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BRENNPUNKT: Mäuseplage in Deutschland Raus, die Maus


Reiter Revue International - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 23.10.2019

In vielen Teilen Deutschlands sind Grünflächen durchlöchert wie Schweizer Käse. Mäuse graben in Massen ihre Gänge und Höhlen durch Wiesen und Acker und das wirkt sich aus. Welche Folgen die Mäuseplage hat – hier ein Überblick.


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Die Hausmaus ist die am weitesten verbreitete in Stall und Haus.


FOTO: ADOBE STOCK

D ie Landwirtschaftskammer in Niedersachsen hat es in einer Pressemitteilung Mitte August verkündet: Es herrsche eine Mäuseplage, hieß es dort. „Klar gibt es immer mal wieder Populationszuwächse“, erklärt Dr. Christine Kalzendorf, Grünlandberaterin bei der Kammer. „Aber durch die beiden letzten milden ...

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D ie Landwirtschaftskammer in Niedersachsen hat es in einer Pressemitteilung Mitte August verkündet: Es herrsche eine Mäuseplage, hieß es dort. „Klar gibt es immer mal wieder Populationszuwächse“, erklärt Dr. Christine Kalzendorf, Grünlandberaterin bei der Kammer. „Aber durch die beiden letzten milden Winter ist die Population dieses Jahr extrem erstarkt.“ Flächendeckend seien Grünflächen in Niedersachsen betroffen, das Gras oberirdisch angefressen, dessen Wurzeln unter der Erde ebenfalls. Grünflächen und Äcker übersät und durchzogen von Mäuselöchern.

Was zurückbleibt ist braunes Brachland – zusätzlich zur Trockenheit eine Katastrophe für die Ernte. „Man kann aber auch nicht so richtig viel dagegen tun“, erklärt Kalzenberg. „Wir haben empfohlen, Sitzstangen für Greifvögel auf den Flächen aufzustellen, um ihnen die Jagd auf die Mäuse zu erleichtern – aber die jagen einfach nicht mehr, die sind satt“, wenn es nicht so gravierend um die Futterernte stehen würde, wäre es fast zum Lachen.

Für Nordrhein-Westfalen bestätigt Hubert Kivelitz von der Landwirtschaftskammer NRW ein „hohes Aufkommen an Mäusen, aber es ist nicht existentiell.“ Er gibt aber zu, dass es keine systematische Erhebung über die Population gebe. Kivelitz sieht für die Bekämpfung der Mäuse vor allem in der Schonung der natürlichen Feinde das Mittel der Wahl: „Füchse, Mader, Greifvögel, Störche und Graureiher fressen allesamt Mäuse“, erklärt er. Diese Tiere sollten in Zeiten wachsender Mäusepopulationen unterstützt und – im Fall von Fuchs und Mader – nicht bejagt werden, findet er.

Die Schermaus oder große Wühlmaus.


FOTO: JIRI BOHDFOTO: JIRI BOHDAL AL

Die Hausratte.


Foto: BOHDFOTO: JIRI BOHDAL

Die Feldmaus oder kleine Wühlmaus.


FOTO: JIRI BOHDAL

Die Feldspitzmaus ist kein Nager.


FOTO: JIRI BOHDAL

Die Rötelmaus erkennt man am roten Fell.


FOTO: JIRI BOHDAL

Dr. Walter Peyker vom Thüringer Landesamt für Landwirtschaft und ländlichen Raum spricht zwar noch nicht von einer Plage, aber „seit vergangenem August beobachten wir schon, dass sich ein wachsender Bestand aufbaut.“ In Rheinland-Pfalz sieht die Lage hingegen wiederum dramatisch aus. Das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Rheinland-Pfalz betreibt ein Versuchsfeld von immerhin zehn Hektar Fläche. „Wir hatten schon vor drei, vier Jahren sehr viel Druck durch Mäuse“, erklärt Raimund Fisch vom Zentrum. Daraufhin wurde um das Versuchsfeld ein Zaun gezogen, der etwa 60 Zentimeter tief in die Erde eingegraben wurde. „Wir hatten zwei Jahre Ruhe, jetzt ist der Druck so angestiegen, dass auch der Zaun die Mäuse nicht mehr aufhält und sie das Versuchsfeld besiedeln.“ Seiner Erfahrung nach wachse eine Mäusepopulation über etwa sechs bis sieben Jahre an und falle dann von selbst wieder zusammen: „Wir haben sicher noch ein, zwei Jahre – dann wird der Bestand auch hier wieder einbrechen. Aber in Kombination mit der Trockenheit der vergangenen zwei Jahre, ist die Vielzahl an Mäusen natürlich doppelt dramatisch.“ Lediglich Dr. Gerhard Riehl vom Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie meldet: „Wir haben definitiv nicht mehr Mäuse als in den Vorjahren.“

Ernteausfälle durch Mäuse

Die Folgen einer Mäuseplage reichen weit. Nicht nur, dass die durch die Trockenheit geplagten Flächen durch die Mäuse noch weniger Ertrag liefern. Sondern es müssen auch Pflegemaßnahmen wiederholt werden, die bereits 2018 durch die Dürre erforderlich wurden. Das heißt, die Landwirte müssen diese Investition nochmals tätigen, sprich die Fläche gegebenenfalls umbrechen, sicher aber erneut nachsäen, kalken, düngen … die ganze Prozedur. Scheuen sie diesen Schritt, machen sich Ungräser und -kräuter breit, was schon jetzt die Ernte fürs nächste Jahr beeinträchtigen würde. Dennoch gehen Landwirte dabei das Risiko ein, dass trotz dieser kosten- und arbeitsintensiven Maßnahmen, die Mäusepopulation den Schaden wiederholt. Dann wäre sozusagen alles für die Katz.

Weil es grundsätzlich mehr Mäuse gibt, ist auch die Gefahr größer, dass einige der Nager in Ballen eingeschlossen werden und dort verenden: „Das ist für Pferde natürlich absolut verheerend, und zwar sowohl im Heu als auch im Silo. Solche Ballen dürften gar nicht mehr verfüttert werden“, mahnt Dr. Kalzenberg mit dem Hinweis auf Botulismus. Um das zu vermeiden, empfiehlt sie den Schwad möglichst schnell zu verpressen und nicht zu lange liegen zu lassen, um zu vermeiden, dass es sich Mäuse im Heu gemütlich machen. „Letztlich brauchen wir einfach mehr Niederschlag und einen kalten Winter“, sieht Dr. Kalzenberg als einziges wirklich wirkungsvolles Mittel.

Fakten zu Mäusen

Hausmäuse leben etwa zwei Jahre und sind bereits im Alter von fünf bis sechs Wochen geschlechtsreif. Sie tragen 21 bis 28 Tage, haben vier bis sechs Würfe im Jahr und bringen vier bis acht Jungtiere pro Wurf zur Welt. Aus einem Hausmauspaar kann somit in einer Saison eine sehr große Zahl an Jungtieren folgen.

Die Feldmaus vermehrt sich noch intensiver. Auch sie wird etwa zwei Jahre alt, ist aber bereits mit elf bis 13 Tagen geschlechtsreif. Teilweise werden weibliche Tiere bereits begattet, wenn sie noch bei der Mutter saugen. Dann kommt es zur so genannten Säuglingsträchtigkeit. Die Feldmaus ist gleich nach dem Wurf wieder begattbar. Ihre Trächtigkeit dauert 19 bis 21 Tage, sie hat vier bis zwölf Würfe im Jahr und bekommt bis zu 15 Junge pro Wurf. Aus einem Feldmauspaar können in einer Saison etwa 200 Nachkommen entstehen.

natürliche Fressfeinde der Mäuse.


FOTO: PIXABAY

Füchse mögen Mäuse und sollten bei Plagen weniger bejagt werden.


FOTO: PIXABAY

Schleiereule


FOTO: ADOBE STOCK

Schleiereule


FOTO: PIXABAY

Putzige Viren-Wirte

Neben Ernteausfällen können Mäuse aber auch Krankheiten in Ställe und Häuser tragen. Aber nicht jede Maus überträgt jede Krankheit. Die Plage in Niedersachsen wird in erster Linie der Wühlmaus zugeschrieben. Davon gibt es zwei Arten: Die kleine Wühlmaus oder Feldmaus und die große Wühlmaus oder Schermaus. „Ob eine Wiese von der Feldmaus besiedelt ist, erkennt man am besten gleich nach dem Winter, wenn der Schnee geschmolzen ist“, erklärt Dr. Ullrich Benker, Leiter der Arbeitsgruppe Zoologie und Vorratsschutz bei der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft. „Dann werden nämlich die Laufwege in der Grasnarbe erkennbar. Bei der Schermaus sieht man die nicht. Sie graben unterirdische Gänge. Bei einer Plage können landwirtschaftliche Maschinen in den Boden einsacken.“ Beide Wühlmaus-Arten fressen die Graswurzeln und schädigen somit das satte Grün erheblich. Außerdem können sie Salmonellen übertragen.

Ganz anderes gilt für die Feldspitzmaus. Sie ist Überträger des Borna- Virus. Allerdings sind Feldspitzmäuse eher selten im Stall anzutreffen und zählen nicht zu den Nagetieren, da sie sich von Insekten ernähren und nicht von Getreide angelockt werden. Sie richten somit keine Grasschäden an. Und: Alle Spitzmäuse – also auch die Feldspitzmaus – sind streng geschützt, dürfen also nicht bekämpft werden.

So genannte Rötelmäuse sind Wirt für den Hanta-Virus, der insbesondere für Menschen gefährlich werden kann und schwere Infekte auslöst, die bis zum Nierenversagen führen können.

„Rötelmäuse sind viel in buchenreichen Gegenden zu finden, also in Waldnähe. Sie fressen gerne die Bucheckern“, erklärt Dr. Benker. Krankmachend sind insbesondere ihre Exkremente, die mit Staub aufgewirbelt und dann eingeatmet werden.

Nie frei von Mäusen

Bei der typischen Stallmaus ist meist die ordinäre Hausmaus vertreten. Sie und Ratten tragen Leptospira ein, Erreger, die für Pferd und Mensch krankmachend sind. „Hausmäuse sind an den Menschen gebunden. Sie suchen eine geschützte Bleibe und halten sich nicht gerne im Freien auf“, erläutert Dr. Benker. „Da sie nachtaktiv sind, bekommt man sie kaum zu Gesicht, sondern findet bestenfalls Kot.“ Dann ist es übrigens höchste Zeit eine Falle aufzustellen, denn sie leben so versteckt, dass ein paar Köttel nur die Spitze des Eisbergs sein können.

Ein Feld oder eine Grünfläche von Mäusen zu befreien, ist aktiv eigent- lich nicht möglich. Im Laufe der Zeit bricht eine Population wie erwähnt wieder zusammen – weil der Lebensraum zu klein wird, sich Krankheiten ausbreiten, die Population der Fressfeinde wächst. Einen Stall vollständig mäusefrei zu haben, schätzt Thomas Schubert als eigentlich unmöglich ein. Er ist Diplom- Biologe und Schädlingsbekämpfer aus Münster und viel auf unterschiedlichsten landwirtschaftlichen Betrieben im Einsatz – vom Biohof bis zum Reitstall. Er vertritt die Herangehensweise nach dem Motto: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich!“ Aber auch er bestätigt: „Wir haben ein gutes Mäusejahr, ich schätze im Münsterland und in Niedersachsen ist die Population etwa drei Mal so hoch wie im Vorjahr.“ Er weiß, dass man Mäusemassen letztlich nur mit Giftködern wieder Herr wird – das gilt aber nur für Stall, Scheune und Haus. Auf Feld und Acker kann man in Mäusejahren nicht viel unternehmen, weil der Bestand explosionsartig wächst.

Mäuse stoppen

► Auf Sauberkeit und Ordnung achten. „Jede Rümpelecke bietet Mäusen und Ratten einen Unterschlupf“, warnt Dr. Benker.

► Werden Heuboden oder Futtersilos gereinigt: Unbedingt geeignete Schutzmasken und -anzüge tragen. Krankheitserreger geraten über den Kot der Mäuse in den Staub und durchs Einatmen in den Menschen. Am besten den Staub auch vor dem Fegen anfeuchten, damit weniger durch die Luft fliegt. Nach der Aufräumaktion unbedingt duschen und gründlich die Haare waschen.

► Pferdeboxen regelmäßig misten, in dicken Matratzen nisten sich Mäuse ebenfalls gerne ein.

► Pferdefutter nicht offen stehen lassen, sondern gut verschlossen lagern.

► Sobald es einen Hinweis auf Mäuse gibt, Schnappfallen aufstellen: „Wer hier konstant dran bleibt, ist schon einen großen Schritt weiter“, betont Thomas Schubert.

Wehret den Anfängen

Giftköder sollten nur in letzter Instanz eingesetzt werden und der Umgang damit gehört definitiv in sachkundige Hände, nicht zuletzt, damit nur die zur Strecke gebracht werden, die es treffen soll, nämlich die Mäuse: „Köderboxen müssen zum Beispiel auch alle vier Wochen kontrolliert werden und der Wirkstoff muss regelmäßig gewechselt werden. Wer selbst aktiv werden will, kann – und sollte auch – Schlagfallen aufstellen“, rät Schubert. Diese sollten am besten in der Nähe des Futters aufgestellt werden und idealerweise entlang einer Kante, denn „Mäuse – und auch Ratten – laufen nicht gerne im freien Raum, sondern orientieren sich meist zum Beispiel an der Wand.“ Damit kein Kind, kein Hund und keine Katze in der Falle landet, können diese in entsprechenden Kisten mit mäusegerechten Zugängen versteckt werden. Wichtig ist die Wahl des Köders, denn der muss für die Nager attraktiver sein, als die duftenden Futtermittel: „Erdnussbutter ist ganz hoch im Kurs“, empfiehlt Schubert. „Natürlich hilft auch eine Stallkatze, wenn sie denn auch jagt!“ Außerdem rät Schubert an Ställen Brutmöglichkeiten für Turmfalken und Schleiereulen zu schaffen. Das unterstützt die Art und sie fressen einfach gerne Mäuse. Die beste Methode, sich von einer zu hohen Mäusepopulation zu schützen, ist und bleibt aber, Stall, Futter- und Sattelkammern sauber und ordentlich zu halten.