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BODY UND SOUL


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 25.11.2021

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SELBSTBEWUSSTER SOUND Die britische Saxofonistin Nubya Garcia

ÜBER JAZZ WURDE LANGE IN DER VERgangenheit gesprochen. Hatte es einige Jahrzehnte ständig neue, aufregende Entwicklungen gegeben, kreative Umstürze, vom Swing zum Bebop zum Hard Bop zum Free Jazz, schien Miles Davis mit „Bitches Brew“ (1970) und seiner Entwicklung zur Jazz Fusion den Endpunkt der Form markiert zu haben – und ihren Weg ins Nischendasein eingeleitet. Sicher gab es danach noch gute Leute und gute Platten, aber die kulturelle Relevanz, die soziale Energie, die steckte woanders. Nicht zuletzt in der langsam entstehenden nächsten musikalischen Sprache des schwarzen Amerikas, dem HipHop. Das Jazzpublikum wurde älter und kleiner, der stereotype Hörer war nicht länger der urbane Hipster, sondern der grauhaarige Biologielehrer. Jazz wurde mehr goutiert als gehört, man war Jazzkenner, wie man Weinkenner war, und die Blütezeit der Form, da waren sich die meisten einig, war vorbei. ...

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Auf diese Idee würde heute niemand mehr kommen. Das liegt vor allem an zwei Orten, an zwei Szenen. Zum einen an Los Angeles, der Stadt von Flying Lotus und Thundercat, von Kendrick Lamar und Kamasi Washington, allesamt mit HipHop und elektronischer Musik sozialisierte Musiker, die Jazz in einen energetischen Dialog mit diesen Genres brachten. Und zum anderen an London, der Stadt von Nubya Garcia: Die 30-jährige Saxofonistin ist Teil der jungen Jazzgemeinde dort, die die Multikulturalität der Stadt in irrer, intensiver Musik aufgehen lässt und afrokaribische und westafrikanische Elemente mit der amerikanischen Tradition verbindet. Bei Londoner Jazzkonzerten schwitzen nicht nur die Leute auf der Bühne. Hier wird beim Hören kein Pinot noir im Sitzen genippt. Nubya Garcia oder der Saxofonist Shabaka Hutchings, vor allem mit seinem Quartett Sons Of Kemet, betonen Qualitäten des Jazz, die viele schon vergessen hatten: Jazz ist Tanz und Körperlichkeit und Freude.

„Es fühlt sich so gut an, endlich aus der Pandemie herauszukommen und wieder aufzutreten!“, sagt Garcia. „Man merkt, dass die Leute es wirklich wollen. Und uns auf der Bühne geht es nicht anders.“ Wie viele aus der Lon­ doner Szene tritt Garcia in Spielstätten auf, die nicht unbedingt jazztypisch sind, in Clubs, wo sonst DJs auflegen und Partys gefeiert werden. „Das Publi kum bestimmt mit, was auf der Bühne passiert“, sagt sie. „Jede Energie im Raum spielt eine Rolle, gerade wenn es positive, offene Energie ist, die uns einlädt, alles zu geben. Sind die Leute etwas zurückhaltend, beschränkt sich das Zusammenspiel der Energien auf die Bühne, und das verändert dann auch die Performance, macht sie geschlossener.“ In der Regel geht Garcia ohne Setlist auf die Bühne und ohne Vorstellung, wie der Abend klingen wird. Nur das erste Stück legt sie vorher mit ihren Bandkollegen fest. „Wir schauen einfach, wo wir landen“, sagt sie. „Es ist aufregender, sich auf eine natürliche Reise zu begeben, gerade wenn man jeden Abend auftritt. So bringt man sich dazu, in immer neue Bereiche vorzudringen.“

Bisher hatte sie keine Gelegenheit, ihr hervorragendes Debüt, „Source“, auf Tour zu spielen. Das Album erschien im August 2020, vielen galt es als das beste Jazzalbum des Jahres. Sie hat es mit ihrem Quartett aufgenommen, mit Joe Armon-Jones am Klavier, Daniel Casimer am Kontrabass und Sam Jones am Schlagzeug. Drei Musiker, die sie schon lange kennt und die sie auch auf Tour begleiten werden. „Wir pushen uns gegenseitig“, sagt sie, „und gehen gemeinsam auf die Suche.“ Sie sei gespannt, welche Formen die Stücke live annehmen werden. Gerade spiele sie mit dem Gedanken, elektronische Remixe ihrer Songs in die Show einzuarbeiten. Denn ein Remix-Album ihres Debüts ist soeben erschienen, „Source # We Move“, auf dem Künstler*innen aus den Welten HipHop, House und R’n’B ihre Stücke dekonstruieren, elektronische Beats unter ihr Saxofonspiel legen und vor allem das Tanzbare unterstreichen, das ihre Musik ohnehin auszeichnet. Zu denen, die Remixes beigetragen haben, zählt die amerikanische R’n’B-Musikerin Georgia Anne Muldrow, die am Rande des Mainstreams in den vergangenen fünfzehn Jahren zwanzig afro futuristische Alben gemacht hat. „Ich bin ein riesiger Fan“, sagt Garcia. „Das war wirklich etwas Besonderes, dass eine Künstlerin wie sie, die ich schon lange verehre, an einem meiner Projekte gearbeitet und ihr Universum mit meinem Werk verbunden hat.“

NUBYA GARCIA

„Sonny Rollins, John Coltrane und Dexter Gordon zu hören war meine Ausbildung “

Das Remix-Album eröffne ihrer Musik neue Räume. „Es ist für Leute anschlussfähig, die bisher vielleicht dachten, dass Jazz nicht ihr Fall sei.“ Dabei scheint sie zu unterschätzen, wie zugänglich ihre Musik längst ist. So ekstatisch und ausschweifend ihre Stücke auch werden – auf dem Album laufen die meisten acht Minuten lang –, sind sie doch nie um sich selbst drehende Virtuosität. Es gibt ja den Witz, dass Jazz die einzige Musik sei, die den Spielenden mehr Freude bereite als dem Publikum, und das mag für besonders ausgefallene Free-Jazz- Akrobatik auch stimmen, aber in den meisten anderen Fällen, und ganz be­ sonders bei Garcia und ihrer Szene, greift das Klischee der schwer durchdringlichen, verkopften, intellektuellen Musik überhaupt nicht. Im Gegenteil, Nubya Garcias Musik geht in die Beine, macht Bewegung zwingend, dafür braucht sie gar keinen Remix.

„Wir sind eine Gemeinschaft“, sagt Garcia über die besondere musikalische Qualität der Londoner Szene. „Es ist schwer, Energie in Worte zu fassen. Wir hatten sicherlich Glück, an einem Ort mit so vielen verschiedenen Kulturen und musikalischen Einflüssen aufzuwachsen.“ Die Musik, die gerade in der britischen Metropole entsteht, klingt anders als die ihrer amerikanischen Zeitgenoss*innen, scheint noch offener und durchlässiger für die Musiken der Welt zu sein, weniger in einer nationalen Tradition verankert. Diese Sounds lassen an das Ideal der Weltstadt als Schmelztiegel glauben, an einen Ort, an dem Menschen jeglicher Hintergründe ihre Erfahrung und Energie und Kultur zu einem erhebenden Ganzen verbinden. Während die meisten schwarzen Jazzmusiker*innen aus den USA die Nachfahren von Versklavten sind, seit vielen Generationen auf amerikanischem Boden, liegt die Migrationserfahrung von vielen aus der Londoner Jazzgemeinde weniger lange zurück. Shabaka Hutchings, in London geboren, ist zum Beispiel auf Barbados aufgewachsen, der Drummer Moses Boyd, der auch einen Remix beigetragen hat, ist das Kind von Eltern aus Jamaika und Dominica, und der „Source“-Produzent Kwes ist der Sohn eines Paars aus Ghana.

AUCH GARCIAS ELTERN wurden nicht in England geboren. Ihr Vater stammt aus Trinidad, ihre Mutter aus Guyana. Der afrokaribische Einfluss in ihrer Musik ist deutlich: „Source“, der Titelsong ihres Albums, hat als Basis einen Reggae-Offbeat und mächtig in die Tasten gehauene Pianoakkorde. Darüber bläst Garcia lang gezogene Töne, warm und emotional. Später steigt die Intensität, sie spielt Stakkato noten, schnelle Läufe, wiederholt Figuren wie in Trance, lässt ihr Instrument quietschen und kreischen. Sie spielt ein Tenorsaxofon, hat also einen eher tiefen Grundton, der bei ihrem atemreichen Ansatz häufig etwas Beschwörendes bekommt. Auf dem hypnotischen „Stand With Each Other“ beispielsweise, auf dem man nichts hört außer raschelnde, klackernde Perkussion, einen erhabenen Frauenchor und Garcias grandioses Spiel.

Als junges Mädchen hatte sie zunächst das höher klingende Altsaxofon gelernt, wie für Anfänger*innen üblich, das leichtere Gewicht und das weniger komplizierte Mundstück erleichtern den Einstieg. Sie war zehn, als sie das erste Mal ein Saxofon in den Händen hielt. Es war nicht ihr erstes Instrument, ihre Eltern legten Wert auf eine umfassende Bildung und hatten sie früh beim Jugendorchester angemeldet, wo sie Violine und Bratsche lernte und später eine „total kaputte Klarinette“ spielte. Aber erst das Saxofon entflammte sie. „Es klickte sofort“, erzählt sie. „Ich merkte, das ist genau mein Vibe! Es machte mir richtig Spaß und ich sehnte nicht mehr das Ende des Unterrichts herbei. So war es mir nämlich mit den anderen Instrumenten gegangen.“ Nach Kinderliedern und Fingerübungen lernte sie bald Bluesstücke, bald „St. Thomas“ von Sonny Rollins, einen freundlich hüpfenden Standard, der auf einem bahamischen Volkslied basiert. Rollins wurde zu einem ihrer Helden, dessen Aufnahmen sie studierte, dessen Geheimnisse sie ergründen wollte, genau wie die von John Coltrane und Dexter Gordon. „Mich faszinierte, wie sie Melodien erschufen und sich Akkordfolgen ausdachten“, sagt sie. „Sie zu hören war meine Ausbildung.“

Rollins, Coltrane und Gordon waren allesamt Tenorsaxofonisten, die sie zum Wechsel des Instruments inspirierten. (Rollins lebt noch, als einer der letzten Jazzmusiker seiner Generation, tritt aber nicht mehr auf.) „Auch als ich noch ein Alt gespielt habe, war mein Sound näher an dem eines Tenors, wahrscheinlich weil ich so viele Tenorsaxofonisten gehört habe“, sagt sie. „Ich wollte diese Ahnung des Düsteren, die zugleich etwas Warmes hat.“ Mit zwanzig kaufte sie sich ein Tenor, „und das Alt habe ich seitdem nie wieder angeguckt“. Ihren eigenen Stil kann sie gar nicht beschreiben. „Ich klinge wie ich selbst“, sagt sie, „und ich glaube, ich klinge einzigartig. Aber meinen eigenen Sound studiere ich nicht.“

Ihre Ausbildung bestand nicht allein aus dem Studieren der alten Meister, sie hat auch von der außergewöhnlichen Jazz-Infrastruktur Londons profitiert, war als Teenager bei Tomorrow’s Warriors, einem von der Stadt geförderten Projekt für Jazzbildung, aus dem so ziemlich die gesamte Elite der Londoner Jazzszene hervorgegangen ist. Die von Shabaka Hutchings kuratierte Compilation „We Out Here“ (2018) ist der beste Einstieg in deren vielfältige, lebendige Musik: Die achtköpfige Combo Kokoroko spielt sehnsüchtigen Afrobeat, der Tubaspieler Theon Cross, auch Mitglied bei Sons Of Kemet, eine energetische Ode an sein Viertel Brockley, und Keyboarder Joe Harmon-Jones macht berauschte Fusion. Überall und mittendrin: Nubya Garcia.

Es fällt auf, dass die Londoner Szene auf Standards verzichtet. Üblicherweise machen sich Jazzmusiker*innen nicht zuletzt dadurch einen Namen, dass sie sich beim großen Songbuch der Jazztradition bedienen und sich einen Klassiker aneignen, ihn so spielen, wie ihn noch nie jemand gespielt hat, ihn remixen sozusagen. Bei Garcia und den anderen findet man jedoch nur Originale. Eine Ansage! Sie wollen Jazz nicht als konservatives Projekt verstehen, sich nicht an einem Abarbeiten des Kanons beteiligen, sondern die Form nach vorn bringen, ihre eigenen Standards schreiben.

Dieser Bruch mit der Tradition, wenn man ihn so sehen möchte, hat eine politische Dimension, wie in den Titeln deutlich wird, die sie ihren Originalen geben. Gerade Sons Of Kemet sind da sehr explizit, nennen ihre Lieder zum Beispiel „My Queen Is Harriet Tubman“, nach der afroamerikanischen Ikone, die, selbst in die Sklaverei geboren, später zur Fluchthelferin wurde. Überhaupt ist es bemerkenswert, mit welcher Selbstverständlichkeit sich die jungen Londoner*innen als Stimmen der afrikanischen Diaspora verstehen und diese Rolle in ihrer Musik emphatisch zum Thema machen, ob es nun die Jazzgemeinde ist, das Soul- Kollektiv Sault, der Afrobeat-Musiker Obongjayar oder Rap-Acts wie Dave und Little Simz. „Bei mir ist die politische Intention vielleicht nicht so offensichtlich wie bei anderen Musiker*in nen“, sagt Garcia, „aber sie ist definitiv da. Überhaupt Musik zu machen, und dann vor allem Jazz, würde ich als politischen Akt verstehen. Allein wenn man bedenkt, wie die Mehrheitsgesellschaft historisch versucht hat, diese Musik zu unterdrücken.“

Über zukünftige Projekte wolle sie nichts verraten, das sei für sie etwas sehr Privates. Aber spielt sie denn manchmal Standards, und könnte sie sich vorstellen, mal einen aufzunehmen? Es gebe viele, die sie sehr liebt, sagt sie. „Endangered Species“ von Wayne Shorter etwa, eine recht neue Ergänzung des Repertoires. Oder „Body And Soul“, für viele das schönste Stück überhaupt. Alle Großen haben es mal gespielt. Nur folgerichtig, wenn Garcia es auch bald täte.