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Brüder, zur Sonne


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 48/2019 vom 22.11.2019

Mythen Borussia Mönchengladbach ist der Lieblingsverein aller Fußballromantiker. Doch der Klub muss sich verändern, wenn er überleben will. Wie lässt sich ein Gefühl vermarkten, ohne die Liebe der Fans zu gefährden?


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 48/2019

Fans in der Nordkurve im Borussia-Park beim Spiel gegen Düsseldorf am 22. September Wohin sollten sie auch gehen?


Seit über 100 Jahren zieht’s uns magisch zu dir hin. Du, die Sonne unsrer Heimat, nach dir steht uns der Sinn!
»Die Seele brennt«, Einlaufhymne von Borussia Mönchengladbach

Alle 14 Tage versammeln sich in Mönchengladbach, einer Industriestadt am linken Niederrhein, etwa 50000 ...

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... Menschen zu einer Feier des deutschen Mittelstands. Sie ziehen Trikots an und legen grün-weiße Schals um, sie tragen Wimpel, Kutten, Banner, manche haben sich die Haare grün gefärbt. Viele haben sich die Namen längst abgewanderter Helden auf ihr Trikot flocken lassen: Reus, Effenberg, Dante.

Reus, Dante und viele andere sind längst weg, sie, die Fans, sind noch da. Wohin sollten sie auch gehen? Und weil die Zukunft ungewiss ist, feiern sie die Vergangenheit – Borussia Mönchengladbach ist eine Marke, die heller strahlt als die Stadt, aus der sie kommt: ein Ausdruck deutscher Wertarbeit, so wie Kettler, wie Rosenthal, wie Schiesser, wie Märklin.

Der Unterschied: Anders als Rosenthal und Kettler ist Gladbach immer noch da. Die Frage ist: warum eigentlich?

Exakt zehn Minuten vor Spielbeginn macht sich im Borussia-Park, in dem der Verein seit ein paar Jahren seine Heimspiele austrägt, ein Mann auf den Weg in den Innenraum, wegen seiner Körpergröße von zwei Metern nennen sie ihn nur »Tower«. Er passiert den Tunnel, durch den die Mannschaften gleich ins Stadion laufen werden, er betritt den Innenraum und wendet sich nach links, dorthin, wo die Trainerbank von Borussia Mönchengladbach steht: vor ihm die Nordkurve, wo die wahren, die echten, die treuen Fans stehen, die zwei große Wünsche haben. Dass alles besser wird. Und dass alles so bleibt, wie es ist.

Dann ertönt über die Stadionlautsprecher die Hymne.

Tower, der eigentlich Thomas Weinmann heißt, hat diesen Song selbst eingespielt, als Schlagzeuger der Projektband B.O., der einzigen Fanband der Fußballbundesliga, die das komplette Liedgut ihres Vereins selbst geschrieben hat.

Zwei Minuten und 16 Sekunden dauert es, bis das Schlagzeug einsetzt – Weinmanns Schlagzeug. Kurz darauf betreten die Spieler den Rasen. Alle singen, Block 16, die ganze Nordkurve, das ganze Stadion.Stolzer Blick zurück – volle Kraft nach vorn. Für den Namen, den die Welt so glorreich kennt!

Er denke in diesen Minuten nicht, sagt Weinmann, weil er so sehr mit dem Singen beschäftigt sei: erfüllt vom Stolz auf diesen Verein, ergriffen von dem Moment, mitgerissen vom eigenen Trommelwirbel, der dem Gesang eine schöne Dringlichkeit verleiht. Erst wenn das Lied verklungen ist, geht er zu seinem Platz.

Es ist das Spiel gegen Fortuna Düsseldorf, die fünfte Begegnung der laufenden Saison. Nach sechs Minuten schießt Düsseldorf das 1:0.

Es gab mal eine Zeit, in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, da war Mönchengladbach neben dem FC Bayern der beste Fußballklub Deutschlands. Zwischen 1970 und 1979 wurden die Gladbacher fünfmal Meister, einmal Pokalsieger, zweimal Uefa-Cup-Sieger.

In einer gesichtslosen, vom Krieg zerstörten Stadt spielten sie einen Fußball, den die Deutschen bis dahin nicht kannten; in der Tristesse von Reihenhaussiedlungen entstand eine Schönheit, die diese Tristesse vergessen ließ. Am äußersten Rand der Bundesrepublik gelegen, vermittelte Mönchengladbach ein paar Jahre lang eine Idee davon, wie Strukturwandel in Deutsch -land aussehen könnte: kaufmännische Sparsamkeit gepaart mit Wagemut, die Werte der al ten Bundesrepublik gepaart mit dem Willen zu Erneuerung und Aufbruch. Mönchengladbach gelang im Fußball das, was der SPD mit dem Ruhrgebiet gern gelungen wäre.

Damals war Gladbach eine echte Alternative zu den Bayern, ein Gegenmodell, der letzte Verein der Bundesliga, der sich gegen Trikotwerbung stemmte. Als Fan musste man sich entscheiden: zwischen dem jungen, ungestümen Fußball vom Niederrhein – und dem kontrollierten Fußball der Bayern. Das war ähnlich schwer wie die Entscheidung zwischen Levi’s und Wrangler, Coca-Cola und Pepsi oder Beatles und Rolling Stones – es ging um eine Haltung, um Grundsätzliches also.

Lange hat Borussia Mönchengladbach von der Rolle des Underdogs profitiert. Andere Klubs standen für Nüchternheit und Pragmatismus, Gladbach stand für Utopie. Wegen ihres Spielstils und ihrer Jugend wurde die Mannschaft »Fohlen« genannt. Bayern steht bis heute für Erfolg, während Gladbach lange in der Bedeutungslosigkeit versank.

München verbindet man mit Siemens und BMW, Finanz und Hightech; die Stadt Mönchengladbach zählt fünf Tedi-Filialen, zehn kik-Läden und ein sympathisch verblichenes »Haus der Geschenke«.

Die Fans sind mit ihrem Verein alt geworden. Thomas Weinmann sagt: »In der Nordkurve haben wir jetzt einen Altersdurchschnitt von 47,3 Jahren ermittelt, das ist verdammt alt. Es zeigt die Treue, aber auch die Kluft: Uns fehlt eine ganze Generation. «

»Wenn wir zehn Jahre weiter denken«, sagt Weinmann, »sind die Fans in der Nordkurve 57,3 Jahre alt. Ob die dann noch in der Nordkurve stehen?«

Natürlich wussten alle, dass es so nicht ewig weitergehen konnte. Das Stadion zu klein, die Einnahmen zu gering, fast immer musste der Verein die besten Spieler verkaufen, meistens an die Konkurrenz. 20 Jahre nach dem letzten Europapokaltriumph hatte Borussia 30 Millionen Mark Schulden und stand kurz vor der Pleite. Erstmals spielte der Verein in der Zweiten Liga.

Vereinspräsident Königs, Klubidole Heynckes, Netzer, chinesische Nachwuchsspieler: »Im Hier und Jetzt leben«


Dass er den Wiederaufstieg schaffte, dass sich die Mannschaft stabilisierte, zumeist im oberen Mittelfeld, hat damit zu tun, dass an die Stelle der Träumer irgendwann Kaufleute traten.

2004 wurde der Manager Rolf Königs zum Präsidenten gewählt. Königs ist, wenn er sich nicht gerade um Gladbach kümmert, Geschäftsführer der Aunde, das steht für Achter und Ebels, Marktführer für Lkw-Sitzbezüge. Königs hat den Laden vom Textilhersteller zum System -lieferanten der Automobilindustrie ent -wickelt, mit 24 500 Mitarbeitern weltweit macht das Unternehmen rund drei Mil -liarden Euro Umsatz.

Vor dem Spiel gegen Düsseldorf wartet er in einem Besprechungszimmer. Schwarzer Anzug mit Gladbach-Raute, schwarze Schuhe, eine Krawatte in den Vereins -farben, die er selbst entworfen hat.

Sie machten keine Politik, sie brauchten keine Polemik, sagt Königs, wenn er über die Borussia spricht. »Das würde nicht zu uns passen.«

Königs, 78 Jahre alt, ist ein Kaufmann, dem etwas daran liegt, dass den Kunden das Produkt gefällt. Wenn seine Borussia verliert, ist ihm das peinlich. »Die Fans haben ein Reklama tionsrecht«, sagt er. Ein Verein wie Mönchengladbach ist, mit den Augen eines Mittelständlers gesehen, ein Produzent von emotionalen Momenten, die anderen Vereine sind für Königs »Mitanbieter «. Wie jeder Hersteller kann er sich nur eine bestimmte Ausschussquote erlauben, wenn er nicht vom Markt verschwinden will.

Ausgerechnet Königs, der Kaufmann alter Schule, ist der Erfinder der modernen Borussia. Als er kam, hat er allen erklärt, dass die Borussia eine Marke sei. Damals, erzählt er, hätten alle gesagt: Der Königs ist verrückt. Mittlerweile habe sich die Meinung gedreht.

Königs stellte die Frage, was eigentlich der Markenkern von Borussia Mönchengladbach sei. Wie sich die Zielgruppe des Vereins von den Zielgruppen der Konkurrenz unterscheide – und was, möglicherweise, ein Alleinstellungsmerkmal sein könnte. Mit anderen Worten: Er zwang diesen Klub, der von Menschen wie Thomas Weinmann nahezu religiös verehrt wird, zu dem, was in der Wirtschaft »Restrukturierung « heißt.

Er habe dem Verein eine »Struktur« gegeben, sagt Königs. Er hat die Schulden abgetragen und den Bau eines neuen, größeren Stadions vorangetrieben, er hat in der Vereinsführung die Ehrenamtlichen durch Profis ersetzt und das Lizenzspielergeschäft in ei ne GmbH überführt. Königs hat erkannt, dass die Sympathie, die in den Siebzigern erarbeitet wurde, ein Alleinstellungsmerkmal sein kann. Er hat das Merchandising ausgebaut und die Romantik, die Leute wie Thomas »Tower« Weinmann so lieben, vorsichtig gedimmt.

Sie müssen den Jungen etwas bieten, das ist die Herausforderung, gleichzeitig dürfen sie die Alten nicht vergraulen. Sie haben einen Mythos, den andere Klubs gern hätten, sie müssen ihn entstauben, ohne ihn zu zerstören. Sie müssen zeigen, dass sie die Erinnerungen hochhalten, gleichzeitighaben sie sich einen neuen Claim verpasst: »Zeit für neue Erinnerungen«.

Aus dem Verein sollte ein Unternehmen werden, die Herzensangelegenheit ein wirtschaftliches Fundament bekommen. Königs wird dafür respektiert, aber nicht geliebt. Die Fans misstrauen einem Mann, der kühl und leidenschaftslos rechnet, selbst wenn seine Nüchternheit am Ende den Verein rettet. Dafür steigen die Mitgliederzahlen. Im Jahr 2000 hatte die Borussia rund 6000 Mitglieder, heute sind es 90000.

»Die Heimat von Borussia ist und bleibt Mönchengladbach«, twitterte der Klub unlängst ein Königs-Zitat. »Aber wir dürfen nicht stehen bleiben. Deshalb haben wir ein Büro in Shanghai eröffnet.«

Für das Büro, knapp 13 Flugstunden von Mönchengladbach entfernt, ist Stephan

Schippers zuständig, Geschäftsführer seit 1999, dem Jahr des ersten Abstiegs. Schippers, gelernter Finanzfachmann, ist ein angenehm unaufgeregter Mensch, der in kurzärmeligem Hemd in der Geschäftsstelle erscheint und die Sorge seines Pressesprechers, er könne sich als Geschäftsführer so auf keinen Fall für den SPIEGEL fotografieren lassen, lässig beiseitewischt.

In einem Verein, das ist bei einem Fußballklub nicht anders als in einem Unternehmen, gibt es meist zwei Lager: die Traditionalisten und die Reformer.

Die Traditionalisten wollen, dass alles bleibt, wie es ist. Die Reformer wollen, dass sich ein paar Dinge ändern, damit das meiste bleiben kann, wie es war.

Schippers war dabei, als Mönchengladbach, als Ersatz für das alte Bökelberg -stadion, eine neue Arena baute, für 87 Millionen Euro. Er half Königs, den Verein zu entschulden und solide zu planen. Und jetzt Shanghai.

Natürlich sind die anderen längst da, Real Madrid und Manchester United und Bayern sowieso; wer sich weltweit als Marke etablieren will, kommt an China nicht vorbei. Die Klubs wollen den Chinesen die Fernsehrechte an den Spielen verkaufen, damit die Stars aus Europa im chinesischen Programm zu sehen sind. Im Mai dieses Jahres reiste die Mannschaft von Borussia Mönchengladbach nach China, um ein Testspiel zu absolvieren und das Büro zu besuchen.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, eine Tradition zu vermarkten, die vor mehr als 40 Jahren begründet wurde. Die Reise nach China ist eine solche Möglichkeit. Um wettbewerbsfähig zu werden, muss der Klub expandieren, neue Absatzmärkte erschließen, seine Bekanntheit steigern.

Für Mönchengladbach, sagt Schippers, der Geschäftsführer, gehe es jetzt noch nicht in erster Linie darum, in China Geld zu verdienen. »Das ist ein Bildungsauftrag, den wir dort haben.« China habe sich Ziele gesetzt: WM-Teilnahme bis 2040, WM-Ausrichtung bis 2050. »Wir sehen das als Verpflichtung für den deutschen Fußball, uns dort zu beteiligen. Wir machen das, was wir können: Wir bringen unsere Fohlenphilosophie in andere Teile der Welt.«

Einerseits ist das natürlich eine ziemlich smarte Idee, ausgerechnet in Shanghai, im Herzen des chinesischen Staatskapitalismus, eine Art Wärmekammer für deutsche Mittelklassetugenden einzurichten: den Chinesen beispielsweise zu zeigen, dass ein moderner Klub auch im 21. Jahrhundert wie ein Familienbetrieb geführt werden kann.

Andererseits gibt es kaum einen Chinesen, der den Vereinsnamen aussprechen kann. Es geht vor allem darum, bereit zu sein. Und wenn dann eines Tages ein Investor kommt, der nach China will, sagt Schippers, »dann sind wir im Markt vertreten «. Sie hoffen darauf, dass potenzielle Investoren wissen wollen, wer im Markt ist. »A: Bayern München. B: Borussia Dortmund. Und C ist dann schon Gladbach. « Es ist ein Versuch. Sie wissen, dass es ihnen nicht schaden kann. Und wenn es in fünf Jahren nicht nennbar »auf die Marke einzahlt«, wie Schippers sagt, dann machen sie das Büro halt wieder dicht.


Die alte Vereinsführung wollte die Alten nicht, weil sie nur meckerten.


Unterdessen bauen und planen sie. Neben dem Chinaexperiment gibt es ein Hotel am Stadion, in dem Fans vor und nach dem Spiel übernachten können. Königs redet vom »Digital Circle«, einem externen Expertenteam für digitale Projekte, oder vom Einstieg in den E-Sport, bei dem Menschen sich am Computer im sportlichen Wettkampf messen.

Vor Kurzem haben die Gladbacher ihrer Vergangenheit sogar ein eigenes Museum errichtet, gleich hinter dem neuen Stadion: Wimpel und Pokale sind dort ausgestellt, die Pfostentrümmer aus dem Bremen-Spiel (die Partie wurde abgebrochen und mit 2:0 für die Bremer gewertet, weil der Torpfosten umknickte) oder die Cola-Dose, die einen gegnerischen Spieler am Kopf traf und die dazu führte, dass die Uefa das rauschhafte 7:1 gegen Inter Mailand annullierte – wer in den Siebzigerund vor allem Achtzigerjahren Fan dieses Vereins war, gewöhnte sich an den Gedanken, von den Großen betrogen und um den verdienten Sieg gebracht zu werden.

Das Museum ist der Versuch, mit der Vergangenheit zu werben und damit auch noch Geld zu verdienen. Königs hat, wenn man so will, die Fertigungstiefe erweitert und die Wertschöpfung erhöht.

Warum ein Jugendlicher heute Fan von Borussia Mönchengladbach werden sollte?

Königs lächelt. »Wir sind seit 2013 jedes Jahr zum familienfreundlichsten Klub der Bundesliga gewählt worden«, sagt er.

Was der Verein seinen jungen Mitgliedern zu bieten habe?

Königs zählt die Erfolge auf. Den »Jünterclub « für Kinder bis zwölf, benannt nach Günter Netzer. »Die Kinder können sich hier auf Spiele vorbereiten und Oma und Opa mitbringen; die Kinder kriegen hier mehr geboten und können sich besser entfalten. «

Was Königs rechtzeitig erkannt hat, anders als die Manager von Kettler, Märklin oder Rosenthal: Man kann die Erinnerung an die alten Zeiten pflegen – und gleichzeitig vermarkten. Als Königs kam, vor 15 Jahren, fragte er beispielsweise, wo die alten Spieler seien, all die glanzvollen Namen, die jeder Fan bis heute im Schlaf aufsagen kann: Wimmer und Vogts, le Fevre und Stielike, Heynckes, Laumen und Bonhof.

Die alte Vereinsführung, hieß es, wollte die Alten nicht, weil sie nur meckerten. Und weil es im alten Stadion zu wenig Plätze gab, um die einstigen Stars mit Frei -karten zu versorgen.

Königs änderte das. Jetzt werden die Alten dazugeholt, als Ratgeber oder als Glücksbringer, wie neulich im Europa -pokalspiel gegen den AS Rom.

Günter Netzer, der in diesem Jahr 75 Jahre alt geworden ist, hat nach Sylt eingeladen, wo er regelmäßig seinen Sommer urlaub verbringt.

Netzer, von 1963 bis 1973 Spieler der Borussia, steht wie kaum ein anderer für den Zwiespalt, in dem sich der Verein seit rund 50 Jahren befindet: ein Held, ein Rebell, weil er sich, gegen den Willen seines Trainers, selbst einwechselte. Und wenige Minuten nachdem er den Platz betreten hatte, das Siegtor schoss. Ein Popstar, der sich im Morgengrauen, nach einer Nacht in der Diskothek, mit dem Ferrari auf der Rheinbrücke fotografieren ließ: der bekannteste Sohn der Stadt, der eine erfolgreiche Karriere machte und irgendwann einfach verschwand.

Was kann, was muss der Verein bewahren, damit Fans wie Thomas Weinmann weiterhin ins Stadion kommen?

Netzer hat in Madrid gespielt und den HSV gemanagt, seit vielen Jahren lebt er in Zürich. Die Gladbacher Zeit ist inzwischen sehr weit weg.

Er habe es viele Jahre nicht nach Gladbach geschafft, sagt Netzer. Er sei erst wieder hingefahren, als Anfang Mai das Vereinsmuseum, die »Fohlenwelt«, eröffnet wurde. Die Vergangenheit in den Vordergrund zu stellen, halte er für völlig falsch, sagt Netzer. »Man muss im Hier und Jetzt leben.« Es sei schön, wenn man eine Vergangenheit habe, aber diese sei nichts gegen den Zins, der vom aktuellen Erfolg ausgehe. »Der Erfolg sorgt dafür, dass dir die Fans zulaufen.« Alte Geschichten seien nur gut für den Sympathiefaktor, mehr nicht.

Vereinsmuseum »Fohlenwelt«: Sehnsucht nach Aufbruch


Der Fan, sagt Netzer, sei am Ende an schönen Geschichten allein nicht interessiert: weder an den Mythen der Vergangenheit noch an den Idealen eines Klubs, der in China Entwicklungsarbeit leistet. Dass der Verein lange stolz darauf war, kleine Ziele mit überschaubaren Mitteln anzustreben, hat Netzer früh genervt. Firmen wie Märklin gerieten auch deswegen in Schwierigkeiten, weil die Visionen irgendwann so klein wurden, dass sie in eine Museumsvitrine passten.

Es ist ansonsten ein wunderbarer Nachmittag mit Günter Netzer. Der Mann, der so überzeugt im Heute lebt, erzählt ausgiebig von früher. Von seiner Zeit als HSV-Manager, von Herbert Wimmer, seinem Gladbacher Mannschaftskollegen, der nach dem Training immer in die Umkleidekabine sprintete, weil er auf dem Heimweg nicht vor einer geschlossenen Bahnschranke warten wollte; vom Pokal final-Siegtor gegen den 1. FC Köln, als er den Ball nicht richtig traf und der Schuss dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, im oberen linken Tordreieck einschlug.

Netzer ist froh, Mönchengladbach rechtzeitig verlassen zu haben. Sein Blick auf den Verein ist geschäftsmäßig, unsentimental. Er wollte weg aus der Provinz, eben weil er die Provinz kannte. Trotzdem gibt es bei Netzer eine Verbundenheit zur Heimat, die sich in Geschichten auflöst.

Die Fans, die mit diesen Geschichten aufgewachsen sind, bewahren sie und geben sie an ihre Kinder weiter.

In einer Ecke der Fohlenwelt können die Besucher einen Nachbau von Netzers berühmter Diskothek »Lover’s Lane« betreten, ausgestellt ist der originale Tresen mit den Partygetränken von damals. Noch heute erzählt der Mönchengladbacher Oberbürgermeister, wie er bei Netzers Umzug von Mönchengladbach nach Madrid im Jahr 1973 half – und mit eigenen Augen sah, dass Netzer eineschwarze Badewanne besaß.

Es gehört zu den Widersprüchen des Gladbacher Projekts, dass die im Museum ausgestellte Vergangenheit immer beides beschwört: das Solide, Buchhalterisch-korrekte, Provinzielle – und die Sehnsucht nach dessen Überwindung.

Der Filmregisseur Christian Petzold, 1960 in Hilden geboren, ist seit Mitte der Siebzigerjahre Gladbach-Fan. Er hat dem Kino mit Werken wie »Wolfsburg« oder »Barbara« ein paar großartige Filme geschenkt, in jedem benennt er eine Figur nach einem Gladbacher Spieler. Als Fan der Borussia hat er lange über den Zusammenhang zwischen Provinz und Schönheit nachgedacht.

»Ich bin in einer Reihenhaussiedlung groß geworden«, sagt Petzold, »wo es wahrscheinlich ziemlich genauso aussieht wie in Mönchengladbach. Und da hab ich gedacht: Wenn die das schaffen, einen so schönen Fußball zu spielen, aus der Hässlichkeit, aus dem Provinzialismus heraus, dann brauchen wir nicht alle Hoffnung fahren zu lassen.«

Gladbach, sagt Petzold, sei »die utopische Sehnsucht, dass aus Piefigkeit, aus Carport und Glasbausteinen, aus Müll -trennung und Seidensticker-Hemden Schönheit entstehen kann«. Petzold war 17, als Mönchengladbach zum letzten Mal Meister wurde. Wie lange kann ein Verein, oder ein Unternehmen, durchhalten, wenn die Fans, oder die Kunden, langsam wegsterben, die sich an die großen Zeiten erinnern können? Fans, die es ertragen, wenn ihre Kinder beim Besuch in der Fohlenwelt rufen: »Papa, ich hab ja gar nicht gewusst, dass Gladbach fünfmal Meister war.«

Vor ein paar Wochen, als Netzer seinen 75. Geburtstag feierte, begrüßte Rainer Bonhof, inzwischen Vizepräsident, die Helden von einst auf der Bühne. Berti Vogts war gekommen, der ein paar Kilometer entfernt in Korschenbroich lebt, Jupp Heynckes, der sich in Schwalmtal einen Bauernhof hat bauen lassen, Herbert Laumen und drei Dutzend andere.

Sie standen nebeneinander, machten Witze, sie freuten sich und waren ein wenig gerührt darüber, dass es die Borussia noch gibt.

In den Achtzigern hatten sich die Wege von Bayern München und Mönchengladbach getrennt. Am 7. Dezember werden sie sich gegenüberstehen, im Borussiapark, es ist gut möglich, dass Gladbach die Münchner als Tabellenführer empfängt.

Es ist das Duell zweier Geschäftsmodelle: Schönheit gegen Effizienz, Nostalgie gegen Flagshipstore, 173 Millionen Euro Umsatz gegen 750 Millionen.

Thomas Weinmann, »Tower« genannt, wird rechtzeitig im Stadion sein.

Er wird sich auf den Weg in den Innenraum machen, er wird den Tunnel passieren, durch den die Mannschaften ins Stadion laufen, er wird die Arena betreten und sich nach links wenden, dorthin, wo die Trainerbank von Borussia Mönchengladbach steht. Er wird auf die Nordkurve blicken und auf den Trommelwirbel warten, der die Hymne begleitet, die er selbst eingespielt hat:

Denn du lebende Legende Fohlenelf vom Niederrhein,
schriebst ein Stück Fußballgeschichte. Und so wird’s auch in Zukunft sein!

Er wird dahin gehen, wo die wahren, die echten, die treuen Fans stehen, die, wie alle echten Fans, konservativ sind, und er wird zwei große Wünsche in seinem Herzen tragen: dass alles besser wird. Und dass alles so bleibt, wie es ist.

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