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Buchauszug:Der Hund der züge liebte


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 10/2018 vom 24.09.2018
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Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 10/2018

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Dies ist eine liebevolle Huldigung an einen ungewöhnlichen Hund, eine wahre Geschichte, die sich wie eine klassische Fabel liest.

Illustrationen Tony Coles

An einem Augusttag erblickte ich ihn zum erstenmal. Auf dem Bahnhof von Campiglia Marittima, wohin ich Tag für Tag zum Dienst fuhr, lastete die Sommerhitze. Der scharfe Geruch von heißem Teer erfüllte die Luft. Rundum schimmerten endlose abgeerntete Weizenstoppelfelder wie Gold im Sonnenglast.

In der Fahrkartenausgabe fiel einem das Atmen schwer. Gelangweilt legte ich den Kugelschreiber hin und spazierte zur Tür. Gerade rollte einer der vielen Güterzüge ein, die bei uns jeden Tag leere Waggons abstellen oder Eisenerz laden. Während ich müßig dastand und zuschaute, sah ich, wie aus einem Güterwagen etwas herabfiel. Ein Hund.

Zunächst kam er mir wie ein ganz gewöhnlicher Hund vor, mittelgroß, eine undefinierbare Promenadenmi-schung mit ziemlich langem, weißem Haar und rötlichbraunen Flecken. Er schnüffelte, streckte sich träge, peilte nach rechts und links. Dann trollte er sich an den öffentlichen Wasserspender, wo er durstig trank.

Ich ging wieder an meine Arbeit. Bald darauf guckten zwei Augen bittend zu mir empor. „Hallo“, sagte ich, „was tust du denn hier?“ Am Ton meiner Stimme merkte er, daß er willkommen war. Er wedelte mit dem Schwanz, bellte kurz und rieb die Schnauze an meinem Bein. So begann unsere Bekanntschaft.

Er fühlte sich gleich wie zu Hause. Unter dem Tisch zusammengerollt gähnte er und schlief sofort ein. Er schlummerte noch, als meine Schicht zu Ende war und ich das Büro verließ, um mit dem Zug heim nach Piom bino zu fahren. Piombino, mein Wohnort, liegt 15 Kilometer westlich von Campiglia Marittima auf einem Landvorsprung am Tyrrhenischen Meer.

Als ich am nächsten Morgen mein Büro betrat, schlief er immer noch. Doch dann wachte er auf und begrüßte mich mit solchem Überschwang, daß ich ihn kaum beruhigen konnte. Daß er noch da war, erstaunte mich; aber meine Kollegen erzählten mir später, sie hätten ihn einfach nicht loswerden können.

Seit diesem Sommertag im Jahr 1953 blieb er mein Schatten. Er folgte mir überallhin, sogar in das Lokal, wo ich aß. Ich ließ ihm dort immer einen großen Napf Suppe vorsetzen. Er freundete sich mit sämtlichen Eisenbahnern an, überhaupt mit allen. die sich für ihn interessierten. Da er so plötzlich in unser Leben getreten war, nannten wir ihn Lampo, das heißt „Blitz“.

Auf dem Bahnhof von Campiglia verbrachte Lampo den Tag damit, das Be-und Entladen der Güter züge zu beobachten und Bahnwärtern, Postbeamten, Bahnpolizisten und Fahr dienstleitern bei der Arbeit zuzuschauen. Oft stattete er den Diensträumen Besuche ab, wo er mit den Angestellten Höflichkeiten austauschte und ab und zu ein Nickerchen machte. Mittags erschien er am Büfett und erbettelte sich regelmäßig ein paar Leckerbissen.

Bei schönem Wetter lag er draußen auf den Bahnsteigen, genoß den Sonnenschein und den Anblick der hin und her hastenden Reisenden. Aber sein Lieblingsplatz war mein Büro, der Fahrkartenschalter. Und wenn ich nach Dienstschluß in meinen Zug nach Piombino stieg, konnte ich nur mit Mühe verhindern, daß Lampo mir folgte. Sobald die automatischen Türen zugingen und der Zug losfuhr, rannte der Hund mit, bis er merkte, daß es zwecklos war. Dann schlich er betrübt zum Bahnhof zurück.

Ich hätte ihm ja gern eine Extrafahrkarte gekauft, um ihn mitzunehmen und meiner Frau Mina und meiner vierjährigen Tochter Mirna vorzustellen, aber weil ich nicht sein rechtmäßiger Besitzer war, mußte ich darauf verzichten. Lampo fand die Lösung.

Ich saß im Abteil und erfreute mich an der Landschaft im spätherbstlichen Zwielicht. Plötzlich merkte ich, daß er mir zu Füßen lag, als wäre es die natürlichste Sache von der Welt. Er hob den Kopf und sah mich selbstgefällig an.

„Wie zum Teufel hast du denn das geschafft?“ sagte ich ärgerlich. Nachdem ich in den Gang gelugt und mich vergewissert hatte, daß der Zugführer nicht in Sicht war, packte ich den Hund am Genick, schob ihn unter den Sitz und hielt ihn hinter meinen Beinen versteckt. Zum Glück fuhr ich ja nicht weit, und der Zugführer merkte nichts.

In Piombino spazierte Lampo mit mir zu unserem Haus, das nur einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt liegt. Als ich die Tür öffnete, kam zur Begrüßung mein Töchterchen angelaufen. „Das ist der kleine Lampo!“, rief sie fröhlich und schloß sofort Freundschaft mit ihm.

Der HunD, Der Züge liebte

Am Abendbrottisch war er der Ehrengast, der Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Schwanzwedelnd lauerte er auf schmackhafte Bissen und ließ uns wissen, daß er sich bei uns sehr heimisch fühle. Aber nach dem Essen schielte er immer häufiger nach der Tür. Als sie einmal halb offen war, sauste Lampo wie der Blitz hinaus, die Stufen hinunter, setzte über die Mauer und verschwand. Ich sah ihn erst am nächsten Tag auf dem Bahnhof Campiglia wieder. Seelenruhig wie ein ordentlicher Zugbenutzer war er per Bahn an seinen erwählten Wohnsitz zurückgekehrt.

Pendler Lampo

Lampo hatte inzwischen gelernt, daß meine Nachmittagsschicht um neun Uhr abends endete und ich danach in der Regel den Zug nach Piombino nahm. Er wartete dann schon immer auf Bahnsteig 4 auf mich.

Sobald er mich gewahrte, wackelte er mit dem Schwanz und guckte mich mit seinen großen, dunklen Augen unverwandt an. Er wartete. Wenn ich sicher war, daß der Zugführer nicht aufpaßte, gab ich Lampo ein Zeichen. Der Hund sprang an Bord, kroch sofort unter den Sitz und kam erst wieder zum Vorschein, wenn wir unser Fahrtziel erreicht hatten. Bis halb elf blieb er bei uns im Familienkreis. Dann trabte er zum Bahnhof und erwischte noch den letzten Zug um 22.40 Uhr nach Campiglia.

Aber Lampo beschränkte sich nicht auf diese Abendtouren. Alle Züge, morgens wie nachmittags, waren für ihn eine offene Einladung, zwischen Campiglia und Piombino hin-und herzupendeln. In Piombino angelangt, eilte er zu unserem Haus zu meiner Frau und meiner Tochter und schloß sich ihnen auf ihren Gängen an. Er wurde beider, besonders aber Mirnas unermüdlicher Begleiter. Jeden Morgen nahm der treue Geselle in Campiglia den Zug um 7.20 Uhr, traf um Punkt acht bei uns daheim ein und marschierte mit meiner Tochter zum Kindergarten. Danach reiste er mit der Bahn nach Campiglia zurück. Aber um 11.30 Uhr war er wieder in Piombino an der Kindergartenpforte, um Mirna nach Hause zu bringen.

Auf diese Weise entwickelte sich Lampo zu einem richtigen Schienenverkehrsexperten. Bald hatte er den Fahrplan für sämtliche Züge von und nach Piombino im Kopf.

Dazu sollte ich vielleicht sagen, daß die Piombino-Strecke eine Nebenstrecke ist, die an der belebten Station Campiglia in die Nord-Süd-Hauptstrecke Turin-Rom mündet. Auf dem Bahnhof Campiglia gibt es für die verschiedenen Personen-, Eil-, Schnellund Güterzüge zahlreiche Gleise. Die Züge nach Piombino gehen immer von Bahnsteig 4 ab. Aus technischen Gründen werden sie allerdings manchmal zu einem anderen Bahnsteig verlegt, und eine solche Umdisposition führte einmal dazu, daß Lampo im falschen Zug landete. Er muß seinen Irrtum gleich nach der Abfahrt bemerkt haben, denn an der ersten Haltestelle, San Vincenzo, sprang er ab und nahm postwendend den nächsten Zug, der in die entgegengesetzte Richtung zurück nach Campiglia fuhr.

DAS beSte AuS reADer’S DigeSt

Wir sahen ihn heimkehren und lachten. Ihm ist dieser Fehler nie wieder unterlaufen. Er hatte etwas Wichtiges über Züge gelernt.

Nachmittags, wenn ich im Büro beschäftigt war, döste Lampo in seiner Lieblingsecke nahe dem Heizkörper. Gegen 15 Uhr jedoch erwachte er, spitzte die Ohren, drückte die Tür auf und verschwand. Zehn Minuten später war er wieder da und leckte sich genüßlich die Barthaare. Ein kurzes Nickerchen, dann wiederholte sich der Vorgang. Abermals kehrte er sichtlich befriedigt zurück, nur daß er sich jetzt zu einem langen Schläfchen hinlegte.

Eines Tages schlich ich ihm aus reiner Neugier nach. Lampo lief geradewegs zum Bahnsteig 1. Der Schnellzug TurinRom rollte ein. Der Hund lief am Zug entlang bis zum Speisewagen, blieb dort stehen und wartete. Man stelle sich meine Überraschung vor, als ich beobachtete, wie am Küchenfenster ein Koch erschien und Lampo lächelnd ein paar Knochen und Fleischstücke zuwarf. Lampo verdrückte alles und verzog sich anschließend in mein Büro.

Zehn Minuten später lief er erneut los, diesmal jedoch zum Bahnsteig 2, wo der Schnellzug RomTurin einfuhr. Lampo spähte zum Speisewagenfenster empor und bellte. Daraufhin versorgte ihn ein anderer weißbemützter Koch mit dem zweiten Schmaus des Tages.

Einmal warf man Lampo eine Schachtel mit Resten aus dem Speisewagen zu, die vom Gewohnten abwichen. Er beschnüffelte sie, doch es war kein Fleisch, es waren Apfelsinenschalen! Bis ins Mark verletzt, schmollte er eine Weile und fand sich dann übel gelaunt in meinem Büro ein.

Die Kunde von seinen Taten verbreitete sich. Lampo wurde ein Hauptgesprächsthema im ganzen Eisenbahnnetz. Wartende oder durchreisende Fahrgäste erkundigten sich nach dem pfiffigen Hund von Campiglia und staunten über sein gescheites Verhalten. Sie hielten Ausschau nach ihm, sprachen ihn an, machten Fotos. Der kleine Köter, zuvor unbekannt und herrenlos, erregte Aufsehen in der Welt.

MITTLERWEILE erwies er sich auch in anderer Beziehung als ein außergewöhnlicher Hund. Eines Tages, als ich mit meiner Familie bei Piombino am Strand war, fühlte ich an meinem Rücken etwas Warmes, Feuchtes. Ich drehte mich um und erblickte zu meiner großen Verwunderung einen schwanzwedelnden Lampo. Wie war er hergekommen? Höchstwahrscheinlich hatte er Campiglia mit dem gewohnten Zug verlassen, uns nicht zu Hause angetroffen und durch Instinkt den Weg zum Strand gefunden.

Wie immer sich das erklären ließ, Lampo amüsierte sich sehr am Strand und erschien dort von nun an häufig, bis die Saison vorbei war. Stundenlang schwamm er, wälzte sich im Sand, ließ sich in einem kleinen Gummiboot auf den Wellen schaukeln. Von Zeit zu Zeit jedoch sah ich ihn die höchste Uferstelle erklimmen und droben aufs Meer hinausstarren. Er hatte etwas Sonderbares an sich, eine bange Unrast, als ob er auf irgend jemand wartete.

Der HunD, Der Züge liebte

Gute Verbindungen

STRAND, Bahnhof, Familie – jeder andere Hund wäre mit diesem Leben völlig zufrieden gewesen. Anders Lampo; er war eben kein gewöhnlicher Hund.

Zuweilen, wenn er besonders unruhig war, verzichtete er auf sein übliches Schläfchen und inspizierte ankommende Personenzüge. Dann trottete er den Bahnsteig auf und ab, beäugte den ganzen Zug von der Lokomotive bis zum letzten Wagen und kehrte darauf zur Zugmitte zurück, wo Reisende aus den Fenstern schauten. Er setzte sich auf ein Waggontrittbrett, aber sowie der Zug anfuhr, sprang er hinunter und spähte ihm nach, bis er in der Ferne ver schwunden war. Plante der Hund etwas Neues?

Zu der Zeit war es schon längst Winter. Auf den Bahnsteigen warteten in Mäntel vermummte Fahrgäste auf die Züge, stampften mit den Füßen und rieben sich die Hände, um sich warm zu halten. Lampo stand ein wenig abseits und guckte ihnen teilnahmslos zu. Mit einem langen Pfiff fuhr der Schnellzug RomGenua an Bahnsteig 2 ein. Leute stiegen aus, Leute stiegen ein. Dann kam das Abfahrtssignal, und der Zug setzte sich in Bewegung.

Die Angekommenen verliefen sich in Richtung Ausgang. Der Bahnsteig 2 lag verlassen da.

Ich hatte ein ungutes Gefühl und sah mich nach Lampo um. Aber es war nichts von ihm zu sehen. Da wußte ich: Diesmal war er in den Zug geklettert und auf und davon. Um ganz sicher zu sein, suchte ich den Bahnhof gründlich ab. Es war vergeblich, genauso vergeblich, wie es jeder Versuch gewesen wäre, Lampo am Einsteigen in den Zug zu hindern.

Tausend Gedanken wirbelten mir durch den Kopf. Wo würde er landen? Der durchgehende Zug, in dem er sich befand, hielt das erstemal in Livorno rund 70 Kilometer nördlich, dann nur noch in Pisa, La Spezia und Genua. Wie sollte der Hund die Anschlußzüge für die Rückreise nach Campiglia herauskriegen?

Ich rief alle in Frage kommenden Bahnstationen bis nach Genua an und bat meine dortigen Kollegen, Obacht zu geben. Mehrere Stunden verstrichen, die Antwort war immer dieselbe: kein Lebenszeichen von Lampo.

Mit der Dunkelheit stellte sich dichter Nebel ein. Hier und da schimmerten farbige Signallichter und die Lampen von Lokomotiven hindurch. Man hörte die schrillen Pfiffe und die Rufe der Rangierer, wenn sie, ihre Laternen in einem bestimmten Rhythmus schwenkend, von einem Gleis zum anderen wechselten.

„Sobald Lampo auftaucht, ruft mich sofort in Piombino an“, sagte ich beim Einsteigen in meinen Zug.

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,.Mache ich“, erwiderte der Aufsichtsbeamte und gab dem Lokführer mit seinem Befehlsstab das Zeichen zur Abfahrt.

Ich war in keiner guten Stimmung an diesem Abend. Wenn Mirna mich nach dem Hund fragte, wechselte ich nach Möglichkeit das Thema.

Am nächsten Morgen war ich noch im Bad, als ich meine Frau sagen hörte: „Lampo, geh da runter; du weißt, daß du nicht auf die Stühle darfst!“ Ich stürzte in die Küche. Den Mund voller Zahnpasta, blubberte ich: „Wann ist er gekommen? Wie lange ist er schon hier?“

„Seit acht wie immer“, antwortete meine Frau. „Er hat an der Vordertür auf Mirna gewartet, um sie zum Kindergarten zu begleiten. Wieso überrascht dich das so?“

„Weil unser Freund gestern mit einem Zug sonstwohin gegondelt ist“, schimpfte ich. „Und ich wüßte zu gern, wie zum Teufel du wieder hergefunden hast!“ sagte ich zu Lampo und drohte ihm mit der Zahnbürste. Er hielt die Schnauze an den Boden gedrückt, lugte ängstlich zu mir auf, rollte die Augen und bewegte ganz sacht den Schwanz.

Es war ein wunderschöner, sonniger Tag, und deshalb beschloß ich am Nachmittag, mit meiner Familie eine kleine Autotour zu unternehmen. Lampo stand abseits und sah mich gekränkt an. Anscheinend wollte er mit mir Frieden schließen. „Na, spring schon rein, alter Schurke“, sagte ich, wobei ich die Wagentür aufriß und mich förmlich verneigte. Es bedurfte keiner zweiten Aufforderung. Mit einem Satz war er drin, von meiner Frau und meiner Tochter mit offenen Armen empfangen.

„Ich frage mich, wohin er mit diesem Schnellzug eigentlich gefahren ist“, bemerkte meine Frau.

„Keine Ahnung“, erwiderte ich. Jedenfalls ist er um 7.30 Uhr mit einem Personenzug in Campiglia eingetroffen und hat den Anschlußzug nach Piombino gekriegt.“

Zum Reisen geboren

IN MEINEM Büro läutete das Telefon. „Ihr Hund ist seit heute morgen hier in Civitavecchia“, sagte eine Stimme. „Sollen wir ihn mit dem nächsten Zug zurückschicken?“

„Nein, schönen Dank, das brauchen Sie nicht. Er nimmt selbst einen Zug hierher, wenn ihm danach ist. Außerdem“, fügte ich lachend hinzu, „läßt er sich nicht gern helfen.“

Von nun an verging kein Tag ohne Meldung, daß Lampo auf diesem oder jenem Bahnhof aufgetaucht war. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn er am Nordpol bei einem Spaziergang über das Eis gesichtet worden wäre. Denn Lampo war der Faszination des Reisens erlegen. Er begann mit kurzen Abstechern und steigerte sich zu Besuchen auf fast allen Stationen im Umkreis von 300 Kilometern. Ihm war jeder Personen-, Eil-oder Schnellzug recht; nur die (unbequemen und langweiligen) Güterzüge sowie die Fernschnell-züge, die in Campiglia nicht hielten, verschmähte er.

Ich sah ihn gelassen wie ein weltläufiger Reisender in den Zug Genua-Rom einsteigen. Ein paar Stunden später wurden wir telefonisch von seiner Anwesenheit in Rom verständigt. Am Abend hüpfte er aus dem Eilzug Rom-Turin. Er streckte sich, wartete, bis der Zug abfuhr, kam mit den Passagieren herüber und stieß mit der Nase die Tür zu meinem Büro auf, wobei er fröhlich mit dem Schwanz wedelte. Dann klapperte er rasch die übrigen Büros ab, als ob er jedermann informieren wollte, daß er, obwohl doch in Rom gewesen, Wert darauf gelegt hatte heimzukehren.

Natürlich wurde das alles vom Bahnhofsvorsteher, von den Bremsern, Weichenstellem, Bahnpolizisten, dem Büfettchef und der Zeitungskioskfrau ausführlich erörtert. Aber keinem fiel eine plausible Erklärung für Lampos Reisen ein.

Wie fand er jedesmal den richtigen Zug für die Rückreise nach Campiglia? Manche meinten, er müsse gelernt haben, die Schilder an den Waggons – zum Beispiel „Rom-Turin“ oder „Genua-Rom“ zu entziffern. Andere glaubten, daß er inzwischen die Kunst des Zählens gemeistert habe und die Bahnsteignummern erkenne, wenn über Lautsprecher die Abfahrt des nächsten Zuges angesagt wurde. Es wurden eine Menge witzige Bemerkungen darüber gemacht.

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Ich für meinen Teil schrieb die Heimkunft Lampos von seinen ersten Trips dem Zufall zu. Später mußte er entdeckt haben, daß er für die Rückfahrt einen Zug brauchte, der in die entgegengesetzte Richtung startete. Aber wie war es möglich, daß Lampo manchmal aus einem Zweiter-Klasse-Wagen hopste, der aus Florenz kam (Florenz liegt an einer wichtigen Zweigstrecke, die in die Hauptlinie einmündet), und daß er gelegentlich von Stationen auf Nebenstrecken gemeldet wurde? Hatte er mittlerweile auch die Fahrpläne von anderen Anschlußstrecken im Kopf?

Nachdem er so richtig in Schwung gekommen war, wurden seine Reisen immer häufiger, komplizierter und geheimnisvoller. Aber stets kehrte er nach Campiglia zurück Er gestattete sich sogar den Luxus, von dort mit einem Zug gen Süden aufzubrechen und dann von Norden her wieder einzutrudeln. Er mußte dabei in Grosseto, Civitavecchia oder Rom ausgestiegen sein und dann irrtümlich einen Fernschnellzug genommen haben, der nicht in Campiglia hielt, sondern bis Livorno durchging, wo er dann einen Zug fand, der ihn wieder heimbeförderte. Aber auch das passierte ihm nur ein einziges Mal, denn Lampo wiederholte Fehler nie. Fortan mied er die Fernschnellzüge. Wir mußten uns mit der Vermutung zufriedengeben, daß er einen sechsten Sinn besaß. Dieser Hund war zum Reisen geboren.

Aus Jux hängten ihm manche Eisenbahner abgelaufene Fahrkarten um den Hals – für einfache Fahrt, für Hin-und Rückfahrt, Wochen-und Monatskarten, Nachahmungen von Sonderfahrausweisen mit dem Text „Freifahrschein für Eisenbahnhund Lampo“. Er war sehr stolz darauf und knurrte wütend, wenn jemand sie ihm abnehmen wollte.

WAS DIE Beförderungsbestimmungen betraf, so drückten manche Beamte offenbar ein Auge zu und duldeten Lampos illegale Bahnfahrten. Andere taten das nicht, jedoch keinesweg aus Pedanterie oder Gemeinheit, sondern deshalb, weil ein frei umherlaufender Hund in einem Zug eine Gefahr darstellt. Wer konnte die Eisenbahner von ihrer Verantwortung freisprechen, wenn das Tier einen Fahrgast biß?

Weil jetzt manche Leute scharf aufpaßten, gestaltete sich das Reisen für Lampo schwieriger. Doch der Hund wich diesen Beamten geschickt aus und schlich sich klammheimlich in die Züge, wo er sich als blinder Passagier unter den Sitzen oder in der Toilette verbarg. Nicht immer glückte das. Wenn man ihn indes ertappte und aus dem vordersten Wagen wies, schien er sich ins Unvermeidliche zu fügen und entschwand – aber nur, um schnurstracks den letzten Wagen zu erklettern. Er machte dem Zugpersonal das Leben wahrlich schwer.

Lampo vergaß keinen von denen, die ihm das Reisen verwehren wollten. Wenn so jemand später einmal heran-kam und ihn begrüßte, verzog er sich knurrend. Das schuf allerhand Ärger. Beeinflußt von den anderen, mochten bald auch die verständnisvollen Bahner nicht mehr mitspielen. Es war höchste Zeit für drastische Schritte. Um Lampos Ausflügen ein Ende zu machen, nahm ich ihn mit nach Piombino.

Der HunD, Der Züge liebte

Exil

WIR KÜMMERTEN uns viel um ihn, stellten alles mögliche mit ihm an, sorgten für Kurzweil und Zerstreuung in der Hoffnung, daß er so seine Züge weniger vermissen würde. Die Kollegen auf dem Bahnhof in Piombino waren instruiert worden, ihn nicht in die Züge nach Campiglia einsteigen zu lassen, wenn er dort auftauchte.

Wenn ich Dienst hatte, vertrieb sich Lampo die Zeit recht vergnüglich mit einer alten Beschäftigung, die er wiederaufgenommen hatte: Er begleitete Mima und ging mit meiner Frau täglich einkaufen. Zudem schlief er gern und lange auf unserer roten Samtcouch.

Eingedenk der Tatsache, daß er zum Reisen geboren war, stellte ich ihm des öfteren mein Auto zur Verfügung. Daran hatte er seine helle Freude. Mir blieb nie die Zeit, um die Tür zu öffnen, weil er immer gleich durchs Fenster hineinsprang (wobei der Wagen manchen Kratzer abkriegte) und es sich, von Reiselust erfüllt, auf dem Vordersitz bequem machte.

Zu Fuß erforschte er jeden Winkel Piombinos. Am besten gefiel ihm die Piazza Bovio, der Stolz der Stadt. Der Platz befindet sich am Ende des Landvorsprungs; gegenüber im Südwesten liegt die Insel Elba. Dort schaute er jeden Tag stundenlang auf das blaue Meer hinaus.

Aber Lampo hatte den Bahnhof von Campiglia, seine Freunde und die Züge keineswegs vergessen. Er betrachtete seine Abwesenheit als Zwangsurlaub, mit dem er sich in der Hoffnung auf ein baldiges Ende vorerst abfinden mußte. Mehrmals lief er zum Bahnhof Piombino, um sich in einen Zug nach Campiglia zu schmuggeln. Besonders abends, wenn er einen Zug in der Feme pfeifen und rumpeln hörte, wurde er unruhig und kratzte an der Vordertür unseres Hauses. Aber trotz seiner flehenden Blicke blieben wir unerbittlich.

Auf dem Bahnhof von Campiglia vermißte ihn das gesamte Personal Auch den Kindern und den Reisenden fehlte er. Die Speisewagenköche, die ihn nicht mehr draußen warten sahen, protestierten lautstark.

Als ich glaubte, daß sich die Wogen geglättet hätten, lenkte ich ein. Es wäre riskant gewesen, Lampo in seinem Exil in Piombino weiterhin festzuhalten. Auch die Geduld hat ihre Grenzen und die seine war nahezu erschöpft. Auf dem Bahnhof von Piombino allein gelassen, wich er dem Personal vorsichtig aus, schlich sich zum Zug, stieg ungehindert ein – und als es losging, war er frei.

Nach der Rückkehr zum Bahnhof von Campiglia, zu seinen Freunden dort, seinem Bett und den Speisewagen war Lampo wie verwandelt. Augen-scheinlich hatte die Lektion geholfen. Er abenteuerte nicht mehr wahllos herum, sondern beschränkte sich auf die Züge, die er für seine Termine in Piombino wirklich brauchte. Ich brachte ihn sogar davon ab, mich heimzubegleiten. Solange es bei zwei kurzen Fahrten pro Tag auf einer zweitrangigen Nebenlinie blieb, konnte ihm eigentlich nicht viel passieren.

DAS beSte AuS reADer’S DigeSt

Die Bahnhofsleute freuten sich darüber, daß er wieder da war. Er widmete ihnen jetzt mehr Zeit und schaute ihnen ausgiebig bei der Arbeit zu.

Aber eines Tages bei bleigrauem Himmel und deprimierendem Nieselregen wurde Lampo nervös. Rastlos strich er auf dem Bahnhof umher und fand nirgends Ruhe. Am Bahnsteig 4 war der Zug um 15.40 Uhr nach Piombino abfahrbereit. Lampo trottete an dem Beamten vorbei und stieg ein.

An der Station Populonia (zwischen Campiglia und Piombino) sprang er mit roboterhafter Präzision ab und wartete, bis der Zug weiterfuhr. Am anderen Bahnsteig stand der Gegenzug. Sobald Lampo das Pfeifsignal des Bahnhofsvorstehers hörte, hastete er über die Schienen zum Zug nach Campiglia und sprang auf. Aber er hatte sich verkalkuliert. Die automatischen Türen schlossen sich bereits und klemmten ihn ein. Kopf und Rumpf waren drinnen, Hinterbeine und Schwanz draußen. Zum Glück haben die Türen dicke, nachgiebige Gummiwülste. Trotzdem kläffte der arme Hund, als sei er kurz vor dem Verenden.

Die Fahrgäste wollten ihm helfen, wußten aber nicht, wie. Man konnte ihn schließlich nicht mit einem Ruck durch die geschlossenen Türflügel hereinziehen.

Glücklicherweise erschien bald darauf atemlos der Zugführer und gab dem Lokführer ein Zeichen. Der Zug hielt, die Türen zischten auf, und Lampo plumpste wie ein nasser Sack auf den Wagenboden. Er streckte die Glieder, benagte sich behutsam und untersuchte seine Flanken, um festzustellen, ob etwas fehlte. Dann äugte er ängstlich zu den Reisenden empor, die sich jetzt vor Lachen bogen, und verdrückte sich schnell unter den nächstbesten Sitz.

Ein wenig abseits stand ein großer, gebieterisch aussehender Mann, der einen stahlgrauen Mantel und eine schwarze Mütze mit breitem Schnurbesatz trug. Er winkte den Zugschaffner zu sich und wechselte ein paar Worte mit ihm; dann nahm er Papier und Bleistift zur Hand und begann zu schreiben.

„DER ALTE will Sie sprechen“, teilte mir ein Bote mit.

Unser Bahnhofsvorsteher, 58 Jahre alt, dick und ein bißchen zu kurz geraten, wirkte stets wie aus dem Ei gepellt. Sein tadellos aufgeräumtes Büro mit den penibel geordneten Büchern und Akten zeugte von seiner entnervenden Pedanterie.

„Sie müssen sich von dem Hund trennen“, sagte er zu mir. „Hier auf dem Bahnhof kann er nicht bleiben.“

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„Wieso denn diese plötzliche Entscheidung?“ wollte ich wissen. „Hat der Hund etwas verbrochen?“

„Nicht daß ich wüßte – aber er könnte. Und da ich hier für den reibungslosen Ablauf des Betriebs verantwortlich bin, will ich Ärger vermeiden. Übrigens haben sich viele Aufsichtsbeamte darüber beschwert, daß der Hund in den Zügen soviel Freiheit genießt. Entweder schaffen Sie also das Tier ab, oder ich rufe den Hundefänger, was ich nur mit Bedauern täte.“

In meinem Büro dachte ich über das schwierige, schmerzliche Problem nach, während Lampo friedlich und ungerührt in seiner Ecke schlief. Gewiß, ich konnte ihn wieder mit nach Hause nehmen. Aber dort würde er ungeachtet seiner Zuneigung zu meiner Familie wohl Tag und Nacht im Garten an der Leine liegen müssen, wenn wir sicher sein wollten, daß er nicht mehr ausriß. Andererseits war er für ein freies Leben geboren. Durfte ich ihn dauernd von all seinen Freunden, seinem Bahnhof, seinen Zügen fernhalten? Ich besprach das mit meinen Kollegen auf dem Bahnhof. Wir beschlossen endlich, Lampo so abzuschieben, wie er gekommen war – in einem durchgehenden Zug mit möglichst entlegenem Ziel. Dazu bot sich ein Leerzug an, der ohne Zwischen aufenthalt nach Süden rollen sollte. Der Hilfsbremser versprach mir, er werde den Hund weit weg von uns hinauslassen, auf freier Strecke ohne Bahnhöfe in der Nähe. Bei Lampos Abfahrt waren wir alle zugegen. Mit traurigen, bittenden Augen blickte er uns aus dem Güterwagen an. Als die Lokomotive pfiff, schlossen wir die Waggontüren. Der Zug fuhr ab. Stumm schauten wir ihm nach bis er nur noch ein Pünktchen am Horizont war.

Wir alle vermißten Lampo. Er schien schon eine Ewigkeit fort zu sein, und doch waren erst wenige Tage vergangen, als ich den Bremser aus einem Zug steigen sah. „Wir hatten scheußliches Wetter“, erzählte er. „Zwischen Anzio und Nettuno mußten wir halten, weil der Sturm eine Brücke beschädigt hatte. Lampo sprang ab und rannte in die Felder. Still gingen wir in unsere Büros. „Das sind nur 300 Kilometer“, sagte ich. „In ein paar Stunden haben wir ihn wieder.“ Ich hatte mich nicht geirrt. Lampo sprang aus einem Eilzug aus Rom und kam auf uns zu getrottet. Am Abend steckten wir ihn in einen Eilzug nach Neapel. Diesmal trafen wir alle möglichen Vorkehrungen. Wir schlossen ihn im Hundeabteil des Gepäckwagens ein, und der Zugführer gelobte, er werde Lampo in Neapel an Bord eines anderen, weiter nach Süden fahrenden Eilzugs verstauen.

„Nie wieder!“

OBWOHL Lampo bereits fünf Monate fort war, irrte mein Blick während der Arbeit oft zu der leeren Ecke ab, wo er immer geschlafen hatte. Abends, wenn ich heimkehrte, fragte Mirna jedesmal:
„Papa, ist er wieder da?“

„Nein, Mirna, aber er kommt bestimmt.“ Ich log. Ich brachte es nicht übers Herz, ihr die Wahrheit zu sagen.

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Nach einiger Zeit fragte sie nicht mehr. Schon dachte ich, sie hätte Lampo vergessen. Aber als ich eines Abends an ihrem Zimmer vorbeiging, hörte ich sie leise beten: „Heilige Jungfrau Maria, du bist so gütig, bitte behüte Lampo, sorge dafür, daß es ihm gut geht und daß er zu uns zurückfindet.“

Später, als sie fest schlief, zog ich ihr die Bettdecke zurecht und flüsterte: „Du kriegst von mir einen anderen Hund, damit du Lampo vergißt.“

Der Winter war zu Ende, die Mandel-und Pfirsichbäume in den Feldern am Bahnhof blühten. Die ersten Schwalben trafen ein, schossen über den Himmel und begrüßten den Frühling. Der Anbruch der warmen Jahreszeit munterte alle ein wenig auf, aber auf dem Bahnhof schien irgend etwas zu fehlen. Wenn Durchreisende sich nach dem Hund erkundigten, antworteten wir ihnen betrübt: „Er ist nicht mehr hier; er ist weggelaufen.“ Oft lehnten sich Speisewagenköche aus dem Fenster und riefen nach ihm. Achselzuckend sagten wir ihnen mürrisch: „Ihr verschwendet bloß eure Zeit. Er ist nicht mehr da, er ist abgehauen.“

Wir hatten alle ein schlechtes Gewissen. Sogar den Stationsvorsteher bedrückte die Sache. Sobald jemand von dem Hund sprach, drehte er sich um und ging weg.

Eines Tages, ich war mit Arbeit überhäuft und schlecht gelaunt, hörte ich draußen einen Tumult. Da riß auch schon einer meiner Kollegen die Tür auf und schrie: „Komm raus, und schau dir das an!“

Verblüfft und neugierig eilte ich hinaus. Vor mir stand ein Hund. Er war klapperdürr und wedelte langsam mit dem Schwanz, als er mich aus zwei dunklen, müden Augen anblickte. Sie glänzten zwar noch, aber aus ihnen sprachen Leid und Kummer. Er sah wie ein Gespenst aus. Erschüttert nahm ich ihn in die Arme, drückte ihn an mich und murmelte: „Lampo, lieber Lampo! Ich schicke dich nie wieder fort!“

Er schien es verstanden zu haben. Immer wieder leckte er mir das Gesicht. Ich setzte ihn hin und wischte mir die Tränen ab, deren ich mich nicht hatte erwehren können.

Für einen Moment unterbrach jeder seine Arbeit und rannte los, um Lampo zu begrüßen. Durch das ganze Gebäude hallten Freudenrufe: „Lampo ist wieder da! Lampo ist wieder da!“ Es gab einen richtigen kleinen Auflauf. Manche riefen seinen Namen, andere streichelten und liebkosten ihn. Lampo gefiel das offenbar. Der Stationsvorsteher bahnte sich einen Weg durch die Menge, beugte sich zu Lampo nieder, tätschelte ihn und sagte, seine Rührung nur schlecht verbergend: „Kümmern Sie sich um ihn, bringen Sie ihn wieder in Schuß. Er bleibt von nun an hier.“

„Verlassen Sie sich ganz auf mich, Chef!“ rief ich überschwenglich.

Man hatte beobachtet, daß Lampo aus dem von Rom kommenden Zug gekrabbelt war. Ich sah ihn mir genau an. Das Laufen fiel ihm unverkennbar schwer. Die Ballen waren geschwollen und rissig, auch bemerkte ich Blut-spuren. Das einst so weiße und dichte Fell war jetzt schmutzig dunkelgrau und stellenweise so dünn, daß die Haut in roten Flecken durchschien. An seinem ausgemergelten Körper traten die Rippen erschreckend hervor. Sein zerschrammter, geschwollener, blutverkrusteter Hals steckte in einem Drahthalsband, an dem ein kurzes Stück Schnur baumelte.

Der HunD, Der Züge liebte

Ich schnitt den Draht durch und trug Lampo in mein Büro. Er bekam einen Napf warme Milch die er gierig, aber sehr langsam trank. Offensichtlich hatte er Schmerzen beim Schlucken. Von Zeit zu Zeit pausierte er, wandte sich zu mir um und wedelte fröhlich mit dem Schwanz. Sowie er den Napf geleert hatte, zog es ihn hinaus. Humpelnd machte er die Runde durch all die Büros, die er so gern hatte, und begrüßte schwänzelnd seine Freunde. Dann kuschelte er sich in seine Lieblingsecke und sank in tiefen Schlaf.

Aber er schlummerte unruhig, sein Körper hörte nicht auf zu zittern. Armer Lampo, dachte ich, was mußt du ausgestanden haben.

Da er bei Schichtende noch schlief ließ ich ihn dort und kletterte munter pfeifend in meinen Zug nach Piombino. Am Bahnhof erwarteten mich Frau und Tochter. Kaum war ich ausgestiegen, da rief Mirna mir überglücklich zu: „Papa, er ist wieder da, nicht wahr?“ Kollegen von der Bahn hatten sie benachrichtigt.

Als Lampo mich am nächsten Morgen ins Büro kommen sah, versuchte er sich aufzurichten. Aber er schaffte es nicht. So wackelte er denn bloß mit dem Schwanz.

„Er ist gar nicht auf dem Posten“, sagte ein Bahnwärter. „Wir haben alles probiert, aber er frißt nicht.“

Ich streichelte Lampo und murmelte: „Lieber Lampo, es tut mir so leid. Ich war derjenige, der dich in den Zug gesetzt hat, mit dem du wegfahren mußtest, aber glaube mir, ich habe es nicht gewollt. Mir blieb nur nichts anderes übrig.“ Der Hund gab schwach Laut, als ob er mich verstanden hätte. „Vergiß das nun alles, iß ein bißchen, und werde wieder gesund Ich werde dich nie mehr fortschicken.“ Lampo rappelte sich auf und wollte Milch aus seinem Napf trinken, aber es gelang ihm nicht. Ich machte mir ernste Sorgen. Wenn die Züge mit den Speisewagen eintrafen, bemühte er sich vergeblich, auf die Pfoten zu kommen. Er war zu kraftlos.

An diesem Abend nahm ich ihn mit nach Hause. Als Mirna seinen Zustand sah, brach sie in Tränen aus. Am Tag darauf sagte uns der Tierarzt in Piombino: „Der Hund hat schwer gelitten und sich obendrein eine Darminfektion zugezogen. Es ist hoffnungslos, in ein paar Stunden wird er nicht mehr am Leben sein.“

Daheim sahen wir ihn dann mühsam aufstehen und langsam zur Tür schleichen. Ich begriff, er wollte zum Zug, um zu seinem Bahnhof zurückzufahren.

Ich holte den Wagen aus der Garage. Weinend liebkosten Mirna und meine Frau ihren Lampo, dann fuhr ich ihn nach Campiglia. Behutsam legte ich ihn in meinem Büro in seine Ecke, streichelte ihn und flüsterte bewegt: „Auf Wiedersehen, Lampo, verzeih mir.“

Bevor ich die Tür schloß, blickte ich zu ihm zurück. In seinen Augen las ich einen Ausdruck von Dankbarkeit dafür, daß man ihn noch einmal in sein kleines Reich gebracht hatte.

Am nächsten Morgen studierte ich im Zug ängstlich die Mienen der Kollegen von der Nachtschicht, denn ich rechnete mit schlechten Nachrichten. Weil aber keiner etwas sagte, schöpfte ich ein wenig Hoffnung. Am Bahnhof von Campiglia eilte ich sofort zum Büro. Zaghaft öffnete ich die Tür. Da stand Lampo schon und wartete.

Schnell holte ich vom Büfett eine Tasse heiße Milch, die er gierig leerschlürfte. Vielleicht war doch das Ärgste überstanden?

Die Ankunft des Eilzugs machte unseren Sorgen dann wirklich ein Ende. Sobald Lampo den Zug hörte, spitzte er die Ohren und tappte los zum Speisewagen. Wir alle folgten ihm. Mit großer Freude schauten wir zu, wie er ein schönes Stück Fleisch vertilgte, das ihm einer der Köche zugeworfen hatte. Lampo war über den Berg. Die Fahrt am Abend zuvor war doch nicht seine letzte gewesen. Tatsächlich hat er noch viele Kilometer per Bahn zurückgelegt, denn es gab ja noch eine Menge Menschen und Dinge, die er sehen wollte.

ERERHOLTE sich völlig und war bald wieder ein Prachthund. Von neuem nahm er seine unbeschwerte Lebensweise auf, das Reisen natürlich eingeschlossen. Da ihn keiner mehr daran hinderte, vagabundierte er nach Herzenslust umher. Hatte er einen Zug verlassen, stieg er schon in den nächsten. Aber seine Pflichten vergaß er nicht. Pünktlich erschien er jeden Morgen an unserem Haus, um Mirna zur Volksschule zu begleiten. Und abends fuhr er mit mir im Zug nach Piombino.

Wo hatte er all die Monate gesteckt? Der Zugführer, mit dem er gen Süden geschickt worden war, hatte ihn in Neapel einem Kollegen anvertraut, der ostwärts quer über den italienischen Stiefel nach Bari fuhr, und nach dem Bericht dieses Kollegen war Lampo im Bahnhof von Barletta abgesprungen – an der adriatischen Küste, 686 Kilometer von Campiglia entfernt.

Der HunD, Der Züge liebte

Ich entsann mich, daß mir ein von Süden kommender Lokführer eines Tages erzählt hatte, beim Einrollen seines Güterzugs in den Bahnhof von Reggio Calabria habe er Lampo draußen vor dem Empfangsgebäude umherwandem sehen. Sobald sein Zug stand, war der Lokführer hingerannt und hatte sich nach Lampo umgesehen, ihn aber nirgends entdecken können. Trotzdem zweifelte er nicht, daß es Lampo gewesen war.

Damit verlängerte sich die Strecke für die Hinfahrt um 500 Kilometer auf insgesamt 1200. Von der tyrrhenischen Küste war er an die Adria und darauf nach Südwesten über die Halbinsel zur Spitze des Stiefels gereist.

Wir werden nie erfahren, wie viele Kilometer er hinter sich gebracht und wie viele Züge er benutzt hat, bis er die passenden Anschlüsse in Richtung Heimat erwischte. Das Drahthalsband mit dem Strick daran ließ vermuten, daß er irgendwo auf seinen Streifzügen von einem Bauern geschnappt und an die Leine gelegt worden war. Irgendwann hatte er dann die Schnur durchgebissen und sich getrollt. Die Futtersuche muß für ihn ein großes Problem gewesen sein. Wer weiß, wovon sich das arme Tier ernährt hat!

Genauer konnte ich seine Odyssee nicht rekonstruieren, und selbst für das bißchen brauchte ich viel Phantasie. Lampo jedoch blickte bereits wieder in die Zukunft.

Berühmtheit

STÄNDIG wurden wir von anderen Bahnhöfen angerufen. Ob nah, ob fern, die Kollegen wollten Lampos Wiederauftauchen in allen Einzelheiten geschildert haben, und jedem mußten wir versichern, daß wir ihn nie wieder wegschicken würden. Kaum war ein Zug eingefahren, so erschienen Reisende an den Fenstern und befragten uns ungläubig über die berühmte Rückkehr Lampos. In hellen Scharen kamen Kinder, umringten den Hund und streichelten ihn zärtlich. Lampo schien das alles sehr wohl zu verstehen und sich über die herzliche Anteilnahme zu freuen.

Wer von den Eisenbahnern ihn früher nicht gemocht hatte, versuchte nun, sich bei ihm ein bißchen einzuschmeicheln. Doch er zeigte Rückgrat und quittierte die Aufmerksamkeiten gewisser Leute mit ostentativer Gleichgültigkeit oder auch mit einem grimmigen Knurren, womit er bekundete, daß er nichts vergessen hatte.

Vieles war anders geworden. Zugführer, die ihn ehedem am Einsteigen gehindert hatten, ließen nun Milde walten. Genauso verhielt es sich mit Lokführern und Bahnwärtern. Trotz dieser Nachsicht verbarg sich Lampo weiterhin wie gewohnt unter den Sitzen.

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Die Zeit verging, und seine Popularität wuchs täglich. Die italienische Rundfunkgesellschaft brachte eine Hörfunksendung über ihn. Zeitungen nahmen sich seiner an – in Artikeln mit Fotos und Überschriften wie „Lampo, der Eisenbahnhund“, „Lampo, der reisende Hund“, „Lampo, der Expreß-Hund“ oder „Lampo, der Wunderhund“.

Er wurde älter. Doch bevor er sich zur Ruhe setzte, konnte er dem Halsband seines Ruhmes noch ein Juwel einfügen, und zwar das schönste von allen. Im November 1958 äußerte die italienische Rundfunkgesellschaft den Wunsch, Lampo für ein Fernsehprogramm zu filmen .

Eine Woche danach verständigte man uns telefonisch, daß die Eisenbahnbehörden ihre Erlaubnis erteilt hatten; in zwei Tagen, hieß es, würden die Fernsehtechniker noch vor neun Uhr morgens auf dem Bahnhof sein. Wir sollten dafür sorgen, daß der Hund zur Stelle war und nicht gerade eine seiner Spritztouren unternahm.

Am ersten Tag behielten wir ihn ununterbrochen im Auge. Aber am Vorabend des großen Tages entwischte er für einen Moment unserer „Sonderaufsicht“ und stahl sich in einen Eilzug nach Rom. Wir rauften uns die Haare und riefen jeden Bahnhof auf der Strecke an: „Wenn ihr Lampo seht, haltet ihn fest, nehmt ihn – möglichst lebendig – in Gewahrsam, und schickt ihn mit dem ersten Zug nach Campiglia zurück.“ Aber er blieb spurlos verschwunden. Bei Einbruch der Nacht hatten wir kaum noch Hoffnung, Lampo jemals im Fernsehen bewundern zu können. Am nächsten Morgen fuhr ich zeitig nach Campiglia. Ich hatte zwar dienstfrei, wollte aber dort sein. Auf dem Bahnhof warteten neugierige Passanten und Kinder, die bei den Filmaufnahmen zuschauen wollten. Ein Glockenzeichen kündigte an, daß die Ankunft des Zuges mit den Fernsehleuten unmittelbar bevorstand. Nur der Star fehlte! Dann fuhr ein Zug aus Grosseto ein, und siehe da – aus einem Wagen hopste Lampo. Schwanzwedelnd kam er zu uns und blickte uns seltsam, ja ironisch an.

Um acht Uhr waren wir alle versammelt. Die Kamera wurde betriebsklar gemacht. Der Kameramann erbat detaillierte Angaben über Lampos Gewohnheiten, worauf ich ihm erwiderte, er solle sich getrost nach dem Hund richten. Ich sei ja dabei und würde notfalls eingreifen.

So wurde Lampo, der reisende Hund gedreht. Dieser Dokumentarstreifen machte Lampo in ganz Italien und über die Grenzen hinaus bekannt. Einige Wochen später bekam ich aus San Francisco einen Brief von meiner Tante mit Zeitungsausschnitten über Lampo. Und aus Buffalo traf ein Luftpostpäckchen mit Hundekuchen ein.

Der Alte

DER ZUG hielt an Bahnsteig 1, die Türen gingen auf, Reisende stiegen aus und ein. Der Lärm der Dienstmänner mit ihren beladenen Gepäck-karren, die Rufe des Jungen mit dem Erfrischungswagen und das Gekreisch der Zeitungsfrau in ihrem Kiosk wurden übertönt von der sonoren Lautsprecher ansage: „Campiglia Marittima …“

Der HunD, Der Züge liebte

In all dem Trubel stand Lampo, die Ohren gespitzt, und blickte starr auf die Bewegungen des Kochs im Speisewagen. Aber der vielbeschäftigte Mann hatte ihn nicht bemerkt.

Belustigt betrachtete ich die Szene, als mich plötzlich jemand am Jackenärmel zupfte: „Können Sie mir sagen, wann ein Zug nach Livorno geht?“

„Um 17 Uhr von Bahnsteig 2“, antwortete ich. „Also in genau zwei Stunden.“

Es war ein hagerer, kleiner, etwa 75 Jahre alter Mann in einer zerlumpten, viel zu großen blauen Baumwolljacke. Zwischen dem breitrandigen Strohhut, den er sich bis über die Ohren gezogen hatte, und dem weißen Bart konnte man zwei kleine, schwarze Augen und eine hellpurpurfarbene Hakennase erkennen. In den derben Händen hielt er einen schäbigen Vulkanfiberkoffer, der mit dickem Bindfaden verschnürt war. Seine absonderliche Erscheinung und sein starker livornesischer Akzent beeindruckten mich.

„Ich bin dummerweise eingeschlafen, wo ich doch in Livomo rausgemußt hätte. Ich soll mich nicht aufregen, sagen Sie? Ja zum Teufel mit nicht aufregen, jetzt muß ich für eine neue Fahrkarte draufzahlen!“

Während er so jammerte, schossen die kleinen Augen Blicke hierhin und dorthin. Schließlich blieben sie an dem Hund hängen. Der Zug setzte sich in Bewegung. Lampo lief neben ihm her in der stillen Hoffnung, doch noch zu der bislang ausgebliebenen Mahlzeit zu kommen. Ich sah, wie der Alte auf den Hund zurannte und dabei mühsam seinen großen Koffer mitwuchtete. Der Zug erhöhte allmählich seine Geschwindigkeit. Lampo blieb stehen, spähte aber immer noch nach oben.

Der Alte erreichte den Hund und sagte etwas zu ihm. Lampo fuhr herum, stellte die Ohren auf und musterte den Fremdling. Dann umkreiste und beschnüffelte er ihn.

Wieder sagte der Mann etwas. Plötzlich sprang Lampo mit wild wedelndem Schwanz in die Höhe, legte dem Alten die Vorderpfoten auf die Knie, rieb die Nase an seiner Hose und kläffte. Der Mann streichelte ihn und sagte mit unsicherer Stimme: „Du alter Bandit! Und ich dachte schon, du wärst tot oder wer weiß wo!“

Ich gesellte mich zu den beiden. „Kennen Sie den Hund?“, fragte ich.

„Freilich“, erwiderte er. „Das ist Bigheri, der Amerikaner. Nachdem sein amerikanisches Schiff ohne ihn ausgelaufen war, hab’ ich ihn übernommen. He, Bigheri, weißt du noch, wie durcheinander du warst? Wie du nach der Abfahrt des Schiffes tagelang am Kai gestanden und aufs Meer hinausgeguckt hast?“

„Aufs Meer hinausgeguckt?“, stotterte ich.

„Natürlich! Er hat ja gehofft, daß das Schiff wiederkommt und ihn holt, aber es ist nicht gekommen.“

,He, Bigheri“, fuhr er fort, „wie die Matrosen dich gesucht haben! Besonders der lange Schlaksige, der hat den ganzen Hafen nach dir abgesucht. Aber dann ließ der Kapitän ablegen, und du warst schön angeschmiert, was, Bigheri?“ Unentwegt streichelte er dabei den Hund, der ihn verzückt ansah. „Hättest an dem Tag damals nicht an Land gehen sollen, hast es aber doch getan wie alle Matrosen, immer auf ein nettes, kleines Abenteuer aus.“

„Sind Sie sicher, daß es sich um ein amerikanisches Schiff handelte?“

„Ich war jahrelang Wachmann im Hafen und habe so viele Schiffe ankommen und abfahren sehen, daß ich auf zwei Kilometer jedes erkenne.“ Abermals wandte er sich dem Hund zu. „Meine Bruchbude war kein Palast, na ja, aber ich war immer gut zu dir, wir haben uns doch fein Gesellschaft geleistet. Aber dann warst du plötzlich weg. Ich hab’ tagelang nach dir gesucht. Dann hörte ich von Leuten, daß sie dich am Bahnhof hätten rum strolchen sehen. Ich bin natürlich gleich hingegangen, hab’ dich aber nicht gefunden.“

Der HunD, Der Züge liebte

„Aber es stimmt, er war auf dem Bahnhof“, sagte ich, die Geschichte vervollständigend. „Nur hätte ihn in Kürze der Hundefänger beim Wickel gekriegt, und um das zu verhindern, hat einer der Gepäckträger den Stromer in den Güterzug verfrachtet, mit dem er dann hier gelandet ist.“

Zur Feier des Tages lud ich den Alten zu einem Glas Wein vom Bahnhofsbüfett ein. Wir setzten uns an einen Tisch unter der Glyzine. Ein leichter Wind spielte in den violetten Blütentrauben, deren Duft die Luft erfüllte. Lampo war zu Füßen des Alten eingeschlafen. Ich erzählte von den Heldentaten unseres vierbeinigen Freundes und von seinem Leben in Campiglia. „Er ist ein sehr intelligenter Hund“, sagte der Alte, und dann plötzlich: „Ich möchte ihn gern wieder bei mir haben. Ich weiß, ihr Bahner seid bestimmt traurig, wenn er euch verläßt. Aber ich bin alt und allein, und der Hund würde mir Gesellschaft leisten.“

Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Der Mann tat mir leid, ich wollte ihn nicht enttäuschen. Ich schaute auf die Uhr. „Ihr Zug geht in zehn Minuten. Wir sollten uns allmählich aufmachen.“ Er sprang auf, leerte noch rasch ein Glas Wein, schmatzte genüßlich und steuerte auf Bahnsteig 2 los. „Verflixt, ich brauche ja noch eine neue Fahrkarte“, rief er dann. Ich ging zum Schalter und holte ihm ein Billett nach Livorno. „Bitte nehmen Sie es als Geschenk von Lampo.“ Lächelnd streckte er mir die Hand hin. „Vielen Dank, Herr. Wenn Sie nach Livorno kommen, müssen Sie mich besuchen. Fragen Sie nach Beppe, genannt ,Poncino‘. Jeder kennt mich.“ Ich half ihm samt seinem Koffer in den Zug. Lampo folgte ihm, ohne zu zögern, und legte sich zu seinen Füßen nieder. Der Alte blickte mich verlegen und bittend an.

„Lassen wir den Hund entscheiden“, sagte ich. „Wenn er nicht bleiben mag, sorgen Sie sich nicht; er findet den Rückweg selbst.“

Nach der Abfahrt des Zuges kehrte ich gedankenverloren ins Büro zurück. Nun wußte ich vor allem, warum Lampo immerzu aufs Meer hinausstarrte, wenn wir mit ihm dort waren.

Vier Tage später tauchte Lampo wieder in Campiglia auf. Aber er schien traurig zu sein, als ob es ihn bekümmerte, daß er den alten Mann allein gelassen hatte. Zweifellos war das auch der Grund, weshalb er ihn fortan von Zeit zu Zeit besuchte.

Im Ruhestand

SIEBEN lange Sommer waren seit unserer ersten Begegnung mit Lampo verstrichen. In dieser Zeit war vieles geschehen und vieles anders geworden. In den Bahnhofsbüros von Campiglia hatte man den alten Telegrafen durch das Telefon ersetzt. Die Züge fuhren schneller. Es gab keine dritte Klasse mehr. Die Felder ringsum – manche mit erntreifem Getreide, manche grüne Weingärten – und der Bahnhof selbst boten das altgewohnte Bild. Unter dem vorkragenden Dach stand noch derselbe Zeitungskiosk, wenn er auch einen frischen, erbsengrünen Anstrich erhal-ten hatte. Aber die alte Zeitungsfrau war gestorben. Der Bahnhofsvorsteher sollte in wenigen Monaten pensioniert werden. Auf dem Bahnsteig zwischen Gleis 1 und Gleis 2 sah ich Lampo. Gerade legte er sich hin und genoß schläfrig den sanften Windhauch. Ab und zu bewegte er ruckartig den Kopf und schnappte nach Fliegen.

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Er war nun alt und hatte mancherlei Wehwehchen und Schmerzen. Die Augen blickten weniger munter in die Welt, das dichte weiße Fell war stumpf und dünn geworden. Das Reisen hatte seinen Reiz für ihn verloren. Das Erklimmen der Züge und das Abspringen strengten ihn zu sehr an, und das bißchen Kraft, über das er noch gebot, sparte er sich für seine Abstecher zu meiner Familie in Piombino auf. Er fuhr nicht länger nach Livorno, um Beppe, genannt „Poncino“, zu besuchen. Der Alte war gestorben, hörte ich später.

Ich ging zurück ins Büro und wieder an die Arbeit, obwohl ich mir bei der Hitze etwas Besseres vorstellen konnte. Die Zeit war auch an mir nicht spurlos vorübergegangen, wie ein paar Silberhaare über den Schläfen verrieten. Vielleicht waren ja die Dienstgradabzeichen an meiner Mütze, die jetzt einen höheren Rang anzeigten, eine Entschädigung für all die so schnell verflossenen Jahre.

Mirna war mächtig gewachsen. Sie liebte Hunde, und Lampo blieb ihr Favorit. Da er nur noch selten bei ihr aufkreuzte, mußte ich sie nach Campiglia mitnehmen, damit sie einander öfter sahen. Sie wünschte sich einen eigenen Hund, und ich hatte ihr einen versprochen, aber erst nach Lampos Tod.

Dem „pensionierten“ Lampo war ein Sonderstatus zuerkannt worden. Er durfte bis ans Ende seiner Tage auf dem Bahnhof von Campiglia bleiben, umgeben vom Zuglärm, von den Geräuschen und Rufen der Fahrgäste, des Zeitungsverkäufers und des Mannes mit dem Erfrischungswagen und in der Gesellschaft seiner Freunde, der Eisenbahner. Er hatte ja so viele gekannt.

Es war Abend geworden, meine Schicht war zu Ende. Schwanzwedelnd erwartete mich Lampo am Zug. Beim Einsteigen blickte ich mich nach ihm um und sah, daß er mir folgen wollte, aber es fiel ihm zu schwer. Keuchend gab er auf und sah bittend zu mir hoch. Ich nahm ihn bei der Pfote und half ihm herauf.

Mit zufriedener Miene saß er auf dem Fensterplatz mir gegenüber. Die Nase an der Scheibe, blickte er hinaus in die Dunkelheit. Von Zeit zu Zeit tauchten die Lichter eines Häuschens auf, und in der Feme blinkten die Lichtertrauben der Dörfer auf den Hügeln. Nach einer Weile legte er sich hin und schlief ein, bis eine halbe Stunde später der Lautsprecher krächzte: „Piombino, Endstation.“ Ich stieg aus und ging heim. und Lampo trottete hinter mir her.

DER HERBST und der Winter waren hart. Dann wurde es Frühling. Emsig werkelnd, brachten die Dienstmänner und der Getränkewagenjunge ihre Vehikel auf Hochglanz. Wir vertauschten unsere schweren Uniformen gegen leichte, die Bahnpolizisten ihre blauen gegen weiße, und im Blumenbeet blühten Zimmerkalla, Geranien und Hortensien.

Der HunD, Der Züge liebte

Die Wiederkehr der warmen Jahreszeit tat Lampo gut. Er hatte mehr Appetit, wie seine häufiger werdenden Visiten an den Speisewagen zeigten. Er reiste sogar wieder ein bißchen, ein Beweis seiner Vitalität und Lebensfreude. Und nach ein paar Bädern mit Wasser und Seife war sein Fell so weiß und prächtig wie früher. Jeden Abend wartete er wieder pünktlich auf mich. Es war am 22. Juli 1961, der uns einen warmen, schönen Abend gebracht hatte. Mein Zug sollte in 15 Minuten abfahren. Ich machte mich gerade fertig, als in einem der Büros Stimmengewirr und laute Rufe ertönten. Ich lief schnell hin. In allen Gesichtern sah ich Bestürzung. Ein Bahnwärter sprach mich an.

„Lampo ist tot“, sagte er tonlos. „Er ist unter einen Zug gekommen.“

Mir war die Kehle wie zugeschnürt. Ich wollte hinausgehen, aber irgend etwas hielt mich zurück. Stumm, wie betäubt, starrte ich aus dem Fenster. Eisenbahner und Fahrgäste rannten zum Bahnsteig 3, wo sich um die Lokomotive eine Menschenmenge versammelt hatte. Mittendrin stand der Lokführer, hob immer wieder die Hände vor das Gesicht und bedeckte die Augen.

„Der Bahnhofsvorsteher ist schon verständigt. Er hat angeordnet, daß der Hund am Fuß der Akazie begraben wird“, sagte ein Kollege. „Aber er möchte nicht herauskommen und ihn sehen. Er kann es nicht ertragen.“

Ich ging zu meinem Zug, der jetzt abfahrbereit war. Beim Überqueren des Übergangs schaute ich mechanisch nach links. Ein Stück weiter erblickte ich zwischen Lokrädern und Schienen ein regloses weißes Bündel. Nein, ich mochte ihn nicht von nahem sehen; auch ich konnte es nicht ertragen. Auf dem Weg zu der Stelle, wo er auf mich warten wollte, war Lampo verunglückt. „Man hat das Gefühl, als wäre einer von uns überfahren worden“, sagte ein Bahnwärter zu mir.

„Er war einer von uns“, erwiderte ich und stieg in meinen Zug. ln Piombino erwartete mich meine Familie auf dem Bahnhof. Der Gesichtsausdruck meiner Frau verriet mir, daß sie es bereits wußte. Aber Mirna spähte suchend hinter mich. „Lampo hat eine lange Reise angetreten. Nun kaufe ich dir den Pudel“, sagte ich und nahm sie bei der Hand. Mondlicht erleuchtete die ganze Stadt. Der Himmel war voll funkelnder Sterne, und plötzlich schoß einer übers Firmament. „Eine Sternschnuppe, Papa, wir können uns etwas wünschen“, sagte Mirna. Ich wünschte mir etwas, obgleich ich wußte, daß es nie in Erfüllung gehen würde. Doch ich blickte über die Schulter, und eine Sekunde lang war mir, als sähe ich Lampo hinter uns hertrotten.


Dem reisenden Hund Lampo wurde im März 1962 auf dem Bahnhof von Campiglia Marittima ein Standbild in Lebensgröße errichtet. Es ist dort auch heute noch zu sehen.