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Bootsfahrt in den Tod


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Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 25.07.2022

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Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 8/2022

Lau ist die Nacht, kurz bevor der Frieden am Gardasee zerbricht, ein Holzboot treibt durch die Bucht von Salò. In ihm sitzen Umberto und Greta. Beide sind am See zu Hause. Beide sind jung. Sie kennen sich seit ein paar Wochen. Er mag sie. Sie mag ihn, wahrscheinlich, sie verliebt sich nicht schnell. Der Himmel ist klar, der Mond leuchtet, eine leichte Brise streicht über das Wasser. Es ist 23.24 Uhr. Dann rasen zwei grelle Lichter heran.

Der Morgen graut, als ein Fischer am 20. Juni 2021 auf dem See ein zersplittertes Holzboot entdeckt. Er sieht einen leblosen Mann darin. Und die Tasche und Schuhe einer Frau. Taucher und Zivilschutz suchen nach ihr.

Sie finden ihren Körper in 98 Meter Tiefe. Man identifiziert die Leiche als Greta Nedrotti, 25, Studentin aus Toscolano-Maderno. Tiefe Wunden zeichnen ihren Körper. Ihre Beine sind gebrochen. Ihre Lungen voller Wasser. Sie hat den Unfall ...

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... zunächst überlebt. Danach ist sie ertrunken.

Die männliche Leiche identifiziert man als Umberto Garzarella, 37, Handwerker aus Salò. Garzarella, das werden Rechtsmediziner feststellen, starb innerhalb weniger Minuten an seinen Verletzungen.

Schnell findet man das Motorboot, das den tödlichen Unfall verursacht hat. Es liegt in einer Werft am Rande von Salò, aufgehängt an Seilen, damit durch das Leck, das im Bug klafft, kein Wasser dringt. Schnell findet man auch die beiden Fahrer, Marcel Kern * und Florian Stanger *, zwei Deutsche, beide 52 Jahre alt. Sie geben an, den Unfall nicht bemerkt zu haben. Sie hätten nur ein dumpfes, nicht besonders lautes Geräusch gehört und gedacht, sie hätten eine Boje überfahren oder ein Ruder. Stanger sagt aus, sie hätten sogar angehalten, um nachzuschauen.

Marcel Kern sagt aus, er habe in der Nacht das Boot gelenkt. Er stimmt einem Blutalkoholtest zu. Das Ergebnis, fast 14 Stunden nach dem Unfall: etwa 0,3 Promille. Stanger lehnt einen Alkoholtest ab. Die beiden reisen zurück nach Deutschland, weil den Behörden die rechtlichen Mittel fehlen, sie festzusetzen. Erst als einige Tage später ein europäischer Haftbefehl gegen Kern erlassen wird, stellt dieser sich der italienischen Polizei und kommt unter Hausarrest.

Italienische Medien berichten lan- desweit. Immer mehr belastende De- tails kommen über die Tat ans Licht.

* Namen von der Redaktion geändert

Sie hat viele Italiener erschüttert. Das Verhalten der Beschuldigten verletzt ihre Gefühle. Denn es geht nicht nur um Schuld und Unschuld, sondern es geht auch um den Eindruck, dass sich manche Touristen allgemeiner Anstandsregeln und Gesetze enthoben glauben. Es geht vor allem um Respekt.

AN DEN BERGIGEN UFERN und den weißen Kiesstränden des Gardasees beginnt, vom Norden aus betrachtet, das Sehnsuchtsland, in das sich Deutsche jährlich träumen: Italien, wo die Tage wärmer sind und leichter scheinen. La dolce vita, ganz nah. Seit Jahrzehnten pflegen Deutsche und Italiener hier so etwas wie eine Symbiose. Spaziert man durch Salò, ein hübsches Städtchen am See, hört man Deutsch in allen Gassen. Die Deutschen machen den Großteil der jährlich mehr als zwei Millionen Touristen aus, sorgen für Umsatz und Arbeitsplätze. Aber seit dem Unfall fragen sich viele Einheimische: Achten die Deutschen den See?

Im November 2021 beginnt vor einem Gericht in Brescia der Prozess gegen Stanger und Kern. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen unter anderem Zusammenwirken an fahrlässiger Tötung und unterlassene Hilfeleistung vor. Um das Geschehene zu rekonstruieren, hat der STERN behördliche Dokumente ausgewertet, Angehörige und Freunde der Opfer getroffen, Staatsanwälte gesprochen und Augenzeugen. Diese Recherchen legen nahe, dass Alkohol und Arroganz den mit feuchten Augen hinaus auf den Balkon. Die Luft ist warm. Garzarella blickt auf das sonnige Blau des Sees, das Grün der Zypressen. Sie sagt: „Von hier aus hat Umberto an schönen Tagen die Bucht fotografiert.“ Sie zeigt mit dem Finger auf die Stelle vor tödlichen Unfall begleitet haben. Sie wecken Zweifel an den Aussagen der Beschuldigten. Und zeichnen das Bild zweier Männer, die sich vorwerfen lassen müssen, dass sie keine Verantwortung übernehmen, sondern vor allem ihre eigene Haut retten wollten.

In einem Haus an der Uferpromenade von Salò tritt Elena Garzarella dem Hafen von Portese, an der sich der Unfall ereignete. Auf das Wasser, das ihr keine Ruhe mehr schenkt, seit ihr Bruder darauf starb. Dann geht sie wieder zurück ins Wohnzimmer, wo die kranke Mutter sitzt. Für die Mutter, sagt Garzarella, sei es nun besonders schwer. Jeden Tag sehe sie den See.

Höre die Motoren der Boote.

Umberto Garzarella liebte den See, erzählt seine Schwester. Oft fuhr er mit ihr hinaus, dann aßen sie Pizza, hörten Musik, schauten in den Sternenhimmel. Er spielte Tennis und Fußball, ging gern aus und lachte viel. Er war ein schöner Mann, das sah jeder. Fragt man in Salò nach ihm, scheint es, als hätten ihn alle persönlich gekannt. Gemeinsam mit seinem Vater leitete er eine Firma für die Wartung von Gasthermen. Er hätte sie übernehmen sollen. Jetzt, da er tot ist, steht sie vor dem Ende.

In einem Pilateskurs lernte Umberto eine junge Frau aus dem Nachbarort kennen. Greta war sehr gutmütig, sagen ihre Eltern. Sie war verlässlich, sagen ihre Freunde. Morgens habe sie ihr Handy erst gegen elf Uhr eingeschaltet, weil sie zuvor in Ruhe lernen wollte. Sie trank nicht. Kümmerte sich um ihren Großvater und schob ihn in seinem Rollstuhl zum Arzt. Studierte Wirtschaft in Brescia.

Freunden und Familie widmete sie ihre Abschlussarbeit. Darin schrieb sie: „Entfernung spielt keine Rolle, wenn die Herzen sich nah sind.“

WIE NAH SICH Umberto und Greta waren, bevor sie starben, ist nicht klar. Sie hatten einige Dates. Auch für den 19. Juni.

Es ist ein Samstag in Salò, heiß und sonnig. Johlende Menschen säumen die Uferpromenade. Motoren wummern. Die Mille Miglia, ein Oldtimerrennen, führt durch den Ort. Viele

Schaulustige verfolgen es in den Außenbereichen der Bars, andere von ihren Booten entlang des Ufers aus.

Unter ihnen sind Umberto und Greta. Ein Video zeigt sie an diesem Nachmittag mit Freunden. Umberto, in einem blauen Shirt, blickt entspannt aufs Ufer. Greta trägt einen weißen Bikini. Sie lacht.

AM TAG DES UNGLÜCKS FEIERN DIE MENSCHEN IN SALÒ. DIE BEIDEN MÜNCHNER FEIERN MIT

Nicht weit entfernt, gegenüber der Bar Italia, wo Menschen Champagnerflaschen köpfen, feiern Marcel Kern und Florian Stanger, zwei Bootsbesitzer aus München in Polohemden. Kern ist Unternehmer, Stanger hochrangiger Manager in einem global agierenden Konzern. Seit Jahren reisen sie an den Gardasee. Jetzt entspannen sie auf einer Riva Aquarama, die Stanger gehört. Ein Klassiker aus Mahagoni und Chrom, Hunderttausende Euro wert, im Heck zwei röhrende Motoren. Ein Boot, mit dem man auffällt.

Und die beiden wollen offenbar auffallen. Auf einem Video, das sie an diesem Tag zeigen soll, ist zu sehen, wie Kern und Stanger ablegen. Laut Schifffahrtsordnung müssten sie besonders langsam auslaufen. Sie lassen den Motor aufheulen und brausen los.

Ein Zeuge, der am Nachmittag mit Freunden im Boot direkt nebenan sitzt, wird später sagen, die Männer hätten auf ihn gewirkt wie Reiche, die zeigen wollen, was sie sich leisten können – und die sich ansonsten wenig darum kümmern, was andere von ihnen denken. Er sagt auch: „Ich glaube, sie haben vom Rennen wenig mitbekommen. Sie waren beschäftigt damit, sich zu betrinken.“

Ein Foto, aufgenommen um 15.12 Uhr, zeigt die Deutschen mit einer Flasche Moët & Chandon Ice Impérial, die in der Bar gegenüber 100 Euro kostet.

Gegen 16 Uhr bitten Kern und Stanger den Zeugen und seine Freunde, den Liegeplatz zu tauschen, um näher an das Ufer zu kommen. Ihre Flasche sei leer, habe Kern ihm gesagt. Sie würden sich gern neue Flaschen holen.

An Land hätten Stanger und Kern Bier und Sekt getrunken. Irgendwann seien sie laut geworden, hätten Menschen auf anderen Booten zugeprostet. Kern sei besonders auffällig gewesen, Stanger habe aber mitgezogen.

Dann seien die beiden mit weiteren Flaschen auf ihr Boot zurückgetorkelt. Als der Zeuge gegen 17.45 Uhr die Promenade verlässt, sieht er die Männer immer noch trinken.

DER BÜRGERMEISTER von Salò, Giampiero Cipani, sagt: „Ich kann nachvollziehen, dass man feiern möchte. Aber man kann sich nicht volllaufen lassen und dann auf den See fahren.“ Er sitzt in seinem Büro, hinter ihm glitzert durchs Fenster der See. Er sei traurig, sagt Cipani, und man spürt, dass er mit sich ringt.

Da ist der Privatmensch Cipani, der mit Umberto Garzarellas Vater befreundet ist, dessen Sohn mit Umberto Tennis spielte. Da ist aber auch die Amtsperson Cipani, die die Wogen glätten muss.

Die Deutschen sind am See ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Notare und Makler stellen Menschen mit Deutschkenntnissen ein, der Sprache vieler Kunden. Auf den Hügeln von Salò entsteht ein Fünf-Sterne-Ressort.

Projektvolumen: 41 Millionen Euro.

Investoren: Deutsche. 80 Prozent der Touristen, schätzt der Bürgermeister:

Deutsche. „Sie haben den Tourismus hier praktisch erfunden.“

In den Tagen nach dem Unfall habe man eine gewisse Stimmung gegen Deutsche gespürt, sagt Cipani.

Aber das habe sich gelegt. Tatsächlich hört man viele Einheimische sagen: Wir wollen den Deutschen nicht das Fehlverhalten Einzelner nachtragen.

Andere aber sagen: Wer den See nicht respektiert, soll sein Geld woanders lassen. Cipani hat nach dem Unfall das nächtliche Tempolimit für Boote in der Bucht gesenkt. Bootsbesitzer berichten seither auch von verstärkten Kontrollen durch die Küstenwache.

Am Abend des 19. Juni sitzen Stanger und Kern in San Felice del Benaco, südöstlich von Salò, in einem feinen Restaurant, dessen Terrassen in den See ragen. Die Männer sind

Stammgäste. Sie essen Meeresfrüchte.

Und trinken. Zwei Gläser Wein, zwei Gläser Limoncello, zum Sorbet eine Viertelflasche Wodka. „Auffällig fröhlich“ seien sie gewesen, wird ein Bediensteter später sagen. Die Männer bezahlen und machen sich auf zu gehen. Umstehende sehen, wie sie wanken. Laut Anwalt der Familie Garzarella soll ein Kellner den Männern sogar empfohlen haben, ein Taxi zu nehmen. 23.15 Uhr. Sie nehmen die Aquarama.

Nachts ist zu dieser Zeit auf dem Wasser eine Geschwindigkeit von maximal fünf Knoten erlaubt.

Berechnungen der Küstenwache zufolge beschleunigen die Männer das Boot in diesen Minuten auf 20 Knoten, etwa 37 km/h. Sie schalten die beiden Scheinwerfer am Bug des Bootes ein. Das ist verboten. Sie sind nur dazu ausgelegt, beim Anlegen die Kaimauer zu beleuchten. Nutzt man sie nachts, erscheint außerhalb der grellen Lichtkegel, die nur wenige Meter weit reichen, alles schwarz.

Für das, was um 23.24 Uhr geschieht, gibt es außer den beiden Deutschen kaum Zeugen. Ein Ehepaar hört vom Ufer aus einen lauten Knall und sieht ein Boot mit hoher

Geschwindigkeit davonfahren. Die Überwachungskamera eines Hauses am Ufer filmt einen schwach leuchtenden Punkt auf dem See, Umbertos Holzboot, vorschriftsmäßig beleuchtet. Und ein grelles Licht, das sich sehr schnell auf diesen Punkt zubewegt.

Das ihn verschlingt. Abhebt. Und, ohne anzuhalten, weiterrast.

Für die Staatsanwaltschaft klingt die Aussage der Männer, sie hätten das Hindernis für eine Boje oder ein Ruder gehalten, nicht glaubwürdig. Das Motorboot fliegt auf den Videoaufnahmen nach der Kollision schließlich mehrere die Luft. Ein Gutachten der italienischen Küstenwache legt außerdem nahe, dass die Männer das Holzboot zumindest kurz vor dem Aufprall erkannt haben müssen. Im Bericht heißt es: Sie hätten nach dem Unfall anhalten müssen.

Meter weit durch „Die Männer haben sich wie Tiere verhalten“, sagt Raffaele Nedrotti, Gretas Vater. Wenige Monate nach dem Unfall sitzt er in einer Kanzlei in Brescia, malt mit seinem Zeigefinger ein Fragezeichen auf den Tisch und spricht über diesen Gedanken, der ihn seit der Unfallnacht nicht mehr loslässt: Hätten die Deutschen angehalten – würde seine Tochter noch leben? Die Ergebnisse der Obduktion lassen vermuten, dass ihre Verletzungen zu schwer für jede Rettung waren. Klar ist aber auch: Die Männer haben gar nicht nachgesehen. Und das schmerzt die Angehörigen. Sie hoffe, dass den Männern bewusst werde, was sie getan haben, sagt Nadia Nedrotti, die Mutter. „Gretas Leben haben sie zerstört. Unseres haben sie auseinandergerissen.“

In den Wochen nach dem Unfall erreichen die Familien Garzarella und Nedrotti handgeschriebene Briefe aus Deutschland und Blumen. Beileidsbekundungen von Menschen, die sie nie zuvor gesehen haben. Das habe ihnen viel bedeutet, sagen die Angehörigen. Der Verteidiger der Deutschen sendet nach einigen Wochen den Anwälten der Opferfamilien eine E-Mail. Im Anhang ein PDF-Dokument, eine Art maschinengeschriebener Brief-Entwurf, in dem die Opfer und ihre Familien nicht namentlich genannt werden. Die Absender haben nicht persönlich unterschrieben, sondern mit Kürzeln. Sie winden sich um ein klares Bekenntnis.

Das „Ereignis“, heißt es im Dokument, habe „unsägliches Leid“ über alle Beteiligten gebracht – „unsere Familien eingeschlossen“. Da heißt es auch: „Wir können nur noch schlafen und uns morgens im Spiegel ansehen, weil wir den Unfall als solchen nicht wahrgenommen haben.“ Neun Sätze lang ist die Nachricht, sie klingen berechnend, distanziert, als wolle man nicht haftbar gemacht werden für das, was in ihnen steht. Keiner klingt wie eine Entschuldigung.

Im September erhält auch der STERN eine Mail. Absender ist eine Berliner Medienrechtskanzlei, die Florian Stanger vertritt. „Rein vorsorglich“ teilt sie mit, dass sie eine große Zeitung, die über den Unfall berichtet hat, bereits erfolgreich verklagt habe. Und bittet „eindringlich“ darum, das Anonymitätsinteresse ihres Mandanten zu wahren.

NACH DER KOLLISION FLIEGT DIE JACHT MEHRERE METER WEIT DURCH DIE LUFT

Stanger ist es auch, der in der Tatnacht, gegen 23.31 Uhr, sieben Minuten nach dem Unfall, die Aquarama in die Werft lenkt. Eine Überwachungskamera filmt, wie er das Boot parkt.

Kern versucht sich währenddessen im Heck des Bootes auf den Beinen zu halten. Er torkelt, fängt sich kurz, fällt dann rücklings in den See.

Er habe das Steuer von Kern übernommen, nachdem Wasser in das Boot gelaufen sei, wird Stanger später der Staatsanwaltschaft sagen. Während die Behörden den Männern in diesem Punkt glauben, zweifeln andere an dieser Version. Sie fragen sich: Warum sollte der Bootsbesitzer ausgerechnet in dieser Nacht nicht gefahren sein? Will Stanger, für den aufgrund seiner bedeutenden beruflichen Position viel auf dem Spiel steht, sich aus der Verantwortung stehlen?

Ein renommierter Forensiker nimmt im Auftrag der Anwälte der Angehörigen DNA-Spuren vom Lenkrad der Aquarama. Die Zweifel lassen sich damit aber nicht erhärten.

Für Stanger und Kern ist der Abend nach dem Anlegen noch nicht zu Ende. Erkenntnissen der Ermittler zufolge besuchen die beiden noch eine Hotelbar im Zentrum von Salò.

Kern erbricht sich, er kracht gegen einen Laternenpfahl, bevor er sich zu einer Gruppe an den Tisch setzt. „Er erzählte, dass sie einen Bootsunfall hatten“, wird sich der Hotelbesitzer im Gespräch später erinnern, „dass sie über einen Baumstamm gefahren sind.“ Das Shirt des Mannes sei nass gewesen. Er habe überheblich gewirkt. Kern habe in seinem Stuhl gehangen, vor sich ein Bier, das er nicht anrührte. Zwischendurch sei er eingeschlafen. Sein Gesicht sei bleich gewesen, Blut sei ihm aus Mund und Nase gelaufen. So schlecht sieht er aus, dass ein Krankenwagen herbeigerufen wird. Aber Kern will nicht in die Klinik. Gegen 2.30 Uhr soll er die Bar verlassen haben. Zweieinhalb Stunden, bevor Umberto Garzarellas Leiche entdeckt wird.

Das italienische Recht unterscheidet bei Unfällen zwischen Wasser und Straße. Wären Garzarella und Nedrotti bei einem Autounfall getötet worden, stünden darauf bis zu 18 Jahre Haft. Überhöhte Geschwindigkeit und Trunkenheit würden strafverschärfend wirken. Auf Bootsunfälle trifft das nicht zu. Theoretisch drohen Kern und Stanger maximal zehn Jahre Haft.

Wahrscheinlich wird ihre Strafe deutlich geringer ausfallen.

Eine Onlinepetition, die die Angleichung der Gesetze für Wasser und Straße fordert, haben mittlerweile mehr als 120 000 Menschen unterschrieben. Eine Woche nach dem tödlichen Unfall auf dem Gardasee stirbt auf dem Comer See ein 22-jähriger Italiener bei einem Zusammenprall zweier Motorboote. Die mutmaßliche Ursache: hohe Geschwindigkeit. Die Verursacher: Touristen aus Belgien.

An jedem 19. Tag im Monat treffen sich Familie, Freunde und Einwohner am Gardasee. Sie trauern und lassen weiße Luftballons in den Himmel steigen. Um an die Toten zu erinnern und an den nötigen Respekt für den See.

Bei einem Segelrennen wird zu Gretas Gedenken ein Sonderpokal verliehen.

Darauf steht: Entfernung spielt keine Rolle, wenn die Herzen sich nah sind.

Die beiden Männer aus München mussten sich wegen fahrlässiger Tötung und unterlassener Hilfeleistung vor Gericht in Brescia verantworten. Am 21. März 2022 fiel das Urteil: Vier Jahre und sechs Monate Haft für den Lenker der Jacht, zwei Jahre und elf Monate Haft für deren Besitzer.

Glockenklang

Und stündlich mit den schnellen Schwingen berühr im Fluge sie die Zeit, dem Schicksal leihe sie die Zunge, selbst herzlos, ohne Mitgefühl, begleite sie mit ihrem Schwunge des Lebens wechselvolles Spiel. Und wie der Klang im Ohr vergehet, der mächtig tönend ihr entschallt, so lehre sie, dass nichts bestehet dass alles Irdische verhallt.

FRIEDRICH SCHILLER, DT. DICHTER (1759–1805)

AUS: STERN (4.11.2021); © MATTHIAS BOLSINGER/LUISA BRANDL/STERN/DDP