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Blockchain – was kommt nach dem Hype?


Computerwoche - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 07.01.2019

Der Enthusiasmus rund um die Blockchain ist groß, doch der produktive Einsatz in Unternehmen lässt noch auf sich warten. Wie groß der praktische Nutzen der Technik sein kann, zeigen inzwischen aber zahlreiche Pilotprojekte.


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Bildquelle: Computerwoche, Ausgabe 3/2019

Von Wolfgang Herrmann, Deputy Editorial Director


Rund 9,7 Milliarden Dollar werden Unternehmen im Jahr 2021 für Blockchain-Netze ausgeben, prognostiziert das Marktforschungs- und Beratungsunternehmen IDC. Derzeit seien es 2,1 Milliarden. Zu den Pionieren gehören demnach Unternehmen aus den Branchen Finanzdienstleistungen, Logistik und Fertigung. Doch es gibt auch kritische Stimmen. Ein ...

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... Großteil der Blockchain-Pilotprojekte in den USA werde in diesem Jahr zurückgefahren oder ganz eingestellt, erwartet etwa Forrester Research. Bis zu einem produktiven Einsatz dürften es demnach nur wenige Initiativen schaffen. Die Blockchain-Revolution werde wohl noch einige Zeit auf sich warten lassen, urteilt Forrester-Analystin Martha Bennett

Die Unternehmensberatung McKinsey hält Blockchain noch für eine „unreife Technologie” in einem Markt, der sich gerade erst entwickle. Ein Erfolgsrezept für den praktischen Einsatz zeichne sich bislang nicht ab. Experimente mit Blockchain-Lösungen ohne eine strategische Bewertung des Nutzens und der Realisierbarkeit führten dazu, dass sich für viele Unternehmen die getätigten Investitionen nicht rentierten.


„Solange sich Blockchain-Techniken nicht einfach an Enterprise-Systeme anbinden lassen, wird der Nutzen in großen Programmen und Initiativen sehr begrenzt bleiben.”


Deloitte

In einer ausführlichen Analyse kommen die McKinsey-Experten unter anderem zu diesen Erkenntnissen:

Um Nutzen zu stiften, muss eine Blockchain nicht darauf angelegt sein, Intermediäre wie Banken oder Zwischenhändler auszuschalten. Kommerziell aussichtsreich sind zunächst vor allem nicht öffentliche („permissioned”) Blockchains mit kontrollierten Zugangsrechten.

Der kurzfristige Wert der Blockchain liegt vor allem in der Möglichkeit, Kosten zu reduzieren. „Transformative Business-Modelle” werden erst später entstehen.

Bis zu einer breiten Einsatzfähigkeit von Blockchain-Techniken dürften noch drei bis fünf Jahre vergehen. Der Hauptgrund dafür liegt im „Coopetition”-Paradox, das die Entwicklung gemeinsamer Standards erschwert: Eigentlich konkurrierende Parteien müssten dafür kooperieren. Zu den wenigen Beispielen gehört R3, ein Konsortium aus 70 Banken, das die quelloffene Blockchain-Plattform Corda entwickelte.

Ungeachtet solcher Einschätzungen zeigen mittlerweile etliche Initiativen und Projekte, welchen praktischen Nutzen Blockchain-Technologien in unterschiedlichsten Feldern bringen können

Ricoh – Backoffice-Kosten senken mit Blockchain
Zu den Pionieren gehört beispielsweise Ricoh. Der Hersteller von Druckern, Kopierern und Office-Lösungen mit einem Jahresumsatz von 17 Milliarden Dollar experimentiert mit Blockchain-Techniken, um seine Supply-Chain- und Leasing-Prozesse zu verbessern. Wie CIO Kris Rao berichtet, ist die Initiative Teil einer breit angelegten digitalen Transformation des japanischen Konzerns.

Rao hat vor allem die Bestell-, Auftragsabwicklungs- und Zahlungsprozesse im Visier und setzt dafür auf das Open-Source-System Hyperledger Fabric. Würden diese Abläufe automatisiert über eine Blockchain-Plattform laufen, ließen sich Backoffice-Kosten reduzieren oder sogar ganz einsparen.

Ähnlich wie andere große Unternehmen arbeitet Ricoh aber noch daran, die Leistung der Hyperledger-Plattform zu verbessern. Der CIO kämpft zudem mit unterschiedlichen technischen Standards und der Interoperabilität der zahlreichen beteiligten Systeme. Nach Einschätzung der Beratungsfirma Deloitte gehören solche Faktoren zu den größten Hürden bei der Nutzung von Blockchain-Konzepten: „Solange sich Blockchain-Techniken nicht einfach an existierende Enterprise-Systeme anbinden lassen, wird der Nutzen in großen Programmen und Initiativen sehr begrenzt bleiben”, erklärten Deloitte-Spezialisten im September 2018.

UNO – eine Blockchain für mehr Menschenrechte?
Die Vereinten Nationen prüfen den Einsatz von Blockchain-Systemen auf zwei Feldern: zum einen für die Überprüfung von Identitäten, zum anderen in Supply-Chain-Prozessen. Rund 1,2 Milliarden Frauen besitzen keine offiziell anerkannte Identität, berich-tet Atefeh Riazi, CIO der United Nations Organization. Dazu gehöre etwa ein Name oder der Geburtstag. Sie würden damit zu leichten Opfern von Schleppern. In einigen Ländern führe die fehlende Identität dazu, dass minderjährige Kinder Arbeiten verrichten, die eigentlich nur Erwachsene leisten sollten. Der fehlende Altersnachweis könne sich auch in Gerichtsverfahren nachteilig auswirken, wenn etwa minderjährige Angeklagte wie Volljährige behandelt würden.

Deutschland redlich bemüht

In Deutschland wird derzeit eine Blockchain-Strategie erarbeitet, ein Pilotprojekt Distributed-Ledger-Technologie sei in Vorbereitung. Das zumindest teilte die Bundesregierung der FDP-Fraktion auf eine kleine Anfrage im vergangenen August hin mit. Die Arbeiten sollen demnach bereits 2018 begonnen haben. Es handele sich um eine „vergleichsweise junge Technologie, deren gesellschaftliches und ökonomisches Potenzial derzeit sehr schwer einzuschätzen ist”, hieß es. Man befinde sich im Dialog mit Entwicklern, Wissenschaft, Verbänden und Pilotanwendern, auch um potenzielle Anwendungen und Einsatzgebiete zu identifizieren.

Wenig euphorisch über das Erreichte zeigte sich der ITK-Branchenverband Bitkom, der am Tag vor dem Digitalgipfel der Bundesregierung im Dezember 2018 in Nürnberg einen „Blockchain Business Summit” abgehalten hatte. Dem Verband zufolge sind „alltagstaugliche Lösungen noch Mangelware”. Unternehmen seien aber gut beraten, die Möglichkeiten der Blockchain-Technologie auszuloten und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Die deutsche Wirtschaft sehe das Potenzial der Blockchain, eine aktuelle Umfrage zeige jedoch, dass man sich hierzulande nicht in der weltweiten Spitzengruppe bewege. „Wir haben die Chance, Deutschland zum Vorreiter bei Blockchain-Anwendungen zu machen. Dazu brauchen wir die im Koalitionsvertrag angekündigte, umfassende Blockchain-Strategie der Bundesregierung”, mahnte Bitkom-Präsident Achim Berg.

Schweiz und Liechtenstein geben Gas in der Blockchain

Die Schweiz will sechs Gesetze ändern, um die Möglichkeiten der Blockchain-Technologie auszureizen. Finanzminister Ueli Maurer, der auch als „heimlicher Digitalminister” gilt, erklärte, die Schweiz wolle Vorreiter sein, wenn es um die Entwicklung Blockchain-basierter Use Cases gehe. Dafür seien rechtliche Sicherheit und eine zielführende Gesetzgebung die Voraussetzung. Die Regulierung dürfe Maurer zufolge aber nicht zu weit gehen, man wolle die Entrepreneure und Entwickler lenken und fördern, nicht „strangulieren”. Startups sollten ihre Ideen in der Schweiz umsetzen und internationale Talente anziehen. „Die Schweiz benötigt keine besondere Regulierung für die Blockchain”, so Maurer, „aber wir werden sechs bestehende Gesetze ändern müssen, um diese neue Technologie fördern zu können. Das wird viele Industrien betreffen”, sagte der Finanzminister, der die geplanten Anpassungen nicht näher konkretisierte.

Adrian Hasler, Premierminister von Liechtenstein, stellte bereits ein neues Blockchain-Gesetz für Liechtenstein vor. Das Fürstentum, das ähnlich wie die Schweiz Finanzmetropole bleiben und Fintech-Unternehmen anlocken möchte, plant für 2019 das „Gesetz über auf vertrauenswürdigen Technologien (VT) beruhende Transaktionssysteme”. Es wird Kryptowährungen und Initial Coin Offerings (ICOs), aber auch die Token-Ökonomie insgesamt regulieren. Im Gesetzesentwurf enthalten sind Mindestanforderungen für alle VT-Dienstleister in Liechtenstein, damit internationale Standards eingehalten werden und der Ruf der Finanzmetropole nicht durch möglicherweise dunkle Geschäfte in Gefahr gerät. Man will die Dienstleister zu einer klaren Organisationsstruktur und zu internen Kontrollmechanismen drängen.

Mit Hilfe von Blockchain-Anwendungen könnten Behörden Menschen leichter identifizieren und damit am Ende Ausbeutung und Kriminalität eindämmen, argumentiert der CIO. Er untersucht darüber hinaus, wie sich mit Blockchain-Techniken die Herkunft von Arzneimitteln prüfen lässt, die die UNO weltweit verschickt. „Die Supply Chain gehört zu den wichtigsten Bereichen, die wir uns in Sachen Blockchain ansehen”, so Riazi.

Für den IT-Manager gehört Blockchain zu den disruptivsten Technologien, die sich CIOs derzeit bieten: „Diese Disruption ist real. Warum brauchen wir Uber, wenn es auch ein Peer-to-Peer-Modell gibt? Warum brauchen wir Banken, wenn man Geld auch direkt transferieren kann?”

Smarte Verträge für Finanzdienstleistungen
Boston Private, ein Vermögensverwalter für besonders wohlhabende Kunden, testet eine Blockchain für den Einsatz von Smart Contracts. Sie sollen Finanztransaktionen effizienter und sicherer erledigen. Anders als in einem offenen System kontrolliert das Unternehmen den Blockchain-Knoten und vergibt Zugangsberechtigungen an beteiligte Broker-Häuser, Kunden und weitere Parteien.

CIO und CDO Prasanna Gopalakrishnan nennt als Beispiele Devisengeschäfte oder die Kreditvergabe, die mit viel manuellem Aufwand und dem Austausch von Dokumenten verbunden seien. Eine Blockchain-App, über die Smart Contracts abgewickelt werden, könne helfen, den Aufwand drastisch zu reduzieren und die Prozesse zu beschleunigen.

Er rät anderen CIOs, nicht nur aus der Finanzbranche, zunächst den Fachabteilungen einen konkreten Business-Nutzen der Blockchain aufzuzeigen. Erst im zweiten Schritt sollten sie ihre Initiative anderen C-Level-Managern präsentieren. Gopalakrishnan: „Sie brauchen die Unterstützung der Fachanwender. Und sie müssen die Business-Probleme, die sie lösen wollen, genau verstehen und klar artikulieren.”

Die Unternehmensberatung McKinsey sieht in der Finanzbranche generell viele Einsatzfelder, in denen Blockchain-Netze Prozesse effizienter und insbesondere kostengünstiger abwickeln könnten. Ähnliches gelte für die öffentliche Hand. Die Experten schätzen, dass rund 90 Prozent aller Banken in Europa, Nordamerika und Australien bereits mit Blockchain experimentieren oder Investitionen in die neue Technik getätigt haben.

UPS – Blockchain in der Logistik
Der Logistikkonzern United Parcel Service (UPS) hat ein Team aufgestellt, das den Einsatz von Blockchain-Techniken in der Supply Chain untersucht. Linda Weakland, Director Enterprise Architecture and Innovation, sieht Automatisierungspotenziale etwa in der Zollabfertigung von transportierten Gütern. Diese sei noch immer mit zahlreichen manuellen Prozessen verbunden. Ein Blockchain-System könne UPS helfen, den Prozess zu modernisieren und Güter erheblich schneller zu verzollen. Transaktionen ließen sich damit noch genauer nachvollziehen, auch Kosteneinsparungen etwa beim Transport von Containern wären erreichbar.

Um das Potenzial der Blockchain auszuschöpfen, ist aus Sicht von Weakland aber ein Einsatz in der kompletten Lieferkette vonnöten. Vor diesem Hintergrund ist UPS im November 2018 der Blockchain in Transport Alliance (BiTA) beigetreten, die Blockchain-Standards für die Frachtindustrie entwickelt. Solche Standards würden es UPS und seinen Partnern erleichtern, Daten über mehrere Blockchain-Systeme hinweg zu teilen, erläutert die IT-Managerin. Bisher sei das ein schwieriges Unterfangen.

UPS sieht die Blockchain als integralen Bestandteil seines entstehenden Smart Logistics Network, das auch andere aufkommende Technologien umfasst. Dazu gehören beispielsweise das Internet of Things (IoT), Robotics, künstliche Intelligenz und Machine Learning. UPS-CIO Juan Perez will solche Technologien unternehmensweit einsetzen und hat dazu eigens die Advanced Technology Group gegründet.

Transparente Lieferketten für Nahrungsmittel
Seine Lieferkette will auch der amerikanische Früchtehändler Driscoll’s verbessern. Er verkauft unter anderem Erdbeeren, Himbeeren und Brombeeren an Einzelhändler, darunter Walmart und zahlreiche Supermärkte weltweit. CIO Tim Cullen will eine Rückverfolgbarkeit der verkauften Produkte bis hin zum Erntefeld erreichen.

Gemeinsam mit einem guten Dutzend weiterer Lebensmittelproduzenten arbeitet Driscoll’s mit IBM an einer Blockchain. Sie soll es beispielsweise erlauben, die Herkunft von verdorbenen Lebensmitteln nachzuvollziehen. In der Blockchain werde praktisch jeder Datenpunkt in der Lieferkette dokumentiert, sagt Cullen.

Dazu speichere man beispielsweise Barcodes auf Paletten und Containern: „Die Daten in der Blockchain sind nicht manipulierbar und deshalb eine vertrauenswürdige Basis, um die Herkunft von Lebensmitteln lückenlos zu dokumentieren.” Neben Blockchain setze Driscoll’s im Rahmen seiner digitalen Initiativen auch auf Advanced Analytics und Machine Learning.

Wie CIOs den richtigen Use Case finden
Angesichts der Vielzahl potenzieller Use Cases für Blockchain-Technologien empfiehlt McKinsey Unternehmen ein strukturiertes Vorgehen. Bei der Entscheidung, welche konkreten Initiativen sie verfolgen, sollten sie einen „pragmatischen Skeptizismus” an den Tag legen. Denn allzu oft entständen in Blockchain-Pilotprojekten Lösungen, für die es gar kein Problem gebe. Um nicht in diese Falle zu tappen, gelte es echte „Painpoints” zu identifizieren, die beispielsweise Kunden im Umgang mit Unternehmensprozessen ärgerten. Erst im zweiten Schritt lohne es sich, den kommerziellen Nutzen und die Realisierbarkeit genauer zu analysieren.


Foto: dencg/Shutterstock