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BOTIN FÜR HUMANITÄT


Bücher - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 11.03.2020

Für ihren Einsatz für Menschenrechte wurde Katja Riemann 2010 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Nun hat die Schauspielerin ein Buch geschrieben, über Menschen, die sie bei ihren Projektreisen als UNICEF-Botschafterin kennenlernte und die vor Ort viel Gutes tun. Wir sprachen mit ihr über den Text und die Hörbuchfassung.


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Bildquelle: Bücher, Ausgabe 3/2020

KATJA RIEMANN: Jeder hat. Niemand darf. S. Fischer, 400 Seiten, 24 Euro

VERLOSUNG

Hörbuch Gelesen von Katja Riemann Argon, 463 Min./ 1 MP3-CD, 19,95 Euro

BÜCHERmagazin verlost je fünf Bücher und Hörbücher „Jeder hat. Niemand darf.“ (S. Fischer/Argon). Teilnahmebedingungen auf S. 4. Viel ...

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BÜCHERmagazin verlost je fünf Bücher und Hörbücher „Jeder hat. Niemand darf.“ (S. Fischer/Argon). Teilnahmebedingungen auf S. 4. Viel Glück!

Sie engagieren sich seit 20 Jahren für UNICEF und hatten auf Ihren Projektreisen nach Osteuropa, Afrika und Asien Gelegenheit, Menschen zu treffen, die sich vor Ort engagieren. Wer genau sind diese Menschen und was hat Sie an diesen so beeindruckt, dass Sie diese zum Gegenstand Ihres Buches gemacht haben?
Ich würde sie als das bezeichnen wollen, was sie sind: humanitarians oder Menschenrechtsaktivisten. Es sind diese Menschen, die menschenrechtliche, humanitäre Arbeit leisten, täglich, die nicht wieder weggehen und nach NY ins Hauptquartier fliegen, oder nach Genf. Es sind Menschen, die aus dem Land kommen, locals würde man es international nennen. Sie sind vor Ort, in den communities, in denen es oftmals weder laufendes Wasser noch Strom gibt, es sind keine Missionare oder Europäer oder Amerikaner, sondern die Menschen, die die entsprechende Sprache sprechen. Mich beeindruckt ihre Stetig- und Freundlichkeit, ihr Respekt, ihr Humor und die vollständige Abwesenheit von Zynismus. Sie, die unter klimatischen, umweltlichen, politischen und menschenrechtlichen Bedingungen leben und arbeiten, deren Dimension man sich nur vorstellen kann, wenn man es bezeugen durfte wie ich, sie leisten einen großen Beitrag hinsichtlich der Aufklärung und des Impulsgebens. Um Bewegung in tradierte, gesundheitsgefährdende, menschenrechtsbrechende, gewalttätige oder geschlechterungerechte Situationen hineinzubekommen. Sie sind für mich die Helden der Zeit. Ich habe versucht, ihnen mit meinem Buch eine Bühne zu geben.

Obwohl Sie Leid und widrige Umstände nicht außen vorlassen, stellen Sie in Ihrem Buch das Hoffnungsvolle, Starke, dem Leben Zugewandte der Menschen, die Ihnen begegnet sind, in den Vordergrund. Wieso haben Sie sich entschieden, den Fokus darauf zu legen?
Weil es schon genug Informationen über Mord und Totschlag gibt, damit werden wir doch befüllt, täglich in den Medien und Netzwerken, oder sehe nur ich das so? Und das ist wichtig und richtig, aber es ist dennoch nicht das vollständige Bild. Ich berichte als Bote, als Geschichtenerzähler, nicht als Politiker oder Journalist. Das ist ein anderer Standpunkt, eine andere Sichtweise. Ich versuche vor allem, nicht den Humor zu verlieren, weil der verbindend wirkt und mir auch tatsächlich überall begegnete.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie am Reisen schätzen, dass es Ihnen ermöglicht, sich das Unbekannte bekannt zu machen. Was reizt Sie so sehr am Unbekannten? Dieses kann ja auch verunsichern, Angst auslösen. Wie halten Sie es mit der Angst?
Das Unbekannte kann man sich überall bekannt machen, dazu muss man nicht zwingend reisen. Was ich versuche, damit zu erläutern, hat nicht mit meinem persönlichen Vergnügen zu tun, sondern dem Gedanken, dass die Ablehnung des Unbekannten, ohne den Versuch ihm zu begegnen, Voreingenommenes generieren kann. Das Unbekannte kann man gut als Projektionsfläche benutzen, um seine Ängste darauf zu malen oder es für die eigene Misere verantwortlich zu machen. Es ist wie der Gang in den Keller, den man als Kind wagt, um ein Glas Kirschen zu holen, die Vorstellung des Grauens im Keller ist furchteinflößender, als der Umstand, dass der Keller einfach nur dunkel und klamm ist. Ich halte es mit der Angst so: Ich habe immer Angst und konfrontiere mich mit ihr. Ich gehe in den Keller und singe.

Gab es auf Ihren Reisen eine Situation, in der Sie an Ihre Grenzen gestoßen sind?
Ich weiß nicht so richtig, wie ich diese Frage beantworten kann, verzeihen Sie bitte. Was sind meine Grenzen? Wie stößt man dagegen, oder wer? Emotional oder physisch? Ich würde sagen, ich bin nicht an meine Grenzen gestoßen, doch ich bin Menschen begegnet, die eigentlich längst gegen ihre eigenen Grenzen hätten stoßen müssen, aber einfach nicht in den Umständen lebten, um einen Gang runterzufahren, um sich von dem Zusammenstoß zu erholen. Ich habe Menschen erlebt, sowohl humanitarians als auch jene, die sich an sie wandten, die Dinge vollbracht haben, die übermenschlich sind, oder Dinge erlebten, die unmenschlich sind, wenn man das so sagen darf. Frauen, die von einer Gruppe Soldaten vergewaltigt wurden, unter Zuhilfenahme von Gewehren und Flaschen, Mädchen, die beschnitten wurden und daran fast verbluteten, Jungs, die jahrelang als Kindersoldat kämpften und permanent unter Drogen gesetzt waren, getraffickte Mädchen, versklavte Mädchen - mit ihnen allen durfte ich sprechen, sie haben mit mir gesprochen, das ist nicht selbstverständlich … und nun frage ich Sie: Um wen geht es hier?

Als Sie von Ihrer letzten Reise zurückgekehrt sind, worüber haben Sie sich am meisten gefreut und was haben Sie bedauert?
Meine letzte Projektreise ging nach Burkina Faso, zu der Nichtregierungsorganisation Ampo, die von der Deutschen Katrin Rohde gegründet wurde, und derzeit finden die Feierlichkeiten anlässlich des 25-jährigen Bestehens, sowohl in Ouagadougou als auch in Hamburg, statt. Seit ich in Burkina war, hat sich die Situation im Land drastisch verändert. 600 000 Geflüchtete gibt es nun im Land. Also displaced persons, Geflüchtete, die innerhalb des Landes fliehen. Der Norden, Richtung Mali, ist gefährlich geworden, Dörfer werden überfallen und verbrannt, die Situation zwischen den Peul und den Moré ist angespannt, das Land ist arm, die Korruption stark, Aktivisten werden ermordet. Meine Freude ist also, dass Ampo ein 25-jähriges Bestehen feiert, mein Bedauern ist die Sorge um das, was derzeit im Land geschieht.

Sie erzählen davon, wie Helfer von UNICEF im Senegal einen Imam dazu gebracht haben, sich für die Abschaffung der Genitalverstümmelung auszusprechen. Worin liegt für Sie der hoffnungsvolle Kern in dieser Geschichte?
Die Nichtregierungsorganisation Tostan, ein Wort in Volov, das „Aufbruch“, „Durchbruch“ bedeutet, hat ein Programm entwickelt, das sie CEP, Community Empowerment Program, nennen und das auf den Menschenrechten basiert. Nach den ersten Unterrichtseinheiten zu den Themen Dialog, Hygiene und Management folgt unter anderem das Recht auf Wahl, Landbesitz und eben auch das Recht auf körperliche Unversehrtheit, auf well-being, wie es im englischen Original der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 formuliert ist. In diesem Zusammenhang wird die Tradition der Mädchenbeschneidung in eine Kausalität zur Gesundheit gebracht. Wie das im Einzelnen geht und was passiert ist, steht ausführlich in meinem Buch, es ist schwierig, das hier abgekürzt auszuführen. Fakt jedoch ist, dass aufgrund dieses Programms und mit Unterstützung eines Imams, sich eine ganze Gruppe von Dörfern, die untereinander in Verbindung stehen durch die Verheiratung der jungen Frauen und Männer, entschieden hat, eine declaration zu begehen, die den Tag eins markieren sollte, an dem die Beschneidung der Mädchen ihrer Dörfer abgeschafft werden würde. Als ich zu Tostan stieß, hatten bereits 400 Dörfer diese declaration gefeiert, heute sind es über 8000 in sechs Ländern. Es geht nur zusammen, Frau, Mann, Kind. Und wer denken sollte, die Beschneidung von Mädchen sei religiös konnotiert, irrt.

Der Titel Ihres Buchs ist inspiriert von der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“. Auf Ihren Reisen sind Sie Menschen begegnet, die darunter leiden, dass sie keine Rechtstaatlichkeit erfahren. In Deutschland sind die Grundrechte garantiert, werden aber oft als so selbstverständlich angenommen, dass sie in Gefahr geraten, zu erodieren. Was können Menschen, die hier leben, von Menschen, denen Sie auf Ihren Reisen begegnet sind, lernen? Gibt es etwas, das Sie selbst von Ihnen gelernt haben?
Ich habe sicherlich gelernt, nicht an der Empörungs- oder Betroffenheitskultur teilzunehmen. Ich habe gelernt, dass es nur den Weg geben kann, der auf den Angriff einer Person nicht mit Gegenangriff reagiert. Dass es nirgendswo hinführt, wenn man vorverurteilt und jemandem direkt eine reinhaut, weil man ihn doof findet, da er nicht derselben Gruppe angehört. Respekt hilft. Zugeneigtheit auch. Bezüge herzustellen ebenfalls. Wenn man mehr weiß, ist man irgendwie stabiler. Das Nichtwissen macht unsicher und Unsicherheit kennt alle möglichen Auswüchse. Ich kann das Geschrei nicht mehr so gut ertragen, ich muss dann weggehen.

Sie sind immer wieder einmal als Hörbuchsprecherin tätig. Fiel es Ihnen leicht oder eher schwer, den eigenen Text vorzulesen? Welche Herausforderungen ergaben sich im Studio?
Es fiel mir wahnsinnig schwer, das muss ich leider zugeben. Ich hatte bis Sonntagabend noch an der letzten Druckfahne gearbeitet und saß Dienstag früh vorm Mikrofon. Das ging nicht. Ich saß da nicht als Schauspielerin oder Sprecherin, sondern als Autorin. So haben wir dann erst eine Woche später weitergemacht, was sinnvoll war.

War es Ihnen wichtig, den Text selbst zu lesen? Hatten Sie überlegt, das Buch von jemand anders lesen zu lassen?
Das hatte ich vorab nicht überlegt, aber als ich las und mich damit schwertat, dachte ich, vielleicht hätte es doch jemand anders lesen sollen. Allerdings ist das nicht wirklich eine Option gewesen. Man muss ja auch nicht nur Sachen machen, die einem leichtfallen.

Es handelt sich ja um eine gekürzte Fassung. Nach welchen Überlegungen kamen die Kürzungen zustande?
Das hat der Argon Verlag und die bezaubernde Hörbuch-Regisseurin Katja Wanoth so entschieden und ich habe da ihrer Expertise vertraut.

Buchautorin zu sein ist für Sie ein neuer Schritt. Wie fühlt es sich an, Ihre Erfahrungen in Buchund Hörbuchform nun mit der Welt zu teilen? Was sind Ihre nächsten Vorhaben?
Meine nächsten Vorhaben? Ich freue mich, dass ich dieses Jahr einen kommerziellen und einen arthouse Film drehen werde, falls Letzterer auch finanziert wird, was ich von Herzen hoffe, weil es ein so irre gutes Buch ist. Ich werde eine Doku über Düzen Tekkal drehen, für arte. Mein erster Film als Regisseurin. Aber erst mal dreht sich alles um mein Buch!

Als Buch/E-Book bei Fischer erhältlich

CHRISTOPH KUCKELKORN Der Tod ist dein letzter großer Termin

Gelesen von Christoph Kuckelkorn

„Ich bin zu früh - falsche Beerdigung“ - hatte eine reichlich aufgedonnerte Frau ausgerufen. Bevor sie wieder davoneilte, nachdem sie eben noch einen Sarg umarmt hatte. Zum Entsetzen der anwesenden Ehefrau des Verstorbenen. Das hat Christoph Kuckelkorn erlebt, Bestatter in Köln und Sprecher seiner Aufzeichnungen über ein Leben in ständigem Kontakt mit dem Tod. Humorige Anekdoten wechseln mit ernsten Reflexionen sowie kulturgeschichtlich spannenden Einsichten zu unserem Umgang mit dem Tod. Er berichtet über Bestattungsriten im Wandel der Zeit, erzählt über den Trend zu immer stärker personalisierten Bestattungen. Er begrüßt die Wiederkehr von Aufbahrungen, plädiert für Leichenwagen, die auch als solche erkennbar bleiben. Sicher, er ist kein Profisprecher, aber in seiner Erzählweise mit dem charmanten kölschen Akzent leuchtet eine Persönlichkeit durch, der man sich anvertrauen möchte. Wenn es denn mal so weit ist. Dass er auch lange Zeit Leiter des Kölner Rosenmontagszugs war, macht die Sache noch interessanter. Schließlich sind Karneval und Tod „unabwendbar“, sagt Kuckelkorn. (mms)

Gedanken zum Ende des Lebens. Mit Feingefühl erzählt von einem, der ihm von Berufs wegen eng verbunden ist.

ARGON, ungekürzte Autorenlesung, 253 Minuten/1 MP3-CD, 19,95 Euro

Als Buch/E-Book bei Kiepenheuer & Witsch erhältlich

NELE POLLATSCHEK Dear Oxbridge

Gelesen von Nele Pollatschek

Wer in Großbritannien Macht erlangt, hat in der Regel an den Universitäten in Oxford oder Cambridge studiert. Der Brexit ist als Revolution gegen die Oxbridge-Elite interpretierbar, wurde aber auch von Oxbridge-AbsolventInnen vorangetrieben. Nele Pollatschek, „jüdisch, links, mit Ossi-Eltern“, war am selben College wie Margaret Thatcher und erklärt, wie eine elitäre, idealistische Institution neoliberale PolitikerInnen hervorbringt. Der erfolgreichste Slogan der „Vote Leave“-Kampagne war laut deren Koordinator Dominic Cummings „We send the EU 350 Million Pounds a week. Let’s fund our NHS instead.“ Das war eine Lüge. Aber: „Wenn Cummings recht hat, war nicht Fremdenhass das Zünglein an der Waage, sondern das Bestreben, den maroden NHS zu retten.“ Nele Pollatschek spricht überdeutlich und ein wenig angestrengt, aber das ist letztlich egal. Mit dem Brexit beschäftigt man sich nicht aus Sehnsucht nach sinnlichen Genüssen. Hier ist ein exzellentes Buch, das der Komplexität der britischen Gegenwartspolitik und der Rolle, die Oxford und Cambridge darin spielen, auf mehreren Ebenen gerecht wird und einen dazu noch herrlich unterhält. (ed)

Facettenreich, erhellend, scharfsinnig, liebevoll: Eine unwahrscheinliche Oxbridge-Absolventin erklärt den Brexit.

TACHELES!, ungekürzte Lesung, 258 Minuten/digital only, 11,99 Euro

Als Buch/E-Book bei dtv erhältlich

GEORGE ORWELL Über Nationalismus

Gelesen von Christian Berkel

„Es muss nur ein bestimmter Ton getroffen oder an einen sensiblen Punkt gerührt werden (…) und die unvoreingenommenste und sanftmütigste Person verwandelt sich mit einem Mal in einen brutalen Parteigänger (…).“ Man möchte dem Autor eine Twitterpause empfehlen, aber er ist ohnehin damit beschäftigt, sich im Grabe herumzudrehen. Orwells Essay „Über Nationalismus“ erschien im Mai 1945. Als „Nationalismus“ bezeichnet Orwell behelfsmäßig „die verbreitete Annahme, dass sich Menschen wie Insekten klassifizieren lassen“ und „die Angewohnheit, sich mit einer einzigen Nation oder einer anderen Einheit zu identifizieren, diese jenseits von Gut und Böse zu verorten und keine andere Pflicht anzuerkennen als die, deren Interessen zu befördern.“ Was ihn am meisten stört, ist die Neigung seiner ZeitgenossInnen, Unrecht zu tolerieren, solange es von der eigenen Seite begangen wird. Wie man zu einem klugen, zivilisierten, konstruktiven, kooperativen Diskurs zurückkehrt, verrät Orwell leider nicht. Seine sprachliche Präzision, seine Polemik und der unterschwellige Witz des Texts, trocken vorgetragen von Berkel, machen das Hörbuch dennoch zu einem Genuss. (ed)

Der politische Diskurs ist also heute ähnlich vergiftet wie um 1945. Wie ändern wir das? Orwell weiß es nicht.

DER AUDIO VERLAG, ungekürzte Lesung, 85 Minuten/1 CD, 10 Euro

Als Buch/E-Book bei Hanser erhältlich

PATRIK SVENSSON Das Evangelium der Aale

Gelesen von Johann von Bülow

Der Aal gilt bis heute als „Heiliger Gral der Naturwissenschaft“, wie der schwedische Journalist Patrik Svensson schreibt. In seinem ersten Buch „Das Evangelium der Aale“ versucht er, das Geheimnis der rätselhaften Tiere zu lüften. Aufgewachsen an der „Aalküste“ im südschwedischen Schonen, begleitet er als Junge seinen Vater oft nachts zum Angeln. Lyrisch schildert er diese Ausflüge: „Die Spiegelung des Mondlichts, das flüsternde Gras, die Schatten der Bäume, das monotone Fließen des Wassers und darüber die Fledermäuse wie schwebende Sternchen.“ Svenssons Naturbeschreibungen wechseln sich mit Exkursionen in die Kultur- und Wissenschaftsgeschichte ab. Aristoteles etwa kam in seiner „Historia Animalum“ zu dem Schluss, der Aal sei eine aus dem Schlamm geborene Schlange. Sigmund Freud beugte sich vergeblich über den Seziertisch, um die Keimdrüsen eines männlichen Exemplars zu finden. Und wer erinnert sich nicht an die eklig-berühmte Aal-Szene aus Günter Grass’ „Blechtrommel“? Lust, sich auf diesen Streifzug durch die Jahrhunderte zu begeben, bereitet Johann von Bülow, der uns mit seiner Stimme in den Bann dieser wissensreichen Erzählung zieht. (cvk)

Ein kongenial gelesenes Hörbuch, das sich mit der Geschichte überraschend erstaunlicher Tiere beschäftigt.

DER AUDIO VERLAG, ungekürzte Lesung, 468 Minuten/1 MP3-CD, 23 Euro

Als Buch/E-Book bei Hanser erhältlich

ABBAS KHIDER Palast der Miserablen

Gelesen von Torsten Flassig

Zwei Stimmen wechseln sich in diesem Hörbuch ab. Die eine klingt jung, verträumt, bisweilen etwas ängstlich, jedoch klar und voller Zuversicht. Die andere erschöpft, desillusioniert, leise. Torsten Flassig liest den neuen Roman von Abbas Khider, und erweckt dessen Protagonisten Shams Hussein in seinem Vortrag zum Leben. Erst als Kind und jungen Mann, der sich Ende der 1980er-Jahre von einem Slum in Bagdad aus in die Welt der Bücher flüchtet und sich dem „Palast der Miserablen“, einem Kreis von Intellektuellen, anschließt. Dann als Gefängnisinsassen, gezeichnet von Folter, Hunger und Krankheit. Khider, der selbst im Irak inhaftiert war, baut seinen autobiografisch geprägten Roman in diesem Wechsel auf, lange weiß man nicht, wieso der Protagonist ins Gefängnis kam. Erst nach und nach setzt sich das Puzzle zusammen. Flassig setzt das so um, dass man meinen könnte, es wären zwei verschiedene Personen, die da als Shams Hussein sprechen. Das ist eine sehr gute Idee, zeigt es doch eindrucksvoll, wie es einen Menschen verändern kann, wenn ihm über lange Zeit Unmenschliches widerfährt. Kerker wie diesen gibt es an vielen Orten der Welt - mit Insassen wie Shams. (man)

Ein tieftrauriger und wunderschöner Roman über Unrecht und Verletzlichkeit - klug und empathisch vorgelesen.

HÖRBUCH HAMBURG, ungekürzte Lesung, 538 Minuten/2 MP3-CDs, 23 Euro

Als Buch/E-Book bei S. Fischer erhältlich

REGINA PORTER Die Reisenden

Gelesen von R. Kuhnert, L. Hrdina, u. a.

Bewegende und bedrückende Episoden werden in dieser US-amerikanischen Familiensaga ebenso erzählt wie der rassistische und sexuelle Übergriff eines weißen Polizisten auf die Afroamerikanerin Agnes. In die wechselvolle Zeit vom Ku-Klux-Klan, dem Vietnam-Trauma bis zu Obama stellt die Autorin 32 Figuren, die im Original und in der Hörbuch-Version einzeln aufgelistet werden - die deutsche Buchausgabe verzichtet darauf. Ein Versehen? „Die Reisenden“ hetzen durch das Buch, Leser und Hörer hetzen mit. Lediglich gegen Ende werden einige lose Enden verknüpft. Bei der Übersetzung fallen Eigenwilligkeiten auf („Hundred Thirty Fifth Street“), auch Altertümliches („… machte ihnen den Garaus“), zudem gelegentliche Merkwürdigkeiten bei ein, zwei Sprechern des insgesamt überzeugenden 11-köpfigen Ensembles. Wenn das Budweiser-Bier Deutsch ausgesprochen wird, leuchtet es nicht ein, beim „Ford Mustang“ eine sehr amerikanische Chewing-Gum-Version anzubieten. Regina Porter ist als Dramatikerin sehr erfolgreich und macht Shakespeare hier zu einer Art Running Gag. Ihr Debüt-Roman ist kein Meisterwerk, auch wenn die US-Feuilletons sich darin einig sind. (bot)

Eine zentrale historische Phase im Spiegel interessanter Figuren, deren Darstellung nur teilweise überzeugt.

ARGON, ungekürzte Lesung, 688 Minuten/2 MP3-CDs, 24,95 Euro

MONIKA HELFER Die Bagage

Gelesen von Monika Helfer

DER HÖRVERLAG, ungekürzte Lesung, 276 Minuten/4 CDs, 19 Euro

Zunächst ist der Tonfall dieses Hörbuchs etwas befremdlich. Monika Helfer spricht die Worte ihres Romans leise aus, ihre etwas heisere Stimme scheint zu raunen, ein Kratzen ist darin zu hören. Wenn sich der Text dann aber entfaltet, scheint gerade diese Unperfektheit das bestmögliche Stilmittel zu sein. Auf diese Weise kommt einem das Gehörte noch authentischer vor. Die österreichische Schriftstellerin hat mit „Die Bagage“ die Geschichte ihrer Vorarlberger Großeltern zu Literatur gemacht. Es ist eine spröde, harte Welt, die sie zum Leben erweckt. Ein großer Teil des Romans wird aus der Perspektive von Maria erzählt, die ihre Kinder alleine versorgt, während ihr Mann Josef im Krieg ist. Vom Rest des Dorfes als „Bagage“ verschrien, fristen sie ein Außenseiterdasein und leben von den Almosen der Männer, die die schöne Maria als Freiwild betrachten. Wie sie das erträgt, sich aber auch zur Wehr setzt, ist sehr interessant zu hören. Nach und nach verästelt sich die Erzählung immer mehr, ein ganzer Stammbaum von Geschichten fächert sich auf. Kinder und Enkelkinder, die Autorin selbst, kommen vor. Eindrucksvoll wird gezeigt, wie eng jeder mit jedem zusammenhängt im großen Familiengefüge. (man)

Monika Helfer macht die Geschichte ihrer Familie zu großer Literatur - und liest sie selbst vor.

Als Buch/E-Book bei DuMont erhältlich

MARIANA LEKY Was man von hier aus sehen kann

Mit Jule Ronstedt, Elisabeth Schwarz u.a.

DAV, Hörspiel, 128 Minuten/2 CDs, 14 Euro

Immer, wenn Selma von einem Okapi träumt, stirbt im Dorf jemand. Wen wird es diesmal erwischen?, fragt sich Selmas Enkelin Luise (Jule Ronstedt). Vielleicht Elsbeth, die sich mit Aberglauben bestens auskennt, oder Palm, den Säufer und Vater von Luises bestem Freund Martin. Vielleicht die traurige Marlies oder den Optiker, der auf fast alles eine Antwort weiß und heimlich in Selma verliebt ist. In dem kleinen Dorf im Westerwald, dessen Bewohner fast magisch miteinander verbunden sind, fühlt Luise sich zu Hause - und das umso mehr, als der Tod tatsächlich zuschlägt. Warum soll sie „mehr Welt hereinlassen“, wie es ihr Vater fordert, der selbst ständig auf Reisen ist? Hier ist es doch so schön! Und die Zukunft kommt ganz von selbst. „Was man von hier aus sehen kann“ spielt wie auf einer kleinen Bühne, der man als Zuschauer sehr nahe ist, ohne sie je zu betreten. Diese Distanz mag beim Lesen etwas ermüden, fürs Hörspiel ist die magisch angehauchte Geschichte mit ihren skurril-liebenswerten Figuren aber wie gemacht. Die WDR-Produktion mit rund 20 Sprechern und stimmigen Sound-Elementen ist ein akustisches Kammerspiel, dem man bis zum Schluss gerne lauscht. (akm)

Ein atmosphärisch dichtes Hörspiel, das die Stimmung zwischen Komik und Melancholie perfekt einfängt.

Als Buch/E-Book bei Frankfurter Verlagsanstalt Erhältlich

SUSANNE GREGOR Das letzte rote Jahr

Gelesen von Gergana Muskalla

Slavka, Rita und Miša sind 14 Jahre alt, als die politischen Veränderungen in den sozialistischen Ostblockstaaten nicht mehr aufzuhalten sind. Die drei Teenager wohnen im selben Plattenbau im slowakischen Žilina. Bisher waren sie unzertrennlich, obwohl die sportbegeisterte Slavka, die systemtreue Rita und die literarisch ambitionierte Miša sehr unterschiedlich sind. Susanne Gregor ist selbst in Žilina aufgewachsen. Sie beschreibt in ihrem Roman, wie die Teenager sich allmählich entfremden und auch die gesellschaftlichen Umbrüche des Jahres 1989 ihr Leben verändern. „Ich hatte noch nie etwas enden sehen, keine Ehe, kein Menschenleben, noch nicht einmal die Lebensdauer eines Gerätes, eines Kassettenspielers oder Mixers, alles, was ich kannte, waren Anfänge“, sinniert die Ich-Erzählerin Miša. Mit viel Feingefühl begleitet die Schauspielerin und Sängerin Gergana Muskalla die jungen Mädchen auf diesem Weg. Es ist ihrer lebendigen Lesung zu verdanken, dass man die etwas langatmige Einführung der Charaktere gern auf sich nimmt, um schließlich in das Lebensgefühl während der Umwälzungen in der kommunistischen Tschechoslowakei einzutauchen. (kal)

Sensible Coming-of-Age-Geschichte vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen im Jahr 1989.

DER DIWAN, ungekürzte Lesung, 374 Minuten/5 CDs, 22 Euro

Als Buch/E-Book bei Diogenes erhältlich

INGRID NOLL In Liebe Dein Karl

Gelesen von Anna Schudt

Ingrid Noll. Die Königin des schwarzen Humors, Meisterin der subtilen Morde, Expertin in Sachen Zynismus erzählt: „Geschichten und mehr“. Und Anna Schudt spricht sie, schnittig und variantenreich, mal im Plauderton, mal sarkastisch, mal herzenswarm. Es beginnt im typischen Noll-Stil. Kurzgeschichten, die einem schon mal das Blut in den Adern frieren oder zumindest den Atem anhalten lassen. Die psychisch kranke Patchwork-Mutter. Der Serienmörder. Die rachsüchtige betrogene Ehefrau. Alle morden - oder versuchen es zumindest. Das ist Nolls Stärke - diese Geschichten sind in all ihrem heimeligen Horror ein Genuss. Doch Noll wagt auch Neuland mit Texten jenseits ihres Genres. Das ist nicht durchgehend gelungen. Sehr langatmig die Erzählung von den Obdachlosen in Italien. Etwas ratlos hinterlässt einen die fantastische Geschichte einer Frau, der Flügel wachsen. Zu seicht manch anderes Kapitel. Wertiger dagegen Autobiografisches: ihre Kindheit in China. Die Mühen des Alterns. Und als emotionaler Höhepunkt ein Brief an ihre verstorbene Mutter. Immer mit souveräner Selbstverständlichkeit vorgetragen von Anna Schudt, die über manche Längen hinwegrettet. (mms)

Kurzgeschichten, die Persönliches von Ingrid Noll verraten. Schönen Hörgenuss beschert Anna Schudt als Sprecherin.

DIOGENES, ungekürzte Lesung, 365 Minuten/5 CDs, 24 Euro

Als Buch/E-Book bei Piper erhältlich

KESTER GRANT Der Hof der Wunder

Gelesen von Marie Bierstedt

Als der Gastwirt Thénardier seine Tochter Azelma an die Gilde der Menschenhändler verkauft, schwört ihre jüngere Schwester Nina, sie von Kaplan, dem Herrn des Fleisches, zu befreien. Ninas rasanter Aufstieg am Hof der Wunder als schwarze Katze der Diebesgilde hilft ihr, mächtige Verbündete zu finden. Doch als Kaplan auch ein Auge auf Thénardiers Mündel Ettie wirft, reicht das nicht mehr. Sie muss Kaplan vernichten. Der Revolutionär Enjolras könnte dabei eine wichtige Rolle spielen … Kester Grants Idee, ihren Debütroman in Victor Hugos Paris anzusiedeln, ist reizvoll. Sie erzählt Ereignisse von Les Misérables aus der Perspektive der Pariser Unterwelt, und erschafft damit eine packende Fantasygeschichte, wenn auch ohne Anspruch auf eine tiefergehende Betrachtung des berühmten Klassikers. Marie Bierstedt liest die Heldin Nina sehr emotional; mal zornig, mal kläglich, mal enthusiastisch und stets betroffen. Sie zeigt die ganze innere Bewegtheit einer intelligenten jungen Frau in einer Welt voller Gefahr, übertreibt die Empfindsamkeit der Heldin aber manchmal etwas. Dies ist besonders dann der Fall, wenn im Vortrag Gedanken und Rede fließend ineinander übergehen. (bie)

Spannende Heldenreise einer jungen Gaunerin durch die Les Misérables-Welt, mit viel Gefühl vorgelesen.

RANDOM HOUSE AUDIO, gekürzte Lesung, 566 Minuten/2 MP3-CDs, 17 Euro

BÜCHER-MAGAZIN UND SAGA EGMONT PRÄSENTIEREN

Gratis: 538 Minuten historische Erzählkunst!

DER FÜNFTE WINTER DES MAGNETISEURS von Per Olov Enquist, gelesen von Matthias Lühn

DAS BUCH

Der Held: ein Magnetiseur. Der Schauplatz: eine kleine Stadt in Süddeutschland. Die Zeit: jenes faszinierende und widersprüchliche 18. Jahrhundert zwischen Aufklärung und Irrationalismus. Friedrich Meisner zieht als Wunderheiler durch die Lande. Oder ist er etwa nur ein Scharlatan? Nach „Der Besuch des Leibarztes“ ein neuer historischer Roman des schwedischen Erfolgsschriftstellers Per Olov Enquist.

DER AUTOR

Per Olov Enquist, 1934 in einem Dorf im Norden Schwedens geboren, lebt in Stockholm. Er zählt zu den bedeutendsten Autoren Schwedens. In seinem autobiografischen Buch „Ein anderes Leben“ berichtet Enquist u. a. über die Kindheit in einem nordschwedischen Dorf, die Entstehung und Rezeption einiger Werke - besonders des Dokumentarromans „Die Ausgelieferten“. Enquist erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Literaturpreis des Nordischen Rates 1969 für „Die Ausgelieferten“ und 2002 den Deutschen Bücherpreis für Internationale Belletristik für „Der Besuch des Leibarztes“.

DER SPRECHER

Matthias Lühn studierte Literatur, Philosophie und Theaterwissenschaft in München und besuchte das Max-Rheinhardt-Seminar in Wien. Heute lebt er als Schauspieler und Kinderbuchautor in Frankfurt.

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ÜBER SAGA EGMONT

Lindhardt og Ringhof ist das zweitgrößte Verlagshaus und der größte Digital-Verlag Dänemarks. Es gehört zur skandinavischen Egmont Mediengruppe, die weltweit mit Tochtergesellschaften in mehr als 30 Ländern vertreten ist. Unter dem Imprint SAGA Egmont ist ein modernes, digitales Verlagshaus in Deutschland entstanden mit vielen Autoren wie Per Olov Enquist, Leif Davidsen und Mari Jungstedt. Mit dem renommierten Hörbuchverlag steinbach sprechende bücher ist die Verlagsfamilie 2016 um weitere wichtige Autoren wie Camilla Läckberg, Khaled Housseini und Rafik Schami gewachsen. Im Juni 2019 ist noch der Audio Media Verlag dazugekommen mit Autoren wie Gisa Paulyund Arno Strobel und seit Januar 2020 gibt es eine große Hörbuchkooperation mit Hoffmann und Campe. saga-books.de

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