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Brutal freundlich


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 38/2019 vom 13.09.2019

Österreich Altkanzler Sebastian Kurz könnte schon bald wieder Kanzler sein. Viele Wähler sind von der Ibiza-Affäre und ÖVP-Skandalen wenig beeindruckt. Porträt eines Politikers, der sein Land spaltet – und der sogar wieder mit der FPÖ regieren würde.Von Walter Mayr


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 38/2019

Ex-Regierungschef Kurz: Politik begreift er als Handwerk, nicht als Mission


RODERICK AICHINGER / DER SPIEGEL

Der Mann hat zwei Gesichter. Ist das Mikrofon ausgeschaltet und kein Fotograf in der Nähe, fällt alles Maskenhafte ab von Sebastian Kurz: Er rudert nun nicht mehr synchron mit den Händen und wägt seine Worte weniger ab. Die sorgsam ...

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... gepflegte Fassade des Staatsmannes bekommt Risse.

Unter vier Augen kann der nette Herr Kurz ganz schön gallig werden. Dann zieht er über Mitbewerber her, die früher, im Journalistenberuf, erbärmliche »Auftragsschreiber « gewesen seien; über Linke, die dem Proletariat nach dem Mund redeten, aber ihre Kinder auf die teuerste Privatschule Wiens schickten; und über Kritiker, die ihn in die rechte Ecke zu stellen versuchten, »obwohl ich kein Faschist bin«.

Sebastian Kurz, 33, Österreichs jüngster Altkanzler aller Zeiten, ist im Wahlkampfmodus schwer zu bremsen. 13 Stunden Trubel hat er an diesem Tag bereits hinter sich und wirkt trotzdem noch wach, spätabends in der Bauernstube des Traditionshotels Steinerwirt zu Zell am See. Nach außen hin bleibt er förmlich. »Darf ich bitte ein stilles Wasser und Kamillentee haben? «, fragt er die Kellnerin, flehend fast. Wünschen Fans ein Selfie mit ihm, ist er es, der sich danach bedankt.

Makellos im Auftreten, machtversessen im Kern, so sehen ihn Kritiker. »Komplett ideologiebefreit« sei Kurz, politisch »einzigartig, aber seelenlos«, von kalter »Machtbesoffenheit « und »so skrupellos wie unbeleckt « – das sagen österreichische Spitzenpolitiker, Staatspreisträger, Publizisten. Kurz liest ihre vernichtenden Urteile in den Morgenzeitungen. Tagsüber dann, unter Wählern im südlichsten Zipfel Tirols oder in Oberpullendorf nahe der ungarischen Grenze, zeigt sich ein anderes Bild: Dort kann er sich vor dem Ansturm seiner Anhänger kaum retten.

17 Monate lang diente Kurz, mit anhaltend guten Umfragewerten, als jüngster Regierungschef in Österreichs Geschichte. Dann veröffentlichten SPIEGEL und »Süddeutsche Zeitung« im Mai das Ibiza-Video, das den Koalitionspartner bloßstellte, Vizekanzler Heinz-Christian Strache von der FPÖ – es folgte der Sturz der Regierung und eine der schwersten politischen Krisen der österreichischen Nachkriegszeit. Bei der anstehenden Neuwahl am 29. Septem ber will Kurz nun zurück an die Macht. Die Chancen für den Chef der konservativen ÖVP stehen gut: Umfragen zufolge liegt er mit seiner Partei uneinholbar vorn. 42 Prozent aller Befragten, das sind mehr als noch vor zwei Jahren, hätten ihn gern als Kanzler.

Die Kritik der linksliberalen Wiener Eliten am ehemaligen Regierungschef lässt seine Anhänger kalt. Auch ihn selbst? Wer Kurz kennt, wer miterlebt hat, wie aus dem 24-jährigen Staatssekretär für Integration ein blutjunger Außenminister und schließlich ein 31-jähriger Kanzler wurde, dem fällt auf: Er ist misstrauischer, dünnhäutiger geworden. Kurz, der immer alles im Griff haben wollte, musste einsehen, dass ihm zuletzt manches entglitten ist.

Da war ja nicht nur das Ibiza-Video, auf dem die FPÖ-Spitzen Strache und Johann Gudenus Österreich wie eine Bananenrepublik aussehen ließen. Da war die Affäre um den Kurz-Mitarbeiter, der unter falschem Namen Druckerfestplatten aus dem Kanzleramt vernichten ließ; dazu flogen verschleierte ÖVP-Parteispenden auf, und es erschien eine allzu schmeichelhafte »offizielle Biografie« des Ex-Regierungschefs.

Schließlich veröffentlichte der Wiener »Falter« Dokumente aus dem Inneren der ÖVP, die das Bild vom smarten Parteiretter beschädigen: Darin fand sich nicht nur seine Wahlstrategie von 2017 wieder, die FPÖ mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Die Papiere erzählen auch von einer Partei in schweren finanziellen Nöten, abhängig von reichen Spendern. Die Wahlkampfkosten 2017 lagen um mehrere Millionen Euro über dem gesetzlich erlaubten Limit.

Während Kurz gern Bilder von sich posten lässt, die ihn in der Economy Class zeigen, soll er sich einen Flug im Privatjet nach Rom zum Preis von 7700 Euro genehmigt haben. Dazu seien stattliche monatliche Beraterhonorare für treue Weggefährten gekommen sowie üppige Aufwendungen aus der vom Steuerzahler bezuschussten Parteikasse für Make-up und »Haar-Grooming« des ÖVP-Chefs.

Ausgerechnet Kurz, der Kontrollfreak, findet sich nun im Sperrfeuer der Medien wieder. Er, der eine der steilsten politischen Karrieren seit Jahren hingelegt hat. Kurz polarisiert, das hebt ihn von der Masse der österreichischen Politiker ab. Der Spott über den »heiligen Sebastian«, der Pfeile aus allen Richtungen auf sich zieht, hat mit seiner Politik zu tun – aber auch mit der österreichischen Eigenart, überdurchschnittlichen Begabungen besonders kritisch zu begegnen.

Kurz versteht es, schwierige Probleme in einfache Sätze zu kleiden, und hat nichts dagegen, »Prinz Eisenherz« genannt zu werden – wegen seines Widerstands gegen den Zustrom von Flüchtlingen und Migranten. An der Ibiza-Affäre und ihren Folgen trägt Kurz insofern Mitschuld, als er es war, der die rechtspopulistische FPÖ in die Regierung holte – nachdem er mit seinem deutlichen Wahlsieg einen Triumph des monatelang in Front liegenden FPÖ-Chefs Strache verhindert hatte.

Kaum jemand bestreitet, dass Kurz das größte politische Talent Österreichs seit Bruno Kreisky und Jörg Haider ist. Der ÖVP-Chef hat den richtigen Instinkt für stimmenträchtige Themen. Als Redner ist er kontrolliert und treffsicher. Weniger klar ist, wofür Kurz inhaltlich steht – abgesehen davon, dass er fordert, Leistung müsse sich lohnen. Kurz ist ein Techniker der Macht, der mit Parteiprogrammatik alten Stils wenig im Sinn hat. Er kalkuliert seine Schritte, kühl und pragmatisch. Politik begreift er als Handwerk, nicht als Mission.

»Schockiert und natürlich enttäuscht« sei er von den Enthüllungen über die FPÖ-Spitzenpolitiker gewesen, sagt der Ex-Kanzler in Zell am See: »Ich hatte keinen Grund anzunehmen, dass so etwas passieren könnte.« Auf dem Weg zurück ins Kanzleramt schließe er trotzdem keine Konstellation aus – auch ein neuerliches Bündnis mit einer FPÖ ohne ihre Ex-Anführer Strache und Gudenus zählt zu den Optionen. Trotz der Ibiza-Affäre. Ist das verständlich? Einen Regierungsauftrag verstehe er so, dass mit allen Parteien verhandelt werde, sagt Kurz.

Kurz-Publikum in Tiroler Rinderlaufstall: Die Distanz zum Volksvertreter schrumpft


RODERICK AICHINGER / DER SPIEGEL

Spricht’s, steht auf und entschwindet – ein 740er BMW samt Chauffeur erwartet ihn vor der Tür. Die Reise geht noch in der Nacht nach Linz und am nächsten Morgen weiter durch Oberösterreich. Mit dem Wahlkämpfer Kurz Schritt zu halten, zwischen Terminen und Interviews, erfordert Kondition. Gegessen wird, wenn es die Zeit erlaubt. Das heißt: selten und wenig. An diesem Tag muss ein Stopp bei Mc - Donald’s genügen.

Die straff choreografierten Auftritte laufen zumeist so ab, dass der Posterboy der traditionell »schwarzen«, mittlerweile türkis umlackierten »neuen« Volkspartei die Hälfte der Zeit für Erinnerungsfotos zur Verfügung steht. Die Bilder sind Stunden später auf Instagram wie Facebook zu sehen und werden hundertfach geteilt – die billigste flächendeckende Wahlwerbung im digitalen Zeitalter. Kurz hat das in Österreich früher als andere begriffen.

Donnerstags auf dem Salzburger Schrannenmarkt, im dichtesten Gedränge, lehnt er keinen Fotowunsch ab, mit unerschütterlichem Lächeln und ohne Schweißperle auf der Stirn. Die Distanz zwischen Volk und Volksvertreter schrumpft im Selfie-Zeitalter auf Zentimeter. »Grüß-Gott-wiegeht’s-alles-gut?«, fragt Kurz, schon folgt das nächste Foto. »Endlich a Popstar, nur der Name fallt mir grad net ein«, spottet einer der Speckhändler in Salzburg.

In Tirol, im würzig duftenden Rinderlaufstall des Steixner-Bauern, der unweit der italienischen Grenze einen uralten Erbhof bewirtschaftet, trifft Kurz auf anderes Publikum – vorwiegend Landwirte. Hier erzählt er von Kindheitstagen bei Oma auf dem Bauernhof, lobt die Leistung der Menschen im ländlichen Raum und verpackt sein Leben als Kanzler a.D. in süffige Anekdoten: »Bist du ab jetzt immer z’Haus?«, habe ihn die Lebensgefährtin nach seiner Abwahl mit Blick auf das Chaos in der gemeinsamen Küche entgeistert gefragt.

Gelächter. Beifall. Am Ende Ovationen. »Applaus ist potenziell Koks für die Seele «, sagt Matthias Strolz. Im Wiener Café Museum, wo einst Klimt und Kokoschka saßen, hat er sich einen Apfelstrudel kommen lassen. In seinem neuen Buch »Sei Pilot Deines Lebens« beschreibt Strolz, wie es ist, nicht mehr ganz vorn auf der politischen Bühne zu stehen. Der Mitbegründer der erfolgreichen wirtschaftsliberalen Partei »Neos« hat im vergangenen Jahr die Reißleine gezogen und alle Mandate niedergelegt – er fühlte sich ausgebrannt.

Strolz zählt zu den berufensten Kritikern von Sebastian Kurz. Er hat den Jungpolitiker 2004 und 2005 in Rhetorik und politischer Kommunikation unterrichtet. Lektionen, an die sich Kurz selbst so erinnert: »Er hat mir gesagt, du musst ab jetzt breitbeinig dastehen, so wie ein Cowboy.« Stimmt, sagt Strolz, »der kam damals ein bisserl sehr glatt und brav daher, einer, wo du dich fragst: ›Hat der überhaupt eine Jugend gehabt?‹«. Kurz’ Stärke sei es, alles aufzusaugen, »der ist ein Schwamm«, sagt Strolz. Er blieb dem ÖVP-Aufsteiger lange verbunden – bis 2016 das gemeinsame Geheimprojekt scheiterte, Emmanuel Macrons französischer »En marche«-Bewegung nachzueifern. Über die Gründe, warum danach die Beziehung zu Kurz abriss, will der frühere Förderer Strolz nicht öffentlich sprechen. In einer seiner letzten Reden im Parlament geißelte er, Auge in Auge mit Kurz, dessen Migrationspolitik: Es sei traurig, dass ein hochtalentierter Jungpolitiker sich benehme wie ein »politischer Schrebergärtner, der dabei noch die eigene Hecke anzündet«.

Was traut Strolz seinem Zögling von einst noch zu? So »brutal«, wie sich Kurz 2017 in der ÖVP an den Altvorderen vorbei nach oben geputscht habe, so werde er eines Tages selbst enden: »durch einen Putsch«, prophezeit der Polit-Aussteiger Strolz. Bis es so weit sei, könne es aber dauern, Kurz sei ein Erfolgsgarant und unbestritten »handwerklich brillant«.

Nicht weit entfernt vom »Springer Schlössl«, von der Politischen Akademie der ÖVP, in der Kurz erste Rhetoriklektionen erhielt, steht das Mietshaus, in dem der Politiker aufwuchs. Seine Eltern wohnen dort bis heute. Kurz selbst lebt mittlerweile ein paar Meter weiter, noch immer in Wien-Meidling – einem erdigen Bezirk südlich von Schloss Schönbrunn, in dem 46 Prozent der Bewohner ausländischer Herkunft sind.

Wer sieht, wie sich frühmorgens vor dem Gymnasium Erlgasse die Kinder und Jugendlichen drängeln, darunter viele Heranwachsende mit ägyptischen, tschetschenischen, afghanischen Wurzeln, der ahnt, dass Sebastian Kurz mit dem Thema Zuwanderung nicht erst als Staatssekretär für Migration oder als Außenminister in Berührung gekommen ist. Kurz ging hier, im Gymnasium Erlgasse, zur Schule – genauso wie die Spitzenkandidatin der Sozialdemokraten, Pamela Rendi-Wagner.

»Ich habe beide betreut bis zur Matura, zum Abitur«, sagt der Chemielehrer Johannes Fuchs, »beide schlossen ab mit der Note Sehr Gut, Kurz allerdings mit Abstrichen. « In den 35 Jahren seiner Lehrtätigkeit an dieser Schule habe er Veränderungen aus nächster Nähe miterlebt, so Fuchs, die mittlerweile ganz Österreich erfassten – ein Land, in dem fast ein Viertel der Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat und laut den »Neos« jeder vierte Schüler im Alter von 15 Jahren nicht in der Lage sei, »sinnerfassend« zu lesen.

Auf diese Statistik liefert das von Kurz im Wahlkampf angekündigte Kopftuchverbot für Lehrerinnen und noch nicht 14-jährige Mädchen selbstredend keine Antwort. Kurz weiß das, aber wer regieren will, muss auch in fremden Wählerbecken fischen. Mit der Forderung nach einem Kopftuchverbot wirft der Ex-Kanzler Köder für enttäuschte FPÖ-Anhänger aus.

Bevorzugt gibt er noch immer den Staatsmann, als sei nichts passiert. Seit seiner Abwahl war Kurz zu Besuch bei Kanzlerin Angela Merkel in Berlin und bei Ursula von der Leyen in Brüssel, bei Premier Benjamin Netanyahu in Jerusalem sowie bei den Chefs von Apple, Netflix und Uber im Silicon Valley. Kurz kriegt die Termine, die andere gern hätten.

Den Spagat zwischen der großen Bühne und der kleinen Welt, aus der er stammt, beherrscht Mister Nice Guy aus Meidling ziemlich perfekt. »Ich komme aus normalen Verhältnissen«, sagt Kurz im Interview, »ich wollte da nie ausbrechen« – aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die politischen Positionen des ehrgeizigen ÖVP-Chefs seien »je nach Sichtweise widersprüchlich oder allumfassend«, schreibt »Die Presse«: Er gebe sich bodenständig und weltoffen, wirtschaftsliberal und protektionistisch, unternehmer- und arbeitnehmerfreundlich. Es ist für jeden Wähler etwas dabei.

Leichter zu entschlüsseln ist der Ex-Kanzler, wenn es um Macht und öffentliche Wertschätzung geht: Er giert danach. Erfährt er von einem neuen 300-Seiten-Buch, das seiner Rhetorik gewidmet ist, fragt er als Erstes: »Und, positiv oder negativ?« Kurz scheut sich nicht, frühere Bundeskanzler oder führende Publizisten zu fragen, wie sie ihn einschätzen. Er sucht die Nähe von Chefredakteuren in Österreich und in Deutschland. Wird er in Medien als »Ohrwaschlkaktus« veräppelt oder als »kleiner Brauner« diffamiert, weiß er die Schuldigen noch nach Jahren zu benennen.

Der langjährige »Kurier«-Herausgeber Helmut Brandstätter, der nun für die »Neos« kandidiert, bescheinigt Kurz eine »einzigartige Mischung aus freundlichem Gesicht und Brutalität«. Als Kanzler habe der ÖVP-Chef versucht, sich die Medien gefügig zu machen, während FPÖ-Innenminister Herbert Kickl Schritt für Schritt den Weg in eine autoritäre Republik probte. Wer wie Kurz zulasse, dass wiederkehrende, auch antisemitische Entgleisungen freiheitlicher Politiker beschwichtigend den Parteirändern zugeschrieben werden, mache sich mitschuldig, so Brandstätter.

Kurz ist ein Zocker. Dass er hohe Einsätze nicht scheut, bewies er bei seinem Vorstoß zur Schließung der Balkan-Flüchtlingsroute. Er preschte erfolgreich vor, ohne Rückendeckung aus Berlin oder Paris. Mit wenigen engen Beratern, viele davon schon seit 2011 an seiner Seite, kalkuliert

Kurz politische Optionen und die damit verbundenen Risiken. Bespricht das »wording«, den Spin, die Verkaufsstrategie. Den Konkurrenten aus anderen Parteien war er gedanklich immer voraus. Kurz will es allen zeigen. Den Spott der frühen Jahre hat er nicht vergessen, nur verdaut. 2011 leiteten Satiriker ihren abendlichen Beitrag über den 24 Jahre alten Staatssekretär noch mit den Worten ein: »Wir mussten das Gespräch vor der Sendung aufzeichnen, da Herr Kurz noch nicht so lange aufbleiben darf.«

Heute hat Kurz mehr als 800000 Follower auf Facebook und eine offenbar durch keine Affäre zu beeindruckende Anhängerschar im ganzen Land: Rhetorisch beschlagen, versorgt Kurz die Wähler mit dem Gefühl, verstanden zu werden. Wiederkehrende Muster seiner Redetechnik sind scheinbares Gedankenlesen (»Ich weiß, dass viele von euch heute …«) und das Beantworten von Fragen, die keiner gestellt hat (»Trau ich mir zu, in diesem Land etwas weiterzubringen? Ja.«).

Die Wähler machen ihn für die Ibiza-Affäre kaum verantwortlich. Und selbst die FPÖ hat jüngsten Umfragen zufolge nur fünf Prozentpunkte eingebüßt. Mit wem aber will Kurz regieren, wenn er am 29. September mit einem Ergebnis von mutmaßlich weit mehr als 30 Prozent der Stimmen für die ÖVP als Sieger durchs Ziel gegangen sein wird? Die seit der Ibiza-Affäre eher zahme FPÖ unter Norbert Hofer hat sich als Partner bereits angedient, in einem an Peinlichkeit schwer zu übertreffenden Video: Es zeigt den designierten Parteichef der Freiheitlichen, wie er in Begleitung eines Kurz-Doubles bei einer Paartherapeutin vorspricht, die zum gemeinsamen Neuanfang rät.

Kurz selbst sagt, er würde andere Optionen vorziehen – etwa jene, mit den Grünen und, falls nötig, auch noch zusätzlich mit den Neos zu regieren. Nur, wie hoch wäre der politische Preis für diese Allianz? Die Gefahr sei erheblich, sagt ein ÖVPSpitzenpolitiker, dass man sich am Ende »von den paar Verrückten bei den Grünen« wie der früheren Abgeordneten Sigrid Maurer erpressen lassen müsse.

Einfacher wäre es wohl, sich die stetig schrumpfenden, gedemütigten Sozialdemokraten ins Boot zu holen. Die könnten Kurz die nötige Mehrheit beschaffen, ohne ihm ähnlichen Ärger zu bescheren wie die FPÖ mit ihren antisemitischen Rattengedichten. Noch hält sich Kurz alle Möglichkeiten offen. Dass er dafür gescholten wird, nimmt er in Kauf. Eine nachrangige Rolle, etwa als Fraktionschef der ÖVP und Oppositionsführer im Parlament, zieht er persönlich gar nicht erst in Betracht: Für einen hauptamtlichen Wadlbeißer im Parlament sei er leider »nicht angriffig genug«.

Ohnehin möchte Kurz, wenn’s geht, künftig noch weiter nach oben. Dass er als Alternative zum Kanzleramt auch den Posten des EU-Kommissionspräsidenten in Brüssel oder des Uno-Generalsekretärs in New York erwähnt hat, bezeugen Weggefährten. Kurz selbst bestreitet solche Karrierepläne: »Totaler Nonsens.« Sein Ziel ist jetzt erst mal: die Rückkehr ins Kanzleramt am Ballhausplatz.

RODERICK AICHINGER / DER SPIEGEL


Rhetorisch beschlagen, versorgt Kurz die Wähler mit dem Gefühl, verstanden zu werden.