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Bücher - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 12.01.2022

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Bildquelle: Bücher, Ausgabe 2/2022

ELIZABETH WETMORE

Wir sind dieser Staub

Übersetzt von Eva Bonné

Nicht Klapperschlangen oder Skorpione sind für Frauen im Westen von Texas am gefährlichsten. Die 14-jährige Gloria flüchtet, schwerverletzt und vergewaltigt, zum Farmhaus der schwangeren Mary Rose. Diese hält den Angreifer in Schach und wird im Prozess gegen ihn aussagen. Doch sie scheitert, wie so viele Frauen in den 70er-Jahren, an den versteinerten Verhältnissen. Denn das vergewaltigte Mädchen ist Mexikanerin und zum Opfer abgestempelt. Der erwartete Öl-Boom zieht gewalttätige Männer an und die wechselnden Perspektiven von sieben Frauen in der Kleinstadt Odessa, von Glory und Mary Rose, der früheren Lehrerin Corinne, die nach dem Tod ihres Mannes Vergessen im Suff sucht, bis zur zehnjährigen Debra Ann, deren Mutter die Familie verließ, entwerfen ein schonungsloses Bild von Sexismus und Rassismus. Nur wenigen gelingt die Flucht aus ...

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... diesen trostlosen Verhältnissen, doch Wetmore, die aus Odessa stammt, spiegelt ihre Überlebensgeschichten in poetischer Sprache in der gnadenlosen Schönheit des Landes. Weit entfernt von gängigen Krimimustern entwickelt die Autorin ein fragiles Netz von geheimen Allianzen zwischen den Frauen, die in einem zutiefst ungerechten Kosmos anmaßender Männer nach Fluchtpunkten für körperliches und geistiges Überleben suchen.

(lk)

Eine Erkundung der Schnittstellen von Gewalt, Herkunft und Klasse und ein fulminanter Debütroman.

EICHBORN, 320 Seiten, 22 Euro

CANDICE FOX

606

Übersetzt von Andrea O’Brien

Mit einem Schlag sind dank einer perfekt inszenierten Massenerpressung die Tore eines Hochsicherheitsgefängnisses in der Wüste von Nevada offen und 606 Häftlinge können fliehen. Unter ihnen sind Mörder, Terroristen, Vergewaltiger und Psychopathen – und John Kradle, der für den Mord an seiner Familie zum Tode verurteilt wurde. Er weiß, dass dieser Ausbruch seine Chance ist, seine Unschuld zu beweisen. Während sich die Sondereinheit darauf konzentriert, die gefährlichsten Verbrecher wieder einzufangen, hat die Aufseherin Celine Osbourne indes nur ein Ziel: Kradle wieder dorthin zu bringen, wo er ihrer Meinung nach hingehört. Ausgehend von diesem Ausbruch entwickelt Candice Fox neben zwei Haupthandlungssträngen – Kradles Unschuldsbeweis, die Verhinderung eines terroristischen Anschlags, der sich seiner „Helter Skelter“-Anleihen bewusst ist – allerhand kurzweilige Episoden um die anderen Ausgebrochenen. Deren Knappheit hätte den anderen beiden Strängen ebenso gutgetan, wie eine etwas ausgefeiltere Figurenzeichnung. Insbesondere Celine Osbournes Verhaltensmotive sind anfangs nervig-irrational und unprofessionell. Aber Candice Fox weiß einfach, wie man spannende Action- Unterhaltung mit fiesen und komischen Seitenhieben schreibt.

(sh)

Ein guter Plot und spannende Action – Fox‘ „606“ ist ein sehr unterhaltsamer Kriminalroman.

SUHRKAMP, 467 Seiten, 16,95 Euro

JEROME P. SCHAEFER:

Der Dschungel von Budapest

Deutsche Originalausgabe

Wie viel Potenzial im literarisch eher vernachlässigten Osten Europas steckt, zeigt Jerome P. Schaefer mit seinem Debütroman. Darin führt der Münchner Autor in das Budapest der Nachwendezeit. Der Privatdetektiv Tamás Livermore soll Frau und Tochter eines halbseidenen Anwalts beschützen. Als dieser einem Attentat zum Opfer fällt, gerät der Detektiv in einen mörderischen Konflikt zwischen der lokalen Öl-Mafia und einem korrupten Staatsapparat. In seinem Buch, das auf wahren Ereignissen beruht, verwendet Schaefer die klassischen Elemente der Noir-Literatur. Dazu zählt vor allem der – zugegebenermaßen – etwas klischeehaft gezeichnete Ex-Boxer und nunmehrige Privatdetektiv Livermore, der sich als kleiner Fisch im Großstadtdschungel behaupten muss. Was Schaefer aber viel mehr gelingt, ist ein Stimmungsbild von einem Budapest zu einer Zeit zu zeichnen, in der im Gegensatz zu heute noch mehr bröckelte als glänzte. Der teils in Budapest aufgewachsene Autor überzeugt darüber hinaus mit Ortskenntnis, ohne den Leser mit den ungewohnten ungarischen Namen zu überfordern. Er lädt dazu ein, sich mit der Geschichte eines Landes zu beschäftigen, das in der zurückliegenden Dekade im Westen Europas mit seinem fragwürdigen Demokratieverständnis für Irritationen gesorgt hat.

(sg)

Atmosphärischer, solide erzählter Noir abseits der gängigen Schauplätze. Man darf auf eine Fortsetzung gespannt sein.

TRANSIT, 144 Seiten, 18 Euro

GEORG HADERER

Seht ihr es nicht?

Deutsche Originalausgabe

HAYMON, 336 Seiten, 24,90 Euro

Die Wissenschaftlerin Helena Sartori ist tot, deren Eltern und ihr Sohn ebenso, und ihre jugendliche Tochter Karina ist verschwunden. Hat das etwas mit Helenas Forschung zu tun, mit ihrem Rückzug in ein Haus fern aller Netzverbindungen? Ihre Forschung befasste sich mit Nanobots, winzigen Apparaturen im Molekularbereich, die dort mikroskopische Taten zu vollbringen vermögen, etwa Tumore bekämpfen oder Menschen in grauen Schleim auflösen oder ihr Verhalten beeinflussen. Aus dem Labor entlassen breiten solche Nanobots sich womöglich unkontrollierbar aus, können, wie in Haderers Roman, überall sein – oder auch nirgends, denn man sieht sie ja nicht. Ermittlerin Philomena Schimmer aber lässt sich von solcherlei Kleinkram nicht beirren, weil sie daran gewöhnt ist, Dinge zu sehen, die anderen entgehen. Das wirkt ein wenig bemüht skurril, und dass Philomena eine Schwester namens Thalia hat, hätte man sich ebenso schenken können wie den Versuch ihrer Mutter, dem etwas Positives abzugewinnen: „Seid froh, dass euer Vater Altphilologe war und nicht Physiker. Sonst hätte er mich womöglich überzeugt, euch Milli, Mikro und Nano zu taufen.“ Eine Milli hätte dem Roman nur gutgetan.

(ub)

Hat die Nanobots-Forschung Helena Sartori und fast ihrer ganzen Familie das Leben gekostet?

MICK HERRON

Spook Street – Ein Fall für Jackson Lamb

Übersetzt von Stefanie Schäfer

DIOGENES, 456 Seiten, 18 Euro

Marode, glucksende Heizungsrohre ziehen sich durch die Büros der abgehalfterten Geheimdienstler im Slough House. Und auch bei der Aufklärung eines Selbstmord-Attentats auf das Londoner Westacres-Einkaufszentrum mit vielen Toten sind die Männer und Frauen, die Herron im ersten Band als „Slow Horses“, lahme Gäule, vorstellte, nicht erwünscht. Doch als einer der ihren, River Cartwright, verschwindet und für tot gehalten wird, verknüpft sich die Suche nach ihm mit dem Anschlag auf geniale Weise. River macht sich auf den Spuren seines Großvaters, früher legendärer Mitarbeiter des MI5, auf eine Reise in die Vergangenheit und in Zeiten des Kalten Kriegs schreckte man auf keiner Seite vor Monstrositäten zurück. Rivers Großvater könnte den Schlüssel zur Aufklärung des Anschlags liefern und ist in Gefahr. Herron versetzt sein originelles Personal in bestens komponierte Aktion, allen voran den brillanten Chef Jackson Lamb, der seine Kenntnis der intriganten Verquickungen von Politik und Macht hinter grundsätzlicher politischer Unkorrektheit und abstoßenden Angewohnheiten verbirgt. Herrons komplexe Romane Lahme Gäule gegen Selbstmordatten- steigern die Spannung und auch das Vergnügen an ihrer Sprache mit jedem Band.

(lk)

Lamhe Gaule gegen Selbstmordatten-tater - Herron ist ein legitimer Nachfolger von le Carré und Ambler.

MADITA WINTER

Mordlichter

Deutsche Originalausgabe

Die Winter in Nordschweden sind lang. Um sich die Zeit zu vertreiben, setzte sich Madita Winter mit ihrem Mann zusammen und entwickelte mit ihm den Plot zu ihrem ersten Krimi. Manch eigene Erfahrung floss in die Geschichte ein: Wie ihre toughe Protagonistin Anelie Anderson zog auch die deutsche Journalistin der Liebe wegen nach Jokkmokk in Lappland. Anelie hat ihren Stressjob als Mordermittlerin in Stockholm aufgegeben, um als einfache Polizistin am Polarkreis eine ruhige Kugel zu schieben. Doch damit ist es vorbei, als Tyra Berg ihren Sohn Stellan als vermisst meldet. Der 17-Jährige ist von einem Trip in die Berge nicht zurückgekehrt. Ein paar Tage später wird er im Wald von einem Lastwagen überfahren: in Rentierfelle gehüllt und mit zerschundenen Händen und Füßen. Stellan, das legt sein Zustand nahe, ist irgendwo gefangen gehalten worden, konnte sich jedoch befreien. Schon bald kommt Anelie weiteren Vermisstenfällen auf die Spur. Treibt hier ein Serienmörder sein Unwesen? All das ist spannend erzählt und lebt von viel Lokalkolorit. Sprachlich kommt „Mordlichter“ aber recht schlicht daher, manche Stereotype wäre vermeidbar gewesen. Das ist angesichts des guten Plots ein bisschen schade. Doch geben wir der Autorin eine zweite Chance. Das nächste Buch ist bereits in Arbeit.

(pep)

Ein spannender Krimi vom Polarkreis, wo die Winternächte eisig sind und ein Trip in die Berge tödlich enden kann.

RÜTTEN & LOENING, 378 Seiten, 16,99 Euro

LARS LENTH

Der böse Wolf von Østerdalen

Übersetzt von Frank Zuber

LIMES, 320 Seiten, 20 Euro

Eine junge Frau wird tot, offenbar von Wölfen zerfleischt, im Wald gefunden. Die örtlichen Wolfshasser wollen eine illegale Wolfsjagd abhalten, über die der Bürgermeister des Städtchens Elverum seine schützende Hand hält, ist er doch selbst Gelegenheitswilderer. Als Vizebürgermeister hält er sich einen Nazi. Doch in Elverum leben auch die anderen: aktive Naturschützer:innen sowie der bekannteste Wolfsforscher Norwegens, der importierte Wölfe in den Wäldern aussetzt, was ebenso illegal wie deren Jagd ist. In diese Gemengelage gerät der Anwalt Leo Vangen, der einem Freund beistehen muss: Rino Gulliksen hat den Sohn der getöteten Frau im Wald gefunden und zur Polizei gebracht. Gulliksen ist aber aus guten Gründen (die sich aus zwei Vorgängerbänden ergeben) darauf angewiesen, anonym zu bleiben. Lars Lenth pflegt eine sehr eigene Art von schwarzem Humor. Er überzeichnet seine Figuren gezielt, und die komisch-lapidaren Dialoge sind gespickt mit Querverweisen auf Filme, Fernsehserien und Literatur. Spannung entwickelt sich vor allem aus der Spirale der Gewalt, zu der Jagdlust und Selbstjustiz führen. Satire und Thriller-Elemente verbinden sich zu einem sehr gelungenen Stück Unterhaltungsprosa.

(kgr)

Lars Lenth arbeitet einen von der Realität inspirierten Kriminalfall in den norwegischen Wäldern auf.

MARK BILLINGHAM

Was dich nicht umbringt

Übersetzt von Stefan Lux

ATRIUM, 447 Seiten, 22 Euro

Eben noch waren Josh und Kieron allerbeste Freunde, und ihre Mütter Maria und Cat waren allerbeste Freundinnen. Doch dann ist Josh allein und verstört aus dem Wald zurückgekehrt, in den sie beide vom Spielplatz aus gelaufen waren, und er kann nicht sagen, was mit Kieron geschehen ist. Was so harmonisch begann, bekommt nunmehr bald Risse, durch die der Blick auf gar nicht so schöne Hintergründe fällt. Und Mark Billingham hat seinem albtraumhaften Einstieg in diesen Fall noch eine traumatische Szene vorgeschaltet, die seinen Helden DS Tom Thorne nun schon über zwei Jahrzehnte hinweg durch eine der erfolgreichsten britischen Krimiserien begleitet hat. „Was dich nicht umbringt“ ist ein Prequel zu der Serie. Hier ist es der Sommer 1996, und Thorne sieht sich nicht allein durch seinen aktuellen Fall mit Abgründen menschlicher Existenz konfrontiert, sondern auch durch seinen schottischen Vorgesetzten und das Abschneiden der englischen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft. Der Roman ist ein englischer Serienkrimi im allerbesten Sinne, spannend, voller überraschender Wendungen und bemerkenswerter Charaktere, reich an Zeitund Lokalkolorit.

(ub)

Ein Versteckspiel verwandelt sich nicht nur für DS Tom Thorne in einen Albtraum, der bald weitere Opfer fordert.

ATTICA LOCKE

Black Water Rising

Übersetzt von A. Stumpf, G. Werbeck

Als Anwalt Jay Porter bei einer nächtlichen Bootsfahrt mit seiner schwangeren Frau eine Weiße aus dem Bayou fischt, ist er gleich voller Angst. Es ist 1981 in Houston, Texas. Er hat erst angefangen, sich nach seiner Vergangenheit als Aktivist des Black Power eine bürgerliche Existenz aufzubauen. Die Frau war, vielleicht, in Gefahr. Vielleicht hat sie aber auch den Schuss abgegeben, den sie gehört haben? Jay will nicht zur Polizei, obwohl später von einem Erschossenen die Rede ist. Seine Nachforschungen bleiben nicht unbemerkt. Gleichzeitig bringt ihn sein Schwiegervater in einen Gewissenskonflikt, indem er Jay auffordert, er möge sich für die Schwarzen Hafenarbeiter einsetzen, die streiken. Attica Locke stattet den Kriminalfall, der sich zu einer Verschwörung auswächst, mit ausführlichen biografischen Hintergrundinformationen aus, die gleichzeitig die Entwicklung des Kampfes um Gleichberechtigung im Süden illustrieren. Jay hält den Kopf unten, weil er um sein Leben fürchtet, wegen einer Regierung, die Gerechtigkeitskämpfer eliminiert. Das große Verdienst dieses vielschichtigen, detailreichen Debüts liegt darin, ein Lebensgefühl zu vermitteln, das den meisten von uns fremd ist und ganze Generationen in den USA geprägt hat, worauf Lockes persönliches Nachwort hinweist.

(md)

Ein außergewöhnliches, vielschichtiges Buch, von dem man kaum glauben kann, dass es sich um ein Debüt handelt.

POLAR, 450 Seiten, 24 Euro

ROMY HAUSMANN

Perfect Day

Deutsche Originalausgabe

Der Song von Lou Reed „Perfect Day“ ist die Leitmelodie im Leben von Ann, die nach dem Tod ihrer Mutter bei ihrem Vater wohnt. Er ist Professor für Philosophie, ein Mann, den Ann vergöttert. Aber dann wird er verhaftet und des Mordes an mehreren jungen Mädchen bezichtigt. Ann setzt alles daran, die Unschuld des Mannes zu beweisen, den sie seit Jahren als treusorgenden Vater erlebt hat. Wer aber könnte wirklich hinter der Mordserie stecken, die seit dem Beginn dieses Jahrhunderts bereits mehr als zehn Todesopfer gefordert hat? Romy Hausmanns Stärke ist der Blick hinter die Schutzmauern, die jeder um die eigene Psyche hochzieht. Dabei demonstriert sie immer neu ihre These, dass die meisten Menschen „zwei Seelen in ihrer Brust haben“, und Gefühle und Erwartungen oft nicht zusammen gehen. Der Grat zwischen Gut und Böse ist oft kaum mehr erkennbar. Vor allem aber schildert die 1981 im thüringischen Arnstadt geborene Autorin in ihrem dritten Roman eine sehr intensive Vater-Tochter-Beziehung. Auch in ihren beiden früheren Büchern ging es immer um familiäre Bindungen und damit verknüpfte dramatische Fehlentwicklungen. Das große Thema ist die Frage nach dem möglichen Verständnis, ohne die seelischen Abgründe menschlichen Handelns zu entschuldigen.

(mvs)

Die Darstellung des „Schleifenmörders“ belegt den raffinierten Umgang der Autorin mit grenzüberschreitenden Themen.

DTV, 416 Seiten, 16,95 Euro

MAX KORN

Talberg

Deutsche Originalausgabe

Talberg ist ein wirklich finsterer Ort. Hier hausen hartherzige Gestalten, Aberglauben wurzelt in den Gemütern der Einheimischen wie die Bäume an den Klippen des Veichthiasl. Das Konzept der Reihe eines Bestsellerautors, der hier anonym bleibt, sieht drei Romane zu unterschiedlichen Zeiten in diesem, von der Sonne vergessenen Dorf vor. In diesem ersten stürzt der Dorflehrer von dem Holzturm, den Schüler für ihn errichten mussten, ein junger zurückgebliebener Mann wird aufgeknüpft und mögliche Zeugen beseitigt. Die Moderne hat 1935 Talberg noch nicht erreicht. Major Karl Leiner knattert auf einem der wenigen Motorräder, die ins Dorf kommen, zu den Ermittlungen herbei. Schnell ist er entzückt von der jungen Witwe Elisabeth. Die allerdings hat eigene Anliegen. Der Roman klingt verdächtig nach einer gängigen Praxis im Buchmarkt: Konzept, Idee, Textprobe. Alles gut. Der Verlag plant das Marketing. Nach einem sprachlich fulminanten Beginn mit zeitgenössischem Lokalkolorit und Idiomen sackt die Plausibilität der Geschichte leider ähnlich abrupt ab, wie der Lehrer vom Turm stürzte. Hier wird kaum ein Klischee ausgelassen von der hölzern geschilderten gegenseitigen Anziehungskraft über verwirrten Liebeswahn, angeblich mörderische Geduld bis hin zu einer vermeintlichen Ehrenrettung.

(md)

Ein höhnischer Dorf-Mob, eine widerspenstige Schöne und ein sanfter Major – mehr Klischee geht kaum.

HEYNE, 400 Seiten, 15 Euro

COLIN NIEL

Unter Raubtieren

Übersetzt von Anne Thomas

Schon längst ist der Nationalparkranger Martin überzeugt, dass er mehr tun muss, als in den Pyrenäen die schwindende Bärenpopulation zu überwachen. Also hat er sich einer Facebook-Gruppe angeschlossen, die die Identitäten von Großwildjägern aufdeckt und anprangert. Eines Tages stolpert er über ein Foto, das eine junge blonde Frau vor einem toten Löwen zeigt. Martin beschließt, diese Frau aufzuspüren. Parallel zu dieser Handlung in der Gegenwart erzählt Colin Niels grandioser und innovativer Thriller „Unter Raubtieren“ von den Ereignissen, die zu dem Tod des Löwen in Namibia geführt haben. Von Apolline, der Jägerin, die aus Frankreich mit ihrem Hightech-Bogen anreist, um ihn zu töten. Von dem Himba Komuti, dessen Vater seine Ziegenherde an den Löwen verloren hat und der sich um seinen Handyempfang sorgt. Und auch der Löwe hat eine eigene Perspektive in diesem kunstvoll arrangierten Roman. Es entwickeln sich verschiedene Verfolgungsjagden in diesem Buch, nicht nur zwischen Mensch und Tier, sondern auch zwischen Mensch und Mensch. Vor allem aber gelingt es Niel, selbst Evolutionsbiologe und Ökologe, die Komplexität der Themen Naturschutz, Jagd, Kolonialismus und Umweltschäden aufzuzeigen – und noch dazu mit einem Ende aufzuwarten, das gänzlich überraschend ist. (sh)

Ein großer und innovativer Roman noir, der nicht nur gesellschaftliche Relevanz behauptet, sondern hat.

LENOS, 404 Seiten, 24 Euro

MARIANNE CEDERVALL

Schwedische Familienbande

Übersetzt von Ulrike Brauns

DUMONT, 460 Seiten, 20 Euro

Weiße Adventszeit im Dörfchen Klockarvik in der schwedischen Provinz Dalarna, doch mit der friedlichen Stimmung ist es vorbei, als der neue Pfarrer auf dem Friedhof die Leiche des Hotelbesitzers Hansson findet. Weil sich das geldgierige Mordopfer viele Feinde gemacht hat, tun sich viele Motive auf. Pfarrer Samuel Williams, unlängst geschieden und in das beschauliche Dorf versetzt, vereint den direkten Draht zu seinem göttlichen Boss mit gutem Aussehen und erheblicher Neugierde. Als Neuankömmling erkundet er die Machtverhältnisse und Zwistigkeiten zwischen den Dorfbewohnern, sehr zum Ärger der Polizistin Maja Sofia Rantatalo. Als sich beide erwartungsgemäß näherkommen, ist der Weg zur Lösung des Falls nicht mehr weit, doch bis dahin müssen sich die Leser durch einen zähen Parcours dörflicher Unerheblichkeiten und klischeebeladener Beobachtungen quälen. Die Autorin kennt sich in Dalarna zwar ebenso gut aus wie in Gotland, dem Schauplatz ihrer früheren Cosy-Krimireihe, doch ihr Personal, allen voran der unkonventionelle Pfarrer-Detektiv, bleibt schematisch. Zwischen Flapsigkeit und Banalität findet sie den Ton für die familiären Verwicklungen in diesem ersten Fall nicht.

(lk)

Pfarrer Brown und Miss Marple lassen grüßen, aber nur von Weitem: Vorweihnachtsverwicklungen im Dorf.

AIMEE MOLLOY

Das Therapiezimmer

Übersetzt von Katharina Naumann

ROWOHLT, 336 Seiten, 14 Euro

Der Umzug von New York in die Kleinstadt Chestnut Hill ist für das frisch getraute Paar Annie und Sam eine Umstellung. Zwar werden sie (fast zu) herzlich aufgenommen und wohnen in einem eleganten Haus, aber die demente Mutter, wegen der Sam in seinen Geburtsort zurückkehrte, driftet in eine Parallelwelt und das viele Geld, das er erwartet und schon mit vollen Händen ausgibt, womöglich gleich mit. Als sich herausstellt, dass durch einen Lüftungsgang in Sams Therapie-Praxis in den darüber liegenden Wohnräumen alle Gespräche mit Klienten mitgehört werden können, nimmt das Leben des Paares eine Wendung. Aimee Molloys Figuren teilen im Plauderton den Leser:innen ihre Geheimnisse mit – auch die Lügen, die sie ihren Mitmenschen auftischen. Zunächst erweckt dies den Anschein, der Handlung immer einen Schritt voraus zu sein, aber der Wissensvorsprung verpufft mit einer verblüffenden Wendung. Die übliche unzuverlässige Erzählerin wird in der Erwartungshaltung mehrfach gebrochen und neu aufgebaut. Das ist beeindruckend und lässt auf die nächste Volte warten, auch wenn die Geschichte letztlich, mit ihren Anspielungen auf bekannte Romanthemen, ein wenig überzogen wirkt.

(md)

Schneller Schmöker mit bekannten Motiven, neu interpretiert und wendungsreich.

RALPH KNOBELSDORF

Des Kummers Nacht

Deutsche Originalausgabe

Wir schreiben das Jahr 1855 und der junge Jurist Wilhelm von der Heyden will eigentlich nur bei der preußischen Polizei hospitieren, um Einblicke in deren praktische Arbeit zu bekommen. Allerdings wird er sofort in einen politisch brisanten Fall verwickelt und beeindruckt sowohl seinen altgedienten Vorgesetzten als auch den Polizeichef mit seinem Scharfsinn und seiner Auffassungsgabe. In Folge wird er zu einer zentralen Figur der Ermittlungen. Leider konnte der Autor sich nicht so ganz entscheiden, ob er einen Krimi mit historischem Hintergrund oder ein Sachbuch über die politische Lage Mitte des 19. Jahrhunderts und die Entwicklung der Polizei schreiben will. Sowohl der Einstieg als auch einige Passagen im weiteren Fortgang der Handlung sind leidlich langatmig, mehr Tempo und eine gewisse Entschlackung des Textes hätten diesem gutgetan. Dass man als Leser trotzdem am Ball bleibt, ist der durchaus spannenden Entwicklung der Protagonisten und der trotz allem interessanten Story geschuldet. Von der Heyden wandelt sich mehr und mehr vom neutralen Beobachter zum Vollblutpolizisten und beeindruckt mit seiner unkonventionellen Denkweise. Da hier eine Reihe mit dem Ermittler von der Heyden entstehen soll, bleibt abzuwarten, ob die Handlung in den Folgebänden schneller Fahrt aufnimmt.

(ct)

Spannende Story, gute Charaktere, viele historische Informationen, aber unübersehbare Längen im Text.

LÜBBE, 622 Seiten, 16,90 Euro