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Buchstabendreher


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 24.09.2019

Seit dem 15. Jahrhundert wetteifertenKryptografen um die besten Verschlüsselungen für geheime Texte. Ein Franzose brachte es zur Meisterschaft.


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Bildquelle: Spiegel Geschichte, Ausgabe 5/2019

Für diesen Auftrag hatte der Franzose Antoine Rossignol genau den passenden Namen. Rossignol bedeutet »Nachtigall «, aber auch »Dietrich«. Und genau so ein Öffnungswerkzeug für Verschlossenes sollte Rossignol für seinen Auftraggeber sein: Er sollte die Geheimschrift der Feinde des Bourbonenfürsten Henri II. entschlüsseln.

Der Fürst belagerte 1626 das süd - französische Réalmont, wo sich pro - testantische Hugenotten hinter den Stadtmauern verschanzt hatten. ...

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... Henris Männer konnten einen codierten Brief aus der Stadt abfangen und gaben ihn Rossignol, einem Mathematiker mit un - gewöhnlichem Hobby: Rossignol hatte alles über Geheimschriften gelesen.

Den Brief dechiffrierte der 26-Jährige angeblich auf der Stelle. Nun wusste Henri II., dass die Hugenotten kaum noch Verpflegung hatten und Verbündete um Hilfe baten. Als der Fürst dem Stadtkommandanten den übersetzten Brief zeigte, ergaben sich die Huge - notten.

Dass verschlüsselte Botschaften Kriege entscheiden konnten, hatte man bereits in der Antike geahnt. Das Wort »Kryptografie« geht auf die Griechen zurück und bedeutet »geheim schreiben «; »Krypotologie« bezeichnet die Wissenschaft des Codierens und Decodierens. Im 4. Jahrhundert vor Chris - tus schlug der griechische Historiker Aeneas – Beiname »der Taktiker« – als Erster ein Verschlüsselungsverfahren vor: Alle Vokale sollten durch verschiedene Punkte ersetzt werden, die Konsonanten bleiben – keine sehr sichere Technik. Ausgefeilter war eine spätere Methode der Griechen. Dabei wurde jedem Buchstaben eine zweistellige Zahl zugeordnet. Sie ergab sich aus einer speziellen Tabelle, bei der das Alphabet in quadratischer Anordnung – fünf Buchstaben in fünf Zeilen – aufgeschrieben wurde.

Was anfangs eher Spielerei war, wurde im Laufe der Jahrhunderte immens wichtig. Die Schriftlichkeit nahm zu, Botschaften wurden seltener mündlich überbracht. In der Renaissance kam es zur »ersten großen Revolution in der Kryptografie«, wie es Klaus Schmeh nennt, Experte für historische Verschlüsselungstechniken.

Er hält den italienische Universal - gelehrten Leon Battista Alberti für den »Vater der europäischen Krypotologie«. Der Vatikan hatte Alberti beauftragt, ein besseres Codierungsverfahrens zu entwickeln – und der Gelehrte lieferte 1466 das erste Kryptologiebuch Eu ro - pas: »De Componendis Cifris«.

Scheibchenweise
Die Chiffrierscheibe war über Jahrhunderte die Allzweckwaffe der Krypto - grafen – links ein Exemplar der österreichischen Staatskanzlei aus dem 18. Jahrhundert.

Tabellarisch
Mit Codebüchern – rechts von 1812 – übersetzte man Verschlüsselungen wie die »Grand Chiffre« von Antoine Rossignol.


Die rätsel - hafte Geheimsprache konnte bis heute niemand übersetzen.


Darin deckte er die Schwächen der alten Methoden auf: Bis dahin waren Buchstaben durch Ziffern, andere Buchstaben oder Symbole ersetzt worden. Bei längeren Texten konnten Entschlüssler anhand der Häufigkeit einiger Codes Rückschlüsse auf bestimmte Buchstaben ziehen – etwa auf jene, die oft oder selten vorkommen. Über Jahrhunderte blieb diese Häufigkeitsanalyse die schärfste Waffe aller Codeknacker.

Alberti schlug eine Gegenmaßnahme vor: Warum sollte man nur eine Tabel - le für ein Geheimtextalphabet verwenden? Wäre es nicht besser, zwei oder drei verschiedene Code- Tabellen zu entwerfen, die alle paar Wörter wechselten? Wenn der Buchstabe A in der ersten Tabelle durch ein G ersetzt war, konnte es in der nächsten ein M und in der dritten ein C sein. Häufigkeitsanalysen mussten so ins Leere laufen.

Hantierten die Chiffriermeister bisher mit einem Schlüssel, brachte Alberti gewissermaßen den Schlüsselbund ins Spiel, im Fachjargon »polyalphabetische Verschlüsselung « genannt. Der Nachteil: Entziffern wurde zeitraubender und fehleran - fälliger. Doch auch hierfür hatte Alberti eine Lösung: Er erfand die Chiffrierscheibe. In unzähligen Varianten weiterentwickelt, wurde sie zum wichtigsten Werkzeug der Kryptografen.

Sie bestand aus zwei deckungsgleichen Scheiben, die gegeneinander verdreht werden konnten. Auf der äußeren Scheibe befand sich das Alphabet für den Klartext; auf der inneren lagen die Buchstaben für den Geheimtext. Sender und Empfänger mussten sich nun auf eine Regel einigen, nach wie vielen Wörtern die Scheibe mit dem Geheimalphabet um eine Position verdreht werden sollte; das entsprach dem Wechseln einer Codetabelle.

Fortan verfeinerten Chiffrierexperten überall in Europa diese Grundidee: Sie schlugen vor, die Codetabellen nach jedem Buchstaben zu wechseln, und entwarfen ausgefeilte Kreuztabellen, die mit Passwörtern arbeiteten. Ein Passwort »CODE« etwa hätte vier Tabellen aktiviert: erst die Tabelle C, dann die Tabellen O, D, E; nach diesem Muster war der gesamte Text zu verschlüsseln. Eine andere Methode sah vor, Klartext und Schlüsselwort fortlaufend untereinanderzuschreiben. Dann musste man die untereinander - stehenden Buchstaben nach ihren Positionen im Alphabet addieren: ein A (Posi tion 1) und ein D (4) ergab Position 5 im Alphabet: der Geheimbuchstabe war ein E.

Mit der Zeit kam es zu einem Wettstreit der Chiffriermeister. Codebücher wie das berühmte Voynich-Manuskript entstanden, deren rätselhafte Geheimsprache trotz intensiver Bemühungen bis heute niemand übersetzen konnte. Homophone, bei denen derselbe Buchstabe durch unterschiedliche Codes ersetzt wurde, erhöhten die Sicherheit.

Verdreht
Immer neue Verschlüsselungs - maschinen wurden erfunden, wie obige Chiffrierrolle aus Holz, die im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861 bis 1865) Verwendung fand.

Kreativ
Es gab unzählige Codiersysteme. Jedoch wurden sie oft aus Unwissenheit oder Bequemlichkeit nicht zu - verlässig eingesetzt.

Ab dem 16. Jahrhundert tüftelten Experten an einer weiteren sicheren Methode: Mit Schablonen wurden einzelne Buchstaben in einem Text markiert und konnten zu einem neuen Text umgeordnet werden. Auch mit Walzen wurde experimentiert, auf denen mit Buchstaben beschriebene Ringe angebracht waren, die sich drehen ließen, sodass aus dem Klartext Buchstaben - salat wurde, der erst lesbar wurde, wenn die Ringe in der richtigen Reihenfolge zurückgedreht wurden.

Aus diesem Prinzip entstanden später Chiffrierzylinder, die das US-Militär noch im 20. Jahrhundert einsetzte.

Im Grunde besaßen Könige und Diplomaten also das Rüstzeug für eine sichere Kommunikation. Doch nur die wenigsten setzten es ein. »Reichlich dilettantische Arbeiten « nennt der Kryptografie- Experte Schmeh viele Verschlüsselungen aus dem 16. Jahrhundert. Wie heute beim Umgang mit Daten - sicherheit siegten Bequemlichkeit und Halbwissen. Und so verschlüsselte an Europas Höfen fast niemand, wie von Alberti vorgeschlagen, mit wechselnden Codetabellen.

Begabten Codeknackern wie Antoine Rossignol verhalf das zu atemberaubenden Karrieren. Nach seinem Coup vor der Stadt Réalmont stieg er zum Chef- Kryptografen des französischen Königs Ludwig XIII. auf – und sollte nun seinerseits die Sicherheitsstandards am französischen Hof erhöhen. Dafür entwickelte er, später zusammen mit seinem Sohn, das System der »Grand Chiffre«, das mit einer sehr großen Zahl an Ersetzungen arbeitete und fast 200 Jahre angewendet wurde.

Mit einem Arsenal an Tricks stifteten die Rossi - gnols Verwirrung. Sie ersetzten nicht nur Buchstaben, sondern auch Buchstabenpaare und ganze Wörter, was Codemuster verschleierte. Bewusst schufen sie Ähnlichkeiten: So stand im ältesten erhaltenen Rossignol-Schlüssel die »44« für »ha«, eine »44« mit zwei Punkten aber für »bon«. Am verwegensten war die Idee, Codes einzubauen, die keinerlei Bedeutung besaßen und daher »Blender« heißen. Andere Zahlen wiederum signalisierten, dass die vorherige Codegruppe zu streichen war.


»Es gibt nichts unter dem Himmel, was deinen Augen verborgen bleibt.«


Bald galt Antoine Rossignol als bester Chiffrierer Europas. Er wurde fürstlich entlohnt, und ihm wurde sogar ein Gedicht gewidmet: »Es gibt nichts unter dem Himmel, was deinen Augen verborgen bleibt«, heißt es darin, und: »Wie durchschlagend ist dein Dienst, wie wichtig deine Kunst!« Am Ende waren viele Franzosen überzeugt, die Bezeichnung für »Dietrich« könne sich nur von Rossignol persönlich ableiten. Das aber ist nachweislich eine Legende.