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Bootlose Kunst


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Blinker - epaper ⋅ Ausgabe 20/2023 vom 06.01.2023

MEERESANGELN

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Bildquelle: Blinker, Ausgabe 20/2023

Viele Wege führen durch die Hecke oder über Äcker und Felsen. Aber manchmal erwischt man auch echte Ausnahmekulissen, hier eine leerstehende Blockhütten-Tagungsstätte.

Gerade starte ich den Computer und nehme einen Schluck aus der Kaffeetasse neben der Tastatur, während die Maschine summend und piepend hochfährt. Jetzt noch das Passwort eintippen – was’n hier los? Überall erkenne ich rote Blutspritzer auf der schneeweißen Tastatur. Besonders arg erwischt hat es W, 5, Ü. Herrje, 0 und ^, wie seht ihr denn aus …

Erschrocken greife ich mir an die Nase. Wieso blutet der Rüssel schon wieder? So doll habe ich heute doch noch gar nicht nachdenken müssen. Aber die Nase ist nicht schuld; es sind die Finger. Die vielen kleinen Schnitte und Schrammen haben sich geöffnet. Meine Hände sehen aus wie Hackfleisch – und Sie wissen genau, was das bedeutet, liebe Leser. Ich war in Norwegen! Dauerregen weicht die Finger auf; Schnüre, Messer, Haken und Fischzähnchen erledigen den Rest.

Ich stehe auf und steuere in Richtung Büroküche, um mir einen Fetzen Küchenpapier zu ...

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... holen. „Mensch, Du humpelst aber. Beim Fußball einen abbekommen?“, werde ich von einem Kollegen der Jäger-Redaktion angesprochen. „Nee, ich habe ein bisschen Muskelkater. Ich war doch in Norwegen“, entgegne ich und blicke in ratlose Augen. „ … zum Meeresangeln vom Ufer“, schiebe ich nach, um die Gerüchteküche im Büro nicht anzuheizen. Wer weiß, was der sonst denkt. Der Pippardt geht jetzt Skispringen. Oder Elche treten. „Ah, aber wieso vom Ufer? Die Fjorde sind doch riesig, ist das nicht brotlose Kunst?“ Na, die Steilvorlage nehme ich gerne an: „Nein, ist es nicht. Im Gegenteil! Das ist bootlose Kunst. Guck mal hier, ich hab’ ein paar Fangfotos auf dem Handy.“

NORWEGENS UFER KÖNNEN MEHR ALS „DORSCH TO GO“ AM FÄHRANLEGER!

Ähnlich erstaunt wie unser Jäger-Kollege blickte auch mein Angelfreund Benno drein, als wir unsere ersten Würfe von einem Steilufer des Hardangerfjords machten. Benno kommt aus dem Thüringer Wald und kennt sich mit Steilhängen aus.

Nur seine Meeresangel-Erfahrung beschränkte sich bis dato auf einen alljährlichen Trip nach Langeland, also Dänemark. Aber in den letzten Jahren wurde aus der Tour eine Tortur. Die Dorsche in der westlichen Ostsee sind momentan einfach weg, das muss man sich eingestehen. Und so überredete ich ihn zu einem 14-tägigen Norwegen-Trip an den Hardangerfjord mit seinem Mercedes Vito. Keine feste Anlage, kein Boot. Herumfahren, zelten, wandern, Fische fangen!

Und zwar viel mehr als im Langelandbelt, wie Benno schon mit seinem vierten Wurf feststellen durfte. Ein schöner Küchendorsch, für den er in Dänemark bestimmt 4 bis 6 lange Driften gebraucht hätte. Oder sogar noch mehr. Direkt danach landete sein allererster Pollack in seinem Kescher. „Boah, ich hätte nie gedacht, dass es hier so gut anfängt. Hoffentlich geht das so weiter!“ Ging es.

Schärfegrad: Nadel statt Büroklammer

Meeresangeln ist rau, dreckig und grob. Das Gerät muss viel mitmachen und sieht dementsprechend benutzt aus, so sind auch die Drillinge schnell verrostet. Man fängt trotzdem und lässt die alten Eisen dran – ein Fehler! Man mag es kaum glauben, aber auch beim Meeresangeln ist ein nadelscharfer Haken von Vorteil. Viele Bisse kommen nämlich in der ersten Absinkphase mit offenem Rollenbügel. Das sind häufig große Pollacks, die viel und schnell fressen. Am nadelscharfen Haken bleiben sie kleben und haken sich gegen den Schnurdruck selbst, währenddessen der vergammelte Haken mit Büroklammer-Schärfegrad im hohen Bogen ausgespuckt wird.

Dass man in Norwegen vom Ufer mal einen Fisch fangen kann, sollte kein Geheimnis sein. Das merkt jeder, der auf der Hinfahrt die Rute aus dem Kofferraum fummelt, während er auf die Fähre über den Fjord wartet, weil er es nicht mehr aushalten kann. Aber Norwegens Ufer haben viel mehr zu bieten als Fähranleger und einen Dorsch to go. Wir angelten direkt neben wunderschönen Steilküsten und Wasserfällen, eine Stelle war sogar direkt neben einer rustikalen Ferienhaussiedlung aus Block-Holzhäuschen mit Whirlpool und Sauna. Gut, zugegeben, hier zu fischen, war bestimmt nur halb legal. Aber die norwegische Kaution gegen Hausfriedensbruch sind 2 kg Pollackfilet, die hat man schnell beisammen …

Dass ein Wasserfall und eine Blockhütte natürlich keinen eingefleischten Norwegenangler vom Boot locken, ist klar. Trotz netter Nebenschauplätze und einer gewissen romantischen Kulisse wollen wir primär eine Sache, und das ist Fisch. Vor einem Sonnenuntergang zu schneidern ist genauso scheiße wie bei Regen zu schneidern. Nur halt in rot statt in grau.

Und ich will ihnen keinesfalls vermitteln, dass eine Ufertour „besser“ sei als ein Bootsangeltrip. Beide Techniken lassen sich nur schwer vergleichen. Diese Angelei ist ein Kompromiss und hält genauso viele Vor- wie auch Nachteile bereit, wobei ich – je länger ich vom Ufer fischte – mehr und mehr positive Aspekte entdeckte, mit denen ich zuvor nicht gerechnet hatte. Und das, obwohl ich schon in Norwegen war und sowohl vom Boot als auch vom Ufer geangelt hatte. Letzteres aber nur dann, wenn der Sturm zu stark war, um rauszufahren. Die Trips waren dementsprechend kurz. Nicht so diesmal, wo mir ganze 14 Tage Uferangeln pur zur Verfügung standen.

VORTEILE DES UFERANGELNS: WEIT UND BREIT KEIN SCHWEIN (AUSSER EIN SCHWEINSWAL)

Wo liegen also die Vorteile einer Ufertour? Also zuallererst ist man als Uferangler in Norwegen eine seltene Spezies. Während zur Heringszeit in deutschen Häfen tausende Angler Schulter an Schulter stehen und sich Meerforellenangler in Dänemark ein kleines Seegefecht in knietiefem Wasser liefern, ist man in Norwegen weit und breit der einzige Uferangler. Kein Schwein in Sicht, nur gelegentlich ein Schweinswal. Gute Uferstellen – das will ich an dieser Stelle vorweg nehmen, obwohl wir noch gar nicht übers Angeln selbst sprechen – sind möglichst steile Felshänge, an denen Blasentang wächst.

„Steile Hänge und eine starke Bebauung erschweren die Ufertour. Aber man findet Spots! Auch ohne Hals- oder Hausfriedensbruch. “

Direkt davor sollte die Wasser- tiefe mindestens 10 bis 20 m betragen und mindestens eine leichte Strömung vorherrschen. Strömung sorgt für ausreichend Nahrung und Sauerstoff. Diese Stellen lassen sich vom Boot nur bei ganz wenig Wind und einer optimalen Strömungsrichtung gut beangeln; und man muss ständig die Drift korrigieren, um nicht gegen die Felsen zu fahren. Das ist anstrengend, der Motor läuft dauerhaft und als Bootsführer kommt man fast nicht zum Angeln. Außerdem wartet draußen oft der Seelachs- oder Makrelenschwarm, den man vom Boot viel entspannter befischen kann. Wieso also an der Uferkante zerschellen, wenn man auf offener See genauso viele (oder mehr) Fische fangen kann? Das hält die Uferstellen schön frei. Und vom Ufer haben wir alle Zeit der Welt, den steilen Hang Meter für Meter zu beharken. Außerdem ist das punktgenaue Ausfischen der Uferkante vom Ufer einfacher als vom treibenden Boot.

CHANCEN AUF ZWEISTELLIGE POLLACKFÄNGE

Kommen wir zu „Pro Ufer“-Argument Nummer 2: Der geringe Aufwand. Wir fallen sozusagen aus dem Auto direkt an den Spot, benötigen nur einen kleinen Rucksack mit einer Köderbox und Kleinteilen. Wenn’s regnet, ziehen wir uns die Wathose und eine Regenjacke drüber, und wird das Wetter zu wild oder ist die Stelle nicht gut, sind wir schnell wieder im Auto, trinken einen Kaffee und brausen zum nächsten Spot. Wer ganz viel Glück (oder schlau gebucht) hat, der kann sogar vom Ferienhaus direkt an den Spot laufen. Da hat der Bootsangler noch nicht einmal seinen Floater angezogen und Sprit aufgefüllt.

„Vom Ufer sind Magen und Kühltruhe schneller voll, als man „Seelachsschwarm“ rülpsen kann.“

Stichwort Sprit: Uferangeln ist definitiv kostengünstiger. Zwar verbraucht unser Auto auch Sprit, aber ein Boot schluckt definitiv mehr. Und Mietkosten fürs Gefährt fallen ebenso weg.

„Mag ja sein, aber vom Ufer fängst Du doch nur kleine Seelachse!“. Das ist nur ein kleiner Teil der Wahrheit, fast hätte ich „Schwachsinn“ geschrieben. Ganz besonders auf Pollack hat man genauso gute Fangchancen wie vom Boot, wenn nicht sogar bessere. Wir fingen auf unserer Reise an ausschließlich jeder (!) Stelle Pollack und Dorsch, gute Spots brachten locker zweistellige Fangzahlen und Fische bis Mitte 80 cm. Da sind Magen und Kühltruhe schneller voll, als man „Seelachsschwarm“ rülpsen kann. Ebenso sind Dorsche weit mehr als Zufallsfänge, hier ist die Durchschnittsgröße zwar nicht rekordverdächtig, aber das mag in unserem Fall auch am südlichen Revier, dem Hardangerfjord, gelegen haben. Im Norden sind die Fische einfach größer.

NACHTEILE DES UFERANGELNS: TODES-KLIPPEN UND SCHMIERSEIFE-BLÖCKE

Jetzt habe ich das Uferangeln sehr gelobt. Aber ein Trip zu Fuß ist nicht immer eine wunderbare Wanderung durchs Schlaraffenland. Das zeigt sich schnell anhand mehrerer Aspekte. Wer gerade mit seinem Handy oder Computer auf Google Maps herumscrollt und sich zum Beispiel den Hardangerfjord anschaut, weil ich ihn erwähnt habe, der wird sofort feststellen, wie stark bebaut dieser doch ist. Somit bleibt wenig Platz zum Angeln. Und viele Ecken, an denen kein Haus, kein Hof, keine Ferienanlage oder kein Hafen steht, sind zu steil zum Bauen – und zum Angeln. Manchmal sieht es auf der Satellitenkarte gar nicht schlimm aus; man fährt voller Motivation hin und steht dann vor einer Todesklippe.

Die Kletterpartie ist kein Pollack wert. Somit wären wir an dieser Stelle bei einem offensichtlichen Nachteil: Vom Wasser kann man jede Stelle anfahren, vom Ufer braucht man: 1) einen Parkplatz an der Fjordstraße (nicht zu unterschätzen) 2) legal betretbares Gelände (vermeintlich freies Gelände stellte sich als Privatgrund heraus, was wir auch nicht über Google Maps erkannten) 3) flaches Gefälle Rechnerisch folgt auf jeden brauchbaren Spot eine Niete, die nur auf der Karte gut aussah und die man umsonst besucht hat. Generell wird diese Situation aber an der offenen Küste deutlich entspannter, nur die Fjorde sind so bebaut, weil hier das Wetter nicht so stürmisch ist wie an der Küste. Lässt es der Wind zu, sollten Sie ans offene Meer fahren.

Als großes Hindernis stellt sich beim Uferangeln auch der Boden heraus, genauer gesagt die großen und oft steilen Felsen, auf denen wir uns bewegen. Die sind zwar ein gutes Indiz für eine fängige Stelle, aber sie mutieren nach Regenfällen auch zu großen Schmierseife-Blöcken. Ich weiß zwar nicht, wie die Steine das hinkriegen, denn bei trockenem Wetter bieten sie guten Halt; klar und offensichtlich ist aber die Gefahr für unsere Knochen. Unterschätzen Sie das bloß nicht! Ich hatte glücklicherweise Spikes an meinen Watschuhen, aber selbst mit denen hat es mir einige Male die Füße weggezogen. Sind Sie kein guter Sportler, gehen Sie bei Regen besser in einen Hafen oder an einen Fähranleger. Da gibt es auch Fische. Wagemutigen, die trotz Regen auf einem Stein stehen wollen, kann ich empfehlen, sich auf den Hosenboden zu setzen und langsam bis zur Wasserkante herunterzurutschen. Das habe ich auch einige Male getan. Das klappt gut, birgt aber die Gefahr, übers Ziel hinaus und mitten ins Pollack-Wohnzimmer zu schliddern.

ABENTEUERLICHE LANDUNG: AM EINFACHSTEN KLAPPT’S PER SCHNUR-LIFT

Genauso körperlich herausfordernd wie der Abstieg zum Spot kann manchmal auch die Landung eines gehakten Fisches sein, denn nicht immer kommt man bis zur Wasserkante. Auch ein Nachteil im Vergleich zum Boot! Trotzdem geht es. Hier eröffnen sich uns 2 Optionen: Wir schleifen den gehakten Fang per Hand die Steilkante bis zu uns herauf, in dem wir an der Schnur ziehen; oder nutzen einen Kescher mit langem Stiel. Für mich hat sich die erste Variante als am sinnigsten herauskristallisiert, denn oft ist ein Kescher unhandlich und eine Belastung beim Klettern an den steilen Hängen. Das Hochziehen eines Fangs hört sich zwar erstmal irgendwie brutal an, aber bedenken Sie: Die Steine in Ufernähe sind fast immer glitschig-nass, weil sie von Wellen überspült werden. Sie sind fast genauso schleimig wie der Fisch, und definitiv geschmeidiger als ein Keschernetz.

Welchen Fisch wir landen können, ist beim Uferangeln nicht mit einem Wort gesagt. Wir fingen – im Süden des Landes wohlgemerkt – Knurrhahn, Lippfisch, Wittling, Pollack, Schellfisch, Dorsch, Leng, Makrele, Flügelbutt und Stöcker. Außerdem sahen wir einige große Meer- forellen direkt vor uns springen. Und Schweinswale, die schmecken auch gut … kleiner Spaß beiseite. Wer Schweinswale gezielt anwirft, kommt in die Hölle. Außerdem sind sie eh viel zu klug, um unsere Köder zu attackieren.

Die App ENIRO: Ufer-Kartenplotter

Unser bester Freund in Norwegen heißt „Eniro“. Eine kostenlose App, die es in sich hat. Einerseits können wir extrem hochaufgelöste Luftaufnahmen betrachten und Strukturen sehr gut abschätzen, was enorm hilfreich ist, um das Gefälle eines potenziellen Spots einordnen zu können. Und klicken wir dann oben links aufs Menü, zeigt uns Eniro noch die passende Tiefenkarte an. Dafür würde man in Deutschland richtige Knete auf den Tisch legen; der Norweger macht’s umsonst.

Die Artenvielfalt vom Ufer ist groß, aber natürlich längst nicht so groß wie beim Bootsangeln. Ebenso ein kleiner Minuspunkt, besonders, wenn man gezielt auf Lumb, Steinbeißer, Heilbutt, Seelachs oder Rotbarsch angeln will.

UFERANGELSPOTS FINDEN: SO GEHT’S!

Sie merken, es gibt durchaus einige Abstriche, die man als norwegischer Uferpionier machen muss. Trotzdem überwiegen die positiven Aspekte in meiner Wahrnehmung deutlich. Das muss allerdings jeder für sich selbst entscheiden. Kommen wir an dieser Stelle zu einem spannenden Aspekt: Der Angelei selbst. Beginnen wir bei der Spotsuche.

Wenn ich eine Uferangelstelle finden möchte, öffne ich die norwegische App „Eniro“. Sie ist in etwa wie Google Maps, genauere Infos gibt’s im Extrakasten (Seite 47). Über die Satellitenkarte suche ich primär nach Landspitzen, die in den Fjord (oder ins Meer) hinausragen. Am allerbesten in eine Verengung (als „Sund“ oder „Straumen“ bezeichnet) hinaus, denn dort herrscht häufig viel Strömung, die an einer Landspitze besonders stark ist. Völlig außer Acht lasse ich die hinteren Ecken der Fjorde (in unserem Fall war das die Region um die Stadt Odda), denn dort fehlt Strömung. Ich sage nicht, dass es dort keine Fische gibt, dennoch verbessert sich die Lage in Richtung offene Küste sehr und der Artenreichtum wird größer.

„Wir wollen Fisch! Vor einem Sonnenuntergang zu schneidern, ist genauso scheiße wie bei Regen zu schneidern. Nur halt in rot statt in grau.“

Es muss auch nicht zwingend eine Landspitze sein, davon gibt es nämlich vergleichsweise wenig, wichtig ist der Strom – und ausreichend Tiefe. „Ausreichend“ bedeutet mindestens 10 bis 20 m in Wurfweite (für Pollack). Je tiefer man werfen kann, desto größer wird die potenzielle Fangpalette. Einen besonderen Blick wert sind auch Bereiche um Lachszuchten, natürlich in ausreichend großem Abstand. Das, was von den Lachsen nicht weggeputzt wird, ist ein gefundenes Fressen für kleine Lippfische, Wittling, Pollack, Seelachse und Krabben. Die wiederum sind Grund genug für große Meeresräuber, sich ebenfalls dort aufzuhalten.

Nachdem ich mir einige Stellen gemerkt habe, gucke ich erst, ob ich dort über- haupt ans Wasser komme. Sieht es frei aus, ist der Parkplatz die letzte Hürde. Erst, wenn ein geeigneter Parkplatz gefunden ist, markiere ich den Spot in Google Maps, um ihn auszuprobieren.

WIE ANGELT MAN VOM UFER? EINFACH EINKURBELN, NICHT JIGGEN!

Wir stehen endlich auf dem Felsen. In der Hand liegt die 2,70 m lange Zanderrute mit 60 g Wurfgewicht, auf der Rolle ist ausreichend Schlagschnur, vorn dran ein stabiler Einhänger. Ich hänge zuerst einen Gummifisch mit 20 bis 30 g-Kopf ein; am liebsten einen Lunker City Shaker in 10 cm oder einen kleinen Savage Gear Sandeel. Eine tolle Wahl ist auch ein Meerforellenblinker von 20 g, der Westin Solvpilen lieferte richtig ab. Den Köder werfen wir mit einem lockeren Schwung aus, um erstmal den Uferbereich abzufächern; Pollacks stehen gern am Fuß des steilen Hangs. Wir lassen den Köder am geöffneten Bügel gerade zum Grund absinken, sodass er nicht auf uns zutreibt. Ist der Köder am Grund, Bügel zu, langsam hochkurbeln ohne anzuhalten – und wenn’s schwer wird, unbedingt anschlagen. Mehr ist es nicht!

Trotz dessen ich Gummifische benutzt habe, habe ich nicht gejiggt oder gefaulenzt. Das langsame Einholen scheint besonders für Pollack die effektivste Variante zu sein, da der Köder dauerhaft über dem Räuber schwimmt; und Pollacks (wie man an ihrer Maulstellung sieht) ihre Beute gern von unten attackieren. Sie liegen im Tang am Grund und beobachten die Wassersäule über ihnen. Zeigt sich eine potenzielle Beute, lösen sie sich vom Grund und schwimmen hinterher. Dann schieben sie sich langsam an unseren Köder und öffnen ihren großen Schacht. Das geschieht aber eher langsam, und so fühlt sich auch der Biss an, als würden wir im Kraut festhängen. Einen „Tock“ gibt es selten.

Auf gejiggte Köder, die ständig zu Boden sinken, bekamen wir deutlich weniger Bisse. Ich denke, dass der Pollack eine flüchtende Beute will, die er von unten gut anpeilen kann. Das Jiggen ließen wir irgendwann ganz sein, weil die stupide Einkurbeltechnik wirklich deutlich besser funktionierte.

Mit der Einholtechnik fischen wir den Halbkreis vor uns sorgfältig aus. Interessant zu wissen: Ganz häufig beißen die größten Fische zu allererst. Ist ja eigentlich auch logisch, wenn man drüber nachdenkt: Wer zuerst frisst, wächst am schnellsten. Hier zeigt sich ein Nachteil der Absinkphase am offenen Bügel; denn häufig kommt hier schon ein Biss. Diesen Fisch haken wir selten, aber noch am ehesten, wenn unser Haken nadelspitz ist. Dann hakt sich der Fisch gegen den Schnurdruck selbst. Einige Male hing mein Köder vermeintlich fest, doch der Hänger entpuppte sich als Meeresräuber.

WILDES GEREISSE SORGT FÜR FEHLBISSE

Geht dann auf Gummifisch irgendwann nichts mehr, montiere ich einen kleinen Pilker von 40 bis 80 g. Ich habe einfach die billigsten genommen, die ich bei Angelsport Moritz in Kaltenkirchen finden konnte. Das sind „Cool Herring“-Pilker von Kinetic für 2 Euro pro Stück. Gegen die wirken die anderen Modelle im Regal wie Goldbarren. Aber auch ein 14 Euro-Pilker reißt ab, wenn er an einem bewachsenen Stein hängen bleibt, für das Geld kaufe ich lieber 7 Cool Herrings. Das nur nebenbei. Mit dem kleinen Pilker erreiche ich Wurfweiten, von denen der Gummifisch nur träumen kann, und fische die weit entfernt liegenden Bereiche ebenso systematisch fächerförmig ab. Am häufigsten fingen wir Dorsch und Leng mit dem Pilker in tieferem Wasser, gelegentlich kleine Seelachse, die sich den Pilker in der Absinkphase im Mittelwasser schnappten.

Auch beim Pilken blieb ich nicht bei der Standardtechnik. Reißende Pilkbewegungen gehen erstens sehr stark auf die Arme und bringen auch viele Fehlbisse. Das mag ich nicht. Als gute Alternative zum wilden Gereiße empfehle ich für den Pilker (anders als beim Gummi) das Jiggen oder Faulenzen. Rutenspitze auf 10 Uhr, 3 bis 5 langsame (!) Kurbelumdrehungen, Köder an gespannter Schnur absinken lassen, auf den Tock warten, anhauen. Ich habe das Gefühl, dass sowohl Dorsch als auch Leng mit dieser ruhigen Köderführung des Pilkers besser klarkommen, weil der Köder nicht ständig aus ihrem Sichtfeld gerissen wird, wenn sie gerade mit geöffnetem Maul darüberstehen, und einen gefühlten Kilometer weiter entfernt im Mischgrund einschlägt.

Ganz wichtig: Schlag- und Handlingschnur

Auf unserer Rolle sollte 0,16er Geflecht aufgespult sein. Doch das reicht nicht, denn ohne Mono-Schlagschnur geht‘s nicht. Wer mal einen 4 kg-Pollack mit einer Geflochtenen angehoben hat, sucht bestimmt immer noch seine Finger. Außerdem benötigen wir zwingend ein Stück Schlagschnur, um den Felsen unter Wasser zu trotzen. Geflecht reißt fast sofort, wenn es über eine Kante gezogen wird.

Als Schlagschnur eignet sich eine 0,40er Mono ideal. Die knotet der Autor mit dem FG-Knoten an die Geflochtene, in etwa doppelter Rutenlänge. Bedenken

Sie bei der Landung eines Fischs vom Ufer unbedingt, wie viel Last er auf unsere Schnur ausübt, wenn wir ihn damit geradlinig hochziehen. Ein großer Fisch sprengt eine 0,30er und 0,35er locker. 0,40er ist unteres Minimum, fangen Sie Fische über 4 kg, sollten Sie sogar höher gehen. Besonders gefährlich wird es, wenn wir den Fisch schon vor unseren Füßen haben, die Schnur zwischen Hand und Köder besonders kurz ist, und der Fisch sich dann schüttelt. Dabei entstehen kurze Kraftimpulse, die das kurze Stück Schnur sofort zerreißen und den Fisch mitsamt Köder zurück ins Wasser rutschen lassen. Deshalb benötigen wir zusätzlich zur Schlagschnur noch ein kurzes Stück „Handlingschnur“ , eine 0,50er bis 0,60er, zirka 70 cm lang (Schlaufe- in-Schlaufe-Verbindung). „Handling“ (engl.) bedeutet soviel wie „Umgang“. Diese 70 cm sind nämlich genau dazu gedacht, eventuelles Gezappel eines großen Fisches abzupuffern, während wir ihn an kurzer Schnur halten, um ihn zu greifen oder zu versorgen. Netter Nebeneffekt: Die dicke Handlingschnur hat sich mehrfach als notwendig herausgestellt, wenn ein großer Fisch im Drill mit seinem Kopf nah an der Steilwand entlang zog.

DAS STRÖMUNGS-PHÄNOMEN: DER PILKER RETTET UNS DEN TAG!

Der größte Wert des günstigen Pilkers zeigte sich dann erst im Laufe der Zeit durch ein Phänomen, das ich im Vorweg nicht als solches einschätzte. An manchen besonders steilkantigen Landspitzen herrschte eine starke Strömung. Ich warf meinen Gummifisch wie gewohnt aus, ließ ihn am offenen Bügel absinken, schloss diesen, kurbelte an – und hatte sofortigen Widerstand. Ha, Fisch! Hm, bewegt sich gar nicht. Riesenfisch? Nee, Hänger. Und zwar nicht nur ein Mal, sondern fünf Mal. Teilweise fühlte ich mich zurückversetzt an die köderfressenden Buhnen der Tideelbe oder an die E-Roller-Friedhöfe im Hamburger Alsterfleet.

Nur liegen in den Fjorden glücklicherweise (noch) keine E-Roller. Schuld an der Hänger-Misere sind zum einen die Strömung und zum anderen der Gummifisch. Dieser bietet vergleichsweise viel Angriffsfläche und sinkt langsam ab, er wird von der Strömung leicht erfasst und dann in eine der vielen Felsspalten unter Wasser gedrückt, woraus wir ihn nicht mehr befreien können. Und an dieser Stelle sollten wir den rettenden Pilker aus der Box wühlen – der rast nämlich zum Grund wie eine Rakete und lässt sich von der Strömung nicht beeinflussen.

Auch in diesen Fällen pilke ich übrigens nicht. Ebenso wird bei viel Strömung nicht gejiggt, sondern ich kurbele den Pilker – wie einen Gummifisch oder Mefo-Blinker – ganz langsam nach oben. Damit der Bleistift ein wenig Eigendynamik bekommt, verbiege ich seine oberste Öse leicht (!) mit einer Zange. Und siehe da, er flattert, fängt – und bleibt nicht hängen.

Was hängen bleibt, ist ein fantastisches Erlebnis unserer Atlantik-Safari zu Fuß. Wenn Sie einmal mit 3 dicken Pollackfilets im Rucksack den nassen Waldboden zum Parkplatz hinaufgekrochen sind, abgekämpft am Auto stehen, sich den Dreck von den Händen klopfen und einen letzten Blick auf das tiefblaue Wasser vor den marmorierten Steilwänden werfen, wird Ihr Gesichtsschweiß durch Lachfalten laufen.