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BOMBENIEGER


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Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 21.09.2022
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Fit und entspannt schaut der Junge aus. Wobei dieser Begriff bei einem 48-Jährigen vielleicht ein bisschen irreführend anmutet. Allerdings verkörpert der Mann im Gespräch ohne Unterlass enormen Elan. Aus den Augen blitzt juvenile Neugier, der Redefluss verläuft in temperamentvollen Kurven. Es wird viel gelacht und geflachst. Der Protagonist selbst fühlt sich aktuell allerdings ein wenig anders. „Ach, ich bin gerade im Prozess der Erholung“, seufzt Corey Taylor angesichts der Tournee, die sich zwischen Juli und Oktober über Europa und die USA erstreckt. „Diese Tournee dauert echt zu lang ...“ Man möchte den Frontmann nur allzu gerne an die Anfangszeiten von Slipknot erinnern, als die Gemeinschaft der nicht-anonymen Wahnsinnigen zu neunt (plus Crew) in Tourbussen nonstop durch die Welt geschliddert ist und sich gegenseitig auf der Bühne gerne mal auf die Fresse gehauen hat. Da wirkt das feudale ...

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... Hotel-Ambiente in der estnischen Hauptstadt Tallinn, welches Taylor vor dem Auftritt anlässlich des ersten Slipknot-Gigs in Estland bezogen hat, geradezu fürstlich. Die Aussagen, dass niemand genau wusste, ob bei den ersten Konzerten eines der Band-Mitglieder draufgeht, darf man gerne als populistisch aufnehmen – ein Funke Wahrheit steckt dennoch darin. Keine zweite Band brannte in den letzten 23 Jahren ein derartiges Feuerwerk an Frustbewältigung auf der Bühne ab. Als Zuschauer konnte man um die Jahrtausendwende nie sicher sein, ob eine Show ein reguläres Ende finden würde. Vor allem das zweite Album IOWA (2001) war eine musikalisch vertonte Hassliebe, ein Tagebuch zerstörter und verstörter Beziehungen, an denen Slipknot fast zugrunde gingen. Aber eben auch auf Platz drei der US-amerikanischen Charts landeten. „Wir sind wahrscheinlich die erfolgreichste extreme Band auf der Welt und waren die Ersten, die mit Blastbeats die Billboard Charts eroberten“, bilanziert Taylor in unaufgeregter Tonlage. Drogen, Alkohol, Management-Verwerfungen, harscher Zwist zwischen den Musikern: Dass es dieses selbstzerstörerische, für den Mainstream eigentlich unzugängliche Biest in den Olymp der damals aktuellen Verkaufszahlen und in neun Ländern weltweit in die Top 10 schaffte sowie zwei Grammy-Nominierungen abräumte, ist bis heute ein ungelöstes Rätsel. Oder eben auch nicht. Denn Slipknot sind pur (das Adjektiv, nicht die Band). Real. Wiederhörwert enorm. Live nicht vergleichbar oder emotional digitalisierbar. Ein pulsierender Organismus aus Talent, Beklopptheit, Genie, Trotz – und mittlerweile höchster Professionalität.

Das war nicht immer so. Als METAL HAMMER 2001 zur Coverstory-Audienz mit Corey Taylor bat, teilte uns die Plattenfirma mit, dass der Frontmann gerade unpässlich sei, weil er im LSD-Rausch „auf dem Boden des Tourbusses zappelt“. Okay. Irgendwie hatten wir damals nichts anderes erwartet. Das von Produzent Ross Robinson dirigierte Debüt SLIPKNOT von 1999 ließ in seinen überbordenden Ausbrüchen und der irritierenden Hektik bereits erahnen, dass diese Truppe kein langes Haltbarkeitsdatum haben könnte. Vertonte Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Eine Sonne, die lichterloh brennt, enorme Energie ausstrahlt und alsbald erlischt. Eine gravierende Fehleinschätzung: Mehr als zwei Dekaden später zieht der weitestgehend disziplinierte (aber bei Weitem nicht domestizierte) Haufen mit dem eigenen Knotfest durch Europa und erfreut sich größter Beliebtheit, weltweiter Festivalheadliner-Status inklusive. „Ein entscheidender Grund ist, dass wir immer wieder musikalische Grenzen verschieben konnten, ohne unseren Markenkern zu verraten“, analysiert der Sänger den fortschreitenden Fan-Zuspruch. „Genau das ist uns mit dem neuen Album gelungen.“ Der Titel: THE END, SO FAR.

„ES IST FÜR EINEN KÜNSTLER IMMER WIEDER FASZINIEREND, DEN HÖRER AUF DIE FALSCHE FÄHRTE ZU LOCKEN.“

COREY TAYLOR

PASSION UND IGNORANZ

Als die Öffentlichkeit im Sommer den Albumnamen erfuhr, loderten die Chat-Foren. Könnte THE END, SO FAR etwa eine Anspielung auf die letzte Studioveröffentlichung in der Geschichte von Slipknot sein?! Corey Taylor fing dieses Gerücht schnellstmöglich wieder ein und verwies darauf, dass dieses Werk vielmehr das Ende eines Kapitels in der Band-Geschichte darstelle. Und wie es sich für eine gelungene Schluss-Pointe gehört, kommt sie mit Wendungen und bemerkenswerten Überraschungen daher. Allein der Opener ‘Adderall’ ist im Slipknot-Universum unerhört. Unerhört gut. Und unerhört frech, auf mutige Art und Weise, vage vergleichbar mit der ersten Nummer von VOL. 3 (THE SUBLIMINAL VERSES), ‘Prelude 3.0’, aus dem Jahr 2004, aber formschöner. Eine Prog Rock-Nummer mit viel Luft, tänzelnden Pianoklängen und einer ganzen Menge Soul. Atemberaubend anders, und doch erkennbar Slipknot. „Es ist für einen Künstler immer wieder faszinierend, den Hörer auf die falsche Fährte zu locken“, lacht Taylor diebisch über den verblüffenden Charakter des Einstiegs-Songs. „Wir bekennen uns zu den stilistischen Grundwerten von Slipknot, genießen jedoch die absolute künstlerische Freiheit. THE END, SO FAR könnte für uns ein weiterer stilistischer Türöffner in der Zukunft sein. Wir konnten Genres einarbeiten, die wir lieben, aber bislang nicht gewagt haben, anzurühren. Umso gespannter bin ich auf die Reaktionen der Maggots. Solche Sachen haben sie von uns noch nie präsentiert bekommen. Einer unserer eisernen Grundsätze lautet: Wenn wir an eine Idee nicht hundertprozentig glauben, wird sie nicht veröffentlicht. Die Leute merken bei Bands direkt, wenn es an Passion mangelt, und dann scheißen sie darauf. In der Sekunde, als ich die rudimentäre Demoversion von ‘Adderall’ hörte, war ich Feuer und Flamme. Es fehlten die Gitarren und das Schlagzeug, aber die Akkorde klangen direkt einnehmend und halfen mir entscheidend dabei, eine passende Melodielinie zu komponieren.“ Slipknot wären nicht Slipknot, wenn es nicht direkt im Anschluss an den gechillten Einstieg eine satte Headbang-Backpfeife setzen würde. So läuft das eben auf Achterbahnalben, für welche diese Band wie kaum eine zweite steht. Das Wort „Dynamik“ scheint für diese Band erfunden. ‘The Dying Song’ ist vertonte Misanthropie, ein dramatischer Abgesang auf die Menschheit, deren Irrtümer und Ignoranz die Welt und die eigene Spezies in Schutt und Asche legen. „Hast du dir die Welt 2022 mal angeguckt?“, fragt Taylor selbst auf die Frage, was ihn den Glauben hat verlieren lassen. „Dieses Mal bin ich beim Schreiben der Texte nicht von meiner Sicht ausgegangen, sondern habe mich nach langer Zeit wieder in andere Charaktere versetzt. Das war sehr spannend, genauso verfasste ich als Teenager Lyrics. Unser Planet befindet sich in einer sehr seltsamen Zeit. Es gibt Elemente in den USA, die ich liebe, aber auch Entwicklungen, die mich erschaudern lassen und unglaublich wütend machen. Wahrscheinlich kann das jeder aktuell über sein Heimatland sagen.“ Ein Fixpunkt in Taylors Denken sind die Sozialen Medien, welche in ‘The Dying Song’ thematisiert und kritisch hinterfragt werden. Wie geht jeder Einzelne von uns mit Informationen und deren Quelle um? Wie vermittelt man sie weiter? Wie wirken sich derartige Plattformen auf die Berichterstattung in den Medien aus? Welches Meinungsbild saugt der Bürger auf, und wie gibt er dieses weiter? Was macht das mit der öffentlichen Meinung, den Politikern und ihrer Politik, der Gesellschaft? „Für mich sind die Sozialen Medien eine Waffe, die großen Verantwortungsgefühls bedarf“, beschreibt der Frontmann seine Gefühle. „Der Tod der Empathie kam mit einem Druck auf die Schaltfläche eines Handys. Die Kommunikation zwischen den Menschen ist Geschichte, die Konversation ist begraben. Wenn wir das nicht wieder hinkriegen, sehe ich schwarz für unsere Zukunft. Das wird eine große Herausforderung. Soziale Medien sind aber nicht nur eine Waffe, sondern auch gesellschaftliche Krankheit, genauso süchtig machend wie Rauchen, Alkohol oder Zucker. Ich bin selbst in diese Falle getappt, bis ich mich vor vier Jahren von allen Sozialen Plattformen zurückgezogen habe. Ich saß mit meiner Familie im selben Raum und habe mit ihnen keine Zeit verbracht, weil ich am Smartphone hing. Irgendwann wurde mir klar, dass ich mich nicht um Likes kümmern, sondern meine Prioritäten neu sortieren muss.“ Kommentargewaltig bleibt Taylor dennoch. „Was sagt eigentlich Corey Taylor dazu ...?“: Kaum eine Nachricht aus dem Rock-Bereich, die von Fans nicht entsprechend kommentiert wird, um das Mitteilungsbedürfnis des Slipknot-Frontmanns zu persiflieren. Corey Taylor lässt das kalt. Er ist bei sich, seiner Meinung und seinem Weltbild. Und hat viel zu erzählen.

ROMANTIK UND DEPRESSION

Der französische Autor Victor Hugo, der ‘Der Glöckner von Notre Dame’ und ‘Les Misérables’ verfasste, beschrieb die dunkle Seite der eigenen Seele einmal so: „Melancholie ist das Glück, traurig zu sein.“ Genau dieses Spiel mit dem selbstzerstörerischen Element greifen Slipknot in ‘Yen’ auf, welches Taylor zu einem seiner Favoriten auf THE END, SO FAR erklärte. „Ich mag diese Scheibe insgesamt etwas mehr als unser letztes Album WE ARE NOT YOUR KIND (2019). Obwohl die Musik vielseitiger ausfällt, wirkt sie insgesamt kompakter. Ich kann es kaum erwarten, die Lieder auf die Leute loszulassen“, erläutert er seine Beweggründe, und nennt Type O Negative sowie Tom Waits als Einflüsse für den düsteren Track ‘Yen’. „Es gibt zwei Arten von Depressionen. Die erste kommt in Wellen, die muss man aussitzen. Ich habe das selbst erst vor Kurzem wieder am eigenen Leib erlebt ... Und dann gibt es noch die zweite, die viele Künstler und Romantiker selbst suchen: den Flirt mit der düsteren Seite. Das hat durchaus eine romantische Dimension. Die Sehnsucht nach etwas, das größer ist als die eigene Person, ist allgegenwärtig. Das mag protzig klingen, hat jedoch der Kunst, Literatur und Musik einige der größten Werke beschert. Diesen Moment der Depression kann man herbeisehnen, und er lässt sich sogar genießen. ‘Yen’ besitzt ein sexuelles Motiv, der Protagonist gibt sich komplett der Düsternis hin. Auch dieser Song steht weit außerhalb unseres bisherigen Spektrums. Trotzdem glaube ich, dass unsere Fans einen Zugang finden werden. Solche Momente sind selten für einen Musiker. Aber wenn man sie findet, ist es das beste Gefühl, das man haben kann.“ Easy Listening wird es bei dieser Band niemals geben, wobei Taylor zu Protokoll gibt, dass er nichts gegen eingängige Musik hätte. Im Gegenteil. Im richtigen Moment würde das auch bei ihm zu Hause laufen. Jedoch nicht bei Slipknot – einer Band, die zugibt, seit Anbeginn immer mal wieder absichtlich Misstöne in Lieder eingebaut zu haben, die das Hörvergnügen erschweren. Während andere Künstler ein Füllhorn von Hooklines über ihrer Zielgruppe ausschütten, versetzt die neunköpfige Hydra ihr Gift gerne mit rostigen Nägeln. In ‘The Chapeltown Rag’ und ‘Warranty’ können Interessierte auch 2022 Blastbeats abgreifen. „Wir hatten sogar mal die Idee, eine CD auf den Markt zu bringen, die sich nur einmal anhören lässt und sich im Lauf der Spielzeit selbst zerstört – da siehst du mal, wie kaputt wir sind. Leider war die Plattenfirma dagegen!“, lacht Taylor über die eigenen schrägen Gedankengänge. „Es gibt durchaus Songs bei uns, bei denen man unter Kopfhörern bei genauem Hinhören etwas Unangenehmes vernimmt, ohne genau sagen zu können, was das jetzt ist. Eine Art unterschwelliges Störgeräusch oder eine Note, die minimal um einen halben Ton verrutscht ist. Da muss man wahrscheinlich jede einzelne Tonspur sichten, um draufzukommen. Auf solches Zeug stehen wir einfach.“

Der Mann, der Slipknot bei der aktuellen Audioattacke im Studio unterstützte und multifunktional als Tonmeister, Mischer sowie an der Seite von Percussionist Shawn Crahan als Co-Produzent fungierte, hört auf den Namen Joe Barresi und hat sich in der Vergangenheit durch seine Arbeit mit unter anderem Parkway Drive, Bad Religion, Avenged Sevenfold oder Queens Of The Stone Age einen Namen in der Szene gemacht. Nachdem Slipknot auf den letzten beiden Alben .5: THE GREY CHAPTER (2016) und WE ARE NOT YOUR KIND noch auf Greg Fidelman (unter anderem Metallica) setzten, strebten sie nun wieder einen Wechsel an. Für den neuen Mischpultverantwortlichen hat Corey Taylor nichts als Lob übrig. „Der Typ hat nicht nur ein verdammt feines Ohr, sondern präsentiert auch gute Ideen und ist ein komplett entspannter Charakter“, erinnert sich der Frontmann an die gemeinsamen Aufnahmen in den Hideout-Studios von Las Vegas. „Er kam mit den Aufnahmen der anderen Jungs, meist vier bis fünf Songs, an denen wir dann mehrere Tage hintereinander arbeiteten. Wir experimentierten viel, Joe ließ mir alle Freiheiten. Wenn einem ein Produzent derart viel Vertrauen schenkt, vertreibt das die Angst aus dem Aufnahmeraum. Allerdings wollte er die Atmosphäre der Demos nicht gefährden. Wenn ich mal über das Ziel hinausgeschossen bin, hat er mir die Urversion des Lieds noch einmal vorgespielt. Das hatte ich noch nie. Barresi war nicht nur cool, sondern auch ein hervorragender Mitarbeiter.“ Einem Musikerkollegen vom Knotfest, dem er persönlich sehr nahesteht, huldigt Taylor sogar noch mehr.

„DIE LEUTE MERKEN BEI BANDS DIREKT, WENN ES AN PASSION MANGELT, UND DANN SCHEISSEN SIE DRAUF.“

COREY TAYLOR

FAMILIE UND MISSBRAUCH

Ist es eine Gnade oder Bürde, Kind berühmter Musiker zu sein, wenn man selbst auf die Bühne will? Man könnte mal bei Lauren Harris, Layne und Myles Ulrich, Tye Trujillo, Castor Hetfield oder eben Griffin Taylor nachfragen. Letzterer singt zusammen mit Schlagzeuger Simon Crahan (Sohn von Clown) bei der Metalcore-Truppe Vended, die das Knotfest eröffnen durfte. Klar – Vitamin B hilft sowohl hier als auch bei der Wahl des Umfelds. Sehr unwahrscheinlich, dass ein Newcomer im Normalfall bei demselben Management landen würde wie Slipknot. „Dieser kleine Fucker ...“, antwortet Taylor – wohlgemerkt liebevoll – auf die Frage, wie denn das Gefühl sei, an der Seite des eigenen Sprösslings durch die Welt zu touren. „Du siehst, wenn ich über Griffin rede, kriege ich einen Kloß im Hals. Das ist schon emotional. Die Entwicklung, die seine Band und auch er als Frontmann vom ersten Gig bis heute genommen haben, beeindruckt mich. Eigentlich wollte er nie etwas mit Musik zu tun haben, obwohl er in der Schule bei Talentwettbewerben auftrat und mit mir Stone Sour-Lieder sang. Meine Güte, er hat schon als kleiner Junge in der Dusche geträllert ... Gitarrenunterricht wollte er aber nie von mir bekommen. Ich baute diesbezüglich nie Druck auf. Zuerst wollte er Computer-Spiele programmieren, dann Florist oder Polizist werden, jetzt steht er beim Knotfest in Europa auf der Bühne. Griffin ist seiner Passion gefolgt und zu einem Mann geworden. Als Vater gibt es kein schöneres Gefühl, als diese Entwicklung nah zu verfolgen. Ich bin verdammt stolz auf ihn.“ Stilistisch sind Vended von Slipknot hörbar beeinflusst, nachzuhören auf der ersten EP, die im vergangenen November erschienen ist. Gesanglich agiert der Sohnemann zudem ziemlich nah an den Tonlagen und stimmlichen Ansätzen seines Erzeugers zu den Anfangszeiten der Band. Mit ‘H377’ (bevor jemand wie der Autor dieser Zeilen überambitioniert den Sinn hinter diesem Song-Titel sucht, im Netz auf eine kritische Rassentheorie stößt und damit bei Taylor einen hysterischen Lachkrampf heraufbeschwört – das Ding wird „Hell“ ausgesprochen) gibt es auf THE END, SO FAR ein Lied, das bezüglich der Direktheit vom Debüt stammen könnte. Vollgas in die Fresse, Musik und Gesang springen einen förmlich an und man glaubt, den Sänger im Alter von Mitte zwanzig wiederzuhören. „Das ist genau, warum ich diesen Track so liebe – er ist absolut pur!“, bestätigt Taylor den Eindruck, dass es hier in gewisser Weise einen Rückgriff auf die eigene Historie gab. „Ich habe ein paar Anläufe gebraucht, um den richtigen Dreh zu finden. Die Gesangslinien schrien nach der unbedingten Dringlichkeit. Im Grunde klingt ‘H377’, als ob ein Verrückter die Zeilen ins Mikro schreit. Wenn wir solch eine Energie aufbringen müssen, fühlt es sich selbst in unserem Alter noch natürlich an. Wir haben es nicht nötig, uns selbst zu imitieren.“ Musikalisch leichter geht es in ‘Heirloom’ zu, das den größten Hard Rock-Anteil auf dem neuen Werk repräsentiert. Allerdings sollte man sich von dem eher gemäßigten Tempo und Gesang nicht täuschen lassen. Inhaltlich gehört ‘Heirloom’ zu den schwersten und anspruchsvollsten Themen von THE END, SO FAR, handelt es doch von Kindesmissbrauch und den weitreichenden Folgen für kommende Generationen. 2017 machte Taylor in einer Dokumentarserie seinen eigenen sexuellen Missbrauch als Kind durch einen damals 16-jährigen Nachbarn öffentlich. „Das ist definitiv die melodischste Nummer auf der Scheibe“, erläutert der Protagonist seine Gedanken. „Es stecken so viele Harmonien darin, dass ich es für falsch gehalten hätte, darauf zu brüllen. Der eigentliche Twist an ‘Heirloom’ ist der Mix aus schönen Melodien und schockierendem Inhalt. Es sieht nach Zucker aus, schmeckt aber anders. Es stellt sich die Frage, ob man als Missbrauchsopfer seine schlechten Erfahrungen an die eigenen Kinder weitergibt oder diesem Teufelskreis entkommt. Für mich stellt ‘Heirloom’ definitiv einen der Höhepunkte von THE END, SO FAR dar.“ Und dann hätten wir noch den Schlusspunkt.

OPER UND SÄURE

Dass Slipknot seit dem Vorgängerwerk WE ARE NOT YOUR KIND ein gewisses Faible für Chöre entwickelt haben, ist bekannt. Opernglas und Abendgarderobe sind dennoch nicht vonnöten, dieses Stilelement wird behutsam in den bewährten Band-Kontext eingewoben. Mal im Hardcore-Gangshout-Stil wie in ‘Warranty’, öfter allerdings episch wie in ‘Adderall’ oder dem abschließenden (und entsprechend betitelten) ‘Finale’, bei dem Taylor nebenbei eine der besten Gesangsleistungen seiner gesamten Karriere abliefert (in eine ähnliche qualitative Kategorie fällt der Höhepunkt von ‘De Sade’). Das Lied, das hintenraus so konzipiert ist, dass es direkt wieder an die ersten Sekunden des Openers anschließt, wirkt wie eine Slipknot-Version des Aerosmith-Klassikers ‘Dream On’, klassische Begleitinstrumentierung inklusive. „Wenn ich mich recht entsinne, kam die Idee, in ‘Finale’ einen Opernchor einzubauen, von Clown“, reicht Taylor das Lob an seinen Kollegen und Freund weiter. „In der Demoversion war das noch ein rein akustischer, sehr zurückgenommener Song. Seit der letzten Scheibe haben wir einen Weg gefunden, Chöre sinnvoll in einen für uns passenden Kontext einzubauen. Da war es nur logisch, das nun fortzuführen, zumal die Musik noch vielschichtiger ausfällt als auf WE ARE NOT YOUR KIND. Als ich die Version mit dem Chorgesang zugeschickt bekam, konnte ich meine eigenen Gesangslinien wunderbar daran anlehnen.“ Im Gegensatz zur Anfangszeit, als sich Corey Taylor vor allem auf die unbändigen Kräfte seiner Stimmbänder verließ (und mit diesen, wie er selbst zugibt, ziemlich rücksichtslos umging), achtet er nun viel mehr auf sein wichtigstes Werkzeug. Wenn Magazine oder Online-Plattformern ihre Leser beziehungsweise User über die aktuell besten Rock- und Metal-Sänger abstimmen lassen, landet der Slipknot- und Stone Sour-Frontmann regelmäßig auf den vorderen Plätzen. Wer sich mit noch aktiven Größen wie Rob Halford, Bruce Dickinson oder Maynard James Keenan messen muss, darf nicht nachlassen. Auf der einen Seite trinkt Taylor seit 2010 endgültig keinen Alkohol mehr (die erste Notbremse hatte er diesbezüglich bereits um die Jahrtausendwende gezogen), den größten Effekt jedoch hatte das Weglassen der Zigaretten. „Klar, Alkohol hat auch Auswirkungen, aber kein Vergleich mit Tabak“, empfiehlt Taylor den Kollegen am Mikro, die Finger von den Glimmstängeln zu lassen. „Ich mochte diesen kratzigen Ton in meinen Zwanzigern, aber das war auch zugleich ein Zeichen dafür, dass es um meine Stimme nicht sonderlich gut bestellt war. Sie war ganz schnell angeschlagen und fertig. Heute kann ich nicht nur viel länger und mit mehr Volumen singen, sondern dank besserer Technik auch diesen erwähnten bissigen Ton aus meinen Anfangsjahren wieder künstlich herstellen.“ Ein Sänger hat es Taylor besonders angetan, „von einer geradezu kriminell unterbewerteten Band“: Acid Bath. Die kurzlebige (aber dennoch enorm einflussreiche) Sludge-Band aus Louisiana prägte mit den beiden Alben WHEN THE KITE STRING POPS (1994) und PAEGAN TERRORISM TACTICS (1996) einen schwer zu definierenden Stil zwischen Life Of Agony, Crowbar, Balladen, Hardcore und Death Metal. Gitarrist Sammy Duet definierte es selbst einmal als „Gothic Hardcore“, beeinflusst von Roy Orbison und David Bowie. Nach einem Autounfall 1997, bei dem ein betrunkener Fahrer ein Stoppschild übersah und Bassist Audie Pitre sowie dessen Eltern zu Tode fuhr, lösten sich Acid Bath auf. Für sie und ganz speziell Frontmann Dax Riggs ist auf THE END, SO FAR die Hommage ‘Acidic’ zu hören – ein Lied, welches in seiner tiefschwarzen Blues-Ausrichtung an Alice In Chains erinnert. „Sie zählen zu meinen absoluten Helden!“, freut sich Taylor über den Vergleich mit den Grunge-Legenden. „Von Layne Staley und seinen Kollegen bin ich massiv beeinflusst. Ich bin froh, dass ich mich mit ‘Acidic’ vor Acid Bath verneigen kann, das passiert allgemein viel zu selten. Dax Riggs gehört zu den besten Sängern aller Zeiten. Ich wollte etwas zurückgeben und bin froh, dass es uns gelungen ist, in diesem Track das spezielle New Orleans-Gefühl einzufangen. Wir haben uns musikalisch nie in einem bestimmten Raum versteckt und die Tür verschlossen, sondern sind immer neugierig geblieben. Am Anfang waren Slipknot ein solides Haus, das sich im Lauf der Jahre immer weiter und weiter entwickelt hat und mittlerweile zum Wolkenkratzer mutiert ist.“ Weitere Höhenluft soll folgen. Am großen nächsten Knall wird bereits getüftelt.

ENDE UND ANFANG

Nahe der 50 knarzt es in den Gelenken. Und mitunter auch in der Psyche. Slipknot waren immer ein Konglomerat unterschiedlichster Charaktere, die im besten Moment auf einer Wellenlänge liegen, immense Energie entwickeln und Großes bewegen, aber auch stetig Gefahr laufen, zu eskalieren und auseinanderzudriften. Tourneen stellen in dieser Grundkonstellation seit Gründung der Band ein besonders gefährliches Terrain dar, welchem mitunter nur mit lebensgefährlichen Hilfsmitteln beizukommen war. Das vorzeitige Ableben von Gründungsmitglied, Bassist und Songwriter Paul Gray 2010 in einem Hotelzimmer in Urbandale, Iowa, unter Einfluss von Fentalyn und Morphium steht ebenso stellvertretend für den Hang zur Selbstzerstörung Slipknots wie der Tod von Original-Drummer Joey Jordison letztes Jahr. Dieser berichtete 2008 von seiner schweren Drogenabhängigkeit in den zurückliegenden Jahren und davon, dass er bereits sein eigenes Grab gekauft habe. „Das ist die Konsequenz, wenn man bei Slipknot spielt.“ Auch Corey Taylor weiß um diese Risiken, speziell in der Zeit zwischen den Konzerten baut sich traditionell dicke Luft auf. Es gab zahlreiche Phasen auf Tourneen, in denen Slipknot kurz vor der Implosion zu sein schienen. Auf der Bühne und dahinter. Die Hoffnung, dass sich diese Tendenz im Alter abmildert, wischt der Frontmann direkt beiseite. „Wir sind noch immer dieselben Arschlöcher wie früher“, seufzt er angesichts der aktuellen Tourneestrapazen und deren Auswirkungen auf die Gemeinschaft der Neun. „Wir müssen aufhören so zu tun, als ob wir zwanzig Jahre alt wären und entsprechend in der Weltgeschichte herumgondeln könnten. So läuft es langfristig einfach nicht. Mit Slipknot zu spielen, fordert einen immensen körperlichen Tribut. Außerdem haben wir alle ein Privatleben, von dem wir uns nur ungern trennen. Aktuell sind es fünf Wochen, das prügelt einem irgendwann die Scheiße aus dem Kopf. Als Folge verhält man sich zu Menschen, die man sehr lange kennt, alles andere als nett. Das steckt einfach in uns drin. Das Verhalten ist dasselbe wie vor zwanzig Jahren. Trotzdem ist es uns bislang gelungen, all das runterzuschlucken, einen gemeinsamen Weg zu finden und als Band zusammenzustehen.“ Das hat sich gelohnt. Für Slipknot, die weltweit um die 30 Millionen Alben verkauft haben und zehn Grammy-Nominierungen einsammeln konnten (eine davon siegreich: 2006 für ‘Before I Forget’), aber auch für Corey Taylor persönlich. Neben seiner Stamm-Band konnte er mit Stone Sour ein muskulöses zweites Standbein aufbauen, trat als Gastmusiker mit verschiedensten Bands auf der Bühne und im Studio auf, gründete ein eigenes Platten-Label namens Great Big Mouth Records (sic!), trat als Produzent in Erscheinung und veröffentlichte New York Times-Bestseller. Von Sattheit ist allerdings nicht mal minimal die Rede. Wenn er von dem Ende eines Kapitels in der Band-Geschichte spricht, denkt er bereits an das nächste. Der Mann sieht sich schöpferisch noch längst nicht am Limit – und kündigt für die Zukunft von Slipknot zum Abschluss des Gesprächs Großes an. „Ich stehe mit Clown tatsächlich schon in Gesprächen über das nächste Album“, gewährt Taylor einen Einblick in die inneren Abläufe. „Wir haben eine absolut fantastische Idee. Das wird die größte kreative Bombe, die Slipknot jemals haben platzen lassen: Eine Masse von geiler Musik, flankiert von richtig cooler Kunst. Damit können wir unsere Fans in bislang unbekannte Dimensionen vorstoßen lassen, sofern wir es auch zu Ende bringen und wirklich realisieren. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber dieser Einfall beschäftigt uns gerade richtig. Selbst wenn wir danach nie wieder ein Album veröffentlichen – das wäre der absolut krönende Abschluss. Der große Abgang.“

MATTHIAS WECKMANN

„WIR MÜSSEN AUFHÖREN SO ZU TUN, ALS OB WIR Z WANZIG JAHRE ALT WÄREN.“

COREY TAYLOR