Lesezeit ca. 12 Min.

Blutarme Zeiten


Logo von St.GEORG
St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 20/2022 vom 17.01.2022

Artikelbild für den Artikel "Blutarme Zeiten" aus der Ausgabe 20/2022 von St.GEORG. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Aceaquiducia iusandam et et quos est, solupic ipsant pe erum qui ideleste vid quis et landam qui tem expellante quam aliquas sitatumquam et ad et autem

Sie haben es alle – die Vielseitigkeitshelden Hale Bob, Wild Wave oder Butts Avedon in der zweiten, Dalera und Bohemian in der vierten Generation: das kleine „xx“ in der Ahnentafel, Vollblut. Dass man teilweise schon bis zu den Ururgroßeltern gehen muss, um auf Vollblüter zu stoßen, zeigt wie wenig populär der Einsatz dieser Veredler in den letzten Jahren war. Wobei edel irreführend ist. Der Vollblüter kommt nicht zum Einsatz, um ein Köpfchen hübscher zu bekommen oder gar die Beine dünner. Es kommt auf andere Faktoren an.

„Jedes Pferd hat grob gesagt zwei verschiedene Muskelkategorien, solche die sich langsam zusammenziehen und die, die schneller kontrahieren. Sie sind verantwortlich für den gewissen ,Zack‘ aus der Hinterhand, für schnelle Reaktionen im Parcours, für Reflexe“, sagt Iris Wenzel. Die Potsdamerin hat sich den Vollblütern verschrieben, sie auf Rennbahnen beobachtet, in England, Irland, ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von St.GEORG. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 20/2022 von Was ist da in der Zucht los?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Was ist da in der Zucht los?
Titelbild der Ausgabe 20/2022 von LESERBRIEFE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LESERBRIEFE
Titelbild der Ausgabe 20/2022 von Pferd des Monats. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Pferd des Monats
Titelbild der Ausgabe 20/2022 von Die Paris 2024-Bundestrainer. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die Paris 2024-Bundestrainer
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Auktionen
Vorheriger Artikel
Auktionen
„Richtig reiten reicht“
Nächster Artikel
„Richtig reiten reicht“
Mehr Lesetipps

... Frankreich. Auch Pferde aus den USA hat sie analysiert. „Genau deswegen brauchen wir Vollblut in den Warmblütern. Schon der Muskelstoffwechsel eines Vollblüters ist anders. Das ist eine genetische Erfolgsgarantie, die die Warmblutzucht braucht.“

Wer sportlich reitet, denkt bei dem Wort Vollblut zunächst an Vielseitigkeit, an die Legende Sam v. Stan the man xx-Heraldik xx, Doppelolympiasieger mit Michael Jung und Dreiviertelblüter, an die grandiosen Heraldik xx- Söhne aus der Butt‘schen Zucht (Leon, Abraxxas, Avedon) an Tabasco und andere. Das Beispiel von Heraldik xx zeigt: Auch Grand Prix-Dressurpferde kann ein Vollblüter zeugen, genauso wie 1,60-Meter-Springpferde. Es kommt auf die Anpaarung an. „Die Züchter müssen ihre Stuten kennen, wissen, was sie verbessern wollen“, sagt Dr. Annette Wyrwoll, Tierärztin, Pferdewirtschaftsmeisterin und Olympiareiterin, die als Züchterin ein klares Konzept hat: „Ohne Vollblut geht es nicht.“ Als passionierte Buschreiterin, die noch die langen Prüfungen geritten ist, weiß sie um die Bedeutung des Vollbluts (siehe Kasten S. 77).

Wyrwolls erfolgreichste Stutenlinie basiert auf der französischen Stute La Native xx, die nach drei Jahren Rennbahn anschließend im Turniersport bis Klasse M unterwegs war. Frankreich ruft Iris Wenzel auf den Plan. Sie hat in Paris gelebt, dort die Hindernisrennen gesehen.

„Wir brauchen heute nicht den Blüter für die Warmblutzucht, sondern je einen für die Dressur-, die Springund die Vielseitigkeitszucht.“

Iris Wenzel, Vollblutexpertin und Bloggerin

„Blüter können nicht springen?“ – Blödsinn!

Das gängige Vorurteil, dass wer einen Vollbluthengst einsetzt, das Springen – sowohl Technik als auch Vermögen – „wegzüchtet“, bringt die Vollblutexpertin, die die Initiative „Zukunft Vollblut“ (s. Kasten S. 81) mit aus der Taufe gehoben hat, auf die Palme. „In Deutschland gibt es viele Vorurteile, aber nur wenig Wissen rund um den Hindernisrennsport. Viele denken, Hürdenrennen, in denen die Pferde über gut einen Meter hohe Hindernisse und Hecken springen oder durchwischen, sei alles. Dabei gibt es noch das Steeplechase – da stehen Hindernisse, die 1,40 Meter hoch sind, Hecken bis 1,95 Meter und Gräben, die acht Meter weit sind. Wer meint, dass Pferde, die diese Rennen laufen, kein Vermögen haben und nicht vorsichtig genug sind, hat – pardon – keine Ahnung.“ Dasselbe gilt für die Rennen in der National Hunt auf den britischen Inseln. Im Pulk galoppieren die Pferde hier gegen „fette Klamotten“. Mut und Intelligenz sind da genauso gefragt wie Kraft, Abdruck und Geschick.

DURCHDACHTES ZUCHTKONZEPT

Von La Native xx zu Lacala

Auf die Vollblutstute La Native xx, 1983 in Frankreich geboren, und dort auch drei Jahre lang in Hindernisrennen bis über 3.600 Meter am Start, wurde Dr. Annette Wyrwoll in einer Springpferdeprüfung der Klasse A aufmerksam. Obwohl sie hochschwanger war, setzte sie sich einmal in den Sattel – Bingo! „Das Gefühl stimmte.“ Und die Abstammung auch: Ihr Vater Native Guile xx stammt aus den USA, ein Sohn des Native Dancer xx. Dessen Tochter Natalma xx wiederum brachte die Galopper-Legende Northern Dancer xx zur Welt. La Native xx ging Vielseitigkeit bis Kl. L, Springen bis Kl. M und wurde neunjährig Zuchtstute. Ihre Cosinus-Tochter Laticosa brachte in Anpaarung mit dem Trakehner Hirtentanz den ZfDP-Wallach Lumberton, der unter dem Silbermedaillengewinner von Rio 2016, dem Franzosen Astier Nicolas, erfolgreich ist.

La Natives xx letztes Fohlen, Lacorna, sollte die Zuchtphilosophie fortsetzen. Sie ist eine Tochter des Trakehners Cornus und wurde zunächst gedeckt, ging dann mit Annette Wyrwolls Tochter Stefanie Vielseitigkeit. Dann übernahm sie Kai Steffen Meier. Lacorna hat 36 Starts in internationalen Prüfungen absolviert. Ihre erstgeborene Tochter ist die Trakehner St.Pr., Pr.St. und E.St. Lakör v. Herz kristall, der wiederum ein Trakehner Hengst v. Goldino ist, welcher über seinen Vater Patricius xx ein Halbbruder zu Dorothee Schneiders erstem Grand Prix-Pferd Van Deyk ist. „Deyki“ ist übrigens auch der Urgroßvater von Dressur Olympiasiegerin Dalera.

„Lakör war nie für den Sport gedacht. Sie ist das Zwischenprodukt, das man als Züchter beim Einsatz von Vollblut auch braucht. Von ihr habe ich mir innere Ruhe und Rittigkeit gewünscht und genau das hat sie ihren Nachkommen mitgegeben. Lacorna war „zuckig“ genug. Und Lakör war die richtige Stute, um dann wieder Vollblut einzusetzen“, so Dr. Annette Wyrwoll. Sechs Nachkommen mit Sporterfolgen – zwei Vollblutkinder plus vier Nachkommen von hoch im Blut stehenden Vätern – hat Lakör bislang gebracht. Ihre vierjährige Tochter, die Asagao xx-Tochter Lacala, steht bei Ingrid Klimke. Die wiederum hat mit Sleep Late, „Blue“, einige ihrer größten Erfolge im Sattel eines reinen Vollblüters gefeiert. Entdecker des in England geborenen Schimmels: Dr. Annette Wyrwoll.

Lacorna fohlte 2021 ein Hengstfohlen vom Springhengst Tecumseh (25 Prozent Vollblut) . „Springblut auf die Halbblutstuten“, erläutert die Züchterin, die dieses Fohlen an das Haupt- und Landgestüt Marbach verkauft hat und noch weitere Halbblüter in der Aufzucht hat.

Diese Prüfungen werden in der kälteren Jahreszeit gelaufen, dann sind die Böden weicher. Übrigens sind viele Vollbluthengste, die es in der Warmblutzucht zu Rang und Namen gebracht haben, nicht unbedingt begnadet schnelle Rennpferde gewesen. Heraldik xx war zu langsam, ging aber „umfunktioniert“ Nationenpreise im Springen in seiner tschechischen Heimat. Einige der legendären Linienbegründer galoppierten auf der Bahn hinterher wie z. B. Ladykiller xx, Vater von Landgraf und Lord.

In Deutschland wird viel auf das GAG geachtet, das Generalausgleichsgewicht. Je erfolgreicher ein Galopper läuft, desto mehr Gewicht muss er im Rennen tragen. So werden unterschiedliche Leistungsstärken durch dieses Handicap im Rennen relativiert. Iris Wenzel hat die GAG von vielen Vollbluthengsten in der deutschen Warmblutzucht der vergangenen Jahre verglichen. „Von 50 bis 100 war alles dabei.“ Aktuell seien knapp 40 Vollblüter in Deutschland für Warmblüter zugelassen, „Zwölf davon haben ein GAG von 90 Kilogramm oder mehr.“ Mit anderen Worten: Nicht jeder, der auf der Bahn schwer schleppt, muss in der Warmblutzucht ein Knaller sein.

Das Vorurteil, Vollblüter könnten nicht springen, begegnet einem nicht nur in Deutschland. In Irland, dessen Bedeutung als Pferdezuchtnation vor allem der erfolgreichen Anpaarung von Vollblütern mit irischen Müttern zu verdanken ist, lebt William Micklem. Er trainiert Reiter, entdeckt und züchtet Pferde, schreibt Bücher und hat die nach ihm benannte Trense entwickelt. Eines seiner Vorzeigepferde ist High Kingdom v. Master Imp xx, unter Ex-Weltmeisterin Zara Tindall Achter der Olympischen Spiele in London 2012 und Silbermedaillengewinner mit Team GB.

MONSUN

Springgenetik!

Monsun war ein Hengst, der lieber weiches Geläuf hatte, was ihn nicht davon abhielt, bei 23 Starts zwölfmal zu siegen, im deutschen Derby war er Zweiter hinter Lando xx v. Acatenango xx. Auch seine Nachkommen schätzen weichen Boden. Vater Königsstuhl xx ist ein Tamerlane xx-Enkel. Tamerlane xx zeugte auch den in Holstein eingesetzten Marlon xx und den in Hannover zeitweise äußerst populären Shogun xx, Vater der Mannschaftsolympiasiegerin Vielseitigkeit 1988, Shamrock. Das liegt nun schon 30 Jahre zurück, aber Verwandtschaftsleistung ist das A und O, will man die Qualität eines Vollblüters für den Einsatz in der Warmblutzucht abschätzen. Monsuns xx Mutter stammt von Surumu xx ab, der über Literat xx auf den legendären Dark Ronald xx zurückgeht, für viele der Stammvater der modernen Sportpferdezucht. Zu Monsuns Söhnen, denen man aufgrund ihrer Vererbungsleistung im Hindernisrennsport auch Einfluss auf die Springpferdezucht gönnen würde, zählen Getaway xx, Shirocco xx oder Network xx. Letzterer zeugte Cher Epoux, drei- und vierjährig Siegerhengst beim Selle Français.

„Als bei Olympia noch 1,80 Meter- Steilsprünge standen, waren es Vollblüter, die die Medaillen gewannen.“

William Micklem, irischer Züchter von u.a. High Kingdom

Micklem spannt den großen Bogen, erinnert daran, dass Hoch- und Weitsprungrekorde von Vollblütern gehalten werden. Oder an die Olympischen Spiele in München 1972 und Montreal 1976, bei denen viele Vollblüter über die weitaus höheren Abmessungen als heute gefordert, flogen. Das Blut des Furioso xx-Vaters Precipitation xx schätzt er sehr, außerdem Hyperion xx. „Und was ist mit Gem Twist? Er würde heute noch international mithalten“, ist der Ire sich in Bezug auf den Wallach sicher. 800.000 Dollar hat der Schimmel unter drei Reitern gewonnen. Die Krönung: Einzelund Teamsilber in Seoul 1988. „Gut, dass es die Klone von ihm gibt, sodass wir auf diese Genetik zurückgreifen können.“ Gem Twists Klon Gemini Cl xx ist der Vater von Julia Krajewskis Nachwuchspferd Great Twist d’Ive Z.

IMMER WIEDER ALLEGRETTA

Die besondere Stute

Deutsche Vollblutlinien sind derzeit hoch angesehen im Ausland. Eine der begehrtesten Stuten in einer Vollblutabstammung ist derzeit Allegretta xx, eine Lombard xx-Tochter der Espresso xx-Stute Anatevka xx. Die Fuchsstute, Jahrgang 1978, ist ingezogen auf den Hengst Alchimist xx und die Stute Aster xx, beides große Namen der deutschen Vollblutzucht. Allegretta xx selbst war auf der Bahn eher enttäuschend, wurde verkauft. Auch der neue Besitzer nutzte die Chance, sie weiterzuverkaufen, als sie tragend war. Dumm gelaufen! Denn Allegretta xx fohlte Urban Sea xx, Siegerin im Prix de l’Arc de Triomphe und später Mutter des legendären Galileo xx (gemunkelt wird von einer Decktaxe von 600.000 Euro). Dazu gewann Urban Seas xx Sohn Sea the Stars xx wie sein Bruder Galileo xx das Epsom Derby und folgte in Paris dem Beispiel seiner Mutter und entschied den „Arc“ für sich.

Allegretta xx brachte neben anderen Fohlen auch noch Turbaine xx, die den Hengst Tertullian xx fohlte. Der Fuchs, über Mr. Prospector xx v. Raise a Native xx, der wiederum ein Native Dancer xx-Sohn ist (s. Kasten S. 77), lief in fünf Jahren 35 Rennen und siegte zwölfmal – ein Beweis seiner Härte. Er ist der Vater von Asagao xx, von der Station Hoffrogge. Der Fuchs war nie auf der Bahn, hat sich als Reitpferd unter dem Sattel bewiesen, u. a. mit Siegen in Bundeschampionatsqualifikationen. Stichwort Bundeschampionat: Von acht in seinem ersten Jahrgang 2015 geborenen Fohlen qualifizierten sich sechs für das Bundeschampionat. Mütterlicherseits ist er ebenfalls hoch interessant gezogen. Seine Großmutter Lady Berry ist auch Urgroßmutter der deutschen Stutenlegende Danedream, die 2011 den Prix de l’Arc de Triomphe gewann.

Galileo und den als Springpferdevererber von den Experten so hoch eingeschätzten Monsun xx verbindet der Hengst Waugh xx, der im Hauptund Landgestüt Marbach 2022 debütieren soll. Auch er mit besonderer Großmutter: Walzerkönigin xx, Mutter des Derbysiegers Wiener Walzer xx.

Micklem sagt, sowohl Heraldik xx als auch der Ire Master Imp xx hätten alle gute Grundgangarten gehabt und seien dazu auch entfernte Verwandte. Master Imp xx ist der Vater der Vollgeschwister High Kingdom und Mandiba (mit Karen O’Connor (USA) Teilnehmer an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen). Der dritte Bruder, Jackaroo, steht bei Micklem als Hengst auf Station. Über seinen Großvater Imperious xx ist Master Imp xx mit Vivaldi verwandt, der unter Nelson Pessoa das Deutsche Spring-Derby in Hamburg dreimal gewinnen konnte. Aber auch für die Elastizität eines Dressurpferdes sei Vollbluteinfluss wichtig, betont der irische Pferdekenner. So hätten Jazz, bzw. sein Vater Cocktail auch knapp 50 Prozent Vollblut und mehr in ihren Adern.

Sein Tipp für die Zukunft, gerade für die Spring- und Vielseitigkeitszucht: ein Blick auf die National Hunt, „ein Quell von Schönheit, Mut, Talent und Mitdenken und Mitkämpfen – genau Letzteres fehlt vielen modernen Warmblütern.“ „Außerdem“, warnt Micklem, „haben wir immer stärkere Inzucht bei den Warmblütern. Der weltweite Genpool des Vollbluts muss mehr genutzt werden. Dabei am besten darauf achten, dass alle drei Vollblut-Gründerhengstlinien (Byerley Turk, Darley Arabian und Godolphin Barb) in dem Pferd auftauchen“.

Also National Hunt als Quelle, genau wie es Iris Wenzel empfohlen hat. Und auch Claudia Post-Schultzke stimmt zu. Die Vollblutliebhaberin kennt sich bestens im Warmblutbereich aus, ihre Pferde wurden u. a. von Marina Köhncke (Sir Toby), Carola Koppelmann (Insterburg TSF) und Anabel Balkenhol (Don’t forget) geritten. Ihr gehörte auch der Hotline-Vater Hofrat als Junghengst. Ihr Credo: „Ein Röhrbeinumfang von mindestens 21 Zentimetern und ein gutes Exterieur, da darf man keine Kompromisse machen.“ Sie, wie auch Annette Wyrwoll, betonen: „Auch unter Vollblütern gibt es Erhalter und Veredler“, es geht eben um mehr als nur das Aussehen. Und: nicht jeder Blüter garantiert die Härte, die der Rasse zugesprochen wird.

Claudia Post-Schultzke betont, wie begehrt die deutschen Vollblutlinien weltweit sind. Ein Name, der immer wieder fällt – sei es vom Iren Micklem oder Iris Wenzel – ist auch ihre Nummer eins: Monsun! Nachfahren des Schlenderhaners, der mehrere Derby-Sieger gezeugt hat, sind im Hindernissport im Ausland das Nonplusultra (s. Kasten S. 78). Seine Enkel sind begehrt. „Sie hätten sicherlich auch das Zeug, in der deutschen Warmblutzucht wichtige Akzente zu setzen“, meint Iris Wenzel.

Findet sich Blushing Groom xx im Pedigree, wird Claudia Post- Schultzke hellhörig. Genau so geht es William Micklem, wenn dessen Sohn Rainbow Quest xx im Spiel ist. Iris Wenzel hat gerade eine Tochter, La Reine Noir xx , für die Warlmblutzucht erworben.

Vieflach sind es die „Steher“, Pferde, die über lange Distanzen gelaufen sind, die gut in die Warmblutzucht passen. Die Sprinter, mitunter mehrfach ingezogen auf USA-Linien wie Northern Dancer xx, haben häufig kurze Vorderbeine, lange Rücken und tief angesetzte Hälse – nicht eben die Traumattribute für Warmblüter.

Wer mit Vollblütern züchtet, braucht eine Vision und langen Atem. Trial and Error, das gilt für viele Anpaarungen, erst recht wenn es bei Vollblütern. St.GEORG-Herausgeberin Gabriele Poch hammer weiß: „Wer als Sportpferdezüchter einen Vollblüter benutzt, hofft auf ein Stutfohlen, um seinen Stamm zu veredeln. Ich hatte Glück mit der Parco xx-Tochter Nairobi (66 Prozent Vollblut), Mutter des Olympiavielseitigkeitspferdes Leonidas v. Landos. Parco xx selbst machte einen guten Sprung, für mich das A und O, ich benutze keinen Blüter, den ich nicht überm Sprung gesehen habe. Generell geht man ein finanzielles Risiko ein: Halbblutfohlen, ja selbst gekörte Vollblutsöhne bringen deutlich weniger Geld. Die Benutzung eines Vollbluthengstes ist eine Investition in die Zukunft. Mit einer qualitätsvollen Halbblutstute steht dem Züchter dann die Welt offen.“

INFOS RUND UM AKTUELLE VOLLBLÜTER

Mit Vollblut in die Zukunft

Irgendwann ist die Kommunikation zwischen Vollbutzüchtern und den Warmblütern zum Erliegen gekommen. Warmblutzüchter nehmen in der Dressur gern frische Ware von der letzten Körung und im Springen das, was im Fernsehen über 1,60 Meter springt. Wer gezielt Vielseitigkeitspferde züchtet, gilt im besten Fall als Indiviualist, oder besser als jemand, der gerne Geld verbrennt.

Das Expertenforum „Mit Vollblut in die Zukunft“ ist eine Initiative, die ein Netzwerk aufbauen will. Hinter der Idee stecken der Architekt Ferdinand Leve, Vollblutzüchter und -trainer (u. a. Innenminister xx, Holsteiner Verband), der Züchter und Ausbilder Andreas Baumann, die Vollblutexpertin Iris Wenzel, Züchterin Beate Träm sowie Prof. Dr. Volker Steinkraus, der die „Butt-Zucht“ übernommen hat und unter anderem Züchter und Besitzer von Anna Siemers EM-Pferd FRH Butts Avondale ist.

Austausch anregen und Informationen weitergeben möchte die Initiative, die schon auf dem Bundeschampionat und im Herbst in der Lüneburger Heide eingeladen hat. Das Interesse für das Thema ist größer als erwartet und die Deckzahlen von Vollblütern es vermuten lassen. In einer Hengstdatenbank werden auf der Webseite aktuell in Deutschland deckende Vollblüter vorgestellt, Infos zum Thema „Vollblut im Reitsport“ sollen folgen. Mehr zur „spannenden, interaktiven Vernetzung von Züchtern und Reitsportlern von vollblutgeprägten Pferden“: vollblut-zukunft.de

In Hannover gibt es bei einigen Stutenschauen noch Ringe für Halbblut stuten. Doch auch hier sinken die Bedeckungszahlen. Der Markt regelt vieles. Und der schreit nicht eben nach Vollblutkindern. Zucht heißt, in Generationen denken. Mal sehen, wie Deutschlands züchterische Zukunft sich gestaltet. Hoffentlich nicht gänzlich blutarm.

Autor

Jan Tönjes

Alle unsere Pferde haben Halbblutmütter. Charakter, Willen und Härte überzeugen mich, selbst unser 20- jähriger Shogun xx-Enkel wurde unlängst auf „zehn oder elf Jahre alt“ geschätzt.