, dass Sie mal so alt werden?
Müller: Na, so alt nun nicht gerade. Aber meine Großmutter ist auch weit über 90 geworden.
Haben Sie ein Geheimnis, einen Tipp?
Müller: Nein. Ich kann höchstens sagen: Ich bin immer auf die Füße gefallen. Es waren schon komische Zeiten damals.

Frieda Müller ist 1915 in Schlesien geboren, im heutigen Polen. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste ihre Familie von dort weg. Ihre Eltern hatten in Schlesien einen kleinen Bauernhof auf dem Land, im Sommer vermieteten sie Zimmer an Urlaubsgäste. So kam Müller in Kontakt mit Familien aus Berlin – und so hat sie Anfang der 30er-Jahre auch ihren Mann kennengelernt.

Müller: Mit 15 bin ich als Hausmädchen in Dienst geschickt worden. Ich kam zu einer Berliner Familie, die bei uns Urlaub gemacht hatte. Aber sie fanden bald einen Grund, mich wieder zu entlassen. Das war schlimm. Ich habe fast auf Knien gebettelt, dass sie mich behalten. Die Zeiten waren sehr schlecht.


„Man muss sich eben daran gewöhnen, dass man nicht mehr 50 ist.“ Frieda Müller (103)


eben
hier: ≈ Das ist so. Man kann es nicht ändern.

sich gewöhnen „an
hier: ≈ langsam akzeptieren

Sie haben keine einfache Jugend gehabt.
Glauben Sie, junge Menschen heute haben es leichter?
Müller: In gewissem Sinn bestimmt. Aber ich frage mich, was sie suchen. Wenn ich sehe, wie die heute so leben, das kannten wir ja nicht. Man hat es heute in vielem leichter, schon weil die meisten Leute mehr Geld haben. Meine Eltern mussten nur schauen, dass sie sich selber und ihre vier Kinder groß kriegen.
Denken Sie noch oft an die alte Heimat?
Müller: Oh ja. In meinem Zimmer hängt ein Bild von unserem Haus. Es war keine Villa, aber unser Zuhause, mit einem schönen großen Obstgarten. Vor dem Haus war ein Blumengarten. Hinter dem Haus hatten wir Lauben, in denen Sommergäste gewohnt haben. (überlegt, lacht) Was wir für miese Toiletten hatten! Es war alles sauber, aber trotzdem. Im Vergleich zu heute – da würde keiner mehr Urlaub machen.
Hatten Sie auch schon Telefon?
Müller: Das gab es noch nicht. Mein erstes Telefon hatten wir, als wir schon in der Neubauwohnung in Berlin waren, da kriegte mein Mann dienstlich Telefon. Er war bei der Post.

Nachdem sie ihren Mann zum zweiten Mal geheiratet hatte und mit ihrer Tochter wieder zu ihm nach Berlin zog, bekam die kleine Familie in den 50er-Jahren eine Neubauwohnung im Stadtteil Wedding, ganz nah an der Grenze zum Ostteil der Stadt. In dieser Wohnung hat Müller fast ihr ganzes Leben verbracht. Wenige Meter vor ihrer Haustür passierte Weltpolitik: 1961 wurde die Berliner Mauer gebaut – und 28 Jahre später wieder abgerissen. „Es ging halt einfach nicht weiter“, sagt sie über das Leben an der Mauer. Ihr Mann starb nach schwerer Krankheit mit 80 Jahren, Müller blieb danach alleine in der Wohnung. Erst seit zwei Jahren lebt sie im Seniorenheim. Ihre Augen sind über die Jahre immer schlechter geworden. Inzwischen sieht sie fast nichts mehr. Weil sie auch nicht mehr so gut hört, verzichtet sie meistens auf die Nachrichten im Fernsehen. Sonst ist sie sehr fit. Und außer einigen Kinderkrankheiten war sie ihr ganzes Leben lang gesund.

Sind Sie gerne über 100?
Müller: Das ist zu ertragen. (lacht) Aber es ist schon manchmal ziemlich traurig und langweilig hier im Heim. Ich kann ja nichts machen: nicht mehr schreiben, nicht Rätselraten. Man ist froh, wenn der Tag rum ist. Aber in der eigenen Wohnung sieht man ja gar niemanden mehr. Und wenn Sie in der Wohnung fallen, liegen Sie dort. Es hat schon beides Vor-und Nachteile.
Viele sehr alte Menschen sind einsam.
Meine Oma war schon mit Mitte 80 traurig darüber, dass viele Bekannte nach und nach wegsterben.
Müller: Das ist schon so. Große Freundschaften können Sie hier auch nicht erwarten. Die sind ja alle so alt, die brauchen einmal einen Husten, dann sterben sie vielleicht weg.
Was haben Sie über das Leben gelernt, in 103 Jahren?
Müller: Man darf die eigenen Wünsche nicht zu wichtig nehmen. Zurückstellen ist immer schwieriger.

Wünsche zurückstellen musste Müller in ihrem Leben immer wieder. Die Kriegsjahre, die Trennung von ihrem Mann, der Verlust der Heimat – immer wieder musste sie neu anfangen. Dazu die Sorge, genug zu Essen zu haben. Die 103-Jährige erzählt davon ganz sachlich. „Das waren die schlechten Zeiten“, sagt sie.

Haben Sie noch schöne Erinnerungen aus ihrem Leben?
Müller: Oh ja. (lächelt) Als mein Mann verstorben war, habe ich mit meiner Tochter und dem Schwiegersohn wunderbare Reisen gemacht. Angefangen haben wir mit Island, drei Wochen mit dem Schiff ab Cuxhaven. Ich hatte ja vorher nie Geld, und da habe ich gesagt: Das hauen wir auf den Kopf. Später waren wir auch auf dem Mittelmeer, von Südspanien bis zur afrikanischen Küste. In Griechenland war ich auch, oben auf der Akropolis.
Sie haben die Welt entdeckt. Das ist schön.
Müller: Ja, das kann ich sagen.
Was ist für Sie Glück?
Müller: Gesundheit. Vor allem Gesundheit. Und Zufriedenheit. Nicht dass man denkt, ach, kuck mal, die haben das und die haben das, und das will ich auch. Man kann nur auf einem Stuhl sitzen.

Das ist ein schöner Satz.
Müller: Ja, das ist es.
Wünschen Sie sich noch etwas für Ihr Leben?
Müller: Einen schnellen Tod, den ich nicht merke.

„Was gibt es schon zu erzählen?“, hatte sie am Anfang noch gefragt. Jetzt reden wir schon fast zwei Stunden. Und Müller wirkt kein bisschen müde.

Ich habe gar keine Fragen mehr aufgeschrieben.
Müller: Na sowas! Ich habe gedacht, wir sitzen über Nacht hier.
Wollen Sie noch etwas erzählen?

Frau Müller erzählt nun eine Episode, die sie vorher schon angesprochen hatte. Es ist ein Erlebnis, das sie sehr schockiert hat. Es war 1936, zur Zeit der Olympischen Spiele in Berlin. Sie war hochschwanger mit ihrer Tochter. Ihr Mann hatte Tickets besorgt für das Olympiastadion. Auf dem Weg stolperte sie auf einer Treppe und fiel auf ihren Bauch.

Müller: Ich war mir sicher, dass das Kind nicht lebend da raus kommt. Aber es ist alles gut gegangen, meine Tochter war gesund.
Sie hatten großes Glück.
Müller: Ja, das hatte ich.
Würden Sie das auch über Ihr ganzes Leben sagen?
Müller: Ich glaube schon. Nach allem Schönen, was ich noch erlebt habe. Und wenn ich jetzt nicht schon so alt wäre, dann könnten wir vielleicht nochmal eine Reise machen. Aber das geht ja leider nicht. Man muss sich eben daran gewöhnen, dass man nicht mehr 50 ist.

Das Alter ist relativ, 50 kann jung bedeuten: Dieser Eindruck bleibt nach den letzten Worten von Frieda Müller zurück. Dass das Alter auch ein Grund für Scherze sein kann – dafür ist dann Leopold Kuchwalek ein Beweis. Obwohl er nach seinem Sturz immer noch starke Schmerzen hat, macht er zur Begrüßung einen Witz. „Sie kommen zu einem schlechten Zeitpunkt“, sagt er grinsend zur Reporterin. „Mein Vater hat sich gerade hingelegt.“ Er ist ein Spaßmacher, der während des Gesprächs viel lacht. Mit am Kaffeetisch sitzt seine 68-jährige Tochter Monika Gesierich, die Kuchen gekauft und den Tisch gedeckt hat.

Herr Kuchwalek, konnten Sie sich vorstellen, dass Sie mal so alt werden?
Kuchwalek: Nee. Aber meine Mutter wurde fast 98. Der Vater ist früh gestorben. Aber die Zeit vergeht so schnell, das konnte ich mir vorher nicht vorstellen. Wenn man mal über die 70 drüber ist, geht es ganz schnell, dann ist man 80. Aber ich freue mich. Ich habe nicht nur mit den Kindern ein gutes Einvernehmen, sondern auch mit den anderen Kameraden. Für die Kinder heiße ich nur Leo.

Die Kinder, von denen er spricht, sind seine Schwimmschüler. Kuchwalek ist 101 Jahre alt und Berlins ältester Schwimmlehrer. Seit 34 Jahren gibt er ehrenamtlich Schwimmunterricht für das Rote Kreuz. Zwei Mal pro Woche, donnerstags und freitags, steigt er am frühen Nachmittag in den Bus und fährt zur Schwimmhalle. Nach dem Training holt ihn meistens seine Tochter ab.

Die Kinder heute leben ganz anders als Sie früher.
Kuchwalek: Ich kann über die Kinder nichts Schlechtes sagen. Sie haben mir gegenüber ein sehr gutes Benehmen. Ich bin auch immer für einen Schnack zu haben. Das lieben sie.
Und die jungen Leute im Bus?
Kuchwalek: Mir bietet immer jemand seinen Platz an. Dann sage ich: Bleiben Sie mal sitzen, ich fahre nur zwei Stationen. Aber mit dem Laufen wird es immer schwerer, die Beine werden immer schwächer. Ich habe hier schon seit drei oder vier Jahren einen Stock stehen. Den benutze ich aber nicht. Ich schäme mich noch.

Kuchwalek lebt seit 1963 in seinem Haus in Lichterfelde, im Süden Berlins. 1961, er war damals schon mit einer Firma für Sanitäranlagen selbstständig, erzählte ihm ein Kunde von einer interessanten Ruine: eine zerbombte Doppelhaushälfte mit Garten. Er zeigt Fotos von dem Haus, von dem nur noch wenig übrig ist. Eltern und Schwiegereltern waren entsetzt, aber Leopold Kuchwalek wollte dieses Haus. Zwei Jahre hat er es selbst wieder aufgebaut, Familie und Freunde halfen mit – die Kinder schleppten die Steine. Aus fast nichts etwas Neues aufbauen: Diese Erfahrung hat ihn für sein Leben geprägt.


„Meinen Mann wollte ich gar nicht haben. Aber meine Mutter hatte mir zugeredet.“ Martha Cante (103)


zureden
hier: sagen, dass man etwas tun soll; empfehlen

Sein ganzes Leben lang war er aktiv, in der Arbeit und im Sport. Bis zu einem Herzinfarkt 2003 hat er jedes Jahr das Sportabzeichen absolviert, insgesamt 44 Mal. Hilfe kann er nicht so gut akzeptieren, erzählt er, denn er war immer sehr selbstständig. Sein Sohn wohnt nebenan, seine Tochter in der Nähe, beide kümmern sich um ihn. Der 101-Jährige versorgt seinen Garten alleine, schaut täglich die Nachrichten im Fernsehen – und macht sich Sorgen über den Klimawandel und die Wirtschaftspolitik von US-Präsident Donald Trump.

In einem Buch über 100-Jährige habe ich einen Satz aus Sardinien gefunden, der geht so: „Ein langes Leben hat, wer gut lebt, und nicht, wer versucht, lange zu leben.“ Meinen Sie, dass das stimmt?
Kuchwalek: Na, nicht ganz. Ich würde sagen, ich lasse mein Leben herankommen, wie es kommt. Ich mach mir zwar Sorgen, was ist morgen? Aber es geht immer weiter, komischerweise. Mein Sohn ruft mich jeden Morgen an. Dann sage ich ihm: Ich lebe noch.
Ist es der Sport, der Sie so fit hält?
Kuchwalek: Eigentlich glaube ich schon. Ich hab eine gute Luft im Körper (atmet tief durch). Ich habe nie geraucht, nur gerne mal Süßigkeiten gegessen.
Kochen Sie noch selbst?
Kuchwalek: Mein Frühstück mache ich noch alleine. Da freue ich mich schon, Rosinenbrot mit Marmelade. Heute habe ich zum ersten Mal Essen vom Roten Kreuz bekommen. Es war zu scharf, ich musste das Fleisch abwaschen. Naja, ich muss mich erst mal daran gewöhnen. Gestern hab ich mir noch selbst Fisch gebraten.
Haben Sie noch Freunde in Ihrem Alter?
Kuchwalek: Nee, ist alles tot. Das ist furchtbar. (Er schaut zu seiner Tochter, nennt Namen.) Ich habe mir gerade Bilder angekuckt, Mensch, denke ich, die sind alle weg. Ich habe noch einen Freund, der ist jetzt ins Altersheim gekommen, hier gleich um die Ecke.
Sind Sie je auf die Idee gekommen, selbst ins Heim zu ziehen?
Kuchwalek: Ich hab mir oft gedacht: Was würde ich machen, wenn ich meine Tochter nicht hätte? Ich habe auch schon eine Verbindung zu dem Heim, weil meine Frau am Ende dort war. Aber nein, mir ist es lieber, hier in der Wohnung zu sterben. (Zu seiner Tochter:) Na, Mädchen, meinst du nicht auch, tot im Bett, das wäre es doch?
Wären Sie gerne mehr mit alten Menschen zusammen?
Kuchwalek: Ich bin lieber mit Jüngeren zusammen. Alt bin ich alleine.

Überall im Wohnzimmer stehen Familienbilder, Erinnerungen eines langen Lebens. Er zeigt Fotos von seiner Frau. Beim Tanzen haben sie sich kennengelernt, da war er 20 und sie erst 16. 1942 wurde geheiratet, 1943 kam die erste Tochter zur Welt. Sie starb nach nur vier Wochen, als eine Bombe auf das Entbindungsheim fiel. Seine Frau überlebte, weil sie zu der Zeit im Krankenhaus war. 73 Jahre waren sie verheiratet. Seine Frau wurde dement, er pflegte sie zu Hause, so lange er konnte. Am Ende musste sie doch noch ins Heim. Vor drei Jahren starb sie im Alter von 95 Jahren.

Kuchwalek: Sie fehlt mir sehr. Ich komme nicht darüber hinweg. Manchmal höre ich ihre Stimme. Sie fragt dann: Was machst du in der Küche? Und so was.
Haben Sie noch Wünsche für die Zukunft?
Kuchwalek: Lange leben. Ja, ein bisschen will ich noch leben.
Wird irgendwas besser, wenn man alt wird?
Kuchwalek: Man überlegt mehr. Früher war ich eher aufbrausend. Heute denke ich erstmal nach, warte ab, lasse die anderen sein.
Wissen Sie heute mehr über das Leben als vor 30, 40 Jahren?
Kuchwalek: Ich weiß, dass ich meine Rente gut bekomme. (lacht, denkt nach) Ja, ich bin mit dem Leben an und für sich zufrieden gewesen.
Vielleicht ist genau das ein Geheimnis dafür, so alt zu werden.
Kuchwalek: So ist das.

Eine Übung zu diesem Text finden Sie auf Seite 54.


Foto: Meiko Herrmann/BamS

Foto: Gene Glover

Foto: Gene Glover