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Brillante Tanzkunst mit französischem Flair


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 29.01.2019

»Ein Amerikaner in Paris« als deutschsprachige Erstaufführung in Linz


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Bildquelle: blickpunkt musical, Ausgabe 1/2019

Die Traumsequenz: Eine der berührendsten Szenen ist jene, in der Jerry (Gernot Romic, vorne mit Ensemble) sich die Zukunft tänzerisch ausmalt


Man nehme einen Oscar-prämierten Filmklassiker, ein Orchester, welches sich mittlerweile als Aushängeschild Österreichs etabliert hat, ein Ensemble, das qualitativ seinesgleichen sucht, und eine einfach gestrickte Storyline – fertig ist ein unterhaltsamer Abend im Linzer Musiktheater.

»Ein Amerikaner in Paris« feierte in der oberösterreichischen Hauptstadt seine deutschsprachige Erstaufführung. Die Geschichte des Musical-Films aus dem Jahr 1951 ist rasch erzählt.

Jerry Mulligan, ein amerikanischer Kriegsveteran, ist zu Ende des Zweiten Weltkrieges in Paris stationiert. Doch anstatt mit seinen Kollegen zurück in die Staaten zu gehen, beschließt er, in Frankreich zu bleiben und sich dort als Maler – seine große Leidenschaft – zu etablieren und dabei die Dramen des Krieges hinter sich zu lassen. Er genießt das Pariser Flair und schlendert durch die Gassen der Hauptstadt. In eine Bar gestolpert, lernt er den Komponisten Adam Hochberg und den französischen Sänger Henri Baurel kennen. Die drei werden schnell zu engen Freunden.

Doch das Glück währt nicht lange. Denn alle drei – wie sollte es auch anders sein – verlieben sich natürlich in die gleiche Frau. Die Besagte heißt Lise Dassin und ist eine vielversprechende Ballerina, die ihren Lebensunterhalt als Verkäuferin in den berühmten Galeries Lafayette verdient. Sie ist Baurel quasi versprochen, da dessen Eltern die Jüdin während des Nazi-Regimes bei sich versteckten. Doch auch Hochberg und Mulligan sind der Ballerina verfallen.

Der Plot dreht sich also rund um die Irrungen, Wirrungen und Intrigen des einen Themas: der Liebe. Fragen wie: »Lohnt es sich, für die große Liebe zu kämpfen?«, aber auch: »Wie vergesse ich den Krieg?« und: »Wie fange ich ein neues Leben an?« stehen im Raum.

Mehr gibt es hierzu aber auch nicht zu sagen. Die Story ist grundsätzlich einfach und läuft teilweise sogar Gefahr, etwas langweilig zu werden. Wäre da nicht der Tanz. Die Linzer Aufführung lehnt sich inhaltlich sehr an die Filmvorlage an – mit all ihrem Charme. Gut ist, dass die seichte Story bei der hervorragenden tänzerischen Expertise des Ensembles und des fantastischen Orchesters in den Hintergrund tritt. Dass so mancher französischer Akzent oder ein humpelndes Bein zeitweilig wie durch Zauberei verschwinden, bleibt wohl der Aufregung geschuldet.

Doch blicken wir kurz zurück auf die Erfolgsgeschichte des »Amerikaners«: Bereits im Jahr 1951 feierte der US-amerikanische Musicalfilm des Regisseurs Vincente Minnelli seine Premiere. Die Erstausstrahlung fand am 26. August in London statt. Schon damals war klar: Der Film zeichnet sich vor allem durch seine herausragenden Tanzsequenzen aus, die von Gene Kelly gestaltet und interpretiert wurden. Songs wie ›I Got Rythm‹ oder ›‘S Wonderful‹ sind in die Musikgeschichte eingegangen und gelten noch heute als klassische Ohrwürmer. Die Kritiken waren dementsprechend – »An American in Paris« wurde von den Medien hochgelobt und zum Welterfolg. Sechs Oscar-Auszeichnungen sprechen für sich: »Bester Film«, »Beste Kamera«, »Bestes Drehbuch«, »Beste Musik«, »Beste Ausstattung«, »Beste Kostüme«.

Die Musik von George Gershwin lässt den Theaterbesucher von vergangenen Zeiten träumen. Der bereits mit 38 Jahren an einem Gehirntumor verstorbene Pianist, Dirigent und Komponist zählt »Rhapsody in Blue«, »Porgy and Bess« sowie »An American in Paris« zu seinen bekanntesten Werken.

Vor 90 Jahren, 1928, wurde das Werk in New York uraufgeführt. Mit dem »Amerikaner« stieg der erst 30 Jahre alte Gershwin in den Olymp der amerikanischen Komponisten auf. Seine Musik galt als die Verkörperung des modernen Amerika. Er selbst bezeichnete »An American in Paris« als seine bislang modernste Musik. Sein Ziel: »Die Eindrücke eines amerikanischen Reisenden wiederzugeben, der durch Paris schlendert, auf den Straßenlärm hört und die französische Atmosphäre in sich aufnimmt.« Im Unterschied zu der vier Jahre älteren »Rhapsody in Blue« orchestrierte Gershwin dieses Stück auch selbst. Bei der Uraufführung wurde es von den New Yorker Philharmonikern in der Carnegie Hall dargeboten. Kurz nach der ersten Darbietung hieß es von einem Kritiker: »Mit dieser Tondichtung, die den Geist eines ganzen Jahrzehnts widerspiegelt, schuf Gershwin ein musikalisches Paradoxon, nämlich eine Zeitmusik, die immer zeitgemäß sein wird.« Und das zeigt sich auch heute, im Jahr 2018, bei den gänzlich ausverkauften Vorstellungen seines »Amerikaners« im Linzer Musiktheater.

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Milo Davenport (Daniela Dett) und Jerry Mulligan (Gernot Romic)


Seine szenische Uraufführung feierte das Stück in der Stadt, um die sich alles dreht: in Paris. Am Théâtre du Châtelet kam es am 10. Dezember 2014 erstmals unter Regie und mit Choreographien von Christopher Wheeldon auf die große Bühne, gespielt wurde bis Januar 2015. Schließlich wanderte das Stück über den Ozean – im April kam es ans Palace Theatre am Broadway, ebenfalls als Inszenierung von Christopher Wheeldon. Mit Ende 2015 startete auch eine Tour durch das gesamte Gebiet der Vereinigten Staaten. Am West End feierte »An American in Paris« am 21. März 2017 Premiere.

In Linz wurde mit den Original-Songs (Texte von Georges Bruder Ira Gershwin, der erste Songtexter übrigens, der den Pulitzer-Preis gewann) in englischer Sprache gearbeitet – die Dialoge wurden auf Deutsch übersetzt. Für die musikalische Leitung war Tom Bitterlich verantwortlich. Das Besondere an dem Stück für ihn: ein symphonisches Orchester im Einsatz bei einem Musical.

Allzu oft kommt das Stück jedoch sogar gänzlich ohne Sprache aus. Sei es, dass man den Tanz nicht als Sprache interpretiert. Denn dieser steht ganz im Zen-trum der Aufführung. »Ein Amerikaner in Paris« ist ein tanzlastiges Stück, das den Eindruck erweckt, dass so mancher Darsteller hier beinahe an seine Grenzen stoßen müsste. So werden teilweise bis zu zehn Minuten lang dauernde Balletteinlagen dargeboten. Höhepunkt ist beispielsweise die 17-minütige Traumsequenz, in der sich Jerry Mulligan seine Zukunft ausmalt, die bis heute zu den Highlights des amerikanischen Musicals zählt. Mit dem Charme des Fred Astaire-Stils werden dem Publikum qualitativ äußerst hochwertige Sequenzen geboten. Und es zeigt sich abermals: Das Allround-Talent des gesamten Ensembles bedarf keiner Kritik. Eine einmalige und erstklassige Leistung bei einem herausfordernden Stück. Hinzu kommen noch die zahlreichen Kostümwechsel, die die Aufführung vor allem für die Hauptdarstellerin mit sich bringt.

Den Amerikaner in Paris mimt Gernot Romic, selbst seit geraumer Zeit Ensemble-Mitglied in Linz. Er gilt als »Allrounder«, der Schauspiel, Gesang und Tanz auf demselben Level beherrscht, und genau das durfte er in diesem Stück beweisen – eine außergewöhnliche Leistung, ein Jerry Mulligan mit Kraft, Stärke, aber auch Verletzlichkeit in den Irrungen der Liebe. Klar zu sehen ist Romics erstklassige Tanzausbildung, die es ihm erlaubt, auch nach Nummern wie ›Fidgety Feet‹ noch ohne jegliche Atemnot zu singen.

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1. Zerrissenheit: Nach dem Krieg soll Jerry (Gernot Romic, r.) mit seinen Kumpanen (Ensemble) wieder zurück in die amerikanische Heimat, doch zu viele Gründe halten ihn in Frankreich


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2. Die Jüdin Lise Dassin (Myrthes Monteiro, r.) muss sich entscheiden – zwischen ihrem Herzen und dem, was von ihr verlangt wird. Sie versucht, Jerry (Gernot Romic) das klarzumachen


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3. Die Mäzenin Milo Davenport (Daniela Dett) verliebt sich in Jerry Mulligan (Gernot Romic)


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4. Eines der vielen Highlights des tanzlastigen Stückes: Die Nummer ›Fidgety Feet‹, in der Jerry Mulligan (Gernot Romic) gemeinsam mit dem Ensemble einen Kontrast zum klassischen Ballett präsentiert


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1. Die zahlreichen, qualitativ hochwertigen Ballettsequenzen spiegeln die Liebe zwischen Lise (Myrthes Monteiro) und Jerry (Gernot Romic) gekonnt wider


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2. Die zahlreichen Ensemblenummern beweisen abermals: Das Tanz-ensemble des Linzer Musiktheaters kann sich sehen lassen


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3. Lise (Myrthes Monteiro) und Jerry (Gernot Romic) an ihrem Lieblingsplatz im Park. Dort können sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen, ohne über die Konsequenzen nachzudenken


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4. Lises (Myrthes Monteiro) großer Traum: eine richtige Ballerina zu sein. Bis es dazu kommt, muss sie ihren Lebensunterhalt allerdings als Verkäuferin verdienen


An seiner Seite wurde die gebürtige Brasilianerin Myrthes Monteiro (»Aladdin«, »Tanz der Vampire«), die ihre Ausbildung in Tanz, Gesang, Schauspiel und Circus in Sao Paulo absolvierte, extra für dieses Stück nach Linz geholt. Die Rolle der Lise Dassin ist wie für sie gemacht. Die Ballerina überzeugt mit herausragenden Tanzsequenzen und einer lieblichen Darstellung der Jüdin, die sich zwischen Pflichtbewusstsein und ihrem Herzen gefangen sieht, sowie einer stimmlich starken Leistung. Keinen Deut schlechter präsentierten sich Christof Messner und Christian Fröhlich in den Rollen von Mulligans besten Freunden. Zwei unterschiedliche Charaktere, die ihre Rollen quasi assimiliert haben: auf der einen Seite der Konzertpianist Adam Hochberg, der unsterblich in Lise verliebt, aber zu schüchtern ist, um ihr dies zu zeigen. Auf der anderen Seite der gut betuchte Franzose Henri Baurel, dem Dassin bereits versprochen ist. Zu dritt ergeben Romic, Messner und Fröhlich ein perfektes Team.

Eine der besten Leistungen des Abends liefert jedoch das Linzer Ensemble-Mitglied Daniela Dett in der Rolle der Milo Davenport ab. Die Mäzenin, die Mulligan in seiner Arbeit als Maler unterstützen möchte (natürlich nicht ohne Gegenleistung), mimt sie mit Überzeugung und Eleganz.

Hervorzuheben ist in Linz abermals das aussagekräftige Bühnenbild von Charles Quiggin. Gearbeitet wird mit einfachen, klassischen Konstrukten (Abendstimmung im Park, das Haus der Mäzenin, Pariser Flair in den Straßen), aber auch Projektionen und Lichtspielen (Für das Licht verantwortlich zeichnet Michael Grundner). So gibt es beispielsweise Szenen, in denen Jerry Mulligan im Park sitzt und in seinem Skizzenbuch malt, während dieses Kunstwerk gleichzeitig auf der großen Leinwand für den Zuschauer erscheint. Die passend eingesetzte Drehbühne tut ihr Übriges.

Die Choreographie des Stückes stammt ursprünglich von Gene Kelly und ist gespickt mit Balletteinlagen. In Linz zeigte sich Regisseur Nick Winston dafür verantwortlich und das Vorhaben ist gelungen. Die Tanzsequenzen sind flott, spritzig und äußerst emotio-nal. Die Kostüme von Aleš Valášek entsprechen dem Stil und der Zeit.

»Ein Amerikaner in Paris« vereint einen Film-Klassiker mit modernen Elementen und lässt den Zuschauer für drei Stunden in eine andere Welt eintauchen. Chapeau vor einer Orchester- und Ensem-ble-Leistung, die sicherlich auch international kaum zu toppen ist. Dabei lässt sich bei der flachen Storyline sogar ein Auge zudrücken.


Fotos (2): Barbara Pálffy

Fotos (4): Barbara Pálffy

Fotos (4): Barbara Pálffy

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