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Boah-WAy


Tourenfahrer - Motorrad Reisen - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 05.05.2020

Mit seinen offi ziellen Landschaftsrouten, den »Nasjonale turistveger«, will sich Norwegen für Reisende von seiner attraktivsten Seite zeigen. Lars Wennersheide (Text & Fotos) und Marius Becker (Fotos) haben einige der paradiesischen Strecken in diesem mit Naturschönheiten geradezu unverschämt reich beschenkten Land zu einer Rundtour kombiniert.


Artikelbild für den Artikel "Boah-WAy" aus der Ausgabe 6/2020 von Tourenfahrer - Motorrad Reisen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Tourenfahrer - Motorrad Reisen, Ausgabe 6/2020

Himmelwärts: Höher hinauf als auf der Sognefjellstraße geht es nirgends auf Asphalt in Skandinavien.


Zweitenwandel: Maranello trifft auf alte norwegische Bauweisen in Lærdalsøyri.


HEUTE LEUCHTET HIER EIN FEUERROTER FERRARI TESTAROSSA, WO MAN SICH EINST EHER EINE ...

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... KUTSCHE VORSTELLEN KONNTE

Gipfelstürmer: Ewiges Eis malt die Flanken des Galdhøpiggen auf der Sognefjellstraße weiß.


MIT NACHDRUCK WIRFT DIE KÄLTEKAMMER DES LANDES IHRE VORBOTEN AUF UNS NIEDER. WIR SIND ALLEIN, EINSAMER GEHT ES NICHT

Brückenparade: Auf dem Atlanterhavsveien sind die Inselaufenthalte kaum mehr als kurzzeitige Momentaufnahmen.


ZUERST MEINEN WIR, DAS SALZ DES ATLANTIKS RIECHEN ZU KÖNNEN – UND DANN SIND WIR WIEDER ZURÜCK AM MEER

Kunst mit Kulisse: Durchblick bei der 42 t schweren Skulptur am Rastplatz Mefjellet an der Sognefjellstraße.


FREUNDE, DAS IST NORWEGEN. VON NATUR AUS ETWAS ROUGH UND AUF SO MANCHER STRAßE AUCH ANSPRUCHSVOLL


Die Räder rollen. Sonores Brummen des Boxers, immer ähnliche Tonlage, untermalt das Rauschen des Fahrtwindes. Das voluminöse Konzert, der wuchtig tobende Gig, Musik in meinen Ohren. Seit Sekunden, Minuten, ja beinahe seit Stunden. Kein erhöhtes Verkehrsaufkommen, keine Ampel. Die Landschaft passiert wie ein Blockbuster in Dauerschleife.

Riksvei 13, Reichsstraße 13, Abzweig Voss Richtung Vinje. Bestürzend schön, üppig, dramatisch und oft himmelweit.

Der Kopf wird durchgepustet. Ein Wasserfall, der Tvindefossen, stürzt zur Linken in grellen Wasserwolken den stufig-steilen Felshang hinunter. Findlinge liegen an dem Bach, dem Strandaelvi, sind so groß wie Holzhütten, in denen man nachts campieren kann. Der Fahrbahnrand schafft Platz mit Kettenanlegebuchten, den »Kjettinplass« für Busse und Lkws. Der Klang der Straße bleibt für uns unverändert, beinahe stoisch dreht der Zweizylinder immer gleich und unbeirrt vor sich hin.

Erster Kontakt mit einem Ausläufer des Sognefjords, des längsten und tiefsten Meeresarms Europas. Gudvangen am Ende des Nærøyfjords, dann geht uns im Gudvangatunnel mal wieder schlagartig das natürliche Licht aus. Im Land voller ineinandergeschobener und miteinander verwobener Gipfel und Gipfelchen sind Tunnel oft die einzige Möglichkeit, alltagstauglich und einigermaßen geradlinig vorwärtszukommen. Nicht überraschend sammelt sich im Westen Skandinaviens die mutmaßlich größte Dichte der Welt an Straßenstollen.

Viele ein Erlebnis, manche spektakulär, mal mit integrierten Kreisverkehren oder bunten, wachhaltenden Lichtanimationen, andere einfach nur schlicht, lang und dauerhaft. Abhängig vom Wetter da draußen Wärmespender oder auch Kühlelement.

Bei Sonnenschein nervig, bei Regen – soll nahe Bergen ja nichts Ungewöhnliches sein – ein perfekter Schutzschirm. Die Rückspiegel beschlagen, das Visier leicht milchig. Oh, ich habe wieder vergessen, vorab die Sonnenbrille leicht von der Nase zu ziehen. Lichtblicke fliegen unter Tage rechts und links am Visier vorbei. Gut elf Kilometer dasselbe monotone Bild. Zeit für Gedanken.

Welcher Reisetyp bist du? Der Unerschrockene, der Spontane, der Sorglose, der Abenteuersüchtige, der Alles-schaffen- Müssende, der Geduldige, der Chaotische, der Durchgeplante, der Flexible, der Optimierer, der In-den-Himmel-Gucker oder der Wetter-App-Fahrer? Letztere Smartphone- Anwendung dominierte einige Zeit unsere Aufmerksamkeit bei der Abreise in Bergen. Die Aussichten für die Reisewoche: Katastrophe oder Weltuntergang.

»Was tun?« Marius und ich diskutierten, hätten auch eine Münze werfen können, vertrauten letztlich zu Recht der norwegischen Wettertendenz von »yr.no«, korrigierten spontan unsere grob geplante Reiseroute im Uhrzeigersinn und folgen ihr nun recht frei in entgegengesetzter Richtung.

Übernachtungen sind nicht vorgebucht, die Hochsaison ist zum Glück Vergangenheit. Nicht zu befürchten, dass sich abends bei der Suche nach einer passenden Unterkunft zeitlich alles drängt und drückt.

Statt in die Fjorde also zuerst hoch in die Berge. Zurück im Tageslicht am Aurlandsfjord.

Überlaufen vor allem wegen der Ortschaft Flåm und dem Bahnhof der Flåmsbana. Ein Kreuzfahrtschiff legt seine Schwerölwolke über den Fjord. Reisebusse lassen Bremslichter aufflackern, quetschen sich selbst in der Nebensaison in die letzte Lücke des Parkplatzes. Sie alle kommen wohl oder übel irgendwann durch den Lærdaltunnel. Mit einer Länge von rund 25 Kilometern weltweit als Straßenunterführung unübertroffen und vielleicht die Krönung der Aurlandstraße. Wir halten uns am Abzweig lieber links und kraxeln abenteuerlich über das Hochgebirge zwischen den Fjorden.

Kaum breiter als ein Ziehweg klettert die Straße zunächst durch grüne Wiesen empor. Knackig eng, beinahe heimelig geht es zwischen den Kurven zu. Was für ein gelungener Einstieg in unsere erste Landschaftsroute der Tour. Perfektes Motorradterrain.

Die Tonlage des Boxers gewinnt an Schärfe, ein, zwei Klicks im Getriebe und die Steigung wird für die Gashand bedeutungslos.

Vorfreude auf die ersten Kehren oberhalb. Selbst mit unseren Einspur-Fahrzeugen schieben wir beinahe auf Tuchfühlung an entgegenkommenden Kleinbussen und viel zu großen Leihwagen für viel zu gebirgsunerfahrene Chinesen vorbei.

Die blauen Schilder mit weißem »M« am Fahrbahnrand scheinen ihnen Weisung genug zu sein, ihre Fahrzeuge möglichst mittig der Gesamtfahrbahn zu halten. Die eigentlich als Møteplassen (Haltebuchten) gekennzeichneten kleinen Passierbuchten sind derweil vollgestellt mit Fahrzeugen Schaulustiger. Unsere Konzentration gehört dem jeweiligen Vorausfahrenden. Je breiter das Fuhrwerk, desto wahrscheinlicher eine unerwartete Notbremsung.

Freunde, das ist Norwegen. Von Natur aus etwas rough und auf so mancher Straße auch anspruchsvoll. Kaum ein Auge bleibt für die Schönheit und die unglaublichen Größendimensionen des Moments. Boote und Fähren ziehen, kaum größer als ein Pixel auf einer Fototapete, ihre Linien in das türkisblaue Wasser. Weit unterhalb kreist immer wieder ein Sportflugzeug durch den Fjord, sichtbar kaum in der Lage, mit seinen Schwimmern höher als die umliegenden Felsflanken zu kommen.

Luftig über allem schwebt ein Paraglider in immer gleicher Höhe wie ein Spoiler an der Abrisskante der Felsen. Der Duft entgegenkommender glühender Bremsen wird plötzlich von der Strenge rauchender Kupplungen überspielt.

Momumental: Auf dem Slådalsvegen rasselt Schotter gegen den Motorschutz.


Süßes von Süßen: göttliche Backwaren in der »Bakeriet i Lom«.


Spätestens jetzt wird die Reise für die föhnfrisierte Mutti zum Albtraum. Ein hochroter Kopf, der an Jupp Heynckes bei der Pokalfinal-Niederlage seiner Bayern 2012 gegen den BVB erinnert. Muttis Stress ist groß, Vattis ungleich größer. Mit bloßen Händen versucht sie draußen, das Mietwohnmobil am Abgrund festzuhalten, brüllt wirre Anweisungen, während er sichtlich zu viel Fjord im Bild der Rückfahrkamera zu sehen bekommt. Da hilft auch kein Satellitenfernsehen. Das Doppelbett im Überhang hängt längst frei, die Hinterradreifen der Wohninsel kratzen bedrohlich an der Landkante, die Bodenfreiheit lässt kaum Luft übrig. Vatti rückt derweil so dicht ans Panoramafenster der entgegenkommenden Wohninsel, dass er das Muster der fremden Bettwäsche erkennen könnte. Wir löschen die Zündfunken der BMW und halten wie alle anderen den Atem an. Nicht immer ist größer und bequemer auch besser. Fortschritte im Millimeterbereich. Minuten, die allen Akteuren sicher wie Stunden vorkommen, verrinnen im Stau und Stillstand für uns.

Spätestens die Stegastein-Aussichtsplattform wird auch für uns wieder zum Pulsbeschleuniger. Einer Sprungschanze nachempfunden, ragt sie oberhalb der Baumwipfel vom Fahrbahnrand hinaus in Freie. Das Gefühl, an der Glaswand Hunderte Meter über dem Fjord zu schweben, kitzelt ganz tief in der Magengegend. Einen letzten Blick über den monumentalen Meeresfinger, mit Schwung durch die letzte Kurve, dann landen wir mit der BMW auf dem Mond. Zumindest stelle ich mir so eine Landung vor. Der Wind pfeift eisern durch jede noch so kleine Pore der Schutzkleidung. Meine Gesichtsfarbe leuchtet längst feurig rot im Helm. Beinahe automatisch ducke ich mich etwas tiefer hinter den Windschild der 1200 GS Adventure, drücke die Beine dichter an den Tank, lege die Arme an, um Schutz zu finden.

Frokost: norwegisches Frühstück in der »Krossbu Turiststasjon « in Bøverdalen.


DAS GEFÜHL, AN DER GLASWAND HUNDERTE METER ÜBER DEM FJORD ZU SCHWEBEN, KITZELT GANZ TIEF IN DER MAGENGEGEND


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Grasbüschel trauen sich kaum aus dem Boden, kuschen sich weg. Selbst zum Ende des Hochsommers erzählen einige Schneefelder unmissverständlich von harten Überlebensbedingungen der Natur. Nicht umsonst trägt die Aurlandsfjellet-Strecke den Beinamen »Schneestraße«. Karg, felsig, unberührt, dahingetupfte Mini-Seen, puristischer geht es kaum.

Auf einmal sind wir für uns. Die späte Stunde hat längst die Zeitempfindlichen zum Abendessen vertrieben. Installationen, Kunstwerke, besonders gestaltete Rastplätze wollen die Landschaftsrouten Norwegens auch hier auszeichnen, doch das wahre Meisterwerk ist die Natur selbst. Ein Prachtexemplar mit einem dahingeworfenen Asphaltband, das einem in dieser Welt so unwirklich vorkommt und nur vom bunten Regenbogen bei der Abfahrt durchs Erdalen übertroffen wird.

Ach, Norwegen, was haben dich die Petrodollar in den letzten Jahren verändert! Bei meinen ersten Besuchen Anfang dieses Jahrhunderts hätte man sich auf der Øyragata in Lærdalsøyri passend zum Potpourri unberührter Holzhäuser noch ein Kutschengespann in der Kulisse aus verschiedenen Architekturepochen vorstellen können.

Heute leuchtet ein feuerroter Ferrari Testarossa vor den Schnitzereien im Schweizer Stil und damit vor dem »Lærdalsøren Hotel« aus dem Jahr 1880, wirkt doch wie ein Fremdkörper im ehemalig wichtigsten Fjordhafen für Waren aus Ostnorwegen am Sognefjord. Jeder Handgriff und jede Anweisung an Bord der »Sogne« zeigt jahrelange Routine.

Eine weitere Verladung in Schlittenhunde- Formation spült uns auf die Fähre zwischen Fodnes und Mannheller, wird damit zur Brücke über den Sognefjord.

Andere buchen für diesen Moment eine Kreuzfahrt. Ein laues Lüftchen weht. Sommerliches Wohlfühlwetter. Die BMW wiegt still im Gang sanfter Wellen unter uns. Auf Atlantikniveau gleitet die Fähre über das schnapsklare Wasser des Fjords.

»Sieht aus wie ein ertrunkenes Tal!« Bevor Marius und ich die Gedanken unseres unbekannten Nebenmannes ordnen können, dockt das schwimmende Schwermetall mit einem zackigen Manöver an Land an. Der voll beladene Boxer schaukelt unter dem Erdbeben auf. Wer jetzt pennt, liegt schneller flach als erwartet.

Sogndalsfjøra, Gaupne, vorbei an schroffen Felsen, markanten Orten und vereinzelten, dem Pegel angepassten Bauernhöfen.

Bis zu seinen letzten Ausläufern zeigt sich der Meeresarm am Nordufer von großer Wucht. Allein die Sonne malt Glitzersterne auf das Wasser, das in Fortun längst wieder einer unnachahmlichen Felsenwelt gewichen ist.

Das Glück liegt fortan auf der Sognefjellstraße. Gemütliches Herumlungern auf der Sitzbank der letzten Minuten ist passé. Ein durchaus kräftig beladenes Motorrad verlangt in so mancher engen und steilen Rechtskehre Körperspannung und volle Konzentration für eine saubere Linie. Träge hausieren Schäfchen auf dem Rest einer grünen Zunge in einer 180-Grad-Wende über rechts, glotzen uns allenfalls blöd an, als wir nacheinander beinahe ihre Hintern und dann, in entgegengesetzter Richtung, ihre Hirne streifen.

War der Aurlandspass der Knut unter den Bergpässen, ist die Sognefjellstraße mit einer Passhöhe von 1434 Metern die Königin aller Bergpassagen in Nordeuropa.

Mit Nachdruck wirft die Kältekammer des Landes ihre Vorboten auf uns nieder. Ich fingere dringend nach der Griffheizung, Sch…e, arbeitet bereits unter Höchstlast.

Mal wieder unterwegs zu einer Zeit, in der der Troll bereits lange Schatten würfe, sind wir allein mit aufbrausenden Stürmen an Nedre Oscarshaug, einem Aussichtpunkt samt Messfernrohr und perfekter Übersicht über die höchsten Gipfel des Hurrungane- Gebirges. Nicht zu verwechseln mit einem Hurrikane, obwohl die Landschaft innerhalb von Minuten zu einem Schwarz- Weiß-Film changiert. Das Grün verschwindet.

Felsen mutieren zu zackigen Umrissen. Nebel wird dichter. Schneeperlen schweben scheinbar schwerelos in der Luft. Bibbern wir vor Kälte unter unserem Fleece oder weil der Moment auch etwas Unheimliches hat? Aus dem gewöhnlich smaragdgrünen Bergsee Prestesteinsvatnet steigen graue Wolkenfetzen empor, als sich nahe der Passhöhe die vielleicht bekannteste Gerade des Landes mit dem markanten Wellenschlag für und vor uns ausrollt. Wir sind allein, einsamer geht es nicht. Wissen die Abwesenden vielleicht mehr als wir? Es wäre die Gelegenheit, den Boxer mal wieder kräftig abheben zu lassen und direkt auf die Gletscherausläufer des Galdhøpiggen dem Dach Norwegens zuzufliegen.

Das Holzfeuer im Kamin der »Krossbu Turiststasjon« wärmt mehr als nur unsere eisgekühlten Füße, während draußen der Gefrierpunkt naht. »Raue Momente gehören dazu. Der Natur muss man trotzen, um unvergessliche Momente zu erleben.« Natürlich schlafen Thomas und Tobias auch die letzte Nacht ihrer großen Sognefjell-Rundwanderung draußen in Schlafsack und Zelt, sind voller Erinnerungen an den Glittertind oder die Seen Bygdin und Gjende.

»Jeden Tag wanderten wir sechs bis acht Stunden.« Sie trugen ihre 20 Kilogramm Reiseexistenz jeweils auf ihren Rücken, wollen nun mit dem Bus zurück in die Heimat.

Spitze: Die Lomskykja, die Stabkirche von Lom, gilt als eine der schönsten Norwegens.


»Norwegen sollte man Schritt für Schritt mit Ruhe und Muße kennenlernen, für das Land braucht man nicht nur beim Wandern Zeit.« Tom arbeitet als Saisonkraft im privaten Berggasthof »mit mehr als 20 Zweitausendern in nächster Nähe.« Seit mehr als 100 Jahren bietet die Hütte hier auf der alten Handelsroute Gästen einen Anlauf. »Vor allem Schulklassen, Gletscherwanderer oder Ski-National-Teams kommen wegen der ausgedehnten Wintersaison«, obwohl »wir zwischen Mitte September bis Ostern schließen. Die Wetterbedingungen sind zu schwierig.« Wintertags rechnen sie mit Schneehöhen, die sich bis zur Dachkante der Berghütte türmen können. »Die Schneestangen entlang der Straße sind ein guter Maßstab für die zu erwartenden Mengen.«

Als wir anderntags unser Gepäck auf unseren Motorrädern verzurren, schimmern die Gletscher im himmlischsten Blau. Wir müssen einfach noch einmal zurück. Zur Passhöhe, zur welligen Geraden, zur mächtigen, 42 Tonnen schweren Skulptur am Rastplatz Mefjellet, zu den Schneestangen, deren Spitze ich – durchaus nicht klein gewachsen – mit ausgestreckten Armen nicht erreichen kann. Eine märchenhafte Welt der Riesen, Wiesen, Seen, Gletscher und Wildbäche, bei Sonne ein Paradies auf Erden, himmelsnäher geht es nicht auf Asphalt in Norwegen.

Aussichtspunkt: Am Nedre Oscarshaug gibt es mehr als die Gipfel des Hurrungane-Gebirges zu sehen.



EINE MÄRCHENHAFTE WELT DER RIESEN, WIESEN, GLETSCHER, SEEN UND WILDBÄCHE – BEI SONNE EIN WAHRES PARADIES AUF ERDEN


So kann es nur noch abwärtsgehen. Das Zählwerk der Kilometeranzeige rotiert in Hunderter-Schritten. Auf dem Weg nach Norden halten uns kurze Momente fest: die Lomskykja, die Stabkirche von Lom, als eine der größten und schönsten in Norwegen.

Mit ihren Dächern, Überdächern, Erkern und dem spitzen achteckigen Turm ein Scheinriese, der von außen so viel größer wirkt, als er von innen ist. Oder die für ihre traditionellen Rezepte weithin bekannte Bäckerei im Ort, die »Bakeriet i Lom«.

Die Verwegenheit des mautpflichtigen Slådalsvegen. Das wunderbare Abendlicht zwischen Dombås und Oppdal samt dem lang gezogenen Drivdalen mit der Seenlandschaft Vålåsjøen und der abgerundeten Wucht des Snøhetta. Oder das alte von Wasserkraft angetriebene Industriezentrum des Landes bei Sunndalsøra.

Zuerst meinen wir, das Salz des Atlantiks zu riechen. Ein dünner Schmierfilm legt sich aufs Visier. Im schummrigen Abendlicht scheinen die Brückenparade des Atlanterhavsveien und die kleinen Inseln, Holmen und Schären dazwischen, Strømsholmen, Skarvøya, Lyngholmen, Eldhusøya, Geitøya, Storlauvøya und Litllauvøya, aufs Meer hinauszuschwimmen. Nach der Abfahrt in Bergen erstmals richtig zurück am Meer. Der perfekte Wendepunkt unserer Reise. Rechts und links von uns gieren Wellen wie kleine Boote. Die nächste Brücke hebt uns in die Höhe, ändert leicht die Richtung und stürzt wieder in die Tiefe. Herzrasen am Scheitelpunkt.

Eine Sturmböe plästert von der Seite heran, die durchaus nicht leichte Adventure versetzt mit einem wuchtigen Stoß Richtung Abgrund. Nicht nur gedanklich sind wir auf den 8274 Metern der Atlantikstraße wohl mit mehr als einem Rad im Meer. Regentropfen ziehen Schlieren ins Sichtfeld. Oder ist es Wellengischt, die über uns zusammenschlägt? Wir rollen hinab, der Puls hämmert, ich meine innerlich zu glühen …

Abfahrt: An der Bøvra ist auf dem Weg nach Lom alles im Fluss.


Norwegische Landschaftsrouten

Die Idee der norwegischen Landschaftsrouten, der »Nasjonale turistveger«, hatte ihren Ursprung bereits in den Neunzigerjahren. Bis dahin bestand Norwegens Reichtum aus Gas und Öl und ein wenig aus der langen Tradition des Fischfangs. Das Dasein veränderte sich mit den sprudelnden Quellen; ein frischer, sorgenfreierer Lebensstil schwappte übers Land, den man für die Zeit danach absichern wollte. Als großes Pfund wurden dabei die einzigartigen Landschaften als besonderes Kapital Norwegens erkannt, mit dem man wuchern wollte.

Aber wie konnte man sie besser inszenieren und Touristen auch fl ächendeckend in fernere Gegenden Norwegens locken? Auf Initiative des norwegischen Parlaments wurden die Themen Straßenbau und Tourismus intensiver kombiniert und 1994 die ersten vier Routen als Probeballons geplant: die Hardangerstraße, die Helgeland-Küstenstrecke, Gamle Strynefjell und die Sognefjellroute.

Aus einem erfolgreichen Experiment entwickelte sich bis heute der Ausbau eines Netzes von 18 Landschaftsrouten mit Längen zwischen 27 und 416 Kilo - metern. Mit der durchgehenden Beschilderung von knapp 2000 Straßenkilo metern sind die außergewöhnlich schönen Strecken inzwischen auch für jedermann sichtbar geworden.

Verbunden mit Fahrerlebnissen ködern die Reisenden vor allem dramatische Aussichtspunkte, Kunst, Design, Fußgängerbrücken, formschöne Bänke, Aktivitäten am Wegesrand oder gar einzigartige Toilettenhäuschen. Als Designer etwas für die norwegischen Landschaftsrouten entwerfen zu dürfen, gehört bis heute zu den begehrtesten Architekturaufträgen des Landes.

Im ersten Teil dieser 14-tägigen Rund - tour haben sich die Autoren auf eher inländische Landschaftsrouten konzentriert, der zweite Teil wird auf der Rückfahrt auch die Fjorde im Fokus haben.

Herzhaftes zum Reinbeißen: norwegisches Sandwich in der »Bakeriet i Lom«.


Anreise

Ideal für diese Reise ist die sehr komfortable Fährverbindung von Hirtshals in Norddänemark über Nacht nach Bergen von »Fjord Line«. Im Sommer bestenfalls frühzeitig buchen, da sehr beliebt.

Weitere Infos gibt es auch unterbit.ly/tf-faehren, außerdem bietet die TF-Ausgabe 5/2020, S. 102–107 eine Übersicht über Fähren in Europa, erhältlich als PDF unter www.tourenfahrer.de/archiv.

Diejenigen, die eine weite Anfahrt durch Dänemarks Festland auf eigener Achse scheuen, fi nden auf »Thornby Strand Camping« in Hirtshals einen hervorragenden Campingplatz mit Hütten, der für die gesamte Reisedauer bezahlbare Abstellplätze für die Pkw-/ Anhänger kombination anbietet.

Unterkünfte

Norwegen ist ein beliebtes Reise- und Urlaubsland. Verfügbare Unterkünfte jenseits der großen Städte sind vor allem rund um die Hochsaison zwischen Mitte Juni und Mitte August nicht immer spontan zu fi nden. Die Autoren empfehlen ggfs. vorherige Kontaktaufnahme und folgende Gelegenheiten: »Clarion Collection Hotel Havnekontoret« in Bergen, »Vindedal Camping og Hytter« in Lærdal, »Krossbu Turisthytte« in Bøverdalen, »Driva Hytter« in Driva / Oppdal und »Akslia Camping« in Lyngstad.

Literatur / Karten

Armin Tima: Norwegen, Michael Müller Verlag, 4. Aufl age (2020), ISBN: 978-3- 95654-606-8, 26,90 Euro.

Auto + Freizeitkarten Blatt 1: Norwegen- Süd und Blatt 2: Norwegen-Mitte, M.: 1:250.000, freytag & berndt, Aufl age 2017 und 2019, ISBN: 978-3-7079-0316-4 und 978-3-7079-0317-1, je 11,90 Euro.

Sonstige Infos

»Innovation Norway« / »Visit Norway« in Hamburg »Fjord Norway« in Bergen

Den zweiten Teil dieser Reportage lesen Sie in einer der nächsten TF-Ausgaben.