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BUNDESLIGA: Achtmalging im Videokeller das rote Licht an


Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 27.02.2019

SPORT BILD durfte beim Spiel zwischen Hannover und Frankfurt den Video-Schiris über die Schulter gucken und sogar den kompletten Funkverkehr mithören


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Hannovers Felipe (l.) kommt gegen Frankfurts Kostic zu spät, trifft ihn mit dem linken Fuß am Oberschenkel. Ein rotwürdiges Foul?


Video-Schiri Martin Petersen (r.) checkt mit seinem Assistenten Thorben Siewer die Szene, nimmt Funkkontakt zu Schiri Fritz im Stadion auf


ROTLICHT: Sobald der Funkkanal vom Kölner Keller zum Schiri im Stadion offen ist, geht die Lampe an


FOTOS: Moritz Müller/Sport Bild (3), Imago, Witters

Plötzlich ist im Kopfhörer der Teufel los. ...

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... Mit überdeutlichen Worten weist Bundesliga-Schiedsrichter Marco Fritz (41) alle Spieler-Proteste gegen seine Entscheidung zurück. Was ist passiert? Hannovers Felipe (31) ist zu spät gegen Filip Kostic (26) gekommen, hat den Frankfurter mit den Stollen am Oberschenkel getroffen (60. Minute). Auf den ersten Blick ein übles Foul, trotzdem zückt Fritz nur die Gelbe Karte. Sekunden später leuchtet im Video-Assist-Center (VAC), im Volksmund nur „Kölner Keller“ genannt, die rote Lampe an der Arbeitsstation von Video-Schiri Martin Petersen (33) und seinem As sistenten Thorben Siewer (31) auf – das optische Signal, dass der Funkkanal zu Fritz offen ist. Hat der Schiri einen Feh ler gemacht, hätte er Felipe Rot statt Gelb wegen gro ben Foulspiels zeigen müssen? „Wir bestäti gen: Nummer 5 Gelb“, gibt Petersen nach der Überprüfung der Zeitlupe Entwar nung. Es habe sich mehr um ein Streifen als ei nen Tritt gehandelt, erläutert DFB-Projektleiter Jochen Drees (48) später.

Petersen bestätigt die Entscheidung von Fritz, der Felipe nur Gelb gezeigt hat, da es sich eher um ein Streifen als ein Treten gehandelt haben soll


Auf dieser Karte notieren die Video-Schiris Vergehen der Spieler, Auswechslungen etc. Rechts der Knopf, mit dem Spielsituationen markiert werden, um sie bei einer Video-Überprüfung sofort zu finden


Achtmal geht an diesem Sonntag das Rotlicht im Keller an, SPORT BILD darf den Video-Schiris bei ihrer Arbeit über die Schulter gucken, den kompletten Funkverkehr zwischen Fritz, seinen beiden Linienrichtern und dem 4. Offiziellen im Stadion sowie den beiden Video-Schiris und ihren zwei Operatoren (Technikern) per Kopfhörer mithören. Und schnell wird angesichts der Flut an akustischen und optischen Informationen klar: Video-Assistent ist ein knallharter Job, der höchste Konzentrationsfähigkeit, Reaktionsschnelligkeit, Auffassungsgabe und Belastbarkeit sowie akribische Vorbereitung auf Mannschaften und Taktiken erfordert! Punkt 15 Uhr geht die Tür zum angrenzenden Besprechungszimmer auf, Petersen und Siewer marschieren im blauschwarzen Schiri-Dress, den auch Fritz trägt – so soll verdeutlicht werden, dass sie Teil des Schiri-Teams im Stadion sind – schnurstracks zu ihrer Arbeitsstation.

Mit ihren beiden Operatoren des Kontrollsystems Hawk-Eye, die schwarze Polo-Shirts mit dem Aufdruck „Video Assist“ tragen, führen die beiden Video-Schiris einen Technik-Check durch, die Aufgabenverteilung wird noch mal durchgegangen. Drei große Bildschirme sind an jeder der sechs Stationen montiert: Einer zeigt das Spiel aus der Perspektive der Führungskamera, auf dem zweiten läuft die Sky-Übertragung. Der dritte Monitor ist ein Splitscreen mit vier weiteren Kamera-Einstellungen zur Überprüfung einer strittigen Szene. Aus bis zu 21 Kamera-Perspektiven wählen die Operatoren schnellstmöglich die besten Bilder für eine Entscheidungsfindung aus und spielen sie auf dem Splitscreen ein.

Video-Assistent Thorben Siewer (h.), Video-Schiri Martin Petersen und die Operatoren von Hawk-Eye an der Arbeitsstation


Im riesigen Cologne Broadcasting Center in Köln-Deutz ist der Video-Kontrollraum der DFL untergebracht. Hier residiert auch die RTL-Gruppe


Ab in den Keller! Der Aufzug bringt die Schiris ins Video-Assist-Center (VAC)


Immer auf dem grauen Teppich bleiben! Der führt durch ein Gänge-Labyrinth bis in den Video-Kontrollraum


FOTOS: Moritz Müller/SportBild (5)

Kurz vor dem Anpfiff nimmt Petersen Funkkontakt zu Fritz auf: „Marco, wir wünschen euch viel Erfolg!“ Potenzielle Pappenheimer hat Petersen nach wenigen Minuten identifiziert. „Der Torwart kommt weit raus, daraus kann etwas Gefährliches entstehen“, weist er Siewer auf 96-Keeper Michael Esser (31) hin. Der ist ohne Not aus dem Strafraum Frankfurts Sébastien Haller (24) entgegengestürmt, Marvin Bakalorz (29) muss retten. Was Petersen meint: Essers ungestüme Ausflüge bergen Foulspiel-Gefahr.

Und noch eine andere Spielsituation sensibilisiert Petersen: „Das Pärchen 4 und 6 vor dem Torwart.“ Tatsäch lich positionieren sich Frank furts Ante Rebic (4) und Ba kalorz (6) bei jeder Eintracht-Ecke dicht vor Esser. Auch hier herrscht erhöhte Foul-Gefahr, Petersen und Siewer teilen sich daher die Auf gabe: Der eine konzentriert sich beim Eckball auf das Geschehen im Fünfmeterraum, der andere auf die Spielertraube im Sechzehner.

Das Spiel geht hin und her, immer wieder führen die Video-Schiris offline Abseitsund Foul-Checks durch für den Fall, dass am Ende ein Tor fällt, das aberkannt werden könnte. Dazu haben sie einen Knopf vor sich, mit dem sie eine strittige Szene elektronisch markieren können, um sie bei einer Überprüfung sofort zu finden.

Wegen eines möglichen Fouls im Laufduell von Frankfurts Sebastian Rode und Pirmin Schwegler (15.) funkt Fritz Köln an: „Martin, für mich war das nichts, gar nichts.“ Petersen hat die Strafraum-Szene schon kontrolliert, bestätigt: „Nein, nein, alles gut. Das reicht nicht.“ Eine Viertelstunde später erkennt Fritz zwar ein Handspiel bei einer Grätsche des Frankfurters Almamy Touré im Sechzehner, „aber nicht strafbar“. Petersen funkt zurück: „Genau richtig, Marco. Weiter geht’s.“ Auch ein Halten von Martin Hinteregger (Eintracht) ist weder für Fritz noch für die Video-Schiris strafstoßwürdig.


In der Hinrunde verhinderte der Video-Schiedsrichter 40 Fehlentscheidungen


Es folgt die umstrittenste Szene des Spiels: Felipe grätscht in direkter Strafraum-Nähe gegen Sébastien Haller (32.), der geht, offenbar am Fuß getroffen, zu Boden. Fritz lässt jedoch weiterspielen: „Ball!“ Sein Linienrichter Marcel Pelgrim meldet sich per Funk: „Wenn, dann auch außerhalb.“ So sieht es auch Petersen nach einem Rot-Check wegen Notbremse: „Okay, außerhalb. Da können wir nichts machen.“

Nur bei einem nicht mit Elfmeter geahndeten Foul im Strafraum hätte Petersen eingreifen und Fritz den Hinweis geben dürfen, sich die Szene in der Review Area am Spielfeldrand selbst anzusehen. So aber hätte Fritz Felipe allenfalls die Gelbe Karte zeigen können – doch die fällt nicht in die Zuständigkeit der Video-Schiris.

Bis auf diese Szene macht Fritz einen guten Job mit dem richtigen Mix aus Autorität, Schlagfertigkeit und Charme, der bei den Spielern gut ankommt: „Mach doch nicht so einen Zirkus!“ – „Das war ein normales Foul, ich habe alles unter Kontrolle, oder?“ – „Willkommen in der Bundes liga, junger Mann!“ – „Das war nix, du kannst dich beruhigen!“ – „Rede normal mit mir oder lass es ganz!“ – „Hasebe, ich brauche dich hier nicht!“ Und zur unwilligen Frankfurter Freistosmauer, fur die Fritz mit Schaum die Abstandslinie zum Ball zieht, die nicht ernst gemeinte Aufforderung: „9,15 Meter – willst du sie selbst abschreiten?“

Video-Schiri Martin Petersen nach dem Spiel im Gespräch mit Reporter Berries Boßmann (r.)


Fur einen Lacher sorgt Fritz sogar im Videokeller, nachdem 96-Sturmer Hendrik Weydandt (23) kurz vor der Pause mit Makoto Hasebe (35) zusammengeprallt ist und liegen bleibt: Einem mitfuhlenden „Brauchst du was?“ folgt eine klare Absage an eine Freistos-Forderung: „Das war ein Unfall! Ich hab wirklich nichts gegen dich, Groser!“

In der 54. Minute flammt das Rotlicht wieder auf: 1:0 fur Frankfurt durch Rebic. Jedes Tor wird grundsatzlich vom Video-Schiri uberpruft, so schreibt es das IFAB-Protokoll der Regelhuter vor. „Die Foulszene reicht nicht fur Foul aus, und danach ist es auch kein Abseits. Also ist das Tor korrekt“, vermeldet Petersen, nachdem ein Zweikampf zwischen Kevin Wimmer (26) und Danny da Costa (25) und eine mogliche Abseitsstellung uberpruft worden sind. „Prima“, funkt Fritz zuruck. Weniger Arbeit machen das 2:0 durch Luka Jovic („Tor bestatigt, Marco!“) und das 3:0 durch Kostic („Marco, Tor korrekt!“).


Die Nettospielzeit erhöht sich mit Videobeweis von 55:42 auf 57:25 Minuten


Nach dem Abpfiff klatscht sich das Keller-Quartett zufrieden ab. Rainer Werthmann aus der Schiri-Kommission, der als stiller Beobachter im grauen Kapuzenpulli an einem Extra-Monitor in der Raum-Mitte das Geschehen verfolgt hat, um den Video-Schiris im Anschluss ein Feedback zu geben, kann es heute kurz machen: „Gut gemacht!“

IFAB ENTSCHEIDET ÜBER NEUE REGELN

VonBerries Boßmann

Die acht Regelhuter des International Football Association Board (IFAB) entscheiden auf ihrer Generalversammlung diesen Samstag in Aberdeen (Schottland) uber mogliche Reformen. Die Hoffnung von Millionen Fans, aber auch von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern: endlich mehr Klarheit beim Thema Handspiel. Auch in der Bundesliga werden wochentlich nahezu identische Hand-Szenen unterschiedlich bewertet.

IFAB-Geschaftsfuhrer Lukas Brud (39) erklart: Das unabsichtliche Handspiel soll prazisiert werden. Er sagt: „Die Grauzone beim Handspiel ist gros. Wir versuchen, sie zu verkleinern.“

Die Vorschlage an das Board: Die „unnaturliche Armbewegung“ soll ins Regelwerk aufgenommen werden. Ein Handspiel ware demnach immer strafbar, wenn sich die Arme uber Schulterhohe, etwa beim Kopfball, befinden.

Weiterer Vorschlag: Unabsichtliches Handspiel konnte teilweise strafbar werden. Bedeutet laut Brud: Es stehe nicht mehr der Tatbestand an sich im Vordergrund, sondern dessen Folgen. Im Klartext: Jedes unabsichtliche Handspiel, das zu einer Torerzielung oder -vorbereitung fuhrt, ist kunftig strafbar!

Weitere Regeländerungen, die in Aberdeen diskutiert werden und kommen sollen:

* Gelbe und Rote Karte auch fur Teamoffizielle (Trainer, Manager etc. am Spielfeldrand).

* Schnellere Auswechslungen gegen Zeitspiel. Heist: Spieler verlassen am nachstgelegenen Punkt der Seitenlinie den Platz, nicht mehr auf Hohe der Mittellinie.

* Der Torwart muss beim Elfmeter nur noch mit einem Fus auf/ uber der Torlinie bleiben statt wie bislang mit beiden. Damit reagiert das IFAB zum einen auf eine Befragung der Torhuter, die das als Wunsch geausert haben, um mehr Bewegungs-Spielraum und damit bessere Chancen zu haben. Zum anderen soll die Arbeit des Video-Assistenten erleichtert werden, der nur einen Fus kontrollieren musste. Σ Abstos und Freistos durfen Mitspieler schon im eigenen Strafraum annehmen. Dadurch soll Zeitspiel verhindert werden, da Abstos oder Freistos bislang wiederholt werden mussen, wenn der Mitspieler schon im Strafraum den Ball beruhrt.

Alle IFAB-Entscheidungen treten zum 1. Juni 2019 in Kraft. Fur jede Anderung waren mindestens sechs der acht Stimmen notig.