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BRAUCHTUM NACHTWÄCHTER: Hört, ihr Leut’, und lasst Euch sagen…


Schöner Südwesten - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 30.10.2019

Sie schlüpfen in alte Kostüme und historische Rollen: in den mittelalterlichen Fachwerkstädten im Hohenloher Land schieben Nachtwächter wieder freiwillig Dienst.


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Bildquelle: Schöner Südwesten, Ausgabe 6/2019

Lässt das Mittelalter in Schwäbisch Hall wieder aufleben: Nachtwächter Heinz Erhardt auf einer seiner Touren.


Im digitalen Zeitalter braucht es eigentlich keinen klassischen Nachtwächter mehr, der einst im Mittelalter mit Laterne, Signalhorn und langem Mantel abends seine Kontrollrunden durch die Altstadt drehte. Heute vertraut der sicherheitsorientierte und technikverliebte Bürger lieber auf elektronische Alarmanlagen, Lichtschranken, ...

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... Feuermelder oder Garagenöffner, um sein Haus und sein privates Eigentum zu schützen. Die Arbeit des traditionellen Nachtwächters mit Hellebarde übernehmen im 21. Jahrhundert inzwischen Objektschützer, die mit mobilen Kommunikationsgeräten ausgestattet sind und verdächtige Vorgänge in dunkler Nacht mit einem einzigen Klick melden können. Doch nicht wenige Menschen sehnen sich in einer komplexen Technikwelt nach einfachen Lösungen zurück, in der nicht vernetzte Geräte und Maschinen den Alltag bestimmen, sondern noch ein wacher Geist und ein gesunder Menschenverstand wichtiger waren. Vielleicht erklärt das auch die aktuelle Nachfrage im Städtetourismus, schnell in „gute alte“ Zeiten abtauchen zu können, in denen die Welt noch überschaubar und noch nicht so technisch überfrachtet schien: immer mehr Städte springen auf den Nostalgie- Trend auf und bieten historische Nachtwächterführungen an.

Auch in Hohenlohe, einer Region im Nordosten von Baden-Württemberg, die weithin als das Land der Burgen und Schlösser bekannt ist, bedienen in den mittelalterlichen Fachwerkstädten wieder einige „reanimierte“ Nachtwächter einen sehnsuchtsvollen Freizeitwunsch: einfach mal das Smartphone ausschalten, dem digitalen Komfort entkommen und dem Nachtwächter dabei zuhören, wie die Menschen früher auch ohne Technik- Schnick-Schnack zurechtgekommen sind.

Vor allem im Spätherbst und in der Adventszeit ist ein abendlicher Rundgang mit dem Nachtwächter durch die historischen Gassen in Dörzbach, Gaildorf, Neuenstein, Öhringen, Schwäbisch Hall oder in Vellberg ein unvergessliches Erlebnis. Wenn ein Kauz auf einem kahlen Baum am Kocher im Mondenschein sein schauriges „Schuhuhu“ ertönen lässt oder wenn sich ein mystischer Nebelschleier um erhabene Fürstenschlösser wie in Neuenstein legt – dann bekommen die alten Geschichten der Nachtwächter noch mehr Gewicht.


500 Jahre Dorfgeschichte in 90 Minuten


Das wandelnde Lexikon Fritz Ebert in seinem Element. Auch über St. Wendel zum Stein, an den Pfaden der Stille, weiß er zu erzählen.


„Hört, ihr Leut’, und lasst Euch sagen, unsre Glock’ hat acht geschlagen“. Mit dem klassischen Nachtwächter-Spruch startet auch Fritz Ebert immer bei seinen Nachtwächter- Touren in seinem Heimatort Dörzbach im Mittleren Jagsttal. Fritz Ebert ist ein wandelndes Lexikon, wenn es um historische Begebenheiten in Dörzbach geht. Seit einigen Jahren ist der ehemalige Diakon der evangelischen Landeskirche im Ruhestand. Aber auf Achse ist der Dörzbacher immer noch oft. So führt er Reisegruppen regelmäßig zur pittoresken Kapelle St. Wendel zum Stein vor den Toren Dörzbachs. Dort hält er gelegentlich auch Gottesdienste.

Die Nachtwächter-Touren durch Dörzbach sind für den Heimatpfleger eine Herzensangelegenheit. Unermüdlich erklärt er Besuchern dann auch die früheren Aufgaben des Türmers, der sich in der Kirchturmstube der evangelischen Dreifaltigkeitskirche einquartiert hatte. Gerne führt Fritz Ebert seine Nachtwächter-Touren in der Adventszeit durch, wenn der kleine, aber feine Weihnachtsmarkt in Dörzbach mit seiner heimeligen Atmosphäre fast das halbe Dorf anzieht. Dann steht er in Nachtwächter- Kluft vor dem Eingang der Evangelischen Dreifaltigkeitskirche und wirbt lautstark für seine nächtliche Erkundungstour durch das Dorf. In der rechten Hand hält er eine nostalgische Hellebarde. „Früher wappnete sich der Dorfwächter im Ortsteil Laibach bei seinen Kontrollgängen durch die Gassen noch mit einem Spieß“, sagt Ebert.

Einst sahen die Dorfwächter vor allem während der Sonntagsmesse im Ortskern nach dem Rechten, wie der Heimatexperte weiß. „Sie haben kontrolliert, ob während des Gottesdienstes nicht irgendwo ein Feuer ausbricht oder ein Einbrecher unterwegs ist.“ Bei seinen nächtlichen Streifzügen läuft er mit den Teilnehmern meistens die vier Ortsgrenzen von Dörzbach ab. Heimatgeschichte über Hohenlohe vermittelt Fritz Ebert gerne am Schlosshof. „In Dörzbach gab es vier prägnante Tore und eines davon war das Bischofstor hier auf dem Gelände von Schloss Eyb“. Das einzige erhalten gebliebene ist das Gerbertor an der alten Klepsauerstraße – mit einer Furt durch den Goldbach. Der Nachtwächter leuchtet mit seiner Laterne auf einen torbogenähnlichen Umriss an der ehemaligen Befestigungsmauer. „Die Konturen sind noch schwach erkennbar“, sagt er. „Eyb ist der Name eines fränkischen Adelsgeschlechts, das einst auch in der Domstadt Bamberg seine Spuren hinterließ.“

Ein gewisser Martin von Eyb wurde 1580 zum Bischof von Bamberg ernannt. Gebannt lauschen die Zuhörer, als er ebenfalls erläutert wie das Schloss sich im Laufe der Jahrhunderte stilistisch veränderte und vergrößerte. „Der nördliche Teil wurde im Bauernkrieg von 1525 zerstört und anschließend neu erbaut“. Auch dass Brücken früher wichtige Verbindungselemente in der Region Hohenlohe waren, erfährt man bei einer Nachtwächterführung mit Fritz Ebert. „Die heutige Jagstbrücke in der Brückengasse mit drei Bogen wurde 1888 erbaut. Sie ersetzte ein Vorgängerbauwerk aus dem Jahr 1763“, weiß Ebert.

Früher hat ein alter Verbindungsweg von der Poststeige hoch über Wendischenhof nach Ingelfingen existiert. „Die Residenzstadt des Fürstenhauses Hohenlohe war damals wichtiger als die Ganerbenstadt Künzelsau.“ Eine Anekdote zum ehemaligen Stationsgefängnis, das heute im Hohenloher Freilandmuseum in Wackershofen steht, hebt sich der Heimatpfleger bei seinen Nachtwächterführungen gerne bis zum Schluss auf. „Früher haben die Dorfjungen die Sträflinge von außen mit Mostschläuchle versorgt, um damit die Polizeidiener zu ärgern.“

Dörzbach
Bürgermeisteramt Dörzbach Marktplatz 2 74677 Dörzbach +49 7937 911 90
www.doerzbach.de
Fritz Ebert 74677 Dörzbach +49 7937 57 37

Geheimnisvole Klosterburg Comburg


Nächtliche Runden auf der Comburg und in Halls engen Fachwerkgassen


Unterhaltsame Nachtführungen können Gruppen auch in Schwäbisch Hall bei Bernhard Deutsch oder Heinz Erhardt buchen. Die ehemalige freie Reichsstadt am Kocher zeichnet ebenfalls eine bewegte Stadtgeschichte aus. Während es vielen Gemeinden in Hohenlohe früher eher schlecht ging und sich viele Bürger als Buttenträger oder Tagelöhner im „Armenhaus Hohenlohe“ verdingen mussten, profitierte Schwäbisch Hall vom weißen Gold: bis zur Jahrhundertwende wurde auf dem Haalplatz noch Salz gesiedet.

Dass Bernhard Deutsch ein Meister der Verkleidung ist, kommt nicht von ungefähr. Seine Eltern besaßen in Schwäbisch Hall ein bekanntes Stoffgeschäft. In einem kleinen Kellerversteck neben dem ehemaligen Stoffgeschäft bei der Johanniterkirche lagert Bernhard Deutsch heute seine Kostüme, die er für seine nächtlichen Touren benötigt. Auch seine Kunst- Automaten, die an einigen Ecken in der Haller Altstadt stehen, baut der pfiffige Bastler und Unterhaltungskünstler effektvoll in seine Stadtrundgänge ein – oft startet er seine „Dr. Faust-Touren” mit einem gemeinsamen Umtrunk in historischen Kellergewölben. Der Lebemann und waschechte Haller ist aber nicht nur ein Verwandlungskünstler, der sich blitzschnell ein anderes Kostüm überstreifen kann. Zum Vergnügen der Zuhörer besitzt er auch eine scharfe Zunge, die er gut gebrauchen kann – wenn er als Hohenloher Hofnarr oder als der berühmte Alchemist Dr. Faust aus Goethes Drama oder als Scharfrichter Andreas Bürk in unterschiedliche Rollen schlüpft. Auch wenn er Gruppen als Nachtwächter Johann Michael Pflaumer durch die schummrigen Fachwerkgassen Halls führt, sitzt ihm der Schalk im Nacken: Während der Nachtwächter beim Stundenruf mitteilt, was die Stunde geschlagen hat, erfährt man beim Henker, wem die Stunde geschlagen hat.

Ein kleiner Schauer über den Rücken läuft einem garantiert, wenn er als Dr. Faust am Haalplatz einen Stopp einlegt, um einen berühmten Stadtgeist zu beschwören, der ihm dabei helfen soll, Gold herzustellen. „Haalgeist, hörst du mich. Als Dr. Faust rufe ich dich, steige aus der Solequelle empor und zeig dich mir“, fleht er den Haalgeist an. Einer alten Sage zufolge soll der Haalgeist (im

Das Schwäbisch-Haller Original Bernhard Deutsch schlüpft in viele Rollen, auch in die des Nachtwächters Johann Michael Pflaumer.


Hört, ihr Leut’, und lasst euch sagen Uns’re Glock’ hat acht geschlagen! Wahrt das Feuer und das Licht Dass dem Haus kein Leid geschicht! Menschen wachen kann nichts nützen Gott muss wachen, Gott muss schützen Herr, durch deine Güt’ und Macht schenk uns eine gute Nacht!

Hört, ihr Leut’, und lasst euch sagen Uns’re Glock’ hat acht geschlagen Die Dorfweihnacht für heut ist aus Drum geht jetzt alle brav nach Haus Doch ihr habt es schon vernommen morgen sollt ihr wieder kommen Alle soll’n willkommen sein Und sich des Programms erfreun.

Einer der sagenumwobensten Gestalten der Haller Geschichte ist der „Hoolgaascht“, der Haalgeist.


Hohenloher Dialekt „Hoolgascht“) früher als zotteliges Wesen die Haller Bürger mit Laterne und den Worten „Raunit aus! Raunit aus!“ („Räumt aus“) vor einer drohenden Überschwemmung gewarnt haben. Die Bürger waren dankbar für die Warnrufe und verfrachteten ihr Hab und Gut lieber in höher gelegene Stockwerke, bevor der Kocher über das Ufer trat. Ob Dr. Faust seinen Alchimistentraum in Schwäbisch Hall letzten Endes verwirklichen konnte, soll nicht verraten werden – nur so viel: die Stadtspaziergänge von Bernhard Deutsch enden stets mit einem Überraschungsoder Knalleffekt!

Wie bei Bernhard Deutsch wird in Schwäbisch Hall auch bei den Nachtwächterführungen von Heinz Erhardt – übrigens nicht verwandt oder verschwägert mit dem Komiker – das Mittelalter wieder lebendig: mit wehendem Umhang und Hellebarde, Horn sowie Laterne entspricht er dem Klischee des historischen Nachtwächters, der zu später Stunde auf Kopfsteinpflaster seine Kontrollrunden dreht, um nachzusehen, ob in den engen Fachwerkgassen auch alles seine Ordnung hat. Traditionell trägt er auch das klassische Nachtwächterlied vor. Die schmalen Stufen in der Oberen und Unteren Herrngasse verlangen dem Nachtwächter neben Trittsicherheit auch eine gute Kondition ab. Für Erhardt sind die stundenlangen Märsche über Kopfsteinpflaster in der Haller Altstadt aber kein Problem. „Ich komme ursprünglich aus Dinkelsbühl und daher bin ich Kopfsteinpflaster und enge Fachwerkgassen seit Jahren gewohnt“, betont er.

Im flackernden Licht der nostalgischen Laterne streift er mit seinen Gruppen abends durch die Haller Altstadt oder entführt sie zur benachbarten Comburg. Die Comburg im Stadtteil Steinbach ist neben der Michaelskirche am Marktplatz ein weiteres architektonisches Highlight: das ehemalige Benediktinerkloster thront imposant auf einem Umlaufberg oberhalb des Kochers. „Wenn die Dämmerung hereinbricht, dann schlägt meine Stunde. Wenn wir gemeinsam den mittelalterlichen Wehrgang auf der Comburg entlanglaufen, dann macht sich in der blauen Stunde eine magische Stimmung breit“, schwärmt Erhardt. Bei seinen Nachtwächter-Touren erzählt er gerne, dass Schwäbisch Hall reich an Orten mit besonderer Ausstrahlung ist, um die sich viele Legenden und Sagen ranken. Doch zu viel Zeit zum Träumen und Schwärmen bleibt dem Nachtwächter nicht. „Ich muss als Nachtwächter immer wachsam sein. Es gibt genügend Räuber, Spitzbuben oder Brandstifter, die Böses im Schilde führen könnten“, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln.

Schwäbisch Hall

Heinz Erhardt
74523 Schwäbisch Hall
+49 791 499 47 71
www.nachtwächter-schwäbisch-hall.de

Bernhard Deutsch
74523 Schwäbisch Hall
+49 791 849 77
www.nurzu.de/Hall

Auf den Sohlen des Bauernkanzlers

Nicht nur als Nachtwächter ist Günter Patzelt unterwegs, er gibt auch den Kanzler Wendel Hipler.


Spannende Geschichten über das alte Hohenlohe erzählt bei seinen Nachtwächterführungen auch Günter Patzelt aus Neuenstein. Seit seiner Pensionierung im Frühjahr 2019 hat Patzelt noch mehr Zeit für seine Stadtführungen, die er mit vielen Anekdoten und humorvollen Kommentaren würzt. Im historischen Nachtwächter-Gewand bricht der ehemalige Polizist in seiner Freizeit regelmäßig mit Besuchergruppen zu abendlichen Streifzügen durch die historischen Gassen in Neuenstein und Öhringen auf. In Neuenstein umrundet er mit seinen Zuhörern gerne das prunkvolle Schloss aus der Renaissance-Zeit, in dem heute das Hohenloher Zentralarchiv untergebracht ist und noch eine historische Schlossküche aus dem Mittelalter bestaunt werden kann. Sein Rollenspektrum hat der Stadtführer nun mit Wendel Hipler um eine weitere Geschichtsfigur ausgebaut. „Wendel Hipler war in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts viele Jahre als Kanzler der Grafen zu Hohenlohe im Dienst. Nach dem Bruch mit den Grafen ging er um 1525 als Bauernkanzler während des Schwäbischen Bauernkriegs in die Geschichtsbücher ein“, erklärt Patzelt. Nur ein Jahr später endete das bewegte Leben von Wendel Hipler. 1526 starb er in Gefangenschaft des Pfalzgrafen im Gefängnis in Heidelberg. Im schmucken Renaissance-Gewand und in authentischen Kuhmaulschuhen positioniert sich Günter Patzelt alias Wendel Hipler bei Führungen in Öhringen gerne vor dem Schloss. „Meine historische Ausstattung suche ich mir bei Händlern, die auf mittelalterliche Kleidung spezialisiert sind. Kuhmaulschuhe wurden im frühen 16. Jahrhundert von Männern wie Frauen getragen“, erläutert er.

Auch im hohenlohischen Öhringen (hier die imposante Stiftskirche) lebt die Nachtwächter-Tradition.


Die Teilnehmer erfahren bei dem Stadtrundgang viel Wissenswertes über das Leben und Wirken von Wendel Hipler. „Beim Bauernkrieg war Götz von Berlichingen der Streiter mit dem Schwert, während Wendel Hipler als Verhandler für die Bauern agierte“, berichtet Günter Patzelt. Immer wieder bleibt der Nachtwächter stehen, um geschichtliche Hintergründe, aber auch bauliche Details wie historische Neidköpfe an den Häuserfassaden zur Abwehr von Dämonen oder nostalgische Gasthausschilder aus der fiktiven Gedankenperspektive eines Wendel Hipler zu durchleuchten. „Ich freue mich, dass aus meiner Zeit noch der schöne Saal im alten Rathaus erhalten ist“, lässt er seine Zuhörer wissen. Scheinbar mühelos gelingt bei dem unterhaltsamen Stadtspaziergang – auch mithilfe von neckischen Kommentaren – ein vergnüglicher Ritt durch mehrere Jahrhunderte Stadtgeschichte: „Zu meiner Zeit als Kanzler der Grafen von Hohenlohe waren Kotwinkel in der Öhringer Altstadt noch üblich. Heute darf zum Glück keiner mehr seinen Nachttopf aus dem Fenster entleeren“.

Günter Patzelt verkörpert seine historische Hipler-Figur als regelrechten „Hansdampf in allen Gassen“, der mit rhetorischer Gewandtheit und süffisanten Seitenhieben sowohl Höhepunkte als auch Tiefschläge der Öhringer Stadtgeschichte amüsant skizziert: „Früher mussten die umliegenden Dörfer die Stadtschöffen mit Essen und Trinken versorgen. Da die Schöffen oft trinkfest waren, muss das ein anstrengender Job gewesen sein“, lacht er. Einen weiteren Seitenhieb kann sich der „reanimierte“ Wendel Hipler, dem zu Lebzeiten eher schmucke Fachwerkhäuser und prächtige Chorherrenhäuser vertraut waren, beim Blick auf die moderne Architektur des 20. Jahrhunderts am Hafenmarkt nicht verkneifen. An der alten Stadtmauer hat er zu der historischen Tagesgrußpflicht der einstigen Bürgerwehr ebenso einen lockeren Spruch parat.

Neuenstein und Öhringen

Günter Patzelt
74632 Neuenstein
+49 7942 94 18 88
info@gp-events.net

Das ehemals staufische Schloss Neuenstein, einst mächtige Wasserburg aus dem 12. Jahrhundert, spielt in den Streifzügen von Günter Patzelt eine wichtige Rolle.


WEITERE NACHTWÄCHTERFÜHRUNGEN IN DER REGION HOHENLOHE

Vellberg
Tourismusbüro der Stadt Vellberg Im Städtle 27
74541 Vellberg
+49 7907 87 70
www.vellberg.de

Gaildorf
Tourist Information im Alten Schloss Schloss-Straße 12
74405 Gaildorf
+49 7971 253 513
www.gaildorf.de

Murrhardt
Carl-Schweitzer-Museum Seegasse 36
71540 Murrhardt
+49 7192 5402
www.carl-schweizer-museum.de


Fotos: A. Scholz; J. Schwitzkowski; Wikimedia: H. U. Schmitt, Tilmann2007 (CC BY-SA 4.0)