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BÜHNE: Sohn der Nacht


Siegessäule - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 27.12.2019

Gleich zwei Uraufführungen des Komponisten Marko Nikodijevic kann man im Januar in Berlin erleben. In seiner atmosphärischen Musik überrascht er mit vielfältigen, teils ungeahnten Bezügen


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FOTO: ALEKSANDAR STANOJEVIC

Foto: Der Komponist Marko Nikodijevic ist dieses Jahr Artist in Residence beim RSB

SIEGESSÄULE präsentiert Da ispravitsja/ gebetsraum mit nachtwache, 17.01., 20:00, Konzerthaus konzerthaus.de

abgesang, 19.01., 17:00, Akademie der Künste, Halle 2 (im Rahmen des Festivals Ultraschall Berlin) ultraschallberlin.de

Mehr Infos über die Residenz von Marko Nikodijevic beim RSB: rsb-online.de ...

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Seine Orchesterstücke heißen „GHB/tanzaggregat“ oder „gesualdo dub/raum mit gelöschter figur“, ein Album hat den Titel „dark/rooms“. Klare Sache, die Musik von Marko Nikodijevic ist von Clubkultur geprägt. Jedoch nicht als oberflächlicher Fusion-Schrott à la Symphonic Techno. Marko schürft tiefer. Wie ein Mikrobiologe untersucht er musikalische Impulse, analysiert sie, transformiert sie und kreiert daraus Startpunkte seiner eigenen Musik. Das Ergebnis: bohrende Unmittelbarkeit, gebündelte Energieschübe, verdichtete rhythmische Schichtungen, atmosphärischer Sog, gleißende Klangfelder. Der Mann hat Gespür für packende musikalische Dramaturgien. Seine Partituren sind strukturell bis in kleinste Einheiten ausgefeilt. Kein Wunder, er hat in Belgrad nicht nur Komposition studiert, sondern auch Kurse in Mathematik und Physik belegt. Seine suggestiven Tongebilde sind Resultate intensiver Auseinandersetzung mit Fraktalen, Chaostheorie und Algorithmen. Und doch wirkt seine Musik frisch, spontan, sinnlich.
Während seiner Jugend in Serbien tanzte Marko die Nächte durch: „Der berühmteste Belgrader Club war um die Jahrtausendwende das Industrija: Man muss sich das vorstellen wie einen Film von Emir Kusturica in Techno, so zwischen Apokalypse und Samba-Karneval.“ Foto: Der Komponist Marko Nikodijevic ist dieses Jahr Artist in Residence beim RSB Gleichzeitig haben ihn die Aufnahmen aus der experimentellen Berliner Techno-Szene der 90er geprägt. Diese Faszination für Electronica ist noch immer da, auch wenn er nun statt Auszugehen die Nacht mit Arbeit an seinen Kompositionen verbringt. Seine Werke sind Spiegelkabinette mit Querverweisen und Bezügen: mongolische Folklore, orthodoxe Kirchenlieder, Balkanklänge und Fundstücke aus der Musikgeschichte. Hier fesseln Marko vor allem zwei Extremindividualisten: der italienische Fürst Carlo Gesualdo, der um 1600 komponierte, berüchtigt, weil er seine Frau und ihren Liebhaber hinrichtete. Und der schwule kanadische Avantgardist Claude Vivier, der 1983 in Paris von jemandem aus der Stricherszene erstochen wurde. Doch nicht die spektakulären Biografien interessieren Marko, sondern ihre Werke, die für ihn „zeitlos exterritorial“ sind: Gesualdo, der in seinen Madrigalen eine wild-dornige Harmonik aufblitzen lässt, und Vivier, der die mystische Patina katholischer Sakralmusik, Nachklänge seiner Asienreisen und eine Prise Camp verschmilzt. Woher diese Lust auf vielfältige Bezüge? Musik ist für Marko genauso ein Hypertext wie Literatur für die postmoderne Narrationstheorie. Auch ein Komponist fängt ja nie bei null an. Das, was er hört, wirkt intuitiv als Resonanz in seinem kreativen Schaffen weiter.
Seine Musik wird von Wien bis Berlin, von Paris bis New York aufgeführt. Hier ist er im Januar mit zwei Uraufführungen vertreten, als Composer in Residence beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin: im Konzerthaus mit einem Stück, das von orthodoxer Kirchenmusik beeinflusst ist, und beim Festival „Ultraschall Berlin“ mit einem ausgreifenden Orchesterlied auf den Text des Schriftstellers Mátyás Molcer. Dieser war Markos prägender Klavierlehrer in der Jugend und führte ihn an Iannis Xenakis, grafische Notation und Zwölftontechnik heran. Berlin mag Marko gern, es erinnert ihn an Belgrad: „Der Beton, die Spuren des Kommunismus, die Feierwut, die Desorganisation, die Rotzigkeit der Leute.“ Trotzdem lebt er seit 2003 in Stuttgart. Die nächtliche Ruhe dort braucht er fürs Komponieren.
Eckhard Weber

Bretterwald

FOTO: MARC GINOT

Schon der Anfang dieser Oper: harmonisch verschobene, dissonant parfümierte Schlenker bei den Streichern, gleißendes Geklingel, darüber ein Chor mit hohen Stimmen. Magisch, hypnotisch, sinnlich. Oder die Einsätze von Elfenkönig Oberon: ein Countertenor, luftig, elektrisierend, das Ohr denkt an Helden aus Barockopern, dazu verlockend moderne Orchestermusik. Wenn Oberon seinen gewitzten Gehilfen Puck mit „Welcome Wanderer“ begrüßt, mischen sich glitzernde balinesische Gamelanklänge zum Gesang. Musik wie Platinstaub. So dürften Einhörner klingen. Bei der Uraufführung 1960, als Countertenöre noch eine ganz seltene Spezies waren, muss das extraterrestrisch gewirkt haben. Klare Sache, der Ort, von dem solch eine Musik kommt, muss ein besonderer sein. Eine „Heterotopie“, hätte der schwule Philosoph Michel Foucault dazu gesagt: ein Raum, weit weg von den Normen des Alltags, von der Mehrheitsgesellschaft. In der Oper ein Platz, wo freiere Formen der Liebe möglich sind als im Stadtstaat Athen. Von dort sind vier Liebende in den Zauberwald geflohen. Hier wird Puck ihnen Zaubersaft in die Augen träufeln, sodass sie sich spontan, unabhängig von Konventionen, in das Wesen verlieben, das sie gerade erblicken.

Exklusiv für SIEGESSÄULELeser* innen: Probenbesuch und anschließender Talk mit Regisseur Ted Huffman, 18.01., 11:00 Anmeldung unter oper@siegessaeule.de

Ted Huffmans Inszenierung von „A Midsummer Night’s Dream“ kommt nach Berlin. Nicht nur SIEGESSÄULE- Autor Eckhard Weber findet darin queeren Glitzerstaub

SIEGESSÄULE präsentiert A Midsummer Night’s Dream, 26.01., 18:00 (Premiere), 29.01., 19:30, Deutsche Oper Berlin deutscheoperberlin.de

Komponist Benjamin Britten und sein Lebenspartner, der Tenor Peter Pears, der am Libretto beteiligt war, haben im Gegensatz zur Vorlage den Fokus stärker auf die Elfenwelt gesetzt. Ein Perspektivwechsel: Nicht in der Gesellschaft der Menschen, wie bei Shakespeare, sondern mit der Zauberwelt beginnt die Oper. Die Elfen haben auch das letzte Wort. Die Uraufführung fand in der Kleinstadt Aldeburgh an der Kanalküste in Suffolk statt. Hier schufen sich Britten und Pears in einem alten Backsteinhaus ihr Nest, riefen im Ort ein Musikfestival ins Leben, das bis heute jährlich stattfindet. Ein eigener Zauberwald – in der Heide am Meer.
Regisseur Ted Huffman, der „A Midsummer Night’s Dream“ neu an der Deutschen Oper inszeniert, ist davon überzeugt, dass Britten und Pears mit der Elfenwelt der Oper metaphorisch ihre ideale queere Gegenwelt schaffen wollten. Wo eine freiere Liebe möglich war als in Großbritannien um 1960. Die chemische Kastration des schwulen Mathematikers Alan Turing (derjenige, der den Enigma-Code der Nazis einst knackte) und dessen Suizid 1954 haben Britten nachhaltig verstört – und vorsichtig gemacht.
Deshalb möchte Regisseur Ted Huffman der poetisch verklausulierten Vision in der Oper nachspüren. Die Elfenwelt ist hier ein Feld für Erkundungen über Sex, Liebe und Identität. Nicht als greller Gay Pride, sondern in den geheimnisvollen Nebeln des Waldes. Denn, so der Regisseur, was in dieser Musik ebenfalls anklinge, sei ein durchgehender melancholischer Unterton. Schließlich müssen die menschlichen Gäste das Elfenreich am Ende verlassen und wieder ihre starren Rollen in ihrer Gesellschaft einnehmen. Ein schwuler Regisseur wie Ted Huffman dürfte den Blick dafür haben, uns die subtilen Andeutungen in „A Midsummer Night’s Dream“ aufzuschlüsseln – und ihr zeitlos utopisches Potenzial.