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Bündner Alpenrhein – Teil 1: 40 Jahre im Wandel


Petri-Heil - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 28.01.2019

All jenen, die den Bündner Alpenrhein seit Jahrzehnten beobachten und kennen, muss es angesichts der Veränderungen kalt den Rücken hinunterlaufen. Der Wandel vom ausgesprochen fischreichen Wasser mit fetter Nahrungsgrundlage zum schwer beeinträchtigten Abflusskanal der Wasserkraftwerke ist erschütternd.


Artikelbild für den Artikel "Bündner Alpenrhein – Teil 1: 40 Jahre im Wandel" aus der Ausgabe 2/2019 von Petri-Heil. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Petri-Heil, Ausgabe 2/2019

Vermeintliche Winteridylle: Unter dem Wasserspiegel ist der Alpenrhein weit entfernt vom ursprünglichen Zustand.


Schon früh in den 1980er-Jahren setzte der Rückgang der Biomasse ein. Dies anfänglich als Folge des Phosphorverbots in Waschmitteln und der Phosphatfällung im Abwasser der Kläranlagen. Die ...

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... Eutrophierung vor allem in den Seen des Mittellands war damals verheerend. An vorderster Front machten Fischereiorganisationen darauf aufmerksam und verlangten mehr Gewässerschutz. Was gut begann, hatte aber an manchen alpinen Flüssen und Bächen mit kühlem, sauerstoffreichem Wasser auch eine Kehrseite. Die Konzentration des Phosphats, dieses für die Nahrungskette elementar wichtigen Nährstoffs, fiel dort zusammen, der Fischbestand ebenso. Gute Beispiele sind der Schamser Rhein und die Moesa. Beide Flüsse befinden sich unterhalb grosser Stauseen mit exorbitanter Nutzung. Jeweils nach dem Bau moderner Kläranlagen ging der Fisch- und Nährtierbestand dramatisch zurück. Seltene Insektenarten wie etwa die Steinfliege sind seither kaum noch nachweisbar. Die Elimination menschlicher Einflüsse wäre an sich eine gute Sache, wären da nicht die unzähligen Wasserkraftwerke, welche beinahe allen Seitengewässern verhindern, dass sie als übliche Nährstofflieferanten zur Verfügung stehen. Praktisch das gesamte abfliessende Wasser führt über Druckstollen und wird oft schon weit oben in der alpinen Region vom natürlichen System abgetrennt. Nur intakte Fliess gewässer versorgen den Hauptfluss mit den lebenswichtigen Nährstoffen. Natürliche Nährstoffquellen bestehen aus Auswaschungen von phosphorhaltigem Gestein und organischen Bestandteilen. Bleiben diese aus, reduziert sich die Biomasse auf naturwidrige Werte. Trotzdem könnte sich, wenn auch nur auf tiefem Niveau, eine kleine, aber stabile Nahrungskette entwickeln. Dies wird jedoch durch den enormen Einfluss der Wasserkraftnutzung verunmöglicht.

Rares Fischfutter: Die Dichte an Insektenlarven ist stark zurückgegangen.


Die grossen Pegelunterschiede verhindern das Wachstum der für die Makrozoobenthos wichtigen Algen.


Sunk und Schwall bei Donat/Ems: Bei solch extremen Schwankungen hat das Leben im Flussbett kaum eine Chance.


Der Alpenrhein ist indessen dank seiner Tallage nicht gänzlich nährstofffrei. Wie es sein könnte, zeigt eine isolierte Stelle an einem geschützten Hinterwasser. An einer der raren, vor übermässiger Erosion, Austrocknung und Verschlammung geschützten Stelle, wächst ein spärlicher Bestand an Algen und Makrozoobenthos. Würde der Sunk und Schwall aufgehoben, würde sich in kürzester Zeit im gesamten Rhein wieder Leben einstellen.

Sunk und Schwall – verantwortlich für den kapitalen Schaden

Ausbleibende Nährstoffe mangels intakter Seitenbäche sind das eine. Weit schlimmere Auswirkungen hat die Sunk- und Schwallpraxis der Wasserkraftwerke. Der dauernde Wechsel zwischen tiefem Wasserpegel ohne Stromproduktion und hohem Pegel während der Strom-produktion ist für alle Lebewesen und dem gesamten Ökosystem tödlich. In Graubünden wird hauptsächlich Spitzenstrom erzeugt, welcher mehrere Male pro Tag zu tsunamiartiger Pegelveränderung führt. Insbesondere flache Wasserabschnitte, etwa in ausgeweiteten Flussabschnitten, fallen grossflächig trocken oder werden in atemberaubender Geschwindigkeit geflutet. Jene Lebewesen, die in einem knapp erträglichen, schmalen Saum entlang des Ufers überleben könnten, werden in regelmässigen Abständen von Schlammmassen aus irgendwelchen Stauraumspülungen erstickt.

Einst ein Fischerparadies mag der winterliche Alpenrhein heute nur noch optisch zu überzeugen.


Die Alpensteelhead-Population ist der letzte verbliebene Hoffnungsschimmer der Bündner Rheinfischer.


Die Entwicklung des Fischbestands seit 1976

0Insbesondere um das Jahr 1995 wurde es verheerend. Statt wie bisher den einheimischen Bedarf an Strom «sanft» zu gewinnen, was ein langsames Steigen und Sinken des Wasserpegels bewirkte, wurde fortschreitend intensiver für den internationalen Strommarkt produziert. Es entstanden chaotische Zustände. Niemand kümmerte es, dass Fischarten ausstarben und weitere an den Rand der Ausrottung gebracht wurden. Der Rhein war an einem Punkt angelangt, an dem er als Lebensraum für Wassertiere kaum noch taugte. Das Vorkommen an Insektenlarven auf Kiesbänken reduzierte sich auf kaum noch nachweisbare Restbestände von weniger empfindlichen Arten. Die Bachforelle war nur noch in tiefen Rinnen und wild verlegten Wuhrverbauungen zu finden. Ein Klacks im Vergleich zur heutigen Situation, doch auch damals war es schon eindrücklich, wie das Sterben am Wasser fortschritt. Die letzten richtig guten Fänge an Bachforellen gelangen gegen Ende der 1990er-Jahre. In den folgenden Jahren ging der Bestand der stationären Variante der Bachforellen weiter dramatisch zurück.
Heute wird die Fischerei durch die Regenbogenforelle, die sich in kleinem Umfang natürlich fortpflanzt, einigermassen am Leben erhalten. Dank der Regenbogenforelle kann das Fischen so spektakulär sein wie seit vielen Jahrzehnten nicht mehr. Dem versierten Fischer mit einer gehörigen Portion Know-how und Ausdauer präsentiert sich der Bündner Alpenrhein als hochinteressantes Gewässer mit vereinzelt kapitalen Fischen. Bei einer Pirsch am «alten Freund Rhein» sollte der Fokus aber nie ausschliesslich auf den Fang gerichtet sein. Der Gewässerschutzgedanke und immer offene Augen gehören dazu.

Statt als Lebensraum zu dienen, vertrocknen die Algen, da im Sommer das Wasser zurückgehalten wird.


Der zweite Teil dieses Artikels erscheint in der März-Ausgabe