Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 7 Min.

BRANDIS REFUGIUM: COUNTRY SPECIAL: BRANDI CARLILE


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 28.03.2019

Sie zählt zu Barack Obamas Lieblingsmusikerinnen, organisiert Festivals und engagiert sich für Gleichberechtigung: Ein Besuch beiBRANDI CARLILE im zauberhaften Hinterwald der USA


Artikelbild für den Artikel "BRANDIS REFUGIUM: COUNTRY SPECIAL: BRANDI CARLILE" aus der Ausgabe 4/2019 von Rolling Stone. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 4/2019

Brandi Carlisle beim Spaziergang mit Tochter Evangeline


FOTO VON ANNIE MARIE MUSSELMAN

IHRE SMARAGDGRÜNE JACKE FLATTERT IM WIND, als sie auf dem geländegängigen Quad die Landstraße runterrast und in den Weg zu ihrem Haus einbiegt. Wir sind in Maple Valley, einem kleinen Kaff im Bundesstaat Washington, mit dem offensichtlich selbst die GoogleKartografen überfordert sind. Wer Carliles Haus in den Bergen südlich von Seattle finden ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Rolling Stone. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2019 von NEUES AUS POPKULTUR UND LEBEN: Bis ans Ende des Wegs. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
NEUES AUS POPKULTUR UND LEBEN: Bis ans Ende des Wegs
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von Chucks statt Cowboystiefel. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Chucks statt Cowboystiefel
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von Q&A: Dido. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Q&A: Dido
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von Winken und Ertrinken. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Winken und Ertrinken
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von Songs für Guy. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Songs für Guy
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von Stimmen im Kopf. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Stimmen im Kopf
Vorheriger Artikel
Silberfuchsiges
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel PRO: CONTRA: Wollen wir den noch hören?
aus dieser Ausgabe

... will, sollte sich jedenfalls nicht auf sein GPS verlassen. „Manchmal werden hier Routen angezeigt, die es gar nicht gibt“, bestätigt sie. „Andererseits kann es auch passieren, dass die Straße zu meinem Haus überhaupt nicht zu finden ist.“

Über ihrem Haus, von Nadelbäumen umrahmt, wabert dichter Morgennebel, der die perfekte Kulisse für eine Szene aus „Twin Peaks“ geliefert hätte. Carlile kaufte das Haus bereits mit 21 Jahren und lebt hier heute mit Gattin Catherine Shepherd und ihren beiden Kindern. Sie stellt ihr Fahrzeug in der Einfahrt ab, springt schwungvoll vom Sitz und landet sicher auf dem Kies. „Das ist er“, sagt sie. „Mein Happy Place.“

Catherine sitzt am Tresen der offenen Küche und verfolgt aufmerksam, wie ihre vierjährige Tochter Evangeline eine Halskette bastelt. Elijah, zehn Monate alt, krabbelt auf dem Fußboden und spielt mit Laura Rogers von den Secret Sisters, dem Country-Duo aus Muscle Shoals/Alabama, das Carlile gerade im ihrem Heimstudio produziert. Vom Dachgebälk über ihnen hängt ein selbst bemaltes Pappschild herab, das Carliles jüngste Grammy-Nominierungen feiert (darunter auch die Nominierung für ihr letztes Album,„By The Way, I Forgive You“).

„Wollen wir nach draußen gehen und ein kleines Feuerchen machen?“, fragt Carlile und führt mich in ihren pelzbesetzten Gucci-Slippern auf die Holzterrasse, die einen Panoramablick über das riesige Grundstück bietet. Pearl-Jam-Gitarrist Mike McCready ist ihr Nachbar auf der einen Seite, während das Haus auf der anderen von ihrem Schwager Phil Hanseroth bewohnt wird, der auch Bassist ihrer langjährigen Band The Fighting Machinists ist. Einige der Nachbarn pflegen hier junge Ochsen zu halten, die dann traditionell nach einem Jahr geschlachtet werden. Selbst Bären verirren sich manchmal in die Gegend, scheinen den Frieden aber nicht weiter zu stören.

Auf einer Wiese im Tal hielt Carlile auch ihr Pferd Sovereign - getauft auf den Namen ihrer ersten Gitarre (einer Harmony Sovereign), die ihre Mutter zufällig hinter einem Spielcasino gefunden hatte. Als Sovereign im vergangenen September starb, war Carlile am Boden zerstört. „Das Pferd war für mich fast so was wie ein Kind“, sagt sie, legt noch ein Scheit aufs Feuer und greift zu ihrem O-Saft mit Prosecco. Sie war 17, als sie das Tier für 75 Dollar kaufte und am Halfter nach Hause führte. „Meine Lebens-Optionen waren plötzlich radikal reduziert. Ich hatte nicht mehr die Möglichkeit, mich aus dem Staub zu machen und über die Stränge zu schlagen. Ich musste einen Job finden. Ich war mit einem Schlag eine Erwachsene, die sich wohl oder übel so was wie eine Arbeitsmoral draufschaffen musste.“

Es war diese Arbeitsmoral, die der 37-jährigen Carlile 2018 das beste Jahr ihrer Karriere bescherte.„By The Way, I Forgive You “predigt „radikale Nach sicht“ und lebt von seiner Fokussierung auf eine humanistische Perspektive, die gerade in Zeiten gesellschaftlicher Unwetter hochwillkommen ist. In „Sugartooth“ behandelt sie einen Fall von Drogenabhängigkeit, schlägt sich in „The Joke“ auf die Seite gesellschaftlicher Outcasts oder thematisiert in „Party Of One“ die schmerzhafte Dialektik von Ein- und Zweisamkeit. Sie hatte schon immer einen Hang zur Folk-Rock-Rebellin, doch avancierte sie erst in den letzten Jahren zur Speerspitze der musikalischen Resistance, die den grassierenden Hass mit Liebe zu kompensieren versucht.

Sie war auch Teil einer illustren Runde, die zu Joni Mitchells 75. Geburtstag eine Hommage aufnahm und gemeinsam mit ihr auftrat. Sie spielte in der Neufassung von „A Star Is Born“ mit, organisierte in Mexiko ihr eigenes Frauenfestival, sammelte 700.000 Dollar für syrische Flüchtlinge, ist seit zwei Jahren mit einem Song auf Obamas privater Playlist vertreten und wurde 2018 erneut Mutter. „Ich nahm Catherine neulich beiseite und sagte: ,Tut mir leid, aber in diesem Jahr will ich’s wirklich wissen. Weil dies das Album ist, auf das ich immer gewartet habe.‘“

Neben anderen Qualitäten liefert„By The Way, I Forgive You“ auch die perfekte Plattform, um ihre stimmlichen Talente ins Rampenlicht zu rücken. Sie kann schmettern wie Adele und ihre Stimmbänder voll ausreizen, nur um im nächsten Moment Wärme und Verletzlichkeit zu vermitteln. „Brandi ist die einzige Sängerin, die mir unweigerlich Tränen in die Augen treibt“, sagt McCready. „Gut möglich, dass man zunächst seinen inneren Dämon austreiben muss, wenn man mit der gleichen brutalen Ehrlichkeit und Emotionalität singen will wie sie.“

Wie so viele andere Musiker war auch Carlile außer sich, als sie von Trumps Wahl zum US-Präsidenten erfuhr. Sie erinnert sich noch gut daran, wie sie am Morgen des 9. November 2016 am Londoner Flughafen saß, vom Wahlergebnis erfuhr und fassungslos heulte. Doch es dauerte nicht lange, bis sie den Entschluss fasste, privat wie auch musikalisch eine Antwort finden zu wollen. „Trump ist aggressiv und schrill und hässlich - alles Eigenschaften, von denen wir schon viel zu viel in dieser Welt haben. Was wir wirklich brauchen, ist eine kompromisslose Menschlichkeit.“

Es ist eine Eigenschaft, die sie mit ihrem prominentesten Fan teilt: Barack Obama. „Sie haben in dieser Beziehung tatsächlich eine ähnliche Perspektive“, sagt der frühere White-House-Fotograf Pete Souza, der seinen ehemaligen Chef mit Carliles Musik vertraut machte. „Wobei ich mir nicht sicher bin, ob Obama in seiner Nachsicht so kompromisslos ist wie Brandi.“

Carlile wuchs in Ravensdale/Washington auf, nur zehn Meilen von ihrem heutigen Wohnort entfernt. Schon früh wurde sie durch Country Music sozialisiert, und schon früh war ihr klar, dass sie nicht nur singen, sondern auch ein Star werden wollte. „Ich war geradezu besessen von der Vorstellung und redete mir erfolgreich ein, auch das nötige Talent zu haben.“ Als Kind schloss sie sich im Schrank ein, schmetterte dort „Unchained Melody“ und „Bohemian Rhapsody“ und zwang sich, selbst die höchsten Töne zu meistern. „Erst konnte ich sie nur mit Mühe treffen“, erzählt sie, „irgendwann dann auch sauber halten - um sie schließlich mit der gleichen Präzision und Ausdauer singen zu können wie Freddie Mercury.“ Sie trat bei Talentwettbewerben auf, kam aber nie auf einen grünen Zweig. Freddie Mercury blieb auch in anderer Hinsicht stets ihr Vorbild, gleich gefolgt von Elton John. „Ich fühlte mich einfach nicht wohl in meiner Haut“, sagt sie. „Ich war arm, lesbisch und hatte Probleme, ein Mädchen zu sein. Tief im Inneren war ich davon überzeugt, irgendwann einmal ein exaltierter schwuler Rockstar zu werden.“

Ihre ersten Gehversuche machte sie in Cafes und Restaurants im Einzugsgebiet von Seattle: Mal war’s ein Irish Pub, mal eine bessere Imbissbude, die frittierte Muscheln anbot, mal eine hippe Spelunke, in der nach Toresschluss das Koks auf den Tresen kam. Wenn sie in diesen Lokalitäten auftrat, machte sie es sich zur Gewohnheit, in der Pause die Gäste zu begrüßen, ein wenig mit ihnen zu plaudern und sich am Ende ihre Telefonnummer und E-Mail-Adresse zu notieren. Als sie dann ihre ersten regulären Konzerte gab, klapperte sie ihre Kontakte ab und lud sie zu ihrer Show ein. „Es dauerte nicht lange, bis meine Gigs ausverkauft waren“, sagt sie. „Ich hatte eigentlich immer das Gefühl, dass der Erfolg nur eine Frage der Zeit war.“

Zu diesem Zeitpunkt lernte sie die Zwillingsbrüder Tim und Phil Hanseroth kennen, die sie schon bald musikalisch begleiteten und auch beim Song schreiben aushalfen.„The Story“, ihr zweites Album von 2007, produzierte ein erstes Erfolgserlebnis, als der Titelsong für die Fernsehserie „Grey’s Anatomy“ verwendet wurde. Wenn sie nicht gerade im Studio war, verbrachte Carlile den größten Teil der nächsten Jahre auf Tour und freundete sich schnell mit dem teuflischen Mix aus Schlaftabletten, Muntermachern und Koffein an, um halbwegs durch den Tag zu kommen.

Es war in dieser Phase, als sie Catherine Shepherd traf, die zum damaligen Zeitpunkt die verschiedenen Wohltätigkeits-Initiativen von Paul Mc-Cartney betreute. Shepherd war allerdings weniger von ihrem Lifestyle auf Tour beeindruckt, sondern verliebte sich in eine andere Seite von Carlile: die bodenständige Musikerin, die den Bezug zur Scholle nicht verloren hat und noch immer Traktor fährt oder zum Fischen geht. „Sie sagte zu mir: ,Vielleicht solltest du diesen Teil deiner Erfahrungen verstärkt in die Musik einfließen lassen - und auch ehrlicher und transparenter sein, was andere Aspekte deiner Persönlichkeit angeht, die du bislang lieber verdrängt hast.‘ Und das tat ich denn auch. Und ich stellte fest, dass meine Alben plötzlich völlig neue Hörer ansprachen. Vielleicht war ich doch nicht der coole Rocker, den ich immer in mir gesehen hatte.“

Carlile ist nun schon seit Jahren als Aktivistin unterwegs und hat mit ihrer Looking Out Foundation verschiedene Initiativen gegen Gewalt und Hunger ins Leben gerufen. Selbst Mutter geworden zu sein habe ihren Ambitionen dabei noch eine ganz neue Dringlichkeit verliehen. Mit ihrem Frauenfestival Girls Just Wanna Weekend, das sie im Januar in Mexiko organisierte, wollte sie gegen die ständige Diskriminierung weiblicher Musiker bei Festival-Line-ups protestieren. Und auch für den Videodreh zu „Party Of One“ (das in diesem Fall eine leidenschaftliche Affäre zwischen zwei Frauen zeigt) stellte sie eine rein weibliche Crew zusammen. „Sie kämpft den gerechten

Kampf“, sagt ihr Freund Jim James. „Und wenn sie sich für Wahrheit und Gleichberechtigung einsetzt, dann passt zwischen ihre Worte und ihre Taten kein Blatt Papier. Ich glaube jedenfalls jedes Wort, das aus ihrem Mund kommt.“

Brandi Carlile wird diese Philosophie auch in ihrem nächsten Projekt verankern, einer Frauen-Allstar-Country-Band (mit Amanda Shires und Margo Price), die auf den Namen Highwomen hört - was natürlich eine launige Anspielung ist auf die früheren vier Highwaymen Willie Nelson, Waylon Jennings, Johnny Cash und Kris Kristofferson. „Wir wollen den Ausdruck ,weiblicher Singer-Songwriter‘ eigentlich nie mehr hören“, sagt sie. „Aber momentan ist er leider noch unvermeidlich. Wir müssen erst mal einen Fuß in die Tür bekommen.“

Carlile fällt plötzlich ein, dass The Secret Sisters vermutlich bereits auf sie warten. Wir gehen zum Studio hinüber, bei dessen Bau sie tatkräftig mitwirkte. „Mit dem Eispickel musste ich sogar hier die Einfahrt aufhacken“, sagt sie. Und in der Tat: Im Aufnahmeraum sind die beiden Sisters und die Hanseroth-Zwillinge schon damit beschäftigt, die Arrangements eines Songs namens „Quicksand“ auszuarbeiten.

Der Raum ist geschmackvoll dekoriert, hat aber ein völlig anderes Ambiente als gewöhnliche Studios - was nicht zuletzt daran liegt, dass die Anzahl der vorhandenen Instrumente extrem überschaubar ist. Brandi Carlile erzählt, dass sie in ihrem Leben nichts für Gegenstände übrig habe, die keine Funktion mehr erfüllen und nur Staub ansetzen. „Wenn dort Gitarren nur nutzlos herumhängen, während es überall 18-jährige Mädchen gibt, die sich krummmachen müssen, um eine Gitarre kaufen zu können, sehe ich nicht ein, warum ich die alle behalten sollte - eine Gitarre ist doch erst dann von Nutzen, wenn sie da draußen in der Welt auch gespielt wird!“