Lesezeit ca. 14 Min.
arrow_back

Buch-Special


Logo von emotion
emotion - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 02.03.2022

Artikelbild für den Artikel "Buch-Special" aus der Ausgabe 4/2022 von emotion. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: emotion, Ausgabe 4/2022

Sisterhood

CHALLENGE Wie sähe unsere Welt aus, wenn Frauen das Sagen hätten? 20 schlaue Annäherungen.

UNSERE ZUKUNFT Ein Aufruf an Generation 40 , Greta und Luisa nicht hängen zu lassen und die Welt zu gestalten.

WE LOVE Babalola katapultiert mythische Liebesgeschichten ins Jetzt, von Scheherazade bis Psyche.

HÖR AUF DEINE STIMME Wer mit Power kämpfen will, braucht innere Stärke. Kaja Andrea Otto hilft, sie zu entdecken.

Modernes L(i)eben

WO DU HERKOMMST, wo du hingehst

Wir alle fragen uns ab und an: Was wäre gewesen, wenn ...? Helen, 10, muss sich entscheiden: Will sie bei ihrer Mutter bleiben, die im Alkohol versinkt, oder zum erfolgreichen, aber selbstbezogenen Vater ziehen? Raffiniert verschränkt entwickelt Milena Moser nun für Helen zwei Lebensgeschichten: Es gibt die ungebundene, impulsgesteuerte Helen und die eher angepasste, ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,49€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von emotion. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2022 von Die Zeichen stehen auf Frau. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die Zeichen stehen auf Frau
Titelbild der Ausgabe 4/2022 von INTERN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
INTERN
Titelbild der Ausgabe 4/2022 von Neuland. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Neuland
Titelbild der Ausgabe 4/2022 von MANCHMAL GEHT ES UM DIE WURST!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MANCHMAL GEHT ES UM DIE WURST!
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Haben Sie noch Tränen, KURT KRÖMER?
Vorheriger Artikel
Haben Sie noch Tränen, KURT KRÖMER?
Jetzt Heldinnen nominieren!
Nächster Artikel
Jetzt Heldinnen nominieren!
Mehr Lesetipps

... sicherheitsorientierte. Wie beide ihre Entscheidungen treffen und sich immer auch nach dem jeweils anderen Pol sehnen, ist klug beobachtet und spannend geschrieben. Wer glücklicher wird? Sagen wir mal so: Ein Besser gibt’s nicht, nur den Versuch, es so gut zu machen, wie man eben kann.

CHRISTINE ELLINGHAUS

Mama, lebe ich jetzt auf YouTube?

Als Kimmy, 6, beim Spielen verschwindet, taucht Polizistin Clara in eine ihr bis dato fremde Welt ein: die der Kinder-Influencer*innen. Denn Kimmy und ihr Bruder Sammy werden von Mutter Mélanie rund um die Uhr gefilmt, für Millionen Fans im Internet – und viel Geld. Auf der Suche nach dem Mädchen erkennt Clara, dass Kimmy nie wirklich glücklich war mit diesem Leben (ach was!). Sieht der Entführer das etwa ähnlich? Nach ein paar wilden ersten Seiten (über Mélanies Weg ins Netz) nimmt der Roman Fahrt auf. Und besticht durch de Vigans Autorenblick aufs Leben: nüchtern, sozialkritisch, situationskomisch. Bis auf die Stellen, an denen sie den Zeigefinger etwas zu deutlich erhebt, ist das gute, schnelle Unterhaltung. Mit einem gewagten Blick in die nahe Zukunft.

CHRISTINE RITZENHOFF

Gefangen in vier Zimmern, Küche, Bad

120 Quadratmeter Altbau in einem angesagten Stadtteil Münchens: Als Coordt und Franziska den Zuschlag für die Wohnung kriegen, können sie es kaum fassen. Okay, irgendwie doch – schließlich hat der Mietvertrag einen Haken: einen alten Mann als Mitbewohner.

Als der dem jungen Elternpaar auch noch ein „unmoralisches“ Angebot macht, nimmt das Drama seinen Lauf ... Natalie Buchholz ist eine der Autor*innen, die eine scheinbar alltägliche Situation derart gekonnt eskalieren lassen können – langsam, aber unaufhaltsam –, dass man einfach die ganze Nacht durchlesen muss.

Schlaue Unterhaltung, lässig komponiert. Und einen aktuellen Aufhänger (Wohnungsnot in der Großstadt) hat sie auch noch. Was will man mehr?

CHRISTINE RITZENHOFF (Auf Instagram als: @Frau.R.liest)

LÄSST SICH Liebe beweisen?

Olive ist Doktorandin der Biologie, immer etwas durch den Wind und sehr intuitiv. Quasi aus reiner Nächstenliebe küsst sie einen ihr völlig Fremden, denn sie möchte ihrer Freundin signalisieren, dass die ohne schlechtes Gewissen Olives Ex-Freund daten kann. Wo das enden wird? Man ahnt es! Doch das RomCom-Debüt der echten Neurowissenschaftlerin Ali Hazelwood ist so liebenswert, dass ich mich fröhlich damit auf die Couch gelegt habe, auch wenn nicht alles ganz unvorhersehbar war. Das Setting war dafür umso spannender: Die Liebe entflammt hier in der MINT-Welt im Forschungslabor. Ich glaube, ich fand Reagenzgläser und Bunsenbrenner noch nie so unterhaltsam.

ANNALENA LÜDER

Es muss sich was ändern!

Als ich schreiben will: „Fallwickl springt mitten in die Pandemie“, schnürt es mir die Kehle zu, denn sie beginnt ihren kraftvollen neuen Roman heftig: Helene, teilzeitarbeitende Patchwork-Mutter einer Teenagerin und zweier Kleinkind-Jungs, erträgt die Überforderung unserer Tage nicht mehr und springt vom Balkon. Fallwickl, selbst Mutter zweier Kinder, seziert schmerzhaft genau, was offen oder subtil falsch läuft in unserer Gesellschaft, dass so viele Frauen auf der Strecke bleiben. Im Wechsel lässt sie Lola und Sarah erzählen, die eine Helenes woke Tochter, die andere Helenes beste Freundin seit Kindergartentagen.

Wie sie trauern – und aufbegehren (Lola mit radikaler Konsequenz), ist ein neuer Anfang. In ihren Köpfen immer mit dabei: Helene.

SILVIA FEIST

(Lest das Interview mit Mareike Fallwickl ab dem 22.3. auf emotion.de/fallwickl)

AUSBEUTUNG der Sehnsucht

Ich liebe Bücher, die mich fordern! Und das tut dieses definitiv, inhaltlich wie stilistisch. Die finnisch-estnische Autorin Sofi Oksanen taucht in die Welt der Kinderwunsch-Industrie in der Ukraine ein. Ihre Ich-Erzählerin Olenka hofft, sich als Leihmutter ein besseres Leben zu schaffen, genau wie Daria, die zum Star unter den Leihmüttern wird. Doch beide können der Sehnsucht nach ihren verlorenen Kindern nicht entkommen, und als sie sich auf die Suche begeben, werden sie von rücksichtslosen Mächten gejagt ... Über mehrere Zeitebenen verwebt Oksanen Erzählstränge zu einem Thriller über die globale Kinderwunsch-Industrie, die Sehnsüchte auf beiden Seiten ausbeutet. Zugleich schafft sie ein psychologisches Kammerspiel mit zwei Frauen, deren Vergangenheit diese auf tragische Weise einholt.

20 JAHRE IST ES HER, dass Katja Kullmann in ihrem Buch „Gene ration Ally“ dem Lebensgefühl der um die 30-Jährigen nachspürte und der Frage: „Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein“. Das Gespür fürs Komplizierte hat sie immer noch und dabei eine riesige Portion Gelassenheit. Obwohl – oder weil – die 51-Jährige seit gut 15 Jahren Single ist. Mit Offenheit, feinem Humor und fast so was wie, ja, Weisheit, erkundet sie ihren Weg, und auch, welche Lebensmodelle Solokünstlerinnen seit Anfang des 20. Jahrhunderts für sich gewählt haben. Inspirierend!

SILVIA FEIST

Familiengeheimnisse

MUSIK, BÜCHER, ZIGARETTEN – darum dreht sich das Leben von René, 18. Und dann ist da noch Rebecca, dieses Mädchen, das so schwer zu greifen ist und doch sagt, sie sei seine Freundin. Später als alle anderen begreift René ihr Familiengeheimnis ... Die subversive Stimmung der kulturellen Avantgarde der DDR vorm Mauerfall, lakonisch und verdammt gut eingefangen.

ANDREA HUSS

(Auf Instagram unter: @andreahuss.coaching)

DIE SEELE EINER FRAU ist unergründlich. In einer Kleinstadt am Nord-Ostseekanal verschwindet eine Familie. In der Nachbarschaft kennt man sich schon lange nicht mehr, aber das Verschwinden streift die Leben von Julia, Elsa, Astrid, Marli. Geografisch nah, scheint doch jede in ihrer (Gedanken-)Welt gefangen. Und wir erfahren von ihren Wünschen und Geheimnissen. Liest sich wie eine gute Serie.

MIRIAM BÖNDEL

KRAKAU, 1939. Noch herrscht Frieden. Doch in Marie, 17, tobt eine Ungewissheit. Warum ist ihre Mutter verschwunden? Wieso schweigt ihr Vater beharrlich? Getrieben von ihrer Sehnsucht begibt sich Marie auf die Suche nach der Wahrheit ... Ein intensiver, vielschichtiger Roman um die Frage: Wie weit würdest du gehen, um dein Kind zu schützen?

PETRA SCHULTE

Plötzlich fühlt sich ALLES ANDERS an

Vater, Mutter, große Schwester, kleine Schwester – die Eltern sind schon lange kein Paar mehr, die Schwestern seit einer Weile nicht sehr nah, aber was ihre Familie ist, das ist für die Ich-Erzählerin klar. Bis eines Abends eine Frau an sie herantritt und sagt: „Wir haben übrigens denselben Vater.“ Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war. Im ersten Band ihrer autofiktionalen Trilogie erzählt Julia Schoch von dieser Erschütterung. Wie wahr ist die Vergangenheit, auf der ihr Leben aufbaut?

Und obwohl es keineswegs eine „unehrenhafte“ Geschichte ist und diese neue Schwester nicht mal ein echtes Geheimnis war, gerät die Ich-Erzählerin ins Trudeln. Denn wenn die Vergangenheit ungewiss ist, wie eindeutig ist dann das Leben, in dem sie selbst mit Mann und zwei Kindern steckt? Glänzend erzählte Geschichte einer Verunsicherung.

SILVIA FEIST (Auf Instagram unter: @feiste.buecher.podcast)

Lass die bösen Geister ruhen

Gegen Ende war es so weit, da habe ich mit den Tränen gekämpft.

„Dschinns“, Fatma Aydemirs zweiter Roman, ist ergreifend – aber vor allem ist er richtig gut. Aydemir erzählt die Geschichte von Emine und ihren vier Kindern, die für die Beerdigung von Vater Hüseyin aus Deutschland nach Istanbul reisen. Im Gepäck haben alle eigene Sorgen und Zweifel, die ihnen das Leben schwer machen.

Und dabei schweben die Familien geheimnisse über allem wie Dschinns, die bösen Geister, die niemand wecken möchte, aber die doch alle spüren. Man kann das Buch Familien roman nennen, aber eigentlich ist es ein großer Gesellschaftsroman, der sechs Menschen einer Familie auf ihrer intensiven Suche nach Identität begleitet und dabei mäandert zwischen Entfremdung und Annäherung, zwischen Aufbruch und Ankunft. IMKE WEITER

(Imke ist auf Instagram @the_female_reader)

Wer BIN ICH eigentlich?

Als Frau unter Männern studiert Helene Klasing Anfang der 1960er an der Werkkunstschule Frankfurt. Die junge Künstlerin weiß, was sie will. Doch ihr Leben gerät ins Wanken, als sie erfährt, dass sie adoptiert wurde. Ihre wahre Mutter ist eine Adlige und lebt in New York. Sie, der Freigeist, die Tochter einer Adligen? Helene nähert sich der Mutter über Briefe und Telefonate, erst spät trifft sie ihre Familie persönlich, zu der auch eine Halbschwester gehört.

Deren Sohn sucht Jahre später Kontakt zu seiner Tante. So wie Helene sich als große Bereicherung für ihren Neffen erweist, der sinnsuchend durch New York streift, ist diese besondere Heldin auch eine Bereicherung für uns Leser*innen. Inspiriert vom Leben der Berliner Künstlerin Irene Wedell hat Martin Beyer ein mitreißendes Buch geschrieben, das leichtfüßig daherkommt und tiefgründig ist.

KATHARINA WANTOCH

DIE SUCHE NACH IDENTITÄT

bringt selten eindeutige Antworten. Aber nach denen sucht die Ich-Erzählerin auch gar nicht. Während ihre Oma auf einem Berg in Shaoxing beerdigt wird, schiebt sie selbst die Frage nach Herkunft lieber beiseite und widmet sich dem Leben in all den Facetten, die ihr zwischen Shanghai und Berlin begegnen. Lin Hierse, die in der „taz“ die Kolumne „poetical correctness“ schreibt, gelingt in ihrem autofiktionalen Debüt ein leichtfüßiger Tanz mit traumhaften Bildern, in denen sie die Beziehung zur Mutter erkundet und der Frage nachgeht, was Migration für ihr eigenes Leben bedeutet. Poetisch und wunderschön!

IMKE WEITER

DIE VERGANGENHEIT IN UNS

Als die Zwillinge Sophia und Thomas den Nachlass ihrer Mutter regeln, holt sie die Geschichte ihrer dysfunktionalen Familie heftig ein – und das, wo sie selbst an Wendepunkten stehen: Sophia ist todkrank, Thomas hat seinen Fokus verloren, die Türen des Lebens schließen sich. Sie beginnen, über ihre Erinnerungen und alte Verletzungen zu sprechen ... Neft erzählt, wie die Vergangenheit unausweichlich in uns nachwirkt. Fesselnd, berührend, mit der Hoffnung: Versöhnung ist möglich.

CLAUDIA MECKY

Sprich mit mir

Das erste Wort, das fast jede*r mit Familie verbindet, ist: Liebe. Das zweite: Schmerz. Von beidem handelt dieser liebevolle Roman: Franziska, die einst im Streit und im Glauben, den Erwartungen der Eltern nicht zu genügen, von zu Hause weggegangen war, kehrt als 50-Jährige zurück, weil der alte Vater Hilfe braucht. Eine ganz normale Geschichte, doch so kompliziert und so belastet wie bei vielen von uns: das Schöne, das Schlimme, die ungesagten Worte und unerzählten Geschichten, die erklären, warum alles so geworden ist. Das muss bei Franziska jetzt raus, aber geht das, wenn man einen alten schwachen Menschen vor sich hat? Und wie kann man aussprechen, was man jahrzehntelang verschwiegen hat? Die beiden Perspektiven von Franziska und Heinrich entfalten sich hier mit Zartheit und Wucht und stellen die Frage unseres Lebens: Ist es am Ende nicht doch gut?

CHRISTINE ELLINGHAUS

TRAUM und Trauma

Dieses Buch hat mich durchgeschüttelt. Dabei dachte ich zu wissen, was mich erwartet. Vor Jahren habe ich Andrea Sawatzkis Buch „Ein allzu braves Mädchen“ gelesen. Schon da steckte zwischen den Zeilen ein Drama, das sich nun in diesem autobiografischen Roman unaufhaltsam Bahn bricht. Es ist ein 168-Seiten-schmales Werk, in dem die Schauspielerin in kurzen Kapiteln von ihrer Kindheit erzählt. Von dem kurzen Glück, als sie und ihre Mutter mit dem Vater, nach dem Tod seiner ersten Frau, zu einer Familie werden. Doch sehr bald zeichnet sich etwas viel Größeres ab als diese Familienwirren: Der Vater erkrankt an Alzheimer, in einer Zeit, als es dafür noch kein Bewusstsein gab. Und die kleine Andrea wird als Elfjährige das erste Mal zwei Wochen allein für ihn verantwortlich sein … Ein aufwühlender Blick in die Welt von Kindern, die sich um kranke Eltern kümmern müssen.

SILVIA FEIST

Wie geht VERGEBEN?

Als Sigrid von der Krebsdiagnose ihrer Mutter erfährt, wirft sie das aus der Bahn. Als Jugendliche wollte sie nichts wie weg: aus dem Dorf, weg von der Krankheit, die den Vater zeichnete und von der Mutter, die sie vernachlässigt hat. Früh bekommt sie selbst eine Tochter, Mia – Jens, der Vater, haut noch vor der Geburt ab. Aber Sigrid baut sich ein Leben auf, in Oslo mit Mia und dem verlässlichen Aslak. Da taucht Jens wieder auf und findet, für Sigrid bestürzend nahtlos, eine Bindung zu Mia. Und jetzt auch noch das mit ihrer Mutter. Beherrscht von alter Wut und neuer Angst finden beide nur zögerlich einen Weg zu-und ein neues Verständnis füreinander. Ein leiser, fein beobachteter Roman über das Loslassen. Und über Vergebung, die manchmal keiner Worte bedarf. PETRA SCHULTE

Familienliebe, Familiendrama

MONIKA HELFER KOMPLETTIERT jetzt die Trilogie über ihre Familie. „Die Bagage“ und „Vati“ fand ich stark, doch „Löwenherz“ hat mich ergriffen. Helfer erzählt von Richard, ihrem Bruder, der sich mit nur 30 Jahren das Leben nahm. Wahrhaftig und nah porträtiert sie ihn in vermeintlich einfachen Worten: den Geschichtenerzähler, den Sonderling, den Schmähtandler, dem das Leben so wenig wichtig war, der mit einer unbekümmerten Naivität auf die Welt sah, die mich aufs Tiefste berührt hat. Ein schmales Buch, das traurig, heiter und nachdenklich stimmt, alles zugleich.

PETRA SCHULTE

EINE VORZEIGEFAMILIE? Nach außen sehen die Delaneys so aus. Aber wenn „Big little lies“-Autorin Liane Moriarty dahintersteckt, ist klar, dass die Fassade bröckeln wird. Als Mutter Joy spurlos verschwindet, kommen bei Vater Stan und den vier Geschwistern gut gehütete Geheimnisse ans Licht, und nichts ist, wie es scheint. Ein temporeiches Familiendrama. Vielschichtig und raffiniert! Und ja, die Filmrechte sind schon verkauft.

PETRA SCHULTE

Wahlverwandtschaften

Zwischen Glück und Gefahr

1928, am Berliner Stummfilmhimmel geht ein Stern auf: Renate Müller. Und er wird noch heller leuchten, als der Ton in die Kinos einzieht, denn die Schauspielerin ist ausgebildete Sängerin. Aus dem kurzen Leben Müllers webt Charlotte Roth eine berührende Geschichte zwischen Glück, Liebe und Glamour – und der Gefahr, die mit den Nazis aufzieht. Renate, genannt Rene, ist ein Publikumsliebling, die nette junge Frau von nebenan. Frauen wie Männer lieben ihren Charme; Goebbels will sie gar mit Hitler verkuppeln. Doch ihr Herz gehört dem jüdischen Bankierssohn Georg Deutsch, eine Liebe in dunkler Zeit ...

Wunderbar, wie Charlotte Roth dieser modernen jungen Frau ein spätes Denkmal setzt – und in meiner Spotify-Playlist ist jetzt Renate Müller, ganz oben ihr Schlager: „Ich bin ja heut so glücklich“.

ANNALENA LÜDER

WAS UNS verbindet

Selten bin ich so beschwingt durch ein Buch geflogen, das mit einer Beerdigung beginnt! Am Grab von Jonas, sensibler Musiker mit – wie wir im Lauf der Geschichte erfahren – Tendenzen zum Sexy-Rockstar-Frauenhelden, versammeln sich seine Mutter Marianne und vier seiner Freundinnen, von denen drei (Ex-)Geliebte sind. 20 Jahre, fast forward. So unterschiedlich die fünf Frauen sind, sind sie durch Jonas verbunden, und stehen, jede auf ihre Art, in einer ziemlich messy Lebensmitte, während die herzenskluge Marianne andere Sorgen plagen ... Mit Tempo und ohne Angst vor gut gelaunten Klischees („Knackarsch“!) serviert Sybille Hein selbst böse Beobachtungen sehr warmherzig.

SILVIA FEIST

Licht & SCHATTEN

Drei junge Außenseiter*innen geben einander Halt. Iga, Jess und Ras nennen sich „Die Eistaucher“ und sehen sich als „Vorhut einer Armee“, deren Aufgabe es ist, die Balance zwischen Licht und Schatten zu halten.

Gemeinsam werden sie Zeug*innen eines brutalen Verbrechens. Die Täter sind unantastbar, denn es sind zwei Polizisten. Mit Saša, Igas bestem Freund, beschließen sie, das Recht selbst in die Hand zu nehmen – mit fatalen Folgen. Die werden sie fürs Leben aneinander binden und Jahrzehnte später, durch das Auftauchen eines Fremden, einholen. Fast schmerzlich intensiv beschreibt Bryla die unumstößliche, teils toxische Liebe der vier zueinander, die radikale Solidarität, mit der sie einander beschützen, und die Dämonen, die sie für immer teilen. Verstörend, im besten Sinne!

PETRA SCHULTE

Erschütterung IM IDYLL

Susanne Matthiessen ist „echte“ Sylterin. Während der Pandemie ist sie in die Inselgemeinschaft zurückgekommen und knüpft mit ihrem neuen Roman an ihren Bestseller „Ozelot und Friesennerz“ an. Sylt in den 80ern: Der Tourismus kämpft mit Negativ-Schlagzeilen von Robbenpest über „Müllkippe Nordsee“ bis Punkerinvasion in Westerland. Unter den Punkern ist auch Pfuschi, Susannes beste Freundin. Als diese in den Semester ferien heimkommt, vertraut Pfuschi ihr an, dass der Vater sie missbraucht hat. Beeindruckend schonungslos schildert Mat thiessen das Gefühl, die beste Freundin im Stich gelassen zu haben. Starke Fortsetzung, die sich auch allein lesen lässt. Mit kritischliebevollem Blick nimmt Matthiessen uns erneut mit auf ihre Insel.

ANKE TAUBITZ

Querschläger

NICHTS IST, WIE ES SCHEINT Inspektor Avi Avraham fühlt sich sehr allein, als Distriktionsleiterin Illiana stirbt. Warum wollte sie gerade ihn, ihren Vertrauten, vor ihrem Tod nicht sehen? Dann wird ein Säugling vor einer Klinik in Tel Aviv abgelegt, und ein Tourist ver-schwindet. Warum hatte der Mann zwei Pässe? Arbeitete er für den Mossad? Zumindest hat Avraham in seinem neuen Fall das Gefühl, die Ermittlungen werden von oben gelenkt. Und auch der Fall des Säuglings nimmt unerwartete Wendungen ... Dror Mishani taucht wieder in Abgründe hinab und geht der Frage nach: Wem kann man trauen?

MIRIAM BÖNDEL

KRIMIS MAG ICH, wenn sie mir auch ohne viel Gewalt eine Gänsehaut über den Rücken jagen – wie bei den Aosawa-Morden. Autorin Riku Onda erzeugt subtil eine bedrohliche Atmosphäre, geht dabei ganz ruhig vor und psychologisch raffiniert. Sie lässt Beteiligte und Angehörige zu Wort kommen, um zu beweisen, was alle vermuten: Schuld am Giftmord, der die gesamte Familie Aosawa auslöschte, ist die einzige Überlebende – die blinde Tochter. Doch die Wahrheit hat viele Gesichter und bleibt oft im Verborgenen. Brillant!

IMKE WEITER

SO GANZ WEISS NELLI AUCH NICHT, wo ihr Mann abgeblieben ist, kurz nachdem er ihr eröffnet hat, er hat eine andere … Und ja, Kornelius’ Verschwinden spielt eine Rolle in diesem ungewöhnlichen Debüt. Elina Penner nimmt uns mit nach Ostwestfalen, in eine mennonitische Gemeinde von Russlanddeutschen, die „Plautdietsch“ sprechen und denen der Zusammenhalt der Familie über alles geht. Sie schafft dabei unvergessliche Charaktere und unvergleichliche Szenen, fein austariert zwischen zarter Tragik und sehr, sehr dunkler Komik.

SILVIA FEIST (Mehr dazu im Podcast „Feiste Bücher“)

Clans & Einzelgängerinnen

EINE MONUMENTALE SAGA, mit der uns Mariana Enriquez ins Argentinien der Militärjunta entführt, wo ein skrupelloser Familienclan die Unsterblichkeit erreichen will. Doch ein Mitglied stellt sich mit aller Macht dagegen ... Ein Mix aus magischem Realismus, alternativen Familienentwürfen und argentinischer Geschichte. Atemberaubend!

TOBIAS BÖRNER (Ihr findet ihn auch auf Instagram: @tobiborns)

EIN FAMILIEN-EPOS zwischen Sizilien und München. Mittendrin (Anti-)Held Barnaba Carbonaro. Über die Generationen hinweg erzählt Giordano von Aufstieg und Niederlagen des Patriarchen, von Lieben, 24 (!) Kindern und Zerwürfnissen. Im Fokus stets die Familie – oft unerträglich, immer unerlässlich. Bin schon gespannt auf Teil 2, da geht’s um die Frauen der Dynastie.

PETRA SCHULTE

GRUMPY, BUT HAPPY durch den Big Apple

Wenn ich groß bin, möchte ich Fran Lebowitz sein! Niemand geht so lässig wie sie, ketten rauchend mit Listen von Abneigungen und Vor lieben, durchs Leben. Alles wirkt so unkompliziert, und das ist es, worauf es derzeit ankommt, oder? Die 71-jährige Kritikerin, Kolumnistin und Schauspielerin ist eine New Yorker Ikone, zuletzt als Hauptrolle in der Mini-Serie „Pretend it’s a City“ von Martin Scorsese zu sehen – eine Doku über: sie. Im Buch geht’s um ihren Alltag, Be obachtungen, die uns bis in die 60er-Jahre in ihre Stadt mitnehmen, unterteilt in Kapitel wie: Orte, Vermieter, Eltern, Kinder („Pro? Contra?“), Pflanzen, Schlaf, Manieren. Präzise und absurd komisch – Sätze wie „die freie Natur ist für mich etwas, das es zu durchqueren gilt, wenn ich von meiner Wohnung in ein Taxi wechsle“, begleiten mich seitdem. Schlechte Laune vom Allerfeinsten, I love it!

SHARONNA BAREL

DAS MÄDCHEN und die alte Sage

Mit den Eltern und dem nervigen kleinen Bruder wandern? Jolantha hat so was von kein Bock!

Doch an einem Ruhetag auf der Alm wird alles anders. Auch wenn nur Jolantha es hört: Da sind Stimmen, die sie den Berg hinaufrufen – wo sie in eine neue Welt hineinfällt und als Luyánta wieder auftaucht! Albrecht Selge erzählt ein modernes Märchen aus dem Reich der Fanes, Stoff einer alten Südtiroler Sage. Als ich mich erst mal auf die Sprache, die vielen Erzählstränge und Wendungen eingelassen hatte (über die Fanes nachlesen hilft!), wurde mit jedem mutigen Schritt Luyántas die Geschichte greifbarer. Sollen die anderen wandern – ab auf die Wiese mit diesem ungewöhnlichen Coming-of-Age-Roman.

ANNALENA LÜDER