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»Blumen sind Töne«


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Wohn!Design - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 31.08.2022
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Bildquelle: Wohn!Design, Ausgabe 5/2022

Chelsea Flower Show 2022

Schon im Fahrstuhl hängt satt der Geruch frisch geschnittener Pflanzen in schwerer Feuchtigkeit. Er verbindet den Parkplatz mit der Blumenhalle des New Covent Garden Market, Englands größtem Umschlagplatz für Blumen, Obst und Gemüse. Die Schiebetüren öffnen sich, schlagartig sackt die Luft auf Frischhalte-Temperatur. Scharfes Neonlicht reflektiert auf blanken Betonböden, auf denen Hunderte beige Kübel aufgereiht stehen: Bünde von Rosen, Lilien, Hyazinthen oder Sonnenblumen. Sattrosa und -blaue Hortensiendolden quellen aus meterhohen Regalen. Ein Kaleidoskop in Blüten gegossener Farben. Es ist 5 Uhr morgens, Ming Veevers-Carter streift durch die 20 Verkaufsstände, testet Textur und Farbe einzelner Pflanzen, von denen die meisten nachts aus den Niederlanden geliefert wurden. Weicht Großhändlern aus, die frische Ware auf Rollcontainern in ihre Stände rollen, begleitet von Popmusik, die leise die ...

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... Gänge berieselt. Sonst herrscht konzentrierte Ruhe. 75 Prozent der Londoner Floristen ordern auf diesem Markt Schnittblumen und Grünpflanzen – und das seit mehr als 350 Jahren. Was von ihnen gekauft wird, landet in kleinen Blumenläden, Hotellobbies, Eingangshallen von Geschäftshäusern. Schreibt Ming Veevers-Carter sie auf ihre Liste, wird aus ihnen Kunst. Zwei Wochen später hat sie Zeit für ein Gespräch – die Floristin urlaubt in ihrem Sommerhaus auf Cape Cod. Es ist 8 Uhr morgens Ortszeit, da hat sie schon vier Stunden online mit ihren Angestellten in London gearbeitet.

Seit 40 Jahren leben Sie in England – wie kommen Sie zu einem Ferienhaus auf Cape Cod?

Es ist unsere Familienresidenz, meine amerikanische Großmutter lebte hier. Ich verbrachte meine Kindheit auf den Seychellen, wo meine Eltern entlegene Inseln für Ansiedlungen entwickelten. Nachdem mein Vater starb, konnte meine Mutter das nicht allein bewerkstelligen. Wir zogen nach Cape Cod, dann nach England, in die Heimat meines Vaters. Auf Cape Cod kommt die Familie zusammen.

Wurzelt auf den Seychellen Ihre Leidenschaft für Blumen?

Ja, für Blumen und Natur generell – es gab ja nichts anderes zum Spielen. Wir bauten Boote aus Kokosnuss-Schalen, dekorierten den Weihnachtsbaum mit Korallen und Muscheln. Jede Woche arrangierten wir Blumensträuße. Formen und Farben sind nach wie vor meine größte Inspiration. Wenn ich in der Londoner Tube ein Pärchen sehe, dessen Kleidung farblich perfekt passt, dann fotografiere ich das. Oder Bäume, die sich in einer besonderen Form in den Wind biegen.

Gehen Sie deshalb noch selbst auf den New Covent Garden Market, obwohl Sie eine Einkäuferin beschäftigen?

Ein Besuch auf dem Markt ist wie ein Spaziergang durch einen üppigen Garten, in dem man Blumen pflückt. Ich kaufe besondere Blumen als Vorlage für spätere Aufträge. Es ist auch eine gute Möglichkeit, Wachshaltigkeit und Farbtöne zu prüfen. Ich bin da sehr pingelig. Viele Floristen bestellen direkt in Holland, das ist viel billiger. Aber man weiß nie genau, was man bekommt. Und außerdem: Wenn wir Floristen nicht auf dem Blumenmarkt kaufen, wird er irgendwann verschwinden – ein riesiger Verlust.

Welche Blumen landen in Ihrem Order-Regal?

Alles, was Bewegung und Charakter hat wie Tulpen, Fingerhut, Mohn, Anemonen, Rosen. Ich tendiere zu britischen Pflanzen, die sind etwas wilder und natürlicher.

Ich hatte erwartet, dass die Großhändler Sie mit einer Konfettiparade begrüßen – Sie müssen ihr bester Kunde sein …

(lacht) Nein, die Händler sind vor allem harte Arbeiter. Ihr Tag beginnt um 1 Uhr morgens und endet um 9 Uhr. Ein schwieriges Leben. Als ich mit 17 Jahren meine Floristenausbildung begann, verängstigten mich die Markthändler total – sie waren jenseits von unhöflich. Es dauerte lang, bis ich mich an den rauen Ton gewöhnt hatte.

Sie eröffneten dann zwei Blumenläden in London. Wann merkten Sie, dass Sie mehr sind als eine Floristin und Ihre Arrangements Kunst?

Ich würde mich nach wie vor als Floristin bezeichnen: Ich stecke Blumen zusammen und wische den Boden. Darin bin ich sehr gut. Vor etwa 25 Jahren bekam ich meinen ersten Auftrag für ein Firmendinner von einer Kundin, die Caterer war. Letztendlich braucht man nur eine Person, die einem vertraut. Ich arbeitete öfter mit ihr, wurde selbstbewusster und konzentrierte mich auf Events. Mittlerweile habe ich 14 Angestellte: Designer, Floristen, Einkäufer, Lagermanager. Dazu buche ich freiberufliche Floristen. Ich glaube, es gibt für jeden Floristen den einen Moment, in dem er sich als Künstler fühlt. Aber es ist ein schmaler Grat, wann etwas wirklich zu Kunst wird.

Wo liegt dieser Grat?

Es ist immer einfach, das Offensichtliche zu kreieren. Wenn ein Kunde sechs Tischdekorationen bestellt, kann ich das in zwei Sekunden entwerfen. Es ist das nicht-Offensichtliche, das zu Kunst wird. Dafür braucht es eine enorme Anstrengung und ein gutes Briefing: Sind die Gäste Freunde oder Geschäftspartner? Möchte man sie beeindrucken, ihnen danken oder sein Engagement etwa für die Umwelt ausdrücken? Das alles fließt ein in die Kreation.

… wie wahrscheinlich auch die Gegebenheiten einer Location?

Bei Events wie im Victoria and Albert Museum, in der National Gallery oder Tate Modern gibt es tausend Regeln zu beachten. Früchte und Wassersäulen sind verboten. Die Blumen müssen Abstand zu den kostbaren Gemälden halten. Die sind oft in erdigen Tönen gemalt, dazu müssen die Blumen passen. Sie sollten drei Farbnuancen heller sein als die Umgebung, die oft sehr dunkel ist. Violett, Burgund, Pflaume – das funktioniert nicht. Aber auch Privatkunden können speziell sein.

Zum Beispiel?

Eine Kundin gab uns für ihre Geburtstagsfeier die Vorgabe: »In meinem Kopf ist nur Spaghetti, und ich liebe Bücher«. Da habe ich lange überlegt. Letztendlich haben wir bunte Wollfäden über Bäume, Hausdach und Tanzfläche gesponnen, wie Laserstrahlen, die sich schließlich um den Kronleuchter im Festzelt knäulten – das waren die Spaghetti. Auf den Tischen kombinierten wir Stapel ihrer Lieblingsbücher mit Blumen. Das Verrückteste aber war, dass sie unseren Floristen bat, die Fliegen in der Pool-Umkleidekabine mit Insektengift zu töten und sie auf ein Nylonband zu fädeln. Sie trug das dann als Halskette.

War das Ihr herausforderndster Auftrag?

Nein, das war die Installation Behind Every Great Florist auf der Chelsea Flower Show 2016, eine Kommissionsarbeit für den New Covent Garden Market. Die vordere Seite repräsentierte die Floristen: das dreidimensionale Porträt der Queen, umrandet von 10.000 Blumen. Die hintere Seite widmeten wir dem Blumenmarkt, Grünpflanzen und weiße Blumen in 112 Kübeln, wie man sie auf dem Markt findet. Die Konstruktion des Standes war super kompliziert. Sechs Monate arbeiteten wir an der Installation. Ich glaube, wir waren noch nie so nervös, weil wir sonst nicht in der Öffentlichkeit arbeiten – und das noch über mehrere Tage. Zweimal täglich tauschten wir Blumen aus, damit es an allen Tagen makellos war.

Ist die Konstruktion einer Installation das Schwierigste bei einem Auftrag?

Nicht das Schwierigste, aber das Wichtigste. Es ist, wie wenn ein Maler mit einem Skelett anfängt und dann das Fleisch hinzufügt, dafür braucht man eine visuelle Vorstellungskraft. Die Struktur muss stabil sein und transportfähig. Wir haben eine eigene Abteilung dafür mit Set-Designern und Ingenieuren. Das Schwierigste ist, zu einem bestimmten Zeitpunkt perfekte Blüten zu haben, nicht zu geschlossen, nicht zu offen. Wenn mich ein Kunde fragt, ob wir am nächsten Tag ein Event ausstatten können – nein! Man kann Blumen nicht einfach kaufen und sofort verarbeiten, sie wollen so noch nicht gesehen werden. Das ist so, als würde man uns in Unterwäsche sehen.

Wie hoch war Ihre teuerste Rechnung?

1,2 Millionen Euro für eine Geburtstagsfeier. Das war erschreckend. Aber ein gigantisches Meer an Blumen war genau das, was der Kunde wollte. Ich fühlte mich hinterher richtig schlecht, angesichts des riesigen Berges an Abfall. Es war zu viel.

Nun ist Ihr Business generell nicht gerade nachhaltig …

Wir versuchen, es so nachhaltig wie möglich zu machen. Nach einer Feier binden wir aus den Blumen Sträuße für Hospize und Pflegeheime. Maschendraht und Plastikkübel werden wiederverwendet. Das habe ich von meiner Großmutter gelernt, die sogar Alufolie säuberte, um sie mehrmals zu benutzen. Als wir in diesem Jahr von der Royal Horticultural Society wieder auf die Chelsea Flower Show eingeladen wurden, fertigten wir das Porträt der Queen als Hologramm aus 3000 getrockneten Blütenblättern. Die stammten aus früheren Events, wir haben nichts dazugekauft.

Ist bei Ihnen auch schon mal etwas richtig schiefgegangen?

Es gab Überraschungen. Wir lieferten eine Herde von lebensgroßen Kunststoffelefanten nach Afrika, die wir mit Moos beklebt hatten. Drei Monate waren sie im Container unterwegs, dann steckten sie im Hafen fest.

Wir charterten einen Helikopter, der den Container zur Location brachte, öffneten ihn – es war unglaublich, der grauenvollste aller Gerüche! Wir brauchten Massen an Raumspray und Ventilatoren, um es erträglich zu machen. Zum Glück fand das Event drei Tage später draußen statt – in einem Innenraum wäre es eine Katastrophe gewesen.

Ihre Arbeit glänzt naturgegeben nur für einen kurzen Moment. Stört Sie das?

Nein, die Vergänglichkeit ist genau das, was ich liebe. Wir schaffen ja keine bloße Dekoration, wir kreieren Erlebnisse. An eine Vase mit steifen Blumen wird sich niemand erinnern. Aber wenn etwas eine Seele hat, zieht es die Menschen an. Es ist wie in der Musik: Die Blumen sind die Töne, wir machen daraus eine Melodie. Auch wenn es nur ein kurzer Moment beim Betrachten ist – das ist es, was die Gäste in Erinnerung behalten.

veeverscarter.com