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Brauchen Christen die Bildung der Griechen und Römer?


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Welt und Umwelt der Bibel - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 22.04.2022

Bildungswelten des frühen Christentums

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Bildquelle: Welt und Umwelt der Bibel, Ausgabe 2/2022

Prof. in Dr. Katharina Greschat ist Lehrstuhlinhaberin für Kirchen-und Christentumsgeschichte (Alte Kirche und Mittelalter) an der Evangelisch- Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. Sie hat zahlreiche Bücher, Aufsätze und Buchbeiträge veröffentlicht und forscht insbesondere zum frühen Christentum als häuslicher bzw. familialer Religion sowie zu Bildung und Frauenbildung in der Antike.

Wir sind es gewohnt, Kinder und Jugendliche in den schulischen Religionsunterricht zu schicken und ihnen vielleicht auch nahezulegen, am Kindergottesdienst und Konfirmanden-bzw. Firmunterricht teilzunehmen. Möglicherweise sind einige von uns aber auch in eine Sonntagsschule gegangen oder waren in der Christenlehre engagiert.

Jedenfalls scheint uns selbstverständlich, dass Christsein nicht ohne gewisses Maß an Bildung gelebt werden kann und es daher verschiedene Angebote der religiösen Erziehung und Bildung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene geben muss. Insofern erscheint uns kaum vorstellbar, dass das in der Frühzeit des Christentums anders gewesen sein könnte, weshalb sich auch die Forschung insbesondere den Organisationsformen und Lehrinhalten des Taufunterrichts oder der Katechetenschulen gewidmet hat. Daneben gab es jedoch noch einige andere ...

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... Bildungswelten, die sich für eine kurze Betrachtung durchaus anbieten.

Familie und Haus

Statt sich sofort auf die gemeindliche Lehre zu konzentrieren, soll der Blick zunächst auf die erste und wichtigste Lebensform des antiken Menschen, d. h. auf das Haus bzw. die Familie mit Angehörigen und Abhängigen, gerichtet werden. Das war auch der zentrale Ort für die religiöse Erziehung und Bildung, wie vom christlichen Dichter Prudentius († nach 405) mit beißendem Spott beschrieben:

„Der jugendliche Erbe verehrte erschauernd, was immer ihm die ergrauten Vorväter als verehrungswürdig vorgestellt hatten. Die Säuglinge nahmen den Irrwahn bereits mit der Muttermilch in sich auf, hatten, während sie noch quäkten, schon vom gesalzenen Opferspelt gekostet, wachsverschmierte Standbilder und berußte Hausgötter, von denen Salbe tropfte, erblickt. Schon der kleine Junge hatte im Haus einen geheiligten Stein, der als Fortuna mit Füllhorn geformt war, stehen sehen und beobachtet, wie seine Mutter dort bleichwangig betete. Später drückte auch er, auf die Schultern der Amme gehoben, seine Lippen auf den Granit und küsste ihn ab, sagte seine kindlichen Wünsche her und erflehte für sich in seiner Blindheit von einem Felsbrocken Reichtümer, davon überzeugt, dass jemand, was er wolle, von dort erbitten müsse“ (Contr. Sym. I,199-211).

In der traditionellen Ausbildung gab es keinerlei christliche Themen

Auch wenn die frühkindliche Erziehung und religiöse Bildung zunächst einmal vor allem in den Händen von Frauen wie der Mutter und der Amme lag, so trug doch der Vater als pater familias die Gesamtverantwortung für die Sozialisation der Nachkommenschaft. Deshalb konnte er es nicht dulden, dass sich selbst ernannte Lehrer in sein Haus einschlichen, um dort ungeheuerliche Dinge zu verkündigen und seine Autorität zu untergraben, wie es Celsus, ein gebildeter Gegner der Christen aus dem 2. Jh. nC, im Hinblick auf Christen beobachtet haben wollte:

„Sobald sie [die christlichen Lehrer] sich aber ohne Zeugen mit den Kindern und einigen unverständigen Weibern allein wissen, dann bringen sie ganz wunderbare Dinge vor und weisen nach, dass man verpflichtet sei, ihnen zu gehorchen, nicht aber auf den eigenen Vater und die Lehrer zu achten. Diese seien Faselhänse und Schwachköpfe, und in eitlen Vorurteilen befangen, könnten sie weder einen wahrhaft guten Gedanken fassen noch verwirklichen; nur sie allein wüßten es, wie man leben müsse. Würden die Kinder ihnen folgen, so würden sie selbst selig werden und ihr ganzes Haus selig machen. Sehen sie dann, während sie so reden, einen Lehrer der Wissenschaften oder einen verständigen Mann oder auch den Vater selbst herankommen, so pflegen die Vorsichtigeren unter ihnen auseinanderzulaufen, die Unverschämteren aber hetzen die Kinder auf, den Zügel abzustreifen“ (Contr. Cels. III,55).

Für Celsus konnten diese Christen und ihre Lehren nur eine unerwünschte Konkurrenz zum Ideal der traditionellen, an den römischen Werten orientierten Erziehung bedeuten, die die Kinder schon seit jeher auf ihren jeweilig angemessenen Platz in der Gemeinschaft vorbereitete.

Traditionelle Bildung selbstverständlich

Allerdings wollte Celsus seinen Lesern offenbar in erster Linie Angst vor den Christen machen. Vielen Eltern galt die traditionelle Bildung nach wie vor als Königsweg für den gesellschaftlichen Aufstieg bzw. zur Aufrechterhaltung ihrer gesellschaftlichen Position. Das kann man sehr genau an Augustin († 430) – dessen Mutter Christin und dessen Vater Heide war – beobachten, wie auch an dem weniger bekannten Paulinus von Pella († nach 459) einige Jahrzehnte später, der aus der inzwischen christlich geprägten gallischen Aristokratie stammte. Beide haben ausführlich über ihre Bildungskarriere Rechenschaft abgelegt und sich kritisch mit ihr auseinandergesetzt.

Nach deren Zeugnis lernte man seit jeher mit den Klassikern Lesen und Schreiben und hatte sich neben der lateinischen auch mit der griechischen Sprache oder umgekehrt auseinanderzusetzen. Es ging aber keineswegs nur um das Anhäufen von Wissensbeständen oder um Gelehrsamkeit; wichtiger war, dass sich die Schüler die ihnen auf diese Weise eröffnete Welt gleichsam aneigneten und sich in ihr zu Hause fühlen sollten. So bestand etwa eine Aufgabe des Rhetorikunterrichts darin, dass sich Augustin in den rasenden Zorn und den Schmerz der Göttin Juno einfühlen und ihn in seine eigenen Worte kleiden sollte (Conf. I,17,27). Bei Paulinus dürfte das kaum anders gewesen sein; er hatte, nach eigenem Bekunden, mit und in den Überzeugungen des Sokrates, den Homerischen Epen und Vergil zu leben. Auch für Christen war also der klassische Bildungskanon ganz selbstverständlich noch immer das Maß aller Dinge. Im Nachhinein kritisierte Augustin das und monierte, im gesamten Verlauf seiner Ausbildung nichts eigentlich Wichtiges, d. h. nichts von Christus oder über christliche Themen, gehört zu haben. Stattdessen wurde immer wieder lediglich das oberflächliche Streben nach Ruhm und Anerkennung gefördert. Besonders problematisch erschienen ihm jedoch die moralisch fragwürdigen Inhalte der Göttermythen; so könnte gerade der notorisch untreue Jupiter junge Leute dazu veranlassen, sich ausgerechnet diesen Gott zum Vorbild zu nehmen und sich ebenso zu verhalten (Conf. I,16,25).

Philosophische Schulen

In der traditionellen Ausbildung gab es also keinerlei christliche Themen oder Inhalte; doch selbstverständlich gab es christliche Schüler und sicherlich auch christliche Lehrer. Erst das im Jahr 362 erlassene „Rhetorenedikt“ des Kaisers Julian, der das Reich zur traditionellen Religion zurückführen wollte, verbot den christlichen Lehrern die Ausübung ihres Berufs mit der Begründung, dass sie keinen Lehrstoff vermitteln dürften, hinter dem sie nicht stünden.

Gebildeten Menschen galt eine philosophische Lebensform als angemessen, d. h. dass sie sich unter Führung eines Lehrers mit zentralen Texten beschäftigten, über das Göttliche in seinem Verhältnis zur Welt nachdachten und auf Luxus verzichteten. Bisweilen sahen die heidnischen Zeitgenossen darin ein Deutungsmuster für christliche Gruppierungen und schrieben ihnen immerhin zu, eine besonders merkwürdige Form einer philosophischen Schulrichtung zu sein. Sicherlich handelte es sich bei der Bezeichnung einer Schule nicht um eine festgefügte Institution, sondern um einen lockeren Kreis von Lehrer und Schülern, die man sich aber wohl nicht abseits der christlichen Gemeinden vorstellen sollte. Gerade in Großstädten und Bildungsmetropolen wie Alexandria, Athen oder Rom existierten solche Schulen.

Der Unterricht über die Gegenstände des Glaubens stand nicht unbedingt im Mittelpunkt, sondern die Einübung in Gebet und Bekenntnis

So beschrieb etwa der in Rom lehrende Justin seinen Lebensweg als den Weg zur eigentlichen ungeteilten echten Philosophie, dem Christentum! Christus verstand Justin dementsprechend auch in erster Linie als einen Lehrer und Philosophen. Mit dem Juden Tryphon – ebenfalls als Philosoph gekennzeichnet – diskutierte Justin über das rechte Verständnis der Schrift, das in seinen Augen nur durch Christus zu erreichen sei. Justin traf sich oder lebte gemeinsam mit seinen Schülerinnen und Schülern ebenfalls in Rom in einem häuslichen Kontext, wie etwas später auch eine Lehrerin mit Namen Marcellina, die auch Bilder Christi und einiger Philosophen in ihrem Haus aufstellte.

„So hat Marcellina, die … unter Anicet nach Rom kam, viele betört. Sie nennen sich Gnostiker und haben gemalte oder sonstwie hergestellte Bilder Christi, dessen Typus von Pilatus gemacht sein soll zu der Zeit, da Jesus unter den Menschen wandelte. Diese krönen sie und stellen sie gleich- zeitig mit den Bildern weltlicher Philosophen wie des Pythagoras, Platon, Aristoteles und anderer aus …“ (Iren. Adv. Haer. I,25,6).

QUELLEN TEXT

Bildung als soziales Unterscheidungskriterium

Bischof Sidonius Apollinaris (431/32–nach 479), gallorömischer Aristokrat und Bischof in der Auvergne, bezeugt in einer Klage über die Veränderungen in der Sozialordnung, wie klassische Bildung die sozialen Schichten voneinander trennt:

„Wenn die Stufen sich auflösen, vermittels derer der Höchste sich vom Niedrigsten zu unterscheiden pflegte, dann wird schließlich das einzige Kennzeichen unserers Adels sein, mit der Literatur vertraut zu sein“ (Sidon, ep. VIII 2,2 (III 84 L).

Dass der Verfasser dieser Zeilen rein gar nichts von dieser Lehrerin Marcellina hielt, dürfte mehr als deutlich geworden sein. Der bekannteste christliche Lehrer war jedoch sicherlich Origenes (+ 254), der seine traditionelle Ausbildung ganz in den Dienst der Schriftauslegung stellte. Von vermögenden Patronen bekam er Schnellschreiber zur Verfügung gestellt und wurde auch gebeten, das Werk des oben genannten Christengegners Celsus zu widerlegen.

Aufgrund der finanziellen Zuwendungen konnte er sich seinem umfassenden exegetisch-dogmatischen Werk widmen. Um zunächst einen zuverlässig überlieferten Text zu haben, stellte er eine Synopse von sechs verschiedenen Versionen des alttestamentlichen Textes zusammen (Hexapla). Bei der Abfassung seiner zahlreichen (heute nur noch unvollständig erhalten) Kommentare zu biblischen Schriften stützte er sich auf die rabbinischen Auslegungen ebenso wie auf die Methoden und Werkzeuge, die seine Zeitgenossen zur Kommentierung von Platonbzw. Aristotelestexten verwendeten. Dazu gehörten zunächst das Lesen des Textes, die Textkritik (Feststellung des besten Textes aus den überlieferten Handschriften), Wort-und Sacherklärungen, Erläuterungen zur rhetorischen

Gestaltung und zur Metrik. Das eigenständige christliche Bildungskonzept des Origenes, bei dem Dialektik, Arithmetik, Geometrie und Ethik ergänzt um spezifisch christliche Inhalte gelehrt wurden, dürfte kaum im Rahmen einer alexandrinischen Katechetenschule zur Unterweisung von Taufanwärtern umgesetzt worden sein. Dazu war es viel zu anspruchsvoll.

Wahrscheinlich richtete sich Origenes wohl vor allem an eine christlich interessierte Bildungselite, weshalb man seine Schule auch als die erste christliche Privatuniversität bezeichnet hat.

Bischöfliche Predigt und Katechese für Taufbewerber

Nun soll aber keineswegs der Eindruck entstehen, es habe keinerlei Unterweisung der Taufbewerber gegeben. Diejenigen, die glaubten und versprachen, ihr Leben danach auszurichten, so schilderte es bereits Justin, wurden angeleitet, zu beten und zu fasten, um – unterstützt von den Gemeindegliedern – vor ihrer Taufe die notwendige Vergebung für ihre Sünden zu erflehen. Und Origenes stellte gegenüber Celsus klar, dass die Christen keineswegs nur Ungebildete ansprachen, weil sie die Auseinandersetzung mit Gebildeten scheuten. Vielmehr wollten sie alle Menschen über das Christentum belehren. Wer von ihnen nach christlichen Maximen leben wollte, wurde in den Katechu- menenstand aufgenommen und in seiner Lebensführung von Gemeindemitgliedern überwacht. Man bekommt den Eindruck, dass der Unterricht über die Gegenstände des Glaubens nicht unbedingt im Mittelpunkt stand, sondern die Einübung in Gebet und Bekenntnis sowie in eine konkrete Lebensgestaltung, weshalb etwa die Ausübung ganz bestimmter Berufsfelder, die mit der Götterverehrung zu tun hatten oder gegen die gängige Moral verstießen, verboten sein sollte. In seinen Predigten unterschied Origenes zwischen Gläubigen und Katechumenen, die häufig ausdrücklich von ihm angesprochen und belehrt wurden.

Ab dem 4. Jh. sind verschriftlichte Unterweisungen der Katechumenen, u. a. von Augustin, überliefert, da der Bischof für die Vorbereitung der Taufbewerber verantwortlich war, die dann in der Osternacht getauft werden sollten.

Während dieser Zeit hatten die Katechumenen zu fasten und wurden in die zentralen Glaubensinhalte eingeführt, d. h. ihnen wurden das Bekenntnis und das Vaterunser gleichsam übereignet und die Grundzüge des Taufritus erläutert. Es wurde großer Wert darauf gelegt, dass das Bekenntnis nicht aufgeschrieben, sondern auswendig gelernt wurde als eine kompakte Zusammenfassung der gesamten Schrift.

Im Zuge der Taufzeremonie musste es dann von den Täuflingen „zurückgegeben“, d. h. vor der versammelten Gemeinde laut gesprochen werden. Dass bei einem berühmten Rhetor wie Marius Victorinus, der sich im Jahre 355 in Mailand taufen ließ, insofern eine Ausnahme gemacht werden sollte, als er das Bekenntnis auch im Stillen ablegen durfte, berichtete Augustin in seinen Confessiones. Marius Victorinus, der später angesichts des bereits erwähnten „Rhetorenedikts“ des Kaisers Julian sein Amt niederlegte, sei jedoch nicht auf dieses Angebot eingegangen und hätte das Bekenntnis vielmehr laut und und für alle vernehmlich gesprochen.

Hochgebildete Katechumenen wie Marius Victorinus dürften eher die Ausnahme gewesen sein. Meist hatten die Taufbewerber keine traditionelle Schulbildung vorzuweisen und konnten weder lesen noch schreiben. Vor allem Letztere lernten durch die Predigten, die sie während ihrer Katechumenenzeit hörten. Nach der Schriftlesung trug der Bischof seine Katechese vor und die Hörer prägten sich das Wichtigste davon ein. Natürlich musste der Bischof zur Vorbereitung seiner Katechese wissen, „… ob nur wenige Zuhörer da sind oder viele, ob es gebildete oder ungebildete oder beide Arten gemischt, ob es Städter oder Bauersleute oder beides zusammen sind oder ob sich das Volk aus allen möglichen Menschenklassen zusammensetzt“ (Aug. cat. rud. 15,23).

Doch rechnete Augustin auch mit Taufbewerbern, die sich schon eigenständig mit den biblischen Schriften beschäftigt oder darüber diskutiert hatten. Diese Gruppe wollte gar nicht mehr unterrichtet werden, sondern suchte nur noch um die Zulassung zu den Sakramenten nach. Dennoch sah sich Augustin gezwungen, auch diesen in einem Vortrag die wichtigsten Glaubenslehren in Erinnerung zu rufen oder ihr Wissen gegebenenfalls zu ergänzen. Außerdem sollte ein Bewerber gefragt werden, welche Schriften er gelesen habe, um auszuschließen, dass er sich vor allem mit häretischem Schrifttum beschäftigt hat. Darüber hinaus unterrichtete Augustin die Katechumenen auch hinsichtlich ihrer Lebensführung und warnte sie vor Versuchungen. Als guter Rhetoriker legte Augustin großen Wert darauf, dass dieser Vortrag keineswegs langweilig sein dürfe, vielmehr sollte immer deutlich werden, wie sehr der Vortragende selbst das liebt, was er seinen Hörern nahebringen möchte. Dazu gehörte auch, zwischendurch ihre Emotionen zu wecken, um die Aufmerksamkeit zu steigern. Insofern lief die Katechese keineswegs schematisch ab, sondern orientierte sich ganz und gar an den Bedürfnissen der Zuhörer, den Umständen und den äußeren Bedingungen.

Diese waren für Bischof Cyrill von Jerusalem († 386) absolut einzigartig, weil er die Topografie des Ortes zur Unterweisung seiner Katechumenen nutzen konnte. Auf eindrückliche Weise konnte ihnen der Tod des Erlösers in der konstantinischen Basilika neben der Golgatakapelle nahegebracht werden. Die Taufe fand dann im Baptisterium der Grabeskirche, d. h. in unmittelbarer Nähe zum Todesort Christi, statt und basierte auf der paulinischen Deutung der Taufe (vgl. Röm. 6). Interessanterweise endete die Unterweisung des Cyrill nun aber nicht mit der Taufe der Katechumenen in der Osternacht, sondern ging in Form der Belehrung in der Anastasis (Rotunde an der Grabeskirche, die als Anastasis, d. h. als Ort der Auferstehung, angesehen wurde) weiter.

Hier wurde ihnen schließlich das Taufgeschehen erläutert: „Schon lange wollte ich euch diese geistlichen, himmlischen Mysterien erläutern.

Weil ich aber sehr genau wusste, dass Sehen sehr viel überzeugender ist als Hören, habe ich den jetzigen Zeitpunkt abgewartet. Durch die Erfahrung des (Tauf )abends seid ihr sehr viel empfänglicher für das, was zu sagen ist. So will ich euch nun an der Hand zur leuchtenden und duftenden Wiese des Paradieses führen. Ihr seid ja nun in der Lage, göttliche Mysterien zu verstehen – nämlich die der göttlichen, Leben spendenden Taufe. Da nun also der Tisch der vollkommeneren Lehren gedeckt werden muss – nun, so wollen wir euch genau unterrichten, damit ihr den Sinn dessen einseht, was am Abend der Taufe mit euch geschehen ist“ (catech. myst. 1,1).

Auch an dieser Stelle ging es nicht um die Vermittlung von Wissensinhalten, sondern darum, den nunmehr Getauften das Erlebte aufzuschlüsseln, weil die Hörerschaft erst jetzt in der Lage sei, das Geschehene wirklich zu verstehen.

Als Gemeindeglieder könnte nun die nächste Stufe der Unterweisung folgen, weil der Bischof bei dieser Hörerschaft ein vertieftes Verstehen erwarten dürfte.

Christliche Kindererziehung

Die hier angesprochenen Taufbewerber waren ausnahmslos erwachsene Menschen. Kinder und Heranwachsende, wie etwa der seinerzeit noch junge Augustin oder Paulinus von Pella, wurden auch von christlichen Eltern der traditionellen Erziehung anvertraut, die oben skizziert worden ist. Vereinzelt gab es jedoch Eltern, die – in diesem Fall eine am asketischen Leben interessierte Mutter – sich an Lehrer wie Hieronymus († 420) wandten, damit dieser für die Tochter ein dezidiert christliches Erziehungskonzept entwickeln möge. Doch die Anfrage hatte ihre Tücken: Schließlich war der Vater des Kindes ein einflussreicher heidnischer Aristokrat. Auf keinen Fall durfte der Eindruck entstehen, Hieronymus sei einer dieser selbst ernannten Lehrer, die sich aufdrängen und die Autorität des pater familias untergraben wollten. Insofern setzte Hieronymus alles daran, die traditionelle Bildung mit christlichen Inhalten zu verknüpfen. So sollte das Mädchen wie jedes Kind der Oberschicht mit Buchstabenplättchen das Alphabet lernen und mit diesen dann spielerisch Silben und Wörter zusammensetzen.

Hieronymus erläutert dazu: „Man muss vor allem vermeiden, dass sie Widerwillen gegen das Lernen fasst, denn sonst könnte die in der Jugend einsetzende Abneigung über die unverständigen Kinderjahre hinaus anhalten. Die Buchstaben, aus denen sie allmählich Wörter zusammenfügt, sind nicht dem Zufall zu überlassen, sondern es sollen bestimmte, mit Absicht gewählte Namen sein, z.B. die der Propheten und Apostel und die ganze Reihe der Patriarchen von Adam an, wie sie sich bei Matthäus und Lukas findet“ (ep. 107,4).

Rhetorenedikt

Das im Jahre 362 erlassene Edikt regelte, dass bei der Bestellung öffentlicher Lehrer eine Unbedenklichkeitsbescheinigung der zuständigen Stadträte vorliegen müsse. Auch wenn Kaiser Julian das Christentum hier gar nicht erwähnte, wurde es dennoch zu einem gegen die Christen gerichteten Edikt, weil es christlichen Lehrern die Interpretation griechischer Klassiker verbot.

Meist hatten die Taufbewerber keine traditionelle Schulbildung vorzuweisen

Später sollte das Mädchen jeden Tag eine biblische Passage auswendig lernen, sich einige griechische Verse einprägen, aber davon nicht die Aussprache ihrer lateinischen Muttersprache beeinflussen lassen. Hieronymus verordnete dem Kind eine spezielle Leseanweisung für die biblischen Texte: Zunächst möge sie die Psalmen lesen, später dann die Sprüche als Richtschnur für ihr Handeln studieren. Mit den Klageliedern könne sie lernen, die Welt zu verachten und sich mit Ijob in Geduld üben. Damit sei sie auf die Lektüre der Evangelien, der Apostelgeschichte und der Briefe vorbereitet. Besondere Vorsicht sei allerdings bei schwierigen Texten wie dem Hohelied oder einigen Apokryphen – den Texten, die nicht in der Hebräischen Bibel vorkommen – geboten. Am allerbesten sei es jedoch, wenn die junge Frau den Verlockungen der Metropole Rom den Rücken kehren und nach Betlehem zu ihrer inzwischen asketisch lebenden Familie, bestehend aus ihrer Großmutter und Tante sowie dem Lehrer Hieronymus, ziehen würde. Tatsächlich hatte Hieronymus damit am Ende Erfolg; als junge Frau ließ sie sich in Betlehem nieder und verwaltete dort die von ihrer Großmutter gegründeten Klöster.

Lesetipps

• Greschat, Katharina: Gelehrte Frauen des frühen Christentums. Zwölf Porträts, Standorte in Antike und Christentum 6, Stuttgart 2015.

• Weeber, Karl-Wilhelm: Lernen und Leiden. Schule im Alten Rom, Darmstadt 2014.