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BRITISH AIRWAYS


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Auto Bild allrad - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 03.11.2022

FASZINATION

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Ready for Take-off: Mit seinem butterweichen Rallye-Fahrwerk wird dieser Land Rover im Gelände schnell zur Luftnummer

ZU LANDEUND ZUR NOTgern auch mal durchs Wasser. Aber in der Luft? Dass dem Defender in der Pampa keiner was vormacht, das haben wir in über einem halben Jahrhundert verinnerlicht. Und daran hat auch der erste und einzige ernsthafte Generationswechsel vor drei Jahren nichts geändert. Selbst wenn aus dem Dinosaurier ein modernes Auto mit allerlei Elektronik geworden ist. Doch dass sich der Geländewagen nun sogar in die Lüfte aufschwingt? Das hätte ich nicht für möglich gehalten, erst recht nicht bei über zwei Tonnen Lebendgewicht.

Zumindest nicht bis zu meiner Fahrt auf dem Testgelände in Fen End bei Birmingham, wo die Ingenieure der Briten ihrem Spieltrieb freien Lauf lassen. Es dauert keine fünf Minuten, dann steht nicht nur eine dicke Staubwolke über dem Waldstück. Gleichzeitig ist die Karosserie paniert mit Schlamm wie der Fisch zu den Chips, den sie hier so gern essen. Schon in der ...

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... zweiten Runde wird die große Bodenwelle auf der Gegengeraden zur Startrampe, und der Defender hebt ab: Mit allen vieren in der Luft fliegt er erst zehn, dann 15 und am Schluss sogar 20 Meter weit, klatscht danach mit einem satten Schmatzen in den Schlamm und jagt weiter, als wäre es das Normalste der Welt. Vielleicht sollte ich mich bei British Airways bewerben – oder zumindest eine Vielflieger-Karte bei den Briten beantragen.

Mein Testwagen ist kein gewöhnlicher Defender. Ich kauere in einem Bowler, vom Hosenträgergurt in einen Schraubstock von Sitz geschnürt, bis auch das letzte Quäntchen Luft mit einem leisen Pfeifen aus der Lunge entweicht. Mit einem Dutzend dieser Fahrzeuge wollen die Briten Laien am Lenkrad bei einem Markenpokal fit machen für den Rallyesport. Gerade läuft die erste Saison in England. Und bald will Bowler damit auch über den Kanal, sodass private Pampa-Racer nicht einmal einen Reisepass brauchen. Nach einer Rennlizenz fragt auch keiner. Für fast schon bescheidene 99 500 Pfund oder knapp 115 000 Euro gibt’s das Auto und dazu auch noch Service und Logistik für mehr als ein halbes Dutzend Einsätze im Jahr.

Dafür hat Land Rover eigens den in den 1990ern von Drew Bowler gegründeten Rennstall übernommen, in seine Special Vehicle Operations integriert und ihm früh Zugang zu Konstruktion und Produktion des Defender gewährt. Und die Spezialisten haben davon weidlich Gebrauch gemacht. Binnen neun Monaten haben sie den Defender wieder zurückgerüstet zum rustikalen Arbeiter, als den wir ihn lieben gelernt haben. Einfach sei das alles nicht gewesen, sagt Bowler-Chef Calum Mckechnie. Denn obwohl Bowler schon seit Urzeiten am Defender schraubt und das Original bis nach Dakar getrieben hat, gab’s beim neuen Modell harte Nüsse zu knacken. Weniger bei der Mechanik. Da waren die Modifikationen zwar aufwendig, aber alte Schule und deshalb längst gelernt. Die Bodenfreiheit um drei Zentimeter zu erhöhen, ein robustes Fahrwerk mit Fox-Dämpfern einzubauen, den Unterboden zu panzern und dafür sogar die Türen zu kürzen, einen Käfig in die Kabine des Dreitürers zu schweißen und das Ersatzrad nach drinnen zu holen – das alles war für die Dreckskerle aus Derbyshire deshalb ein Kinderspiel. Genau wie die neue Pumpe für die Scheibenwaschanlage einzubauen, die jetzt mit der Kraft einer Feuerwehrspritze den Schlamm aus dem Panorama schwemmt. Und hey, dass sie dabei alle Kunststoffverkleidungen aus der Kabine geworfen haben und man jetzt vielerorts aufs blanke Blech schaut, ist auch kein Schaden. Was nicht da ist, kann nicht knarzen oder brechen. Und lastet nicht auf der Waage.

„Aber bis wir alle Steuergeräte umprogrammiert oder überlistet hatten, sind wir ganz schön ins Schwitzen gekommen“, erzählt Mckechnie. „Denn wir wollten, dass der Defender Dinge tut, die er als Serienmodell eben genau nicht tun darf.“ Das beginnt beim Anlassen des Motors, selbst wenn noch eine Tür offen ist. Und das endet beim Drift mit durchdrehenden Rädern. Während die Kollegen aus der Serie alles dafür getan haben, dass der Defender stabil bleibt und stur seinen Weg über Stock und Stein geht, sodass sich auch Schreibtischtäter fühlen können wie große Abenteurer, macht der Bowler genau das, was der Fahrer will. Ohne Wenn und Aber.

Und der Fahrer will in diesem Fall vor allem spielen – erst recht, wenn es auf der Strecke keine Gegner gibt. Also lasse ich den 300 PS starken Vierzylinder-Benziner aufbrüllen und die 400 früh anliegenden Newtonmeter ihren segensreichen Dienst tun: Ganz kurz bäumt sich der Bug auf, und alle viere scharren im Staub. Dann bricht sich der Bowler Bahn, walzt durchs Gebüsch wie ein Nashorn auf der Pirsch und wedelt im Slalom um die engen Kehren, bis der Kreislauf so richtig auf Touren kommt. Und nein, Angst um das übliche Kleingetier ist dabei fehl am Platz: Der neue Bowler-Auspuff macht so einen Krawall, dass der Vierzylinder mehr Eindruck schindet als ein V8 – und Fuchs und Hase längst Reißaus genommen haben.

Keine Elektronik bremst dabei seinen Tatendrang. Falls es im Eifer des Gefechts nicht bis zum neu platzierten Schaltknauf langt, kann ich mit den Wippen aus dem 3D-Drucker erstmals direkt am Lenkrad schalten. Und wenn das Heck ausbricht, muss ich es schon selber wieder einfangen. Doch ein kurzer Ruck am Steuer, ein beherzter Tritt aufs Gaspedal, schon dreht sich die Nase wieder in den Wind, und ich jage durchs Unterholz wie Robin Hood durch den Sherwood Forest. Es geht so schnell durch riesige Pfützen, dass der Schlamm im hohen Bogen spritzt. Beim Powerslide auf der Schotterpiste prasseln die Steine im Radkasten wie Schrotkugeln. Und als mir die Rennleitung über Funk die Starterlaubnis gibt, hämmere ich das Gaspedal vor der Sprungkuppe schlagartig aufs Bodenblech und fühle mich wie Major Tom beim Raketenstart – völlig losgelöst.

BOWLER LAND ROVER DEFENDER 90 CHALLENGE

MotorVierzylinder, Turbobenziner, vorn längs

Hubraum1997 cm 3

Leistung bei 1/min221 kW (300 PS) bei 5500/min

Drehmoment bei 1/min400 Nm bei 1500/min

AbgasnormEuro 6d

RadaufhängungEinzelrad/Schraubenfedern

Reifen255/70 R 18 BF Goodrich All Terrain K/O

GetriebeAchtstufen-Wandlerautomatik; Geländeuntersetzung 2,93:1

Allradantrieb/Kraftverteilungpermanent über sperrbares Zentraldifferenzial/v:h 42:58

L/B/H4480/2008/2004 mm

Radstand/Wendekreis2587 mm/12,0 m

Bodenfreiheit255 mm

Leergewichtca. 2200 kg

Beschleunigung 0–100 km/hca. 8,0 s

Höchstgeschwindigkeit190 km/h

Tankgröße90 l

Preis99 500 Britische Pfund (rund 115 000 Euro)

„Beim Kickdown fühle ich mich wie Major Tom beim Raketenstart.“

Thomas Geiger, Autor

Der Motor jault auf, weil die Räder plötzlich durchdrehen. Wo ich eben noch Wildwuchs gesehen habe, starre ich jetzt in die Wolken, und ich weiß nicht, ob es das Blut ist, das in meinen Ohren rauscht, oder der Wind, während der Rest der Welt da draußen für ein paar Sekundenbruchteile in einer unwirklichen Stille erstarrt. Bis ich mit einem Krachen wieder hart im Hier und Heute lande, die grobstolligen Reifen wieder greifen, die Federn tief eintauchen und der Motor wieder seine Macht spielen lässt. Während ich mich in Gedanken noch schüttle wie ein Pudel nach dem Bad und erst einmal die Blickachsen sortieren muss, ist der Bowler schon wieder auf Touren. Und wenn ich nicht bald meine Sinne beisammen habe, gibt’s hier doch noch eine Bruchlandung.

Also runter vom Gas, rauf auf die Bremse, rein in die Kurve und dann wieder: gib ihm! Bangemachen gilt nicht im Bowler, wir sind hier schließlich nicht im Waldkindergarten, sondern bei einem Training, das die Land-Rover-Fahrer im besten Fall und über mehrere Entwicklungsstufen bis nach Dakar bringen soll.

Aber diesen Höllenritt sollen andere machen. Mein Defender setzt für heute zur letzten Landung an, schmatzt satt auf den Schotter, und rollt zurück zum Zelt der Mechaniker wie ein Flugzeug an den Finger. Während sich der Staub über Fen End so langsam legt und ich schon mal den Gurt lockere, damit wieder ein wenig Luft in die Lungen kommt, fühle ich mich fast wie ein Pilot nach der Landung und würde meinem Beifahrer am liebsten durchs Mikrofon zurufen: „Cabin Crew, all doors in park!“ – wenn ich dafür noch genügend Puste hätte.

Thomas Geiger