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BOB, BOB’S GAME & NINTENDO


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N-Zone - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 16.03.2022

Bob, Bob’s Game und Nintendo: Ein Mann, ein Spiel, ein Feind

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Bildquelle: N-Zone, Ausgabe 4/2022

Robert „Bob“ Pelloni, Mitte 20, hatte Anfang der 2000er-Jahre ein fixe Idee. Er wollte das perfekte Spiel programmieren. Perfekt nach Pellonis eigenen Maßstäben natürlich. Für ihn war das ein Abenteuer mit Gegenwarts-Setting, ohne Monster und Fantasy-Elemente, dafür mit einer riesigen, lebendigen Spielwelt. Als Inspirationsquelle diente das schräge Earthbound, aber auch Cave Story, welches ebenfalls von einem einzigen Entwickler auf die Beine gestellt und ein Erfolg wurde. 2004 begann Pelloni mit der Arbeit an seinem Mammutprojekt. Und dazu gehörte, sich das Handwerkszeug eines Entwicklers beizubringen. Pelloni hatte damit keine Erfahrung, abgesehen von einem Programmierkurs in der Schule. Er hatte zudem noch nie zuvor Musik für ein Spiel geschrieben oder Grafiken gezeichnet, all das musste er für Bob’s Game erlernen. Mit einem Prototypen ...

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... an Publisher heranzutreten oder ein Team zu gründen, kam für Pelloni nicht in Frage. Er wollte den Titel exakt nach seinen eigenen Vorstellungen gestaltet. Und so widmete sich Pelloni ab 2006 beinahe ausschließlich der Arbeit an seinem Videospiel, isolierte sich und versank komplett in seiner Aufgabe. Laut eigener Aussage verschlang die Entwicklung bis zur offiziellen Ankündigung des Spiels etwa 15.000 Stunden. Bob zeigte, dass er die Qualitäten hatte, die man als Solo-Spieleentwickler benötigt: Durchhaltevermögen, Disziplin, Lernbereitschaft und Leidenschaft. Es waren andere Eigenschaften, die ihm später zum Verhängnis werden sollten.

Der erste Trailer

Nach Jahren der Plackerei präsentierte Bob sein Werk 2008 zum ersten Mal offiziell im Netz. Auf Youtube wurden die Szenen wohlwollend aufgenommen: Zu sehen war Hauptcharakter Yuu, wie er eine riesige Stadt aus der Isoansicht erkundete, mitsamt Verkehr auf den Straßen und NPCs, die ihrem eigenen Tagesablauf zu folgen schienen. Gebäude waren nicht nur Staffage, sondern konnten betreten werden. Schule, Krankenhaus, Kirche – Yuu konnte anscheinend auch mit allen NPCs sprechen und jedes Item untersuchen. Im Raum stand jedoch die Frage, was für ein Gameplay der Titel bieten würde. Die eindrucksvolle Welt war im Trailer nur Schaukasten – was würde Hauptcharakter Yuu denn in dieser Stadt machen, außer herumzulaufen und mit anderen Figuren zu reden? Und worum geht es in Bob’s Game?

Die Klärung dieser Fragen war für Pelloni zunächst zweitrangig, er wollte Bestätigung seiner Überzeugung, dass die Welt nur auf sein Werk gewartet hatte. Als riesiger Nintendo-Fan stand für ihn außer Frage, dass Bob’s Game exklusiv für Nintendo-Hardware erscheinen würde, konkret auf Nintendo DS. Andere Publisher, die mit Interesse an ihn herantraten, wies Pelloni laut eigenen Aussagen ab. Stattdessen bot er sein Spiel Nintendo an. Um es fertigzustellen und die nötigen Anpassungen an seine Wunsch-Hardware vorzunehmen, benötigte er Nintendos Software Development Kit. Jedoch sind diese Tools sowie die Debug-Hardware nicht frei zugänglich, sie werden von Nintendo an Entwickler verliehen, und zuvor schließen die beteiligten Parteien einen Vertrag ab. Wer nachweisbar bereits Spiele programmiert und veröffentlicht hat, kann die Hardware zudem kaufen. Da also Nintendo nicht jedem einfach so die wertvollen Hilfsmittel zur Verfügung stellt, auch, um sensible Daten wie die exakte Architektur der Hardware zu schützen, müssen sich Newbie-Entwickler für die Bereitstellung der Ausrüstung bewerben. Nintendo verwies Pelloni an unterschiedliche Stellen des Unternehmens, stellte ihm aber in Aussicht, nach sechs bis acht Wochen sagen zu können, ob er die benötigte Soft-und Hardware erhalten würde. Nach 17 Wochen Funkstille seitens Nintendo riss bei Pelloni der Geduldsfaden.

Der Protest

Im Dezember gab der im Netz überaus aktive Pelloni bekannt, 100 Tage zu protestieren, um auf seine Behandlung seitens Nintendo aufmerksam zu machen. Als Protestform wählte er einen „japanischen Streik“. In Fernost ist es üblich, nicht die Arbeit niederzulegen, sondern während des Jobs auf Unzufriedenheit und Forderungen hinzuweisen, in einer milden Form etwa mit einem Anstecker. In einer japanischen Stadt zum Beispiel streikten 2018 die Busfahrer, indem sie wie immer Fahrgäste von A nach B transportierten. Allerdings verkauften sie keine Tickets. Pelloni jedenfalls schloss sich in seiner Wohnung ein, ohne Internet am Rechner aber mit einem Notfalltelefon, damit er nicht verpasste, falls Nintendo ihm eine Mail mit der lange erwarteten Zusage schreiben sollte. Er schlief in der Wohnung, duschte dort, bekam einmal die Woche Essen von Freunden geliefert und arbeitete ansonsten nur an Bob’s Game. Eine Webcam übertrug seinen „Streik“ 24 Stunden am Tag ins Netz. Natürlich sorgte die Aktion für jede Menge Aufmerksamkeit, Webseiten lieferten Updates, nannten die Berichterstattung „Bobwatch“. Auf Pellonis Webseite und im Stream sprach er immer wieder Reggie Fils-Aimé an, den damaligen CEO von Nintendo of America, dem Pelloni offensichtlich die Hauptschuld daran gab, ignoriert zu werden. „Game Over, Reggie!“, „Wir sehen uns in 100 Tagen, Reggie“ und ähnliche Aussagen wiederholte Pelloni immer wieder auf seiner Webseite. Während einige Beobachter sicher waren, dass es sich bei Pellonis Protest um eine Marke- tingaktion für das Spiel handelt, machten sich andere Sorgen um den geistigen Zustand des Indie-Entwicklers. Spätestens 20 Tage nach Beginn des Streiks machte sich die Isolation bemerkbar und Bob begann, seinem Frust in noch extremeren Ausmaß Luft zu machen, indem er die Adressen von Nintendo-Mitarbeitern veröffentlichte und unheilvolle Weihnachtsgrüße an Reggie Fils-Aimé richtete. Von Aliens und der japanischen Mafia war ebenfalls die Rede. Außerdem warf er zum ersten Mal in den Raum, Bob’s Game zur Not auf anderen als den offiziellen Wegen auf Nintendo DS zu bringen. Ihm schwebte eine Hardware vor, auf der man DS-Software emulieren kann, für die Bob’s Game erscheinen würde. Und da er überzeugt war, dass es sich bei seinem Projekt um eine Killer-App handelt – also ein Spiel, das durch seinen extremen Erfolg Hardware-Verkäufe generiert, etwa wie ein Mario Kart oder The Legend of Zelda – stellte er in Aussicht, dass eine solche Veröffentlichung den Verkaufszahlen von Nintendo-Handhelds schaden würde. Im Verlauf der Isolation ging es mit Pellonis Zustand weiter bergab. Er drohte, Bob’s Game auf Konkurrenzplattformen zu veröffentlichen, also auf Xbox oder Playstation, wurde immer wütender und frustrierter. Er bezeichnete Nintendo als herzlose Firma, die nur auf Profit aus sei und sich selbst als „viel besser“ als Miyamoto, Itoi, Carmack und Will Wright zusammen. Schließlich könnten die genannten Personen ohne Hilfe kein Spiel alleine auf die Beine stellen, ganz im Gegensatz zu ihm.

Schließlich verwüstete Pelloni sein Arbeitszimmer, nur um sich dann regungslos auf den Boden zu legen. Besorgte Zuschauer des Livestream veranlassten, dass die Polizei nach dem Wohlergehen des Streikendens sah. Und dem ging es gut – zumindest körperlich, abgesehen von schrecklichem Kopfweh, das ihn seit Tagen plagte. Nach diesem Zwischenfall beendete Pelloni den Protest deutlich vor dem Ablauf der geplanten 100 Tage. Aber das sollte nicht das Ende seines aussichtslosen Kampfes sein.

Ablehnung und Vandalismus

Seinen Frust über Nintendos kalte Schulter programmierte Pelloni direkt in Bob’s Game. Das Ziel des Spiels war, „Gantendo“ zu besiegen. Den Begriff hatte er aus Ganon, dem Bösewicht aus der Zelda-Reihe, und Nintendo zusammengesetzt. Dies passte zum Spiel, das er nicht nur nach sich selbst benannt hatte, sondern in dem er auch die Hauptrolle spielte. Der Protagonist trug zwar den Namen Yuu, war aber als Pixelebenbild von Pelloni konzipiert. Ursprünglich war Bob’s Game eine autobiografisch angehauchte Erzählung von einem Jungen, der ein Spiel programmieren will. Wenig später war Bob’s Game laut Aussagen von Pelloni die spielgewordene Offenlegung einer Verschwörung, in welcher der „diabolische Miyamoto“ gemeinsam mit einem bösen Doppelgänger von Reggie versucht, die Welt mit Casual-Games zu überfluten. Trotz vorzeitigem Ende des Streiks ließ Pelloni Anfang 2009 nicht locker: Gemeinsam mit Freunden fiel er im Nintendo Store in New York ein, die Gruppe hängte Poster zu Bob’s Game im Geschäft auf, verteilte Spielehüllen und verstreute Visitenkarten, bis sie des Ladens verwiesen wurde. Angesichts dessen kam es für Beobachter nicht überraschend, als Ninten-do Wochen später schriftlich die endgültige Absage erteilte. Pelloni würde für Bob’s Game nicht den Entwickler-Status bei Nintendo und dementsprechend keine Hard-und Software erhalten. Darauf nutzte Pelloni eine Variante der jahrhundertealten „War nur ein Witz“-Verteidigung – alles, was in den letzten Wochen vorgefallen war, sei nur eine virale Kampagne für Bob’s Game gewesen.

Neue Ufer

Bei Pelloni schien angekommen zu sein, dass Bob’s Game nicht auf Nintendo-Hardware erscheinen würde. Zwei Jahre lang wurde es still um den Entwickler, bis er 2011 eine Handheld-Konsole ankündigte, der Bob’s Game beiliegen würde. Das Gerät sollte 20 US-Dollar kosten, Linux als Betriebssystem aufweisen und sich an Indie-Fans richten. Die Ankündigung der Hardware traf in erster Linie auf Skepsis, nicht nur wegen des unschlagbar günstigen Preises, sondern auch wegen des Trailers, in dem eine Stimme zu Industrial Metal diverse Fakten zum Gerät kreischte – etwa, dass es wie ein Spielzeug aussieht, weil es für Kinder gedacht ist. Aus der Produktbeschreibung der nur noch über das Internet Archive aufrufbaren Webseite liest sich der Frust des Schöpfers heraus: „[nD] ist stärker als das Ding mit zwei Bildschirmen“. Etwas Handfestes kam am Ende nicht heraus, etwa zwei Jahre nach der Vorstellung des Konsolenkonzepts begann Pelloni, sämtliche Hinweise auf die Hardware von seinen Internetseiten zu entfernen. Das Spiel an sich, Bob’s Game, war wiederum durch die zahlreichen Änderungen am Code innerhalb der Jahre zu mindestens zwei ver- schiedenen Games mutiert. Das eine ein Puzzle-Spiel, das andere das ursprünglich geplante Rollenspiel. Für den Release der Puzzle-Version sammelte Pelloni Ende 2013 Geld über Kickstarter, und obwohl er den Zielbetrag knapp verfehlte, erschien Bob’s Game – beziehungsweise dessen Puzzle-Variante – für die Flop-Konsole Ouya. Ein Jahr später startete Pelloni eine weitere Kickstarter-Kampagne. Trotz des wahnwitzigen Beschreibungstextes, in dem Sätze stehen wie „[Bob’s Game] ist das beste Puzzle-Spiel, das je programmiert wurde, und das einzige Puzzle-Spiel, das objektiv betrachtet besser als Tetris ist“, kam das Geld zusammen. Die Seite des Kickstarter-Projekts gewährte Einblicke in Pellonis Aktivitäten der letzten Jahre. So beschreibt er, wie er angeblich von der Spieleindustrie eine Hirnwäsche bekam, bei Freunden auf der Couch lebte, sich von den Eltern aushalten ließ, um schließlich in seinem Auto zu schlafen. Das Geld der zweiten Kickstarter-Kampagne sollte auch in den Ausbau eben jenes Vehikels investiert werden, sodass er dort nicht nur wohnen, sondern auch an Bob’s Game arbeiten kann. 2016 erschien Bob’s Game auf Steam als Alpha-Fassung, ein Jahr später folgte der Release des kompletten Spiels. Allerdings: Auch hierbei handelt es sich um ein Tetris-ähnliches Puzzle-Game, und nicht um das RPG, das Spieler eigentlich haben wollten. Heute ist auch die Puzzle-Fassung von Bob’s Game wieder von Steam verschwunden. Pelloni änderte den Namen des Titels in „ok“ und löschte sämtlichen Screenshots, Trailer und Files, sodass selbst Spieler, die Bob’s Game in der Bibliothek haben, es nicht mehr herunterladen können. Auch Pelloni hat sich rargemacht. Seine Webseite ist leer, ob er noch Spiele entwickelt? Unbekannt. Das letzte Lebenszeichen aus dem Jahr 2021 war ein wirrer Textsalat.

Offensichtlich stand sich Pelloni selbst im Weg und entschied nicht im besten Sinne für sein Projekt. Wie viele seiner Aussagen bloß Aufmerksamkeit generieren sollen, ob er wirklich glaubt, übernatürliche Kräfte zu besitzen, wie er auf der Kickstarter-Seite behauptete, ist unmöglich zu beurteilen. Dass Bob’s Game in seiner ursprünglichen Fassung – wenn diese je existierte – gut auf den Nintendo DS gepasst hätte, halten wir für wahrscheinlich. Übrigens äußerte sich sogar Reggie Fils-Aimé in einem Interview 2009 zur Causa Pelloni: Nintendo habe dessen Bewerbung nach den gleichen Kriterien begutachtet wie die aller anderen. Auf die Anfeindungungen, die Pelloni sogar in sein Spiel programmiert hatte, ging Reggie nicht ein – ein Maß an Professionalität, über das Pelloni nie verfügte. Sicher ist dies aber auch den instabilen Lebensumständen Pellonis und dessen instabiler Persönlichkeit geschuldet – wir hoffen, dass es ihm in beiderlei Hinsichten heute besser geht.

Katharina Pache