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BROADWAY-MELODIEN


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Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 30.06.2022

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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 7/2022

Regina Spektor Home, Before And After WARNER ★★★★☆

Wahrscheinlich hat Regina Spektor eine reiche Plattensammlung. Einerseits besitzt sie die Platten von Fleetwood Mac, von Joni Mitchell, Kate Bush, Suzanne Vega, Tori Amos, Aimee Mann, von David Byrne, Lou Reed und den Strokes. Andererseits hört sie die Werke von Schostakowitsch, Mahler und Strawinsky, von Schönberg und Philip Glass. Und zweifellos hat sie in den vergangenen Jahren auch verfolgt, was in der elektronischen Musik passiert. Sie liebt Pianoballaden. Sie liebt Orchesterarrangements. Sie liebt Popmusik.

Sechs Jahre hat Spektor keine Platte aufgenommen, also einen großen Teil ihrer 20-jährigen Karriere. „Remember Us To Life“ wiederum ging eine vierjährige Pause voraus. Während sie ihre ersten Alben in schneller Folge (und ohne Plattenfirma) herausbrachte, hat sie seit dem erstaunlichen Erfolg von „Begin To Hope“ (2006) keine Eile ...

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... mehr. Peter Gabriel, Ben Folds, die Strokes arbeiteten mit Regina Spektor. Sie schrieb ein Lied für „Die Chroniken von Narnia“.

Und kaum eine amerikanische Serie kam ohne einen Song der jüdischen Amerikanerin aus der Bronx aus.

„I went walking home alone/ Past all the bars/Hey, let’s grab a beer/ It’s awful late/ I’m becoming all alone again/ Stay, stay, stay“: Man sieht die Bilder dazu vor sich. Der Gesang, das Klavierspiel, das einsetzende Orchester, dann wieder nur die Stimme. Diese Songs sind kinematografisch, sie vollziehen in vier Minuten atemraubende Dramaturgien: „Up The Mountain“, da klettern die Streicher und schmettern die Bläser, und der Electrobeat galoppiert. In der flirrenden Klavier-Etüde „Raindrops“ zitiert Spektor beiläufig Burt Bacharachs „Raindrops Keep Fallin’ On My Head“. Sardonisch ist „One Man’s Prayer“, das ungefähr so klingt wie „I’m a big, big girl in a big, big world“, aber in Rollenprosa eine Männerfantasie erzählt: Ich bin der König, und das Mädchen bettelt um einen Ring. „I’m not your doll, I’m not your pet“, singt sie in „SugarMan“. „But I’m not the same since we met.“

„Home, Before And After“ ist der berückende Soundtrack eines Märchens und das Märchen selbst.

Oder sagen wir: ein Musical mit losem Plot und lauter Hits. „Everyone loves a story about far, far away/About long ago/ And what might have been.“

Interpol

The Other Side Of Make-Believe

★★★★☆

Der Post-Punk-Soundtrack für unsichere Zeiten

Während am Himmel die Meteore vorbeisausen, sucht Paul Banks Halt in einem Lied: „It’s time we made something stable/ We’re in the sights of perfect danger“, klagt er in „Fables“ und nimmt später im hymnischen Refrain Abschied von der alten Welt, die ihre Werte verraten habe.

Tatsächlich stemmt er sich nicht nur in diesem Song dem Zeitgeist entgegen, „The Other Side Of Make-Believe“, das siebte Interpol-Album, liefert den Post-Punk-Soundtrack für unsichere, unruhige Zeiten und versammelt in Songs, die intimer und verletzlicher klingen, als man es von dieser Band aus New York kennt, gute Vorsätze und düstere Prophezeiungen.

Schon im Song „Toni“, der das Album eröffnet, blickt Banks zu einem oszillierenden Klaviermotiv bang in die Zukunft, singt gegen den bedrohlichen Strudel an, in dem sich die Welt befindet: „The aim now is perfection always/ The aim now is fuckin’ leave it behind“, fordert er, bevor sich Gitarrist Daniel Kessler austoben darf. Nicht nur in den Texten herrscht allgemeine Aufregung.

Zwar haben Interpol auch diesmal mit den mit knuffigen Gitarrenparts verzierten Nummern „Renegade Hearts“ und „Gran Hotel“ Songs im Repertoire, die schon beim ersten Anhören wie Indie-Rock-Klassiker klingen. Doch meist übersetzen sie die Nervosität des Zeitgeists in perfide verschobene Rhythmen, bei denen vor allem Drummer Sam Fogarino Höchstarbeit leistet und die Produzenten Flood und Alan Moulder das Beste aus dem Material herausholen. „Into The Night“ ist so ein fieses, sperriges polyrhythmisches Ungetüm, bei dem die Gitarre gegen Bass und Schlagzeug anspielt und sich alle gemeinsam mit Banks’ Gesangslinie anlegen. Auch „Greenwich“ und „Go Easy (Palermo)“ klingen mit ihren stolpernden Rhythmusschichten eigentlich eher nach Progals nach Post-Rock. Und in „Something Changed“ blickt Banks zu einem zuckenden Beat mit einer Mischung aus Neugier und Panik wieder einmal in die Zukunft: „I want to see/What kind of place they’d lay for me.“ (Matador/Beggars)

GUNTHER REINHARDT

Lyle Lovett

12th Of July

★★★★☆

Virtuoses Comeback des texanischen Troubadours

Im 21. Jahrhundert waren neue Lieder aus Lyle Lovett nur noch herausgetröpfelt, bis er sich ganz aufs Covern verlegte. Auf dem ersten neuen Album in zehn Jahren gibt es nun immerhin sieben Originale, dazu Songs von Nat King Cole und Dave Frishberg und einen Jump-Blues von Horace Silver. Bei den Covers darf die Large Band zeigen, was in ihr steckt, Lovett singt mit der stimmlichen Entsprechung einer Deadpan-Miene. Seine eigenen Songs – Balladen, Walzer, Ragtime – zeigen den texanischen Troubadour als Liebenden, stolzen Vater und passionierten Schweinefleischesser. Im famosen „Pants I Overrated“ kommt alles zusammen: Jazz und Country, schrulliger Witz und Virtuosität. Diese herrliche Mischung findet man nur bei Lovett. (Verve/Universal Jazz)

MAIK BRÜGGEMEYER

Shearwater

The Great Awakening

★★★★☆

Feine Stimme in gehobener Klanglandschaftsmalerei

Nach sechs Jahren Shearwater-Pause ist Jonathan Meiburg aus seinem Projekt Loma der Co-Produzent Dan Duszynski geblieben, der nun auf bewährte Kräfte wie die Keyboarderin Emily Lee und Drummer Josh Halpern trifft. War der Vorgänger, „Jet Plane And Oxbow“, oft stadionkompatibel, sparen sich diese elf Tracks bis auf „Empty Orchestra“ vereinnahmende Rock-Pop-Gesten. Es entstand gehobene Klanglandschaftsmalerei, die Meiburgs Stimme etwa in „Aqaba“ so nah wie nie zuvor heranrückt.

Treu geblieben ist er eingestreuten Field-Recordings und der Liebe zur Vogelwelt. Klingt „Detritivore“ nicht, als ob schon die Aasgeier kreisen, und das sanft pulsierende „Xenarthran“, als müsste gleich ein Schwarm Wildgänse aufsteigen? (Secretly Canadian/Cargo)

JÖRG FEYER

The Burning Hell

Garbage Island

★★★★☆

Buntes Post-Punk-Potpourri der ewig Unterschätzten

Auch das neunte Album des Anti-Folk- Trios aus Mathias Kom, Ariel Sharratt und Jake Nicoll wächst in Haltung und Ästhetik aus dem Post-Punk der frühen Achtziger. Sie spielen fröhlichen Schrummelpunk, pimpen hübsche Popmelodien mit schicken oder wenigstens ulkigen Instrumenten, Arrangements und Gästen auf. In den Texten erzählt Kom mit viel Rückgrat melancholische und apokalyptische Geschichten und klingt wie ein erwachsener Jonathan Richman oder ein unpenetranter Adam Green. Sie wünschen sich in einem niedlichen Punkknaller mit Surfchor und Saxofon die erste Freude an den B‐52’s zurück, variieren XTCs alte Pläne für Nigel – und verwerfen die Idee sonnigen Friedens: „You can’t smash the fascists with sappiness!“ (BB*Island)

MARKUS SCHNEIDER

Beabadoobee

Beatopia

★★★★☆

Bezaubernder Punk-Pop-Spaß der Londonerin

Mal im Ernst, hinter dem gehypten und mit Grunge-Gitarren aufgedonnerten Pop-Punk der philippinischbritischen Songschreiberin Beatrice Laus alias Beabadoobee verbirgt sich ein alter Hut namens Indie-Rock, nach Art der Neunziger und frühen 2000er. Aber die 22-Jährige versprüht melodiösen Überschwang wie andere Bühnennebel. Ihr zweites Album ist so knallig-bunt ausgemalt wie ihr Debüt, „Fake It Flowers“ (2020), wirkt jedoch stilistisch ausgefeilter und selbstbewusster. „Don’t Get The Deal“ klingt, als hätten sich die Smashing Pumpkins ein harmloses Lied von Clairo einverleibt. Die Bubblegum-Ballade „Ripples“ aalt sich in Streichern, „The Perfect Pair“ baut eine Brücke zwischen Bossanova-Rhythmus und Bedroom-Pop. (Dirty Hit)

MAX GÖSCHE

Bartees Strange

Farm To Table

★★★★☆

Genre-Durcheinander trifft auf berückende Balladen

Bartees Strange tobt sich gern zwischen Stilen aus. Indie-Rock lädt sich mit Elektropop auf („Wretched“), es gibt Platz für jazzige Bläserbreaks („Heavy Heart“), und wenn er sich in „Cosigns“ darüber freut, endlich Karriere machen zu dürfen („I’m in L.A., I’m with Phoebe, I’m a genius, damn!“), trifft HipHop auf einen Dance-Beat. Die besten Songs auf „Farm To Table“ sind trotzdem drei Stripped-down-Balladen, die das Persönliche und Politische vermengen: Im intimen „Tours“ stellt er fest, dass sein Leben gar nicht so anders ist als das seines Vaters, der beim Militär war. Im souligen „Hennessy“ beschwört er das Zusammengehörigkeitsgefühl der afroamerikanischen Community. Und „Hold The Line“ singt er für George Floyds Tochter. (4AD/Beggars)

GUNTHER REINHARDT

Mary Gauthier

Dark Enough To See The Stars

★★★★☆

Unvermeidbare Begräbnisse und Wanderlust

„Rifles And Rosary Beads“, 2018 mit Veteranen und Hinterbliebenen verfasst, ist sehr aktuell geworden. Doch auch fern des Krieges bleibt Mary Gauthier dem Tod auf der Spur, wobei dramatisches Schwelgen nicht recht zu den knappen, fast komischen Beobachtungen von „How Could You Be Gone“ passt. Aber „Where Are You Now“ ist fantastisch. Wo Tod ist, ist Liebe nicht fern. Dabei schrammen „Fall Apart World“ und „Amsterdam“ mit allzu vertrauten Metaphern an der Kitschzone entlang. Wahrhaftiger klingt „Thank God For You“, das sie toll verschliffen singt. Den Greyhound mit einem „20‐year ticket to a tortured mind“ hat Gauthier hinter sich gelassen – ihre Wanderlust nicht wirklich, wie ihre Empathie für „Truckers And Troubadours“ zeigt. (Thirty Tigers)

JÖRG FEYER

Harry Styles

Harry’s House

★★★★☆

Der Megaperformer findet seine musikalische Mitte

Die Aura des Ex-Boygrouplers als genderfluide Lichtgestalt war bislang weit größer als seine musikalische Expertise. Ein schauspielernder Fashion-Influencer, den der US-ROL-LING-STONE zum „Mick Jagger für unser aufgeklärtes Zeitalter“ ausrief.

Mit seinem dritten Album hat Harry Styles nun die Balance von Werk und Wirkung gefunden: R&B-Elemente und New Wave statt unentschlossenem Rock-Pop. „Late Night Talking“ hat upliftende Poolparty-Beats der Prince-Kollegen Jimmy Jam und Terry Lewis, „Daydreaming“ kreist um ein Sample des Groove-Klassikers „Ain’t We Funkin’ Now“ von Brothers Johnson. Das hat durchaus Stil und Klasse, bleibt dabei federleicht. Eine Disco-Fantasie mit Kieksern und „Whooo!“-Passagen. Musik für Eisdielen. (Sony)

RALF NIEMCZYK

Raison

So viele Leute wie möglich

★★★★☆

Poetisch-theatralisches Debüt des Diskurspop-Trios

„Ich recke meine Hände weit/ Zieh Kreise in der Luft/ Es lebt sich so in Eigenheit/ Im rückgewandten Duft.“

Nicht jeder trägt gern vor der Klasse Gedichte vor, aber Angst vor Bedeutung (oder was man dafür hält) kann man den Musikern Schorsch Kamerun, Mense Reents und PC Nackt, die das Diskurspop-Trio Raison bilden, nicht vorwerfen. Auf ihrem poetischtheatralischen Debüt sammeln sie Sounds, Gedanken und Menschen um sich, laden Sophia Kennedy ein und lassen die Schauspielerin Yodit Tarikwa einen schönen Text über Alltagsrassismus sprechen, während im Hintergrund Orff’sches Instrumentarium raschelt. Sogar Rio Reiser und ein Grimm’sches Märchen werden zitiert.

Nur Kameruns angestrengtes Stimmpressing ist zuweilen too much NDW und too little Can. (Buback)

JENNI ZYLKA

UB40 feat. Ali Campbell & Astro

Unprecedented

★★★☆☆

Vermächtnis der Band, die Reggae chartsfähig machte

Ihr Debüt, „Signing Off“, gilt im Vereinigten Königreich als musikalischer Meilenstein. Danach verkümmerten UB40 immer mehr zu einer Britreggae-Partykapelle. Jetzt gibt es gleich zwei Formationen. Dies ist nicht die offizielle, aber die prominentere mit Gründer Ali Campbell und dem im November verstorbenen Sänger Astro.

Das macht den großen Unterschied: Campbells Stimme brilliert wie in besten Tagen, sodass die Balance zwischen Tiefgang und Schunkeleinheiten beibehalten wird. Die Coverversionen von „Stay Another Day“ (East 17) und dem kantigen und groovigen „Do Yourself A Favor“ (Stevie Wonder) übertreffen dabei sogar viele offensichtlichere Versuche der diversen „Labour Of Love“-Volumes. (Universal)

FRANK LÄHNEMANN

Alice Merton

S.I.D.E.S.

★★★☆☆

Zu viel, zu lang und leider ohne echte Produktion

Hoppla, was ist passiert? Die Produktion lässt Alice Merton völlig allein.

Wir erinnern uns an „No Roots“, die selbstbewusste Wucht, mit der die Deutsch-Irin 2017 sang, die kantige Bratzigkeit in der Kulisse: infektiöser Pop. Und nun? Vor dem zweiten Album hatte die Künstlerin zwei schwere Jahre, das ist traurig, und sie trägt nun Grübeleien vor. Adele könnte so was zu großer Kunst werden lassen.

Aber Alice hat eben nicht „diese Stimme“ – und ihre wird zudem allzu oft mit ideenlosem Hall verbreit und entindividualisiert. Zu allem Überfluss gibt es vom Pult noch eine Überdosis Keyboards-Schmiersounds, die Fahrstühle schon in den Achtzigern mit Selbstachtung abgelehnt hätten.

Nur „Vertigo“ hat trotzige Boldness. 15 Songs – zu viel, zu lang, leider. (Paper Plane)

RÜDIGER KNOPF

Infant Finches

Sci-Fi Immune

★★★☆☆

Hintergründige Avantgarde-Grooves aus Köln

Animal Collective ist das Erste, was einem in den Sinn kommt, wenn der polyrhythmische Titeltrack des Debüts dieses mutigen deutsch-dänischen Elektro-Art-Duos sich wie eine geheimnisvolle Orchidee blühend öffnet. Kaum eine Melodie, die nicht gebrochen wird, vor nervösen Zuckungen in sich zusammenbricht, nur um dann wieder aufzustehen.

Knirschende Gitarren, rätselhafte Computersounds, verworrene Textfetzen und geradezu schlaumeiernd gesetzte Genretupfer (Shoegaze, Industrial, Siebziger-New-Wave-Gitarren) sind Teil einer raffinierten Collage, die mal flirrend schön („See You …“) daherkommt, mal minimalistisch-störrisch („Canvas Oil“), bei aller Brillanz allerdings vorerst noch kein künstlerisches Telos erkennen lässt. (Papercup/Rough Trade)

MARC VETTER

Party Dozen

The Real Work

★★★☆☆

Schräge Improvisationen, mit Gaststar Nick Cave

Nicht das allerbeste Album, das uns zuletzt aus Australien erreichte – aber auf jeden Fall das interessanteste. Ist das jetzt Doom Jazz? Industrial? Psychedelia? Foetus? Percussionist Jonathan Boulet und Saxofonistin Kirsty Tickle veranstalten einen Höllenlärm, der aber in gewissen geordneten Bahnen verläuft. Immer wieder tauchen Melodienschnipsel auf, die verhindern, dass das Hinhorchen zu Arbeit verkommt. Tickles schräges Saxofon zieht sich wie ein Leitfaden durch das dritte Werk des Duos und erinnert dabei an James White, an die Übergänge von New zu No Wave. Bei „Macca The Mutt“ erhebt als erster Gast überhaupt Nick Cave seine Stimme. Das nicht minder überraschende Finale? Ein Chill-out-Track. (Temporary Residence/Cargo)

FRANK LÄHNEMANN

Mt. Joy

Orange Blood

★★★☆☆

Sonnige Folkrock-Streifzüge ohne Attraktionszwang

Endlich muss man mit „Lemon Tree“ nicht mehr einen Narrengarten assoziieren, sondern kann nun an den Berg der Freude, Mt. Joy, denken – mit einem Gesichtsausdruck, der nicht nach Biss in die Zitrusfrucht aussieht.

Die Vorabsingle zu „Orange Blood“, dem dritten Album der Band aus Philadelphia, ist kein penetranter, sofort mitsummbarer Ohrwurm. Ohnehin lässt das Quintett um Matt Quinn seinen sonnendurchfluteten Folkrock, der sich durch die zehn Songs wie ein oranger Faden zieht, entspannt herumstreunen, ohne merklichen Fokus auf den Hit-Apport. Mal eskalationsnah („Evergreen“), mal akustischzart („Don’t It Feel Good“) haben Mt. Joy aus den Zitronen der Trennungsplatte „Rearrange Us“ (2020) Limonade gemacht. Der Durst bleibt. (Island/Universal)

INA SIMONE MAUTZ

Jetzt!

Können Lieder Freunde sein?

★★★★☆

Zwanglos politischer Blue-Eyed-Soul von Michael Girke

So kann man es auch machen: Einfach abwarten, bis die gewisse Ernsthaftigkeit, die „Un-Ironie“ wieder in Mode sind. Und schwups klingt das zweite Album des genre-erfahrenen Herforders Michael Girke, dessen Hamburger-Schule-Affinität sowohl busenfreundschaftlich als auch musikalisch verwurzelt ist, frisch. Auch wenn eine zu entspannten Gitarrenakkorden und hübschen Geigentönen gesungene Jetzt!-erzählt-vom- Krieg-Elegie wie „Da wusste man nie/Im alten Berlin/ Neben wem man morgens liegt“ vor allem offenbart, dass man älter geworden ist. Und dass das Erinnern an die „verrückte“ Zeit eher die Sehnsucht nach der persönlichen Vergangenheit ist. Aber zwanglos politischer Blue-Eyed-Soul ist eben auch durch eine Hornbrille erkennbar. (Tapete)

JENNI ZYLKA

Black Midi

Hellfire

★★★★☆

Avantgardistische Kakofonie des Grauens

Mit jedem Album scheint die Band aus London genauer zu wissen, was sie tut. Das ist bei dem Furor, den sie entfacht, gar nicht so leicht. Referenzen ließen sich freilich noch aufzählen: King Crimson, Frank Zappa, Mahavishnu Orchestra … Doch wirken Versuche, den Sound von Black Midi einzuordnen, zunehmend hilfloser: Black Midi klingen wie Black Midi! Der Titelsong ihrer dritten Platte heißt uns willkommen in der Geisterbahn der Gegenwart. „Sugar/Tzu“ spült die Gehirnwindungen mit einer Mischung aus Fusion-Jazz, Math- und Prog-Rock durch. „Eat Men Eat“ zertrümmert mit monströser Wut so etwas wie Folk-Seligkeit. „Welcome To Hell“ rast durch eine klapsmühlenreife Welt. Sehenden Auges in den Höllenschlund. (Rough Trade)

MAX GÖSCHE

Dave Stewart

Ebony McQueen

★★★★☆

Überbordendes Konzeptwerk voller Lebensfreude

Dave Stewart hat viel Zeit und viel Geld, er kann sich so was leisten: 26 neue Songs in Nashville und der Karibik aufnehmen, mit vielen Sänger*innen, Musiker*innen und einem 60-köpfigen Orchester, und sie nur als opulentes Vinyl-Boxset mit zwei Kassetten (!) veröffentlichen (okay, und digital). „Ebony McQueen“ erzählt von einem Jungen, der dem Blues begegnet und durch die Magie der Musik aus seiner nordenglischen Heimat in die Welt katapultiert wird – eine Geschichte, die der Eurythmics-Gründer recht gut kennt, also. Bei aller Hybris sind die Lieder dann doch unwiderstehlich, sie mischen Pop, Rock und Psychedelia, Blues und Country, Karneval und Kirmes zu einem fröhlichen, überbordenden Sound, der dieses eigenartige Leben unbedingt feiert. (Bay Street/Membran)

BIRGIT FUSS

Philipp Eisenblätter

Das Jahr, das sich um eins verschiebt

★★★★☆

Elektrifizierte Chansons vom Lieben und Leben

Philipp Eisenblätter muss es aushalten, mit Tom Liwa verglichen zu werden: weil er wie Liwa aus Duisburg kommt, weil Liwa sein Debüt, „Das Jahr, das sich um eins verschiebt“, produziert hat. Aber auch wenn man all das nicht weiß, fällt es schwer, sich dabei, wie Eisenblätter die Welt um sich herum betrachtet, bei seinen Annäherungen an das Leben und Lieben und der Art, wie er seine Lieder vorträgt, nicht an den Flowerpornoes- Mann erinnert zu fühlen. Eingebettet in elektronische Soundlandschaften lässt Eisenblätter durch seine Chansons auch mal die Melodie von Van Morrisons „Brown Eyed Girl“ schimmern („Das Jahr“), verarbeitet er Bowies „Space Oddity“ („Astronaut“) oder schreibt einfach wunderschöne Liebeslieder („Eine wie dich“). (Edition Eisprung/Bandcamp)

GUNTHER REINHARDT

Simon Joyner

Songs From A Stolen Guitar

★★★★☆

Leben und Tod zwischen Pittoreskem und Profanem

Nach Lou Reed träumt der leise Charismatiker aus Omaha nun von einem „merkwürdigen Haiku“, gefolgt von der Frage: „All my love is vanishing, won’t somebody tell me where it goes?“ Die Rätsel von Leben und Tod lauern hier im Geheimnis von Caroline zwischen Kichererbsen und Azaleen, aber gern auch mal unter Hässlich-Profanem. „The Actor“, schon Blut hustend, will es in einem Motel beenden, wo sie mit dem Bedecken alter Flecken kein Gewese machen.

Doch selbst da bleibt ihm die Rolle: „You’d be surprised what a little lighting can do, I disappear, that’s my gift to you.“ Auch die Empfehlung „Live In The Moment“ klingt hier weniger fad. Mit dem klugen Rat: „There’s only one thing worse than ignoring a blessing, and that’s nursing a curse.“ (BB*Island/Bone Voyage)

JÖRG FEYER

Frau Kraushaar

Bella Utopia

★★★★☆

Anspruchsvolle und beglückende Dada-Elektronik

Prätentiöser Kunstquark oder hypersensible sonische Naturversenkung?

Leicht zu entscheiden ist das bei Silvia Bergers neuem Soloalbum, dem ersten der Sängerin seit zehn Jahren, nicht. Die 14 Kunstlieder sind buchstäblich eine sinnliche Betrachtung von Mensch, Tier und Natur. Das heißt: „Eine kleine Froschmusik“ ist eben Froschgesang. Neben Dada- Elektronik, zum Teil orientiert an Laurie Anderson, gibt es selbst vertonte Lyrik mit Verbeugung vor Heinrich Heine. Manches benötigt ein Erklärschild wie ein Gemälde im Museum, anderes wirkt zunächst drollig. Doch nach mehreren Durchläufen wird klar, dass es der Künstlerin ernst ist mit einer musikalischen Utopie der Versöhnung von Gedanken und Gefühlen, von Natur und Mensch. (Staatsakt/Bertus)

MARC VETTER

Arthur Brown

Long Long Road

★★★★☆

Der Psychedelic-Impresario hat sein Feuer nicht verloren

Von wegen drei goldene Haare – der Teufel trägt mittlerweile eine in schreienden Farben bemalte Halbglatze. Und es steht ihm fantastisch!

Der 80-jährige Psychedelic-Impresario Arthur Brown hat in vielen Solound Bandprojekten (mit und ohne Crazy World) seit 1968 keinen Deut Euphorie eingebüßt. Auch auf dem neuen Solowerk tanzt und schreit er sich durch Blues-, Progrock- und Psychedelia-Welten, während Kollege Rick Patten für Tripnachschub sorgt. „Gas Tanks“ startet mit Gewittersounds, bis es Orgeltöne und Schreie regnet, „Once I Had Illusions“ stimmt immer. Und der Titelsong präsentiert die Hoffnung auf Verbesserung in softem Dur-Geplänkel, während man milde zurückblickt: „Nothing’s ever changed the more we know.“ (Prophecy/Soulfood) 

JENNI ZYLKA

Drive-By Truckers

Welcome 2 Club XIII

★★★★☆

Erinnerung, Empathie und vertrauter Rock-Stoizismus

Nachdem sie sich zuletzt schwer an US-Politik abgearbeitet hatte, sucht die Band nun Zuflucht in der Erinnerung an den Laden, in dem alles anfing. Beschwingt jubiliert der Titelsong, ironisiert so aber nur die Botschaft. Und den Boss: „Our glory days did kinda suck, everybody needs a friend, everybody needs a fuck.“ So ist der Ton gesetzt für den großen Empathiker Patterson Hood, der hier wieder kleine, schöne Statuen baut für die, die es gerade oder gar nicht geschafft haben: „Shake And Pine“, „Forged In Hell And Heaven Sent“ (countryesk), „We Will Never Wake You Up In The Morning“. Gekrönt vom trotzig-traurigen „Wilder Days“ mit der Stimme von Schaefer Llana, die schon den Auftaktbrocken „The Driver“ aus dem vertrauten Rock-Stoizismus gelöst hat. (ATO/PIAS)

JÖRG FEYER

Tedeschi Trucks Band

I Am The Moon

★★★★☆

Die Blues-Jam-Band vertont ein großes Gedicht

In den nächsten vier Monaten veröffentlicht die Tedeschi Trucks Band vier Alben – alle vier Wochen eines. Das zwölfköpfige Kollektiv um Ehepaar Derek Trucks und Susan Tedeschi reflektiert mit insgesamt 24 Liedern das tausend Jahre alte epische Gedicht „Leila und Madschnun“ des persischen Dichters Nezami von Gandscha. Auf Album Nummer eins spielt sich das Grammydekorierte Ensemble durch Blues, Soul, New-Orleans-Shuffle und Seventies-Jam-Band-Sounds. Die Musikalität ist wie immer frappierend, das Zusammenspiel noch eine Spur flüssiger als bisher – es weht ein ganz altes Gefühl durch diese Aufnahmen. Aber nicht so alt wie das Gedicht! Übrigens hatte auch „Layla And Other Assorted Love Songs“ von Eric Claptons Derek And The Dominos (1970) den Text als Inspiration. (Fantasy)

JÖRN SCHLÜTER

Poliça

Madness

★★★★☆

Stolze, irritierende Songs: Channy Leaneagh ist zurück

Manchmal hilft es, wenn keine Lyrics vorliegen. Es lässt dich tiefer in die Musik horchen, einen Sinn zusammenreimen und im Falle des sechsten Poliça-Albums feststellen: Gute, mitreißende Sätze, stolz und irritierend direkt. Sieben Songs, jeder Songtitel ein Begriff: „Alive“ und „Away“, „Violence“ und „Madness“, „Blood“ und „Fountain“. Nur die Erinnerungen bekommen ein Adjektiv: „Sweet Memz“.

In „Alive“, dem Opener der Platte, singt Channy Leaneagh von Wasser in ihrem Bauch, vom Wunsch zu berühren und von Fingern, die nichts empfinden. Sie fragt: „Why can’t I cum?“ Sie singt: „I want to fuck.“ Die Musik dräut finster, ein Beat spult sich schließlich auf, eine Hi-Hat, ein elektrischer Rülpser. Mit dem Chorus türmt der Song sich auf zu einer Kathedrale. Kann man als zu viel empfinden, man kann sich aber auch mitreißen lassen. Mitunter siegt das Dräuende über das Sehnsüchtige.

Poliças vor zehn Jahren veröffentlichtes Debüt, „Give You The Ghost“, war eine Sensation. Atemraubend, wie die Band und ihre Sängerin mit Hall arbeiteten, mit Auto‐Tune und einem grandiosen Zusammenspiel von elektronischer und analog produzierter Musik, und wie sie dennoch jederzeit Pop war. Poliça gingen mit Bon Iver auf Tour, und Justin Vernon ließ sich zu der Aussage hinreißen, sie seien die beste Band, die er je gesehen habe. Was womöglich auch an den beiden synchron spielenden Schlagzeugern lag, die es heute noch gibt, ebenso wie den grandiosen Bassisten Chris Bierden. Bloß dass auf „Madness“ statt dominanter Beats eine Art kristalliner Folk die Stimmung setzt. Das Titelstück schwebt daher wie ein angeschlagener Albatros, eine Geige klagt. „Blood“ schwingt elegant und popaffin. Und „Sweet Memz“ erinnert sogar an die wunderbaren The Roches, ist ein Wechselgesang mit sich selbst und wieder ein Schweben, ein sehr elegantes.

Leaneagh und Poliça hatten sich in den vergangenen Jahren etwas im Ungefähren verlaufen. Sie sind zurück. (Memphis Industries)

SEBASTIAN ZABEL

Foals

Life Is Yours

★★★★☆

Nicht sparen: Dance-Rock, Wave-Disco, Hyperpop

Das letzte Werk der Foals, „Everything Not Saved Will Be Lost“, war ein Scheitelpunkt: Auf zwei Alben ließen die Briten zusammenfließen, was sie im Lauf einer Dekade probiert und gelernt hatten. Der kantige Wave und Dance, der Pop, das Hypnotische, die Selbstreflexion in der Disko, der Hyper-Rock: Die Foals hatten zu Beginn ihrer Karriere erkannt, dass die Musik nach dem Jahrtausendwechsel vieles gleichzeitig sein konnte, und waren Schritt für Schritt zu einem ultramodernen Arena-Act geworden.

Zeit für einen neuen Fokus. Yannis Philippakis, Jimmy Smith und Jack Bevan haben eine Platte gemacht, die sich eignet, die Rückkehr des Lebens nach dem Lockdown zu feiern. „Life Is Yours“ ist eine Sammlung kompakter, enthusiastischer Dancefloor- Songs, die Eighties-Ästhetik mit den Sounds des aktuellen Hyperpop verbinden. Ersteres ist hier immer ein Thema, der Meta-Funk der Talking Heads steckt in der DNA der Foals.

Wenn das Trio also nun ungeniert eine Nacht im Club inszeniert, erinnert das auch an den Anfang dieser Karriere bei Hauspartys in Oxfords Wohnzimmern, allerdings ohne das Post-Punk-Karacho. Zudem ist das hier Larger-than-Life-Musik, die man sich vor fünfzehn Jahren nicht hat vorstellen können. Die Foals engagieren gleich mehrere Produzenten für einen Sound, der dem riesigen Interesse an der Band entsprechen kann.

John Hill (Portugal. The Man, Florence + The Machine), Dan Carey (Tame Impala, Fontaines D.C.), Manny Marroquin (Kanye West, Rihanna), Spike Stent (Coldplay, Muse, Kings Of Leon) haben produziert oder gemischt. Das ist ein Team, das ganz groß denken kann, ohne dabei die künstlerische Integrität über Bord zu werfen – das gelingt zum Beispiel bei der New-Wave-Disco von „2am“, das mit maximalem Style groovt, und der Nile-Rodgers-Hommage „2001“. Genauso toll ist das von einem Synthie-Bass getriebene „Under The Radar“, bei dem Philippakis seine britische Wave-Stimme herausholt – als hätte Ian Curtis ein Lied von Duran Duran gesungen. (Warner)

JÖRN SCHLÜTER

Don Marco & Die kleine Freiheit 

Ewig und drei Tage

★★★☆☆

Zwischen Schubidu und Roter Beete auf der Tapete

18 Songs? Doppel-Vinyl? Wenn nicht jetzt, wann dann?, sagt Don Marco, der nicht anders kann, als einigen Songs auch mal was anderes zu geben als auf seinem Deutschdebüt „Gehst du mit mir unter“. Da kommt dann aus der Garage Glam („Zahnfleisch“) und ein NDW-Feuerwerk („Fahrscheinkontrolleur“) – und zwischendurch gibt’s Drumcomputer- Schubidu auf dem „Boden der Tatsachen“ oder den großen (Streicher-) Bogen in „Schöne neue Welt“. Höchste Zeit, dass mal jemand erkennt, wie gut sich „Tapete“ auf „Rote Beete“ reimt. Nicht alles funktioniert, der Spannungsbogen macht auch mal schlapp. Aber Leute, die mutig auch mal ein bisschen scheitern, muss man ein bisschen gern haben. (Off Label/Broken Silence)

JÖRG FEYER

The Bros. Landreth

Come Morning

★★★★☆

Seelenvoller Americana-Stoff aus Kanada

Born in the USA? Nope. The Bros. Landreth aus Winnipeg zeigen, dass man nicht aus „God’s own country“ sein muss, um seelenvollen Americana-Stoff zu kreieren (falls Landsleute wie Lightfoot, Young oder Kathleen Edwards als Beweis nicht reichen).

Joey und David, vormals Sidemen zum Mieten, ergatterten bereits mit dem Bros.-Debüt, „Let It Lie“, einen Juno.

Ihr drittes Album reduziert Klischees auf die wimmernde Lapsteel – aber null Billigmelodien, keine Drei-Akkord-Songs. Es ist souly und funky, „Stay“ könnte gar von Prince sein. Vieles ist sperrig genug, um erst beim dritten Turn zu zünden. Aber der sanfte Shuffle „Shame“, der federnde Rocker „After Rain“ oder das melancholische „Don’t Feel Like Crying“ enträtseln sich sofort aufs Schönste. (Birthday Cake/The Orchard)

RÜDIGER KNOPF

Ry X

Blood Moon

★★★☆☆

Kunstvolle Klampf-und-Elektro-Empfindsamkeit

Der 34-Jährige mit Vergangenheit im australischen Surfer-Hotspot Byron Bay spielt in der Liga der empfindsamen Gitarrenmänner. Mit Unterstützung des isländischen Klangwizards Ólafur Arnalds und anderer Tüftler schmachtet Ry Cuming über fein gesetzte Soundflächen, die mal klampfig, mal elektronisch verzickt daherkommen. Das sphärische „Crawl“ vereint die an der US-Westcoast eingespielte analog-digitale Frickelmatrix gar in einem Track. „Trouble“ ist Gewisper zu Piano. „Dark Room Dancing“ wäre fürs Berghain deutlich zu soft. Eher Kuscheln zur Afterhour.

Der Hutträger bedient dabei ein Emozi-Spektrum, in dem auch James Blake oder Jack Johnson zu Hause sind. Popmusik mit meditativen Zügen. Modernen Yoga-Studios gefällt das. (BMG Rights)

RALF NIEMCZYK

Friska Viljor

Don’t Save The Last Dance

★★★★☆

Glückstrunken, tieftraurig: Die Schweden trotzen allem

Das erste, schon im letzten Sommer veröffentlichte Lied, „My Own Satan“, führt in die Irre. Die kompakten Melodien, das laute Schlagzeug und das aufs Nötigste reduzierte Playback – kurz meint man, das schwedische Duo hätte sich für ihr achtes Album neu erfunden. Aber schon beim zweiten Lied ist alles wieder da. „All These Fears“ ist jubilierender Indie-Folk, der Gesang quirky und glückstrunken. Ab hier spielen sich Friska Viljor durch ein vielseitiges, immer feierliches, immer erhebendes Repertoire. Wir wissen längst, dass die Freude in diesen Texten dem Dunklen trotzt, ihm sogar abgerungen wird, zum Beispiel in dem stoisch-erhabenen Sechsminutenlied „Inbreeds“, einer Abhandlung über eine sich immer stärker polarisierende Welt. (Crying Bob)

JÖRN SCHLÜTER

Jochen Distelmeyer

Gefühlte Wahrheiten

★★★★☆

Country, Soul und Pop vom Blumfeld-Boss

„Halt mich an mein Herz, wie es klopft“, singt Distelmeyer, „lauter als die Stimmen im Kopf“ – ja, das ist es.

Mehr aufs Herz hören, nicht auf den Geist, wie schon mit „Old Nobody“ von 1999: weniger Adorno, mehr Hilde Domin. Auf seinem ersten Album mit eigenen Songs seit „Heavy“ (2009) spielt er nicht nur Pop, sondern auch R&B und Soul. Die drei Stücke auf Englisch aber sind seine schwächeren: „The Road“ vertraut auf gängige Country-Schemata, die zwar Traditionen folgen, aber oft wie Melodiekorsette erscheinen.

Zu den großen Distelmeyer-Werken gehört „Zurück zu mir“, auch dank einer überwältigenden Einsicht: Niemand hat jene Lücke füllen können, die Distelmeyer vor 13 Jahren hinterließ. Wie kein anderer verzweifelt er am Leben der anderen („Das real life ist den Hatern ins Netz gegangen/Egal wohin man surft, nur verirrte Seelen“), aber das ausnahmsweise freundliche Über-Ich singt im Frauenchor zu ihm, wie einst in „Anders als glücklich“. Am Ende scheint er zu lachen. Das ist tröstlich, und er selbst bietet auch Trost. Wie hat man diese Musik doch vermisst! (Four Music/Sony)

SASSAN NIASSERI

Wilco

Cruel Country

★★★★☆

Jeff Tweedys meisterliches Americana-Kaleidoskop

Menschen, die anderen gern Volksverrat vorwerfen, werden dieses Album womöglich als Anti-Americana diffamieren. Denn Jeff Tweedy verliert ein paar kritische Worte über das gesellschaftliche Miteinander und die politischen Zustände seines Landes. „There is no middle when the other side/ Would rather kill than compromise“, heißt es im berückenden „Hints“. Tatsächlich beschert uns „Cruel Country“ die schönste Americana seit „The Notorious Byrd Brothers“ und „Nashville Skyline“, seit den frühen Grateful Dead und dem späten Jesse Winchester: fein ziselierte, manchmal psychedelisch durchwirkte Country- und Folksongs.

„The Empty Condor“ klingt, als hätte man die 13th Floor Elevators mit Büchern von Richard Brautigan in einen Keller gesperrt. „All Across The World“ reitet schulterzuckend durch den alltäglichen Wahnsinn.

Das transzendentale „Many Worlds“ und das an „Summerteeth“-Zeiten erinnernde „Story To Tell“ graben sich tief hinein in die Psyche zerschundener Seelen. Mit diesem Doppelalbum hauchen Wilco dem kulturellen Komapatienten USA wieder neues Leben ein. (dBpm)

MAX GÖSCHE

Damien Jurado

Reggae Film Star

★★★★☆

Stille, Minimalismus, Wahrhaftigkeit – wunderschön!

Damien Jurado ist ein großer Minimalist: Mehr und mehr genügt dem Songwriter aus Seattle das immer gleiche sanfte Gefühl in einer konstant unaufgeregten Musik. Es ist ein Glück, wenn ein Künstler eine solche Resonanz findet, in der das Lied nicht einer Idee abgerungen werden muss, sondern ein ganz unmittelbarer Ausdruck ist. Auch auf „Reggae Film Star“ schmiegt man sich an diese stille Musik mit Sixties-Folk-Verweisen. Natürlich ist Jurados Stimme entscheidend, aber auch die hier mittlerweile typische Produktionsästhetik ist eine Schau. Die weichen Trommeln und die zart schwelgenden Streicher, die simple Akustikgitarre und viele kaum hörbare Details lassen eine traumhafte Atmosphäre entstehen.

Schauspieler, Kameramänner, Zuschauer: Jurados Protagonisten scheinen Teil einer Filmkulisse zu sein.

Vielleicht ist das ganze Album die dokumentarische Erzählung eines Tages am Set. Man verliert sich in diesen Assoziationen, Erinnerungen und selbstverlorenen Gedanken. So wird die Platte selbst zu Cinéma vérité. Es sind die schönsten Bilder, es ist die schönste Musik. (Maraqopa)

JÖRN SCHLÜTER

Muna

Muna

★★★★☆

Eine Pop-Umarmung, nicht nur für die eigene Blase

Es muss mit diesem Identitätsdingens samt allen dazu verhandelten Prämissen, Sensibilitäten etc. pp. zusammenhängen, dass sich ein Trio wie Muna offenbar gar nicht mehr vorstellen kann, dass seine Musik auch jenseits der eigenen Community reüssieren könnte. Kann sie aber. Wie guter Pop das zu allen Zeiten konnte. „Silk Chiffon“ ist halt nicht nur eine kleine große Hymne für „kids to have their first gay kiss to“ (so Gitarristin/Produzentin Naomi McPherson), sondern für das große Kribbeln vor dem ersten Mal schlechthin.

Guter Pop möchte doch immer die ganze Welt umarmen, auch die, die gar nicht umarmt werden wollen, aber sich dann doch ergeben müssen, wenn die Synths in „What I Want“

Bewegung fordern. Mittendrin ist „Kind Of Girl“ so was wie ein Country-Song (Country wie Musgraves) und als solcher völlig okay, auch weil Katie Gavin sanft-sehnsüchtiges Pathos schon auf die Reihe bekommt.

Dennoch wirkt der Song fast deplatziert in dem kleinen Feuerwerk drum herum, das Muna zwischen strammem Synth-Pop („No Idea“) und dem schwelgenden Finale, „Shooting Star“, abbrennen. (Secretly/Cargo)

JÖRG FEYER

The Notorious B.I.G.

Life After Death

★★★★★

Das zweite Album des HipHop-Königs von New York

Diese Box ist das Herzstück einer einjährigen Feierstrecke, die Rhino, Atlantic und Bad Boy mit den Erbverwaltern von Christopher Wallace aka Notorious B.I.G. zu dessen 50. Geburtstag begehen. „Life After Death“, sein zweites Album, erschien vor 25 Jahren, makabererweise eine Woche nachdem der Rapper unter bis heute ungeklärten Umständen erschossen worden war. Grund für den anhaltenden Ruhm von Album wie Künstler ist indes nicht der frühe Tod, obwohl dieser selbst am Ende des Albums die Binse „You’re Nobody (Til Somebody Kills You)“ verkündet. „Life After Death“ bleibt auch nach einem Vierteljahrhundert ein Klassiker nicht nur des HipHop, sondern der Popmusik im Ganzen – bemerkenswert auch, weil das Doppelalbum jede der 120 Minuten wert ist.

Zudem wirkt „Life After Death“ als historisches HipHop-Panorama. Mit Produzenten wie DJ Premier, Mobb Deeps Havoc und Wu-Tangs RZA sowie massiger Stimmbeteiligung repräsentiert es den Stand der Dinge in New York. Aber Wallace öffnet seine Beats auch für G-Funk aus L.A., Elektrobass aus Miami und für den Pop- Ansatz seines Labelchefs und Mitproduzenten Sean „Puff Daddy“ Combs. Auf Party-Evergreens wie „Mo Money Mo Problems“ wirkt im Verbund mit Biggies majestätischschwergewichtigem Flow sogar die Schamlosigkeit charmant, mit der Combs Hits durchlaufen ließ, statt wie die Kollegen die Archive nach Samples zu durchforsten. Dabei bewegt sich Wallace wie eine 170‐Kilo- Ballerina elegant über alten Soul, funky Disco oder Schoolly Ds minimales Rasseln, und er kann ebenso fantasievoll prahlen, filmisch hart und bitter von den Gangsterstraßen erzählen wie enthusiastisch das Geschlechtliche feiern.

Opulent auch die Dreingaben aus Hit-Maxis und einem Booklet mit Fotos vom Covershooting, kenntnisreichen Texten und Interviews. Indes, wo es keinerlei musikalische Extras, Outtakes, Alternativen gibt, fragt man sich, für wessen Vitrinen die 225 Euro schwere Kiste wohl gedacht sein mag. (Warner)

MARKUS SCHNEIDER

George Michael

Older

★★★★☆

Das Traueralbum erstmals als Deluxe-Version

Im Gegensatz zu den Nachlassverwaltern David Bowies wird denen von George Michael gern vorgeworfen, dass die von ihnen abgesegneten Editionen lieblos kompiliert seien, ohne Mehrwert. Ja nun – Michael war nicht bekannt dafür, viele Songs produziert zu haben, die in einem Tresor verschwanden und entdeckt werden könnten. Daher erschließt sich das Reissue dieses 1996er-Albums eher durch sein erstmaliges Remaster; die 33 Remixe und Outtakes sind allesamt bekannt. Das sensationelle „Unplugged“-Konzert zur damaligen Album-Promotion wurde unsinnigerweise bereits der „Listen Without Prejudice“-Neuauflage beigefügt, und das in die „Older“-Ära gefallene, unveröffentlichte „Trojan Souls“-Album wird womöglich eigenständig herausgebracht.

Mit Bossa nova versuchte George Michael, den Tod seines Lebensgefährten Anselmo Feleppa zu verarbeiten, den Tod seines Idols Antônio Carlos Jobim sowie einen jahrelangen Streit mit seinem Label. Entstanden ist sein nach „Listen …“ vielleicht nur zweitbestes Werk, gerade die Experimente mit House („The Strangest Thing“, „Free“) sind schlecht gealtert. Die Balladen jedoch sind unerreicht. Michael nutzte Sinnbilder für Geburt und Tod, die Jobim in den Jahreszeiten sah, und komponierte mit „To Be Forgiven“ eine Trauerversion von „Águas de Março“. In „Jesus To A Child“ sang er von Feleppas Totenbett aus, die Live- Premiere absolvierte er mutig in gar nicht so intimem Rahmen bei den MTV Awards 1994 vor dem Brandenburger Tor. Zwei Jahre später feierte er damit eine Nummer eins in den UK-Charts – vielleicht der erste Hit, in dem ein schwuler Mann den Aidstod seines Partners betrauert.

„You Have Been Loved“, sein Meisterstück, beginnt als Rollenprosa, in der er sich am Ende doch offenbart.

George Michael, der nie ein Kind haben würde, singt aus der Perspektive von Müttern, die ihre Söhne durch Krieg oder Krankheit verlieren: „I’ve no daughters, I’ve no sons/ Guess I’m the only one/ Living my life.“ (Sony)

SASSAN NIASSERI

Depeche Mode

Exciter – 12″ Vinyl Collector’s Edition

★★★☆☆

Die Singles des 2001er-Albums jetzt als Maxis

Die vier Singles des zehnten Depeche- Mode-Albums reflektieren die Stimmungen aller 13 Tracks perfekt, bieten eine gelungene, wenn auch harmlose Weiterentwicklung zum Dream-Pop („Goodnight Lovers“, „Freelove“), allerdings auch fahrig weggesungenen Electro-Blues („Dream On“) und protzigen Techno („I Feel Loved“). Auf acht Vinyl- Scheiben erscheinen die Stücke nun erstmals als Maxi-Singles – deren Remixe und Alternativfassungen aufregender sind. Die „Freelove“-Version von Flood ist kompakter, die Akustik- Einspielung von „When The Body Speaks“ eindringlicher und „Zenstation“ ein wiederzuentdeckendes Instrumental. Mit der Iggy-Pop-Coverversion „Dirt“ wurde Dave Gahan als Crooner geboren, wie wir ihn heute kennen. (Sony)

SASSAN NIASSERI

Nancy Sinatra & Lee Hazlewood

Nancy & Lee

★★★★★

Eine neue Edition des Meisterwerks von 1968

Endlich eine Neuauflage dieses strahlenden Meisterwerks, der besten Arbeit Lee Hazlewoods, der schönsten Platte Nancy Sinatras. Billy Strange arrangierte die großen Hazlewood- Songs: „Some Velvet Morning“, „Summer Wine“, „Sand“, „Sundown, Sundown“, „Lady Bird“. Aber Nancy und Lee singen auch „You’ve Lost That Lovin’ Feeling“, „Jackson“, Tom T. Halls „Greenwich Village Folk Song Salesman“, Billy Sherills „Elusive Dreams“ und Chip Taylors „Storybook Children“. Sinatra und Hazlewood nahmen zwei weitere Alben gemeinsam auf, die nun ebenfalls formschön auf Vinyl und CD wiederveröffentlicht werden – diese erste Platte aber ist von unschlagbarer Grandezza. (Light In The Attic)

ARNE WILLANDER

David Sylvian

Sleepwalkers

★★★★☆

Gemeinschaftsarbeiten des großen Ästheten

Die Posen, die Klänge, das Artwork – David Sylvian ist ein radikaler Ästhet. Mit Japan tanzte der Sänger anfangs noch über die Bühnen des Post-Glam – um später die Künstlichkeit der New Wave zu umarmen. Seine Soloalben, allen voran „Secrets Of The Beehive“, zeugten schon früh von einer Suche nach Schönheit, jenseits aller Genres und Zielgruppen.

„Sleepwalkers“ ist eine Art Werkschau, im Mittelpunkt steht die Zusammenarbeit mit geschätzten Partnern: Ryuichi Sakamoto, Christian Fennesz, auch zwei Stücke von Nine Horses sind dabei, dem gemeinsamen Projekt mit Bruder Steve Jansen und dem deutschen Elektroniker Burnt Friedman. So angenehm und elegant die Alben von Sylvian oft sein mögen – „Sleepwalkers“ ist kein Easy Listening. Auf „Ballad Of A Deadman“, ein süffiges Duett mit Joan Wasser, folgt das klaustrophobische „Angels“, gespielt von Punkt, einer skandinavischen Jazz-Formation um Jan Bang und Arve Henriksen. Schlafwandlerisch, im besten Sinn, ist das zusammen mit Ryuichi Sakamoto geschriebene „World Citizen – I Won’t Be Disappointed“. Wie ein Kater auf einer sonnensatten Fensterbank streckt sich Sylvians Stimme über die hingetupften Sounds des Japaners.

Sehr viel harscher klingt „Five Lines“, in dem die ätherische Stimme einem markanten Streichquartett gegenübersteht, fast wie bei einem Showdown. Geschrieben wurde das Stück von dem japanischen Komponisten Dai Fujikura, dessen Neue Musik von prominenten Dirigenten wie Pierre Boulez oder Péter Eötvös aufgeführt worden ist.

Selbstverständlich wurden alle Tracks für die Wiederveröffentlichung überarbeitet und remastert.

Einen offiziell bisher nicht erschienenen Bonus-Track gibt es obendrauf: „Modern Interior“ entstand 2011 als Reaktion auf den Tsunami von Fukushima. Das selbstverständlich brillante Artwork des Albums zeigt die morbid entrückten Selbstporträts der kanadischen Fotografin Kristamas Klousch, die Vinyl-Version enthält einen exklusiven Art-Print. (Grönland) 

JÜRGEN ZIEMER

The Clash

Combat Rock/The People’s Hall

★★★★☆

Rockiges Hit-Spätwerk vor dem Split der Urbesetzung

Im Mai 1982 war die Punk-Messe gelesen. Die ästhetische Aufmische überkommener Rock-Traditionen war ebenso verpufft wie die Krawallslogans von „Anarchy“ oder „No Future“. Die Musikwelt drehte sich weiter mit Old-School-Rap und New Romantics. Was also tun, wenn man seit den Frühzeiten der Bewegung an vorderster Pogo-Front steht?

The Clash waren nach ihrem Dreifachalbum „Sandinista“ zum großen Tour-Abenteuer in den USA aufgebrochen. Doch die Bandstruktur zerbröselte zusehends. Die Aufnahmen zu „Combat Rock“ seien mühselig gewesen, erinnert sich Joe Strummer im Interviewbuch „Talking“. Ein Anfang vom Ende. „Wir fuhren in schwere Wetter und konnten keinen Weg hinaus finden.“

Gleichwohl entstanden in der grummeligen Studio-Atmo ihres fünften Albums mit „Should I Stay Or Should I Go“ und „Rock The Casbah“, das der heroinsüchtige Drummer Topper Headon laut Strummer allein komponierte, ihre größten Single- Hits. Aus den Punkern waren Rocker geworden. Die zeitgenössische Kritik bescheinigte dem Stilmix mit Rhythmus-Tracks wie „Overpowered By Funk“ neue Perspektiven.

Der von The Clash stets gepflegte Habitus als „Urban Guerilla“ blieb mit dem Combat-Thema weiter martialisch. Strummer erweiterte sein „Sandinista“-Motiv und arbeitete sich nicht nur in „Straight To Hell“ und „Sean Flynn“ am Vietnamkrieg der USA ab. Diesem auch musikalisch druckvoll-wütenden Duktus verweigert sich nur der angenehm müde Piano-Track „Death Is A Star“, der wie ein Requiem aus dem Album kullert, wenn alle Schlachten geschlagen sind. Insgesamt ein reifer Mix, der auch nach vierzig Jahren noch kickt.

Die Jubiläums-Edition erscheint mit dem Zusatztitel „The People’s Hall“ und ergänzt das Original um zwölf weitere Songs, darunter das zackige „Radio Clash“ sowie „Radio One“ mit Jamaika-Legende Mikey Dread. Erscheint als Doppel-CD, Triple-Vinyl und digital. (Sony)

RALF NIEMCZYK

Eric Clapton

Nothing But The Blues

★★★★☆

Live-Mitschnitt zum gleichnamigen Konzertfilm

Clapton live 1994 im Fillmore, San Francisco. So kann kulturelle Aneignung auch klingen: roh und konzentriert wie ein Markknochen, auch dank der Band um Pianist Chris Stainton und Drummer Andy Newmark. Und doch, so nah Clapton hier seinen Idolen kommt, sosehr er sich zumal als Gitarrist in diese Musik versenkt – es schwingt immer auch ein Hauch Vergeblichkeit mit, gerade wenn Clapton so forciert singt, wie er oft singt. Es reicht, sich die fantastischen Sequenzen von Muddy Waters, Howlin’ Wolf, Buddy Guy etc. in der Begleitdoku von Martin Scorsese anzuschauen. Oder den Dresscode der Protagonisten: Clapton schwitzt im T‐Shirt, seine Vorbilder tun’s in feinem Zwirn. „Authentizität“ vs. Selbstermächtigung. (Reprise/Warner)

JÖRG FEYER

Daft Punk

Tron: Legacy

★★☆☆☆

Sinnfrei tönendes Orchester zerstört Electro-Stücke

Im Jahr 2010 galten Daft Punk längst als wichtigste zeitgenössische Electro-Künstler. Dennoch ließen sich Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo von Disney für die sinnfreie Fortsetzung ihres Lieblingsfilms „Tron“ einspannen. Mit Joseph Trapanese betreute sie ein Orchesterleiter, der ihre schlanken Kompositionen mit Hans-Zimmer- Arrangements versah, wie sie die Filmmusik seit den Zehnerjahren dominiert: Streicher als Perkussion- Instrumente und anschwellender, heute als „BRAAAM“ bekannter Bläserdonner. Daft Punk waren nicht mehr Daft Punk. Parallel erscheint auf Vinyl „Tron: Legacy Reconfigured“ mit Remixen sowie der viel moderner klingende ’82er-„Tron“- Score von Wendy Carlos. (UMC/Walt Disney Records)

SASSAN NIASSERI

Frank Zappa

Zappa/Erie

★★★★☆

Drei Live-Shows aus den Jahren 1974–76

Nach einem Jahresrückblick (1971) folgt nun aus den anscheinend unerschöpflichen Archiven ein geografischer. Ort der Handlung ist Erie/Pennsylvania, wo Frank Zappa zwischen Frühjahr 1974 und Ende 1976 in unterschiedlichen Locations und mit wechselnder Begleitung dreimal gastierte. Den Anfang machte das nahe Erie gelegene Edinboro State College. Aufnahmen dieser Show fanden sich bereits auf „Roxy & Elsewhere“ und diversen Bootlegs. Erstmals gibt es jetzt das komplette Konzert vom restaurierten vierspurigen Masterband zu hören.

Ein halbes Jahr später trat Zappa dann mit reduziertem Line-up um Bruce Fowler und Chester Thompson im Gannon Auditorium auf. Und es sind gerade die Überschneidungen im Programm (vor allem „Dupree’s Paradise“ und „Son Of Orange County“), die einmal mehr einen hellwachen Geist zeigen, in dessen Vorstellung von einer gelungenen Show schlichte Wiederholungen erprobter Arrangements oder gar die Reproduktion der bekannten Studioversionen einfach nicht vorkommen. Beim Konzert im Erie County Fieldhouse (November 1976) liegt der Schwerpunkt dann auf dem damals gerade erschienenen „Zoot Allures“. Neben Eddie Jobson und Terry Bozzio ist hier die schillernde und nur für wenige Wochen zum Team gehörende Lady Bianca zu hören (besonders beeindruckend bei „Dirty Love“).

Aber so verschlungen konnten Zappas Exkursionen an den drei dokumentierten Abenden gar nicht sein, als dass sie das kundige Publikum ernsthaft hätten verwirren können.

Das wollte den Maestro feiern und fand dazu auch reichlich Anlass. Die gelegentlich aufkommende Unruhe im Auditorium hatte andere Gründe, die im faktenreichen, großformatigen Booklet erläutert werden.

Sechs CDs, die es mit den lückenlosen Auftritten und einigen klug gewählten, bislang ebenfalls unveröffentlichten Bonustracks auf über sieben Stunden Spielzeit bringen, haken das Thema auch klanglich in bestmöglicher Weise ab. (Zappa Records/UMe)

RONALD BORN

Madonna

Finally Enough Love: 50 Number Ones

★★★★☆

Remix-Compilation der Queen of Pop

Die Zahl im Titel ist nicht gelogen, Madonna hat bislang 50 Nummereins-Hits in den amerikanischen Dance-Club-Songs-Charts von „Billboard“ erzielt – ein Rekord. Ihr erster war „Holiday“ von 1982, ihr letzter „I Don’t Search I Find“ von 2019. Madonna hat DJs und Remixer nie benötigt, um gut zu sein – sie hat sie benötigt, um modern zu sein. Es ging los mit Jellybean Benitez, dann kamen Nile Rodgers, Stephen Bray, Timbaland, Pharrell Williams und Diplo.

Die stärksten Jahre dieser Produzenten waren auch die stärksten Jahre von Madonna: Als French House out war, engagierte sie dennoch Mirwais für „Music“, und French House war wieder in, Mirwais auch. Das nennt man wohl Kontraintuition.

Die Singles aus vier Jahrzehnten demonstrieren den Wandel im Anspruch an eigens für den Dancefloor vorgenommenen Variationen. Zunächst bestanden sie vor allem aus rhythmisch verstärkten Aufbereitungen – später nur noch aus Abstraktionen. Maxi-Singles der frühen 80er- Jahre stellten Instrumente des Originals in den Vordergrund („Into The Groove“), seit den frühen 90er- Jahren überwiegen Remixe, die die Handschrift des Promis am Mischpult betonen, der das Stück zu seinem eigenen macht – „Girl Gone Wild“ von Avicii oder „Justify My Love“ von William Orbit. Beworben wird die Sammlung mit unbekannten Fassungen aus Madonnas Compilation „You Can Dance“, die 1987 in eine Hochphase der Maxi-Single- Alben fiel (Phil Collins: „12″ers“, Janet Jackson: „Control: The Remixes“).

Ab diesem Jahr sollen sämtliche Madonna-Alben in Deluxe-Editionen aufgelegt werden – erstmals seit ihrem Karrierebeginn. Das ist längst überfällig, denn der Reissue-Wahn wütet seit mindestens 15 Jahren.

Allerdings sind die regulären US- Single-Charts wichtiger als die hier abgefeierten Dance-Charts. Nicht mit der Neuveröffentlichung eines bekannten Studioalbums zu starten, sondern mit einer Best-of, deren 50 Songs Nebenschauplätze regierten? Das ist ein ziemlich souveränes Statement. (Warner) 

SASSAN NIASSERI

Wie im echten Leben

Juliette Binoche, Hélène Lambert Regie: Emmanuel Carrère

★★★☆☆

Durch Autoren wie Édouard Louis und Annie Ernaux sind Fragen nach Klassenidentität und sozialer Ungleichheit verstärkt ins Zentrum der französischen Literatur gerückt. So nun auch im Kino: „Wie im echten Leben“, die dritte Regiearbeit des Schriftstellers Emmanuel Carrère, ist ein Sozialdrama über Ausbeutung und prekäre Arbeit. Marianne (Juliette Binoche) sucht einen Job, nachdem ihr Mann sie verlassen hat und sie ohne Einkommen dasteht. Auf dem Arbeitsamt verlangt man von ihr, für einen Job als Reinigungskraft erst mal eine aufwendige Bewerbung zu schreiben. Beim Vorstellungsgespräch bei einer großen Firma will man von Marianne hören, was sie an dem Job so begeistere. Sie antwortet, dass sie ambitioniert sei und Sauberkeit ihre Passion: „Wenn ich putze, dann für ein führendes Unternehmen.“ Der Personalchef sagt, sie würden sich vielleicht melden. Die Szene ist eine großartig inszenierte Farce, die den Irrsinn des modernen Niedriglohnsektors zeigt.

Marianne wird in „Wie im echten Leben“ zunächst als vom Leben betrogene Sympathiefigur eingeführt.

Nach dem ersten Drittel des Films stellt sich jedoch heraus, dass sie in Wahrheit eine komfortabel lebende Pariser Autorin ist, die sich für ihr nächstes Buchprojekt verdeckt unter Frauen mischt, die in der nordfranzösischen Küstenstadt Ouistreham unter miesen Bedingungen die Fähren putzen, auf denen Touristen nach Großbritannien fahren. Zu ihnen gehört auch die alleinerziehende Chrystèle (Hélène Lambert). Marianne macht sie ohne ihr Wissen zur Protagonistin eines als große Reportage angelegten Buchs. Zwischen den beiden gibt es im Film viele einprägsame Momente, obwohl beide zugleich seltsam verschlossen bleiben.

Dass der Film das moralische Dilemma einer wohlhabenden Autorin ins Zentrum stellt, mag Carrères Versuch geschuldet sein, seine eigene Position zu dem erzählten Stoff offen zu reflektieren. Angesichts der Thematik wirkt diese Erzählstruktur aber letztlich etwas verfehlt. (Kinostart: 30.6.)

KEVIN NEUROTH

Press Play And Love Again

Clara Rugaard, Lewis Pullman Regie: Greg Björkman

★★★★☆

„Wenn die A-Seite durch ist, darf man sie umdrehen. Ich liebe das. Beim Streaming ist alles zusammengeklatscht.“ Harrison (Lewis Pullman) liebt Schallplatten. Noch mehr liebt er Laura, die sich widerwillig den Verkupplungsversuchen ihrer besten Freundin, Chloe (Lyrica Okano), ergeben hat. Das Match ist geglückt, Laura und Harrison sind im Indie- Musik-Liebeshimmel, stilecht mit Mixtape auf Kassette – bis Harrison überraschend stirbt. Zum Glück hat Laura (Clara Rugaard) mithilfe des Mixtapes, das er für sie aufgenommen hat, die Chance, durch die Zeit zu reisen und ihn vor dem Unfalltod zu bewahren.

Ein bisschen „Haus am See“, ein bisschen „50 erste Dates“, eine Prise „High Fidelity“ – die Storyline ist nicht sonderlich neu, dafür vergnüglich umgesetzt von den hundeäugigsympathischen Hauptdarstellern und einem exzentrischen Ensemble (Danny Glover als altersweiser Plattenladenboss!). Die nehmen einen mit durch Lauras mühsame Reise in die Vergangenheit, wo sie versucht, ihre große Liebe vor einem frühzeitigen Ableben zu retten. Sie muss nur auf ihrem Walkman auf „Play“ drücken und landet just in dem Moment, in dem Harrison und sie den entsprechenden Song das erste Mal gehört haben. Nach mehreren gescheiterten Versuchen stellt Laura fest, dass ihre Experimente in ungeahnter Weise die Gegenwart beeinflussen. Frustriert konsultiert sie Harrisons Plattenladen-Chef Cooper, der ihr mit auf den Weg gibt: „Die meisten Leute bekommen nur eine Chance, mit der Person zusammen zu sein, die sie lieben. Du hast zwei bekommen.“

Da die Chemie zwischen den Verliebten stimmt und das Drehbuch die Trauer um Harrisons plötzlichen Tod geschickt ausspart, trägt die Neuinterpretation des Liebende-auf-Zeitreise-Stoffs über die 85 Minuten Filmlänge. Musikliebhaber erfreuen sich an der Begeisterung für Vinylschallplatten, Bildern von mit Bleistift zurückgedrehten Kassetten und an dem Auftritt von Japanese Breakfast in einer Konzert-Schlüsselszene. (Kinostart: 16.6.)

BEATRICE ACHTERBERG

Dear Memories

Thomas Hoepker, Christine Kruchen Regie: Nahuel Lopez

★★★★☆

Ein gutes Foto könne einem vielleicht einmal im Jahr gelingen, der Rest sei Routine auf hohem Niveau, gibt Thomas Hoepker in dieser berührenden Dokumentation zu. Der 1936 in München geborene Fotojournalist hat unzählige ikonische Bilder gemacht, er ist einer der besten seiner Generation. Mitten in der Pandemie ist er im Herbst 2020 mit seiner Frau noch einmal von New York nach San Francisco gereist. Es ist sein letzter Roadtrip, denn Hoepker leidet an Alzheimer. Nahuel Lopez hat ihn mit der Kamera begleitet. Dabei kommt er dem gewitzten Mann hinter dem Sucher nah, blättert noch einmal in dessen Lebenswerk und zeichnet das Porträt eines Optimisten, der seine Zeit in bewegenden Bildern festgehalten hat. (Kinostart: 30.6.)

TH

Die Ruhelosen

Leïla Bekthi, Damien Bonnard Regie: Joachim Lafosse

★★★★☆

Es beginnt mit einem Wellenrauschen – und dieses Geräusch symbolisiert schon die Beziehung von Leïla und Damien in „Die Ruhelosen“.

Denn wie die Wogen kommt auch ihre Liebe nicht zur Ruhe – sie ist von Damiens bipolarer Störung geprägt.

Der belgische Regisseur Joachim Lafosse erzählt mit präzisen Beobachtungen von dieser Krankheit und dem Versuch des Paars, sich ihr entgegenzusetzen. Es ist ein leises Drama in kühlen Farben, verwaschene Bilder in Blau und Grau, die die nostalgische Sehnsucht eines Familienalbums ausstrahlen, während die Beziehung zugleich am Schicksal zerbricht. Und es ist das intensive Zusammenspiel von Leïla Bekthi und Damien Bonnard, das ohne emotionales Pathos die Suche nach Halt und Grenzen so bewegend macht. (Kinostart: 14.7.)

CORNELIS HÄHNEL

Corsage

Vicky Krieps, Florian Teichtmeister Regie: Marie Kreutzer

★★★★☆

Vierzig Jahre – so alt wurden Frauen im 19. Jahrhundert im Durchschnitt. Ihren vierzigsten Geburtstag feiert Kaiserin Sisi von Österreich-Ungarn in Marie Kreutzers feministischem Historiendrama mit verkniffener Miene. Zwar singen ihre Gäste, dass sie hochleben und schön bleiben soll.

Für Sisi ist das aber nichts anderes als ein vergiftetes Kompliment, denn die Monarchin, die als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit galt, hadert eben gerade mit dieser sagenumwobenen Schönheit: Diese ist flüchtig, und mit strengen Diäten und die Organe einschnürenden Korsagen versucht die Wittelsbacher Prinzessin sie zu halten. Ständig braucht sie die Vergewisserung, immer noch schön zu sein. Alle sollen sie anschauen. Sie liebt es zu sehen, wie die Menschen sie ansehen. In einer Szene fleht sie Kaiser Franz Joseph an, sie anzusehen, während sie masturbiert. Das Verhältnis zu ihrem Mann ist kompliziert. Wie auch nicht, wenn man als Frau dem eigenen Gatten überlegen ist, die einzige Aufgabe aber darin besteht, sich die „Haare flechten zu lassen“.

Es sind die inneren Konflikte der Kaiserin, die im Mittelpunkt dieses aufrüttelnden Dramas stehen, das im Wettbewerb in Cannes gerade in der Sektion Un Certain Regard lief. „Corsage“ zeigt die österreichische Monarchin aus einer dezidiert weiblichen Perspektive. An die Stelle der weich gepuderten Romy Schneider tritt hier eine ebenso umwerfende wie kantige Vicky Krieps, die ihre zwischen den Sprachen und Welten wandelnde Figur als gleichermaßen verletzte und entschlossene Kämpferin spielt. Krieps gibt Sisi als wilde Tigerin, die sich in die Ketten wirft, die ihr angelegt worden sind.

Marie Kreutzer lässt sich – wie schon Pablo Larraín in „Spencer“ oder Céline Sciamma in „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ – nicht vom historisch überlieferten Stoff an die Kette nehmen. Sie erzählt diese Geschichte frei und ganz bewusst aus der Gegenwart heraus, mit Musik von den Rolling Stones und dem Stinkefinger der selbstbewussten Frau. (Kinostart: 7.7.)

THOMAS HUMMITZSCH

Die Konsequenz

Jürgen Prochnow, Ernst Hannawald Regie: Wolfgang Petersen

★★★☆☆

Als 1973 die erste bundesweite Ausstrahlung von Rosa von Praunheims „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ in der ARD erfolgte, schaltete sich der Bayerische Rundfunk aus. Es war nicht das erste Mal, dass er einen Film boykottierte, aber auch nicht das letzte. Bei der Ausstrahlung des schwulen Liebesdramas „Die Konsequenz“ von Wolfgang Petersen zog er 1977 erneut den Stecker und sendete ein Ersatzprogramm.

Der Film basiert auf dem autobiografischen Roman von Alexander Ziegler, der gemeinsam mit Regisseur Wolfgang Petersen das Drehbuch schrieb; produziert wurde das Drama von Bernd Eichinger. Jürgen Prochnow spielt den Schauspieler Martin, der im Gefängnis Thomas, den 16-jährigen Sohn eines Aufsehers, kennen- und lieben lernt. Aber als sie nach Martins Entlassung zusammenziehen, sorgen Thomas’ Eltern dafür, dass ihr Sohn in eine Erziehungsanstalt eingewiesen wird.

„Die Konsequenz“ erzählt die Liebesgeschichte zwischen zwei Männern tatsächlich aufrichtig und ohne falsche Scham, was damals alles andere als selbstverständlich war. Die Protagonisten sind differenziert und weitestgehend klischeefrei dargestellt, und es wird sogar ein empathischer Zugang zu ihrer Liebe ermöglicht. Aber leider wird der Versuch, so etwas wie „Normalität“ zu erzählen, auch hier von der Geschichte untergraben.

Denn wie so oft im schwulen Kino ist auch diese Liebe aussichtslos.

Zwar basiert „Die Konsequenz“ auf einer autobiografischen Geschichte, aber auch dieser Film reiht sich in die traurige Tradition ein, dass die queeren Figuren am Ende meist todkrank oder tot sind (wie selbst noch 2005 bei dem schwulen Vorzeigedrama „Brokeback Mountain“). Natürlich zeigt „Die Konsequenz“ damit ein repressives gesellschaftliches System auf, das nur eine Konsequenz kennt.

Aber es ist schön zu sehen, dass mittlerweile ein diverserer und weniger deprimierender Ansatz „normal“ geworden ist. (DVD/Blu-ray, Eurovideo)

CORNELIS HÄHNEL

The Northman

Alexander Skarsgård, Nicole Kidman Regie: Robert Eggers

★★★★☆

Wenn Wikinger zuletzt im Kino zu sehen waren, dann als Märchenfiguren in Marvel-Filmen wie „Loki“ und „Thor“. Doch nun hat Regisseur Robert Eggers sie auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt – mit aller Gewalt. „The Northman“ erzählt von dem zehnjährigen Amleth, der mit ansehen muss, wie sein Vater, der Wikingerkönig Aurvandil, von dessen Halbbruder, Fjölnir, getötet wird.

Amleth taucht unter und kehrt Jahre später als Sklave zurück in seine Heimat, bereit, seinen Vater zu rächen.

„The Northman“ ist eine archaische Schlachteplatte geworden, die man so konsequent lange nicht mehr im Kino gesehen hat. Eggers’ Film basiert auf der altdänischen Sage um Amletus, die auch Vorlage zu „Hamlet“ war, hat aber wenig mit dem Shakespeare-Drama gemein. Vielmehr konzentriert sich Eggers auf Amleths Rachefeldzug. Geschrieben hat er das Drehbuch mit dem isländischen Künstler Sjón Sigurdsson, der auch die Lyrics zu den Songs von „Dancer In The Dark“ verfasst hat (vermutlich kehrt Björk deshalb hier für eine Minirolle auf die Leinwand zurück). Überhaupt ist der Cast mit unter anderem Nicole Kidman, Ethan Hawke und Willem Dafoe für einen Genrefilm überraschend hochkarätig besetzt. Und Alexander Skarsgård spielt Amleth als muskelbepackten Berserker, der Lichtjahre vom zaudernden Hamlet entfernt ist.

„The Northman“ ist ein sehr physischer Film: Wut, Schmerz und Trauer schreiben sich unmittelbar in die Körper ein. In den elegischen Schlachtenszenen vergraben sich Äxte und Schwerter in Köpfen und Hälsen und das Blut sickert schicksalshaft in den Boden. Dabei verzichtet der Film auf das im Actionkino verbreitete Schnittmassaker und beobachtet die Kämpfe in langen Plansequenzen und in all ihrer realistischen stumpfen Brutalität. So wird Robert Eggers erneut seinem Ruf als anspruchsvoller Ästhet gerecht, der Wert auf eine authentische Darstellung der Zeit legt und darin eine eigenwillige Poesie findet, die man bei „Thor“ vergebens sucht. (DVD, Universal, ab 7.7.)

CORNELIS HÄHNEL

Wenn der Wind weht

Regie: Jimmy T. Murakami

★★★★☆

Die Zeichentrick-Umsetzung des Raymond-Briggs-Comics bildete 1986 den Schlusspunkt einer kurzen Phase amerikanischer und britischer Filme über die Atomkriegsangst. 1983 bewegten „Das letzte Testament“ und „The Day After“ das US- Publikum, und in Großbritannien strahlte die BBC 1984 das viel beachtete „Threads“ aus. In allen diesen Produktionen geht es um den sowjetischen nuklearen (Gegen-)Schlag und die Schicksale einzelner Familien in einer postapokalyptischen Welt, in der das Zusammenleben unter archaischen Bedingungen neu verhandelt werden muss.

„Heavy Metal“-Regisseur Murakamis werkgetreue Adaption von „Wenn der Wind weht“ widmet sich einem älteren Ehepaar auf dem englischen Land, das sich gegen die Folgen des Atomkriegs nicht wappnen kann. Hilda und Jim Bloggs versuchen an Alltagsroutinen festzuhalten, an festen Mahlzeiten und dem Schmieden von Plänen für die Zeit nach ihrer Rettung. Aber die MAD- Doktrin ist längst eingetreten, und die beiden Rentner siechen dahin, radioaktiv verstrahlt. Sie wussten nicht, dass man Regenwasser nicht mehr trinken darf. Das – tatsächlich existierende – „Protect and Survive“- Infoblatt der Regierung haben sie falsch verstanden.

„Wenn der Wind weht“ ist ein Film über den Schrecken der Atombombe, natürlich, aber auch über die Notwendigkeit, Menschen aufzuklären und auf Worst-Case-Szenarien vorzubereiten. Das „Protect and Survive“- Programm hat Großbritannien mittlerweile auch deshalb eingestellt, weil es ein Überleben unter allen Bedingungen vorgaukelte, solange Anweisungen befolgt würden.

Nur sechs Monate nach Tschernobyl angelaufen, wurde dieses auch in seiner Trickfilm-Darstellung realistisch wirkende Werk dennoch wenig beachtet. Aber Musiker machten Wirbel. Für den Soundtrack trommelte Roger Waters seine Bleeding Heart Band zusammen, Paul Hardcastle und Genesis steuerten Songs bei, und David Bowie schrieb mit „When The Wind Blows“ sein traurigstes Lied. (Blu-ray, Turbine Medien)

SASSAN NIASSERI

Helene Hegemann

Schlachtensee

★★★★☆

Doppelbödige Short Storys von der Berliner Autorin

Es kippt, überall, auch dort, wo es in Helene Hegemanns Erzählband „Schlachtensee“ harmlos beginnt.

Zum Beispiel in einer alternativen Naturkommune. Nachdem eine Ich- Erzählerin dort zunächst ein ziemlich ruhiges Dasein fristet, lässt der Besuch eines verheirateten Mannes ihre Welt ins Chaos stürzen. Noch Jahre später kommen in ihr daher die Erinnerungen an einen abenteuerlichen Nachmittag auf, in einer SMS fragt sie ihn indessen, ob er denn inzwischen nicht mehr verheiratet sei. Die Antwort erfahren wir nicht.

Mag es hier noch die spontane erotische Verzückung sein, die alles ins Wanken bringt, wirkt in weiteren Storys die verdrängte Gewalt. So verspürt etwa Esther nach der Lektüre eines Buches über die Misshandlung von Frauen, wie sie selbst „mit den Brutalos verschmelzen“ und „in gewissen Momenten zu einer Maschine“ werden will. Aus der Vorstellung über das Töten geht in anderen Miniaturen wiederum ungeschönte Realität hervor, nämlich als etwa eine Frau mit Snowboard unversehens im Tiefschnee versinkt.

Nachdem sich die 1992 geborene, in Berlin lebende Schriftstellerin vor allem durch Romane wie „Axolotl Roadkill“ (2010) oder „Bungalow“ (2018) hervorgetan hat, zeigt sie sich nun als versierte Konstrukteurin von Kurzgeschichten. Diese enden stets offen und geben allerlei nicht aufzulösende Rätsel auf, vielleicht auch weil dieses Buch so gewinnbringend um versteckte Subebenen bemüht ist. Mal impliziert ein gealterter Pfau „den derzeitigen Zustand Nordamerikas“ (ohne dies näher auszuführen), mal scheint die Aufzählung von Nazibauten ein Grund für die latente Aggression in der gegenwärtigen Gesellschaft zu sein. Und allzu oft sind es die Träume, in denen sich nie ausgelebte Wut und Ängste Raum bahnen. Will man diese Welten überhaupt entdecken? Unbedingt. In ihnen schlummert wildeste Fantasie und finden sich bei allem Schrecken ebenso bislang nie gegangene Wege in unser eigenes Bewusstsein. (Kiepenheuer & Witsch)

BJÖRN HAYER

Richard Wright

Der Mann im Untergrund

★★★★☆

Meisterwerk der afroamerikanischen Literatur

Ein Mann wird auf dem Nachhauseweg von der Arbeit von der Polizei angehalten, des Mordes bezichtigt und auf dem Revier so lange geschlagen und gefoltert, bis er ein Geständnis unterschreibt. Die Gewaltorgie dauert acht Stunden und nimmt in Richard Wrights Roman „Der Mann im Untergrund“ fünfzehn Seiten ein.

Geschrieben wurde das Buch 1941, veröffentlicht wurde es damals jedoch nicht. Mag sein, dass Wrights Verlag diese Schilderung seinen Lesern so kurz nach Kriegseintritt der USA nicht zumuten wollte, jedenfalls lehnte er, obwohl Wright im Jahr zuvor mit „Native Son“ einen Millionenseller gelandet hatte und so etwas wie das Aushängeschild der afroamerikanischen Literatur geworden war, die Veröffentlichung ohne Begründung ab. Erst jetzt, gut achtzig Jahre später und über sechzig nach Wrights Tod 1960, ist der Roman erstmals unzensiert zugänglich, und beinahe reflexartig erging sich die liberale US-Presse in Lobeshymnen über seine ungebrochene Aktualität.

Das ist zwar richtig, aber, mit Verlaub, auch etwas wohlfeil: Es verengt die Bedeutung dieses Buchs auf den politischen Aspekt. Die literarische Wucht, mit der dieser Text das Gefühl absoluter Ausweglosigkeit ins Hirn des Lesers hämmert, gerät so zwangsläufig aus dem Blick. Denn dieser Fred Daniels – der Name ist eine Hommage an den schwarzen Abolitionisten Frederick Douglass – kann fliehen, versteckt sich fortan in der Kanalisation, wo er sich in einer Parallelwelt einrichtet, aus der er nur gelegentlich Ausflüge nach oben unternimmt. Was er dort sieht und erlebt, treibt ihn dazu, sich nur noch tiefer in die Kanalisation, eine Art Gegenentwurf zur Underground Railroad, zurückzuziehen.

Und in diesem Rückzug, dieser kategorischen, an Kafka gemahnenden Absage an jegliche Form sozialen Zusammenlebens liegt die viel schmerzhaftere, überzeitliche Wahrheit, die diesen schmalen Roman zweifellos zu einem der Schlüsselwerke der Literatur des 20. Jahrhunderts macht. (Kein & Aber)

GUNTER BLANK

Arezu Weitholz

Zu Mensch

★★★★☆

Schönes Buch über Grönemeyers Großwerk

Vor zwanzig Jahren, im August 2002, erschien „Mensch“, das alles überragende Großwerk von Herbert Grönemeyer, jenes Album, auf dem er den Tod seiner Frau Anna in musikalischer Form zu verarbeiten versuchte.

Die für den Sommer 2022 geplanten „Mensch“-Gedenkkonzerte mussten wegen Corona abgesagt werden, aber immerhin kann man das Jubiläum mit diesem schönen Buch von Arezu Weitholz würdig begehen. Die langjährige Freundin der Familie dokumentiert den Entstehungsprozess des Werks, sie hat darüber nicht nur mit Grönemeyer gesprochen, sondern auch mit vielen anderen Beteiligten, etwa dem ROLLING-STONE- Art-Director Walter Schönauer, der damals das Cover des Albums gestaltete. (Kunstmann)

JB

Christof Leim

101 Rock Stories

★★★★☆

Sonderbares und Witziges aus der Welt des Rock

Was war der Anlass für den ersten Fernsehauftritt von David Bowie? Wo fand das erste Konzert von Black Sabbath nach dem Weggang von Ozzy Osbourne und mit dem neuen Sänger Ronnie James Dio statt? Woran starb Steve Peregrin Took, der Gitarrist von Tyrannosaurus Rex? Wer sich solche Fragen auch schon mal gestellt hat und die Antworten noch nicht kennt, sollte das neue Buch des Musikjournalisten Christof Leim lesen, in dem er „Anekdoten, Exzesse und wilde Geschichten“ aus der Rockgeschichte versammelt. (Auflösung von oben: 1. Die Gründung der Gesellschaft zur Vermeidung von Grausamkeit gegenüber langhaarigen Männern. 2. In der Stadthalle von Aurich. 3. Er verschluckte sich an einer Cocktailkirsche.) (Riva)

JB

Julia von Lucadou

Tick Tack

★★★★☆

Roman aus der Welt der Influencer und Querdenker

Die von ihrer Mutter nach einem beliebten Streichkäse benannte 15-jährige Almette reift zu einer hochbegabten, etwas pummeligen Schülerin heran, die auf ihren digitalen Kanälen unter dem Namen „saycheese“ mit ihren „Suizide-Erklärbär-Videos“ für Furore sorgt, nachdem sie sich vor eine Kölner U‐Bahn gelegt hat und gerettet wurde. Sie gerät ins Visier des zehn Jahre älteren, ebenfalls überaus intelligenten Nerds Jo, der Almettes digitales Potenzial erhöhen möchte. Jo erweist sich allerdings als Manipulator und Verschwörungstheoretiker, und so findet sich der neue Influencer-Star an der Spitze der „Querdenker“-Demos wieder.

Es gäbe genügend Gründe, dieses Buch schnell wieder aus der Hand zu legen: zwei arrogante und leidlich unsympathische Protagonisten, mit deren Ansichten wir abwechselnd konfrontiert werden, sowie das unerträgliche Geschwätz der „Querdenker“-Bewegung, inklusive des Missbrauchs des Andenkens an Sophie Scholl. Aber Julia von Lucadou, die 2018 mit dem Roman „Die Hochhausspringerin“ ein faszinierendes Debüt vorlegte, gelingt mit „Tick Tack“ ein kleiner Geniestreich. Der Reiz des Romans liegt natürlich in der Ausarbeitung der beiden Hauptfiguren. Sind Jos Auslassungen wider die Political Correctness zu Beginn noch höchst amüsant und kabarettistisch wertvoll, geraten seine auch frauenverachtenden Ansichten im Romanverlauf zunehmend ätzend und an die Grenze des Ertragbaren.

Almette indes sorgt mit ihren zynischen, häufig in sehr altklugem Ton formulierten Social-Media-Eintragungen für Erheiterung und zahlt für ihre steigende Internetpopularität einen hohen Preis.

TikTok, Instagram & Co.: Julia von Lucadou entlarvt erneut die Scheinheiligkeit moderner Aufmerksamkeit heischender Kommunikationsmodelle, bleibt hart am Puls der Zeit und radikal in Form und Inhalt. „Tick Tack“ ist eine unverhohlene und offensichtliche Gesellschafts- und Digitalisierungskritik, aber eine irre gute. (Hanser Berlin)

GÉRARD OTREMBA