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BRITANNIEN AUF ABWEGEN


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Auto Bild - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 10.02.2022

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Bildquelle: Auto Bild, Ausgabe 6/2022

40 Jahre nach seinem Dakar-Sieg wagt sich der VW Iltis noch mal auf eine Rallye ? durch England statt durch die Wüste

WAS IST LE JOG?

Le Jog nennen die Briten die Strecke von Land’s End im äußersten Südwesten ins schottische John o’Groats im Nordosten der Insel. Luftlinie sind es 970 Kilometer, auf der Straße 1407 Kilometer. Die Strecke wird nicht nur regelmäßig mit dem Auto und zu Fuß zurückgelegt, sondern bereits auch mit dem Rad, per Pferd, Rollstuhl, Skateboard und sogar Golf spielend.

EINES MUSS MAN ihnen lassen – nachtragend sind sie nicht, da drüben auf ihrer Insel. Überall, wo der VW Iltis im Königreich auftaucht, schlägt ihm Interesse entgegen, Neugier und bisweilen sogar Begeisterung. Dabei ist der Urgroßvater des Tiguan eigentlich das Ergebnis eines Bundeswehr-Auftrags, und gegenüber deutschen Militärfahrzeugen gäbe es hier ja durchaus Grund genug für eine gewisse Skepsis. Entsprechend froh waren wir, dass VW einen der wenigen zivilen Iltis aus dem Museumsfuhrpark geholt hat und unser ...

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Wir sind ja auch in friedlicher Absicht gekommen, haben uns durch die Pandemie-Prozeduren gequält und rollen zum südwestlichsten Zipfel Cornwalls, von wo aus sich morgen rund 70 Oldtimer auf den Weg nach Schottland machen werden wie fast jedes Jahr im Dezember, seit 1993. „Le Jog“ heißt das Abenteuer, das nun schon zum 26. Mal immerhin zwei, drei Dutzend Klassiker über den Kanal lockt, weil es härter ist und herausfordernder als jede andere Oldtimer-Rallye, die sonst irgendwo in Europa gestartet wird. Die Mille Miglia inbegriffen.

Aber der Iltis, sonst auf Oldtimer-Ausfahrten eher ein seltener Gast, ist für diese Tortur wie geschaffen. Denn die Fahrt von Land’s End ganz im Südwesten der Insel nach John o’ Groats hoch oben am nördlichsten Zipfel Schottlands ist keine gewöhnliche Landpartie. Und das liegt nicht nur am Termin kurz vor Weihnachten und am Wetter, das in Großbritannien ja schon im Sommer nicht sonderlich schön ist und den Teilnehmern im Winter gerne eine besonders kalte Schulter zeigt. Sondern es liegt vor allem an der Routenführung: Was die Briten noch als Landstraße durchgehen lassen, wäre bei uns nicht mal ein Feldweg, so schmal und unbefestigt ist das Gros der Strecke. Deren Feldwege würden hier sogar die Wanderer meiden, müssen dort aber auch mal für Überführungsetappen herhalten. Kein Wunder, dass die Scouts zwei Jahre gebraucht haben, bis die Route beisammen war. Der Linksverkehr ist da jedenfalls mein geringstes Problem, und in einem Geländewagen fühle ich mich gut aufgehoben. Zumal der Iltis ja hier als Rennwagen teilnimmt. Schließlich hat VW nicht alle ans Militär verkauft, trotz des stolzen Preises von 35 000 Mark auch ein paar private Kunden dafür gewinnen können und den Golf fürs Grobe sogar zur Dakar geschickt – mit Erfolg: 1980 fahren Freddy Kottulinsky und Gerd Löffelmann tatsächlich als Erste durchs Ziel.

In deren Geiste jagen wir jetzt durch Cornwall, England, Wales und Schottland und fordern der Replika des Rennwagens ähnlich viel ab, wie es vor über 40 Jahren das Dakar-Team getan hat. Ab Werk mit dem 75 PS starken 1,7- Liter des Audi 80 eher mager motorisiert, lässt sich der Vierzylinder hier immerhin um die 100 PS entlocken.

„Gegen die Rallye Le Jog ist sogar die Mille Miglia ein Kindergeburtstag!“

Thomas Geiger, Autor

Auf den wenigen Autobahn-Etappen ist damit zwar nichts zu reißen. Denn während der Wind in Orkanstärke durch den flatternden Aufbau fährt und der Fußraum im steten Wechsel zwischen glutheißer Abwärme oder eisiger Frischluft zum aeroben Kneippbecken wird, zittert sich die Tachonadel nur mühsam auf mehr als 120 km/h. Aber auf den vielen Nebenstraßen und Feldwegen beißt sich der Iltis tapfer durch und bisweilen sogar mal im Heck eines Porsche fest. Und spätestens an der nächsten Furt schlägt seine große Stunde. Denn wo den Mini, den MG und den Mercedes das Wasser durch die Türen schwappt, verschont uns der VW mit einem Fußbad.

Klar, auch bei den Sonderprüfungen hat der Iltis keine Chance. Denn für einen Slalom auf der Kartbahn und für einen Hindernis-Parcours auf dem Bauernhof gibt es handlichere Autos – selbst wenn die Vorderachse noch nicht zugeschaltet ist, liegt der Wendekreis bei stolzen zwölf Metern, und der Fahrer muss am winzigen Sportlenkrad des Dakar-Autos ordentlich kurbeln. Und langsamer aus dem Quark als unser VW kommt hier – außer vielleicht der ersten Ente auf der Tour – auch kein anderes Auto. Aber dafür ist der Iltis spätestens dann unschlagbar, wenn auch der letzte Rest Asphalt unter Schlamm oder weiter oben im Norden gar Schnee verschwindet. Als wir erst einmal den zuschaltbaren Allrad und die Sperren begriffen haben, kennt Nummer 54 kein Halten mehr.

Dummerweise gilt das auch für die Technik. Der Motor läuft zwar tapfer durch und macht bis auf die bei einem Verbrauch um die 20 Liter erschreckend häufigen Tankstopps keine Mucken. Und bremsen muss man ja im Kampf gegen die Uhr nur selten. Doch die Elektrik zeigt sich von ihrer launischen Seite und lässt uns immer mal wieder im Halbdunkel stehen – macht ja nichts, es wird schließlich schon um zehn Uhr hell, und die Sonne geht erst nach fünf wieder unter …

Aber nicht nur für die Mechanik ist die Le Jog eine Härteprüfung, sondern auch für die Menschen. Der Fahrer stöhnt über Etap-pen, von denen die längste schon laut Plan 22 Stunden dauert. Und der Co-Pilot flucht über den Veranstalter, der die Route mit diebischer Freude zu einem Rätsel macht. Statt uns einfach Fahranweisungen zu geben wie bei jeder anderen Rallye, gibt’s zum Straßenatlas noch ein Heft voller Aufgaben, aus denen der Navigator mit Kompass, Maßstab und Geodreieck, mit detektivischem Gespür und Augen wie ein Luchs die Strecke zusammenpuzzeln muss.

„Wollen die uns verarschen mit dieser Route? Ja! Und genau deshalb sind wir hier.“

Thomas Geiger, Autor

Nach drei Stunden über Karte und Roadbook fühle ich mich so ausgelaugt wie nach der schriftlichen Matheprüfung im Abi. Und das war nur das Vorspiel, abgehalten im mollig warmen Land’s End Hotel bei Cream Tea und Scones. Die vier weiteren Dossiers, jedes so dick wie ein Telefonbuch und so verständlich wie das – sagen wir mal – von Peking, gibt es erst unmittelbar vor dem Start der jeweiligen Etappe. Während mein Fahrer also schon Meter macht, sitze ich nebendran, habe einen beleuchteten Blumentopf mit einer Lupe über die Landkarte auf dem Schoß gestülpt und versuche im Dunkeln auf einer kurvigen Strecke die Rätsel zu lösen, hinter denen die Rennleitung die Routenempfehlungen versteckt hat. Wasserdurchfahrten? Darüber lachen sie bei Le Jog nur. Eine Orientierungsprüfung auf einem Truppenübungsplatz? Natürlich erst nach Mitternacht! Ein Fässer-Slalom auf dem Hof einer Whisky- Brennerei? Na klar, wir sind schließlich auf dem Weg durch Schottland! Und wer sagt eigentlich, dass eine Rallyeroute nicht mal mitten durch einen Kuhstall führen darf?

Nur gut, dass die Teilnehmer hier nicht gegeneinander fahren, sondern sich irgendwie alle gegen die Rennleitung verschworen ha-ben und deshalb jeder jedem hilft. Und nur gut, dass die Briten so große Petrolheads sind. Denn selbst nachts um zwei im Nieselregen im Nirgendwo steht an einer kniffligen Kreuzung garantiert ein Zaungast, der zur Tarnung ein bisschen Tee in seinen Whisky gekippt hat, und weist den vermeintlichen Ruhestörern den Weg, während sie bei uns wahrscheinlich die Polizei rufen oder gleich eine Straßensperre errichten würden.

Und trotzdem wundere ich mich immer wieder, dass wir eigentlich nie alleine sind und offenbar immer halbwegs die Route getroffen haben. Stempel um Stempel, Checkpoint um Checkpoint und Sonderprüfung um Sonderprüfung kämpft sich Team 54 deshalb nach Norden, und als nach der Ewigkeit von drei Tagen der letzte Morgen anbricht, sind es bis John o’ Groats noch fünf Stunden, noch ein schlechtes englisches Frühstück, noch eine Sonderprüfung, noch einmal der Kampf gegen die Uhr und gegen den Besenwagen, und dann wird die Strecke ganz einfach. Denn zum Ende der Welt, oder dem, was die Briten dafür halten, gibt es nur eine Straße, selbst die Sadisten aus der Rallyeleitung können sich für Mensch und Maschine keine weitere Qual mehr einfallen lassen, und zum ersten Mal seit 2500 Kilometern und über 60 Stunden am Steuer findet der Fahrer auch ohne meine Kommandos den Weg. Stattdessen kehrt eine ebenso ehrfürchtige wie erlöste Stille ein im Auto, als der Iltis endlich durch den grünen Zielbogen rollt. Mit welcher Platzierung? In was für einer Zeit? Mit wie vielen Punkten? Who cares! Nach diesem Höllenritt ist jeder, der in John o’ Groats ankommt, auf jeden Fall ein Gewinner, denke ich und freue mich schon auf die Rückfahrt. Nein, nicht weil ich Loch Ness, die Cairngorms und den Hadrian’s Wall jetzt auch mal bei Tag sehen kann. Sondern weil ich auf den vielen Kilometern bis zurück an den Kanal genügend Zeit habe, um uns neue Ziele zu suchen!