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Brandschutz: Den Ernstfall proben: Flammendes Inferno


Equimondi PROfessional Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 01.07.2019

Für jeden Pferdehalter ist ein brennender Stall der Albtraum schlechthin. Tiere in Rauch und Flammen zu verlieren, löst nicht nur ein tiefes emotionales Trauma aus, sondern bedeutet auch einen wirtschaftlichen Schaden. Welche Brandschutzmaßnahmen der Stallbetreiber ergreifen sollte, wie Pferde mit Brandverletzungen behandelt werden und wie die versicherungsrechtliche Seite aussieht, erläutert unser Titelthema.


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Bildquelle: Equimondi PROfessional Pferd, Ausgabe 3/2019

Nichts war mehr zu retten, die Ställe des Gestüts Erlenhof brannten komplett nieder, das Reithallendach war teilweise eingestützt.


Fotos (3): Bärbel Schnell

28. Februar 2019, Bad Homburg, Gestüt Erlenhof. Es ist früher Morgen, etwa 5 Uhr. Der Hund bellt und bellt. Sanneke Rothenberger schaut aus dem Fenster und traut ihren Augen nicht. Aus dem Stalltrakt steigt dichter Qualm auf. Sie weckt ihren Bruder Sönke, beide rennen los, reißen die Stalltüren auf und versuchen, die Pferde aus den Boxen zu holen. Inzwischen sind auch die Mitarbeiter wach geworden, jeder packt mit an. Einige Pferde rennen in ein benachbartes Waldstück, andere wollen partout ihre Boxen nicht verlassen – oder drängen sogar wieder zurück. Sanneke und Sönke kämpfen, ziehen sich Brandverletzungen und eine Rauchvergiftung zu. Die Feuerwehr ist schnell vor Ort. Der Einsatz im flammenden Inferno ist gefährlich, die Stalldächer stürzen ein, das Reithallendach teilweise ebenso, immer wieder krachen brennende Balken herab. Ein Unfallchirurg, der in der Nachbarschaft lebt, berichtet im Fernseh-Interview, so etwas Grauenvolles hätte er in seinem ganzen Leben noch nicht erlebt.

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Bildquelle: Equimondi PROfessional Pferd, Ausgabe 3/2019

Noch viele Stunden später löschte die Feuerwehr immer wieder aufflammende Glutnester.


Fünf Pferde verendet
Die Bilanz ist entsetzlich. Fünf Pferde sind ums Leben gekommen. Das Olympiapferd Cosmo von Sönke Rothenberger konnte glücklicherweise schnell auf ein Nachbargrundstück gebracht werden. Der wirtschaftliche Schaden wird grob auf mehrere Millionen Euro geschätzt. Die Trauer um die toten Pferde quält die ganze Familie. Die Eltern Gonnelien und Sven Rothenberger haben den Brand nicht mit ansehen müssen, weil sie mit der jüngsten Tochter Semmieke im Ausland auf einem Turnier waren. Bei ihrer Rückkehr stehen sie vor den stinkenden Trümmern ihres einst so wunderschönen Gestüts. Brandstiftung schließen Polizei und Feuerwehr sehr schnell aus. Als Ursache wird ein technischer Defekt, ein Kabelbrand, festgestellt.

Vorbeugende Maßnahmen
Die meisten Brände auf landwirtschaftlichen Betrieben entstehen aufgrund technischer Defekte, aber auch Selbstentzündung und Unachtsamkeit zählen zu den Brandursachen. Erahnen (und verhindern) kann man beispielsweise einen Kabelbrand kaum, aber es gibt etliche vorbeugende Maßnahmen, die das Brandrisiko minimieren. Einige Tipps:
• Rauchen im Stall oder in der Reithalle ist verboten, falls eine Raucherecke angeboten wird, dann müssen die Zigarettenkippen in einem festen, nicht entflammbaren Behälter entsorgt werden.
• Reparatur oder Neuanschluss elektrischer Leitungen oder Leuchten sollte nur durch Fachfirma vorgenommen werden. Alle Steckdosen müssen den Sicherheitsstandards entsprechen, es dürfen nicht mehrere Verlängerungskabel mit einander verbunden werden.
• Achtung Nagetiere: Elektrische Leitungen müssen unter Putz oder in Rohren liegen, weil sie sonst angeknabbert werden können.
• Rettungswege und -türen dürfen nicht zugestellt oder zugeparkt sein.
• Der Platz für den Hufschmied muss wegen des Funkenflugs weit genug entfernt von Stroh, Heu und anderem brennbaren Material gelegen sein.
• Frisches gepresstes Heu entwickelt im Inneren des Ballen Hitze und schwitzt noch zwei Monate nach der Lagerung nach. Eine Heusonde ermittelt die Kerntemperatur. Steigt diese über 50 Grad, muss das Heulager ständig kontrolliert werden, weil sich das Heu entzünden kann. Eventuell muss die Feuerwehr zu Rate gezogen werden.
• Brennbare Materialien wie Heu und Stroh dürfen nicht im Stall und auf den Stallgassen gelagert werden.
• Photovoltaik-Anlagen müssen regelmäßig von Fachleuten gewartet werden. Verfärbte Module, verwitterte Kabel, eventuell bereits Schmorstellen können Brände auslösen.
• Blitzschutzeinrichtungen müssen von Zeit zu Zeit kontrolliert werden.
• Halfter und Strick vor jeder Box erleichtert im Ernstfall das schnelle Herausführen der Pferde.

Und noch etwas kann für den Ernstfall rüsten: Die Feuerwehr sollte zu einer Übung auf den Hof eingeladen werden. Die Feuerwehrleute sind dann schon mit den Örtlichkeiten vertraut und haben schon mal den Umgang mit Pferden geprobt. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass macnhe Feuerwehrleute noch nie zuvor ein Pferd geführt haben.

Die Allianz THV gibt Auskunft: Wer haftet?

Das Unglück geschieht, der Stall brennt und Priorität hat, die Pferde zu befreien, egal wie. Einige Pferde haben sich möglicherweise auch schon selbst befreit, sind durch Zäune ausgebrochen. Einige laufen auf die Zufahrtsstraße, verursachen einen Verkehrsunfall. Wer haftet? Wie ist die Rechtslage, falls ein Pferd aus einem brennenden Gebäude befreit wird und auf der Flucht einen Sachschaden anrichtet?

Antwort der Allianz THV:
Aufgrund der Gefährdungshaftung nach § 833 Abs.1 BGB haftet der Pferdehalter für den im Beispiel eingetretenen Schaden am fremden Fahrzeug. Das heißt: Die Pferdehalterhaftpflichtversicherung tritt für den geltend gemachten Schaden ein und reguliert den Schaden am Fahrzeug des Dritten. Die Haftung ist unabhängig von einer abgeschlossenen Tierhalterhaftpflichtversicherung. Hat der Pferdehalter also keine Haftpflichtversicherung abgeschlossen, ist er trotzdem verpflichtet, den Schaden zu begleichen.

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Bildquelle: Equimondi PROfessional Pferd, Ausgabe 3/2019

Diesen Anblick werden Familienmitglieder und Mitarbeiter wohl ihr Leben lang nicht vergessen.

Warum verhalten sich Pferde so?

Es wird immer wieder beobachtet, das Pferde in den Stall zurückrennen, wenn es brennt. Warum sie dies tun, erläutert Verhaltensbiologin Dr. Vivian Gabor:

Zunächst einmal muss man sich klar darüber sein, dass eine solche Situation in der Natur der Pferde nicht vorkommt. Wenn die Herde eine Bedrohung wahrnimmt, fliehen alle Pferde gemeinsam davor. Die Situation, die wir in unseren Haltungsformen haben, ist künstlich geschaffen. Brennt es im Stall, kann die Herde nicht auf natürliche Weise fliehen und diesen gefährlichen Ort gemeinsam verlassen. Das Pferd verknüpft den Stall nicht nur mit seiner gewohnten Umgebung, sondern auch mit seinen Artgenossen – sozusagen seiner künstlich geschaffenen Herde, auch wenn es nur die Boxennachbarn sind. Das Pferd steht also im Konflikt: auf der einen Seite vor der Gefahr zu fliehen, auf der anderen Seite aber, den Schutz bei seiner Herde zu suchen. Aus diesem Grund kann es vorkommen, dass Pferde aus Panik bei einem Brand in den Stall fliehen, da die Artgenossen und die Herde für das Pferd den höchsten Schutz darstellen.

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