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BUSSI AUS BUSHWICK


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Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 205/2022 vom 11.10.2022
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Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 205/2022

WELTKUNST Derzeit arbeitet ihr in Bushwick, einem Stadtteil von Brooklyn. Was bringt euch hierher?

MEHMET AKAL Ein Reisestipendium vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst. Damit kann man sechs Monate lang irgendwo in die USA. Wir haben uns für New York entschieden, vor allem wegen Graffiti und Hip-Hop.

KAZIM AKAL Wir haben hier ein Wohnatelier in Bushwick, ein großes Loft, das ist schon super! Unsere Zeit ist aber fast um, in zwei Wochen geht es wieder nach München.

WK Was hat euch dazu gebracht, Künstler zu werden?

MA Unser Großvater war in der Türkei ein ziemlich berühmter Maler …

WK … Haşmet Akal, der an der Akademie in Istanbul studiert und in Paris mit Fernand Léger gearbeitet hat …

MA … mit seinen Bildern sind wir Kinder aufgewachsen. Aber sonst gab es nicht viele Begegnungen mit Künstlern oder so.

KA Unsere Eltern waren schon immer sehr offen, aber sehr mit Arbeit beschäftigt. ...

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... Und damit, uns großzuziehen. Es war nicht normal, ins Museum zu gehen. So haben wir alleine nach Wegen gesucht, kreativ zu sein, und sind unabhängig voneinander zu Graffiti und Breakdance gekommen. Das war der Anfang des Ganzen.

MA So hat die Sozialisierung bei uns stattgefunden. Wir hatten schon Probleme mit dem Türkischsein, Deutschsein. Was ist man jetzt eigentlich? In der Hip-Hop-Welt war es egal. Da hat man sich sein Pseudonym und seinen Künstlernamen gegeben, ist kreativ geworden und hat sich sein Ding aufgebaut. Dafür wurde man respektiert – oder eben nicht, aber so ist man weitergekommen.

WK Wo seid ihr aufgewachsen?

MA Ich bin in Moosach aufgewachsen und dann nach Solln gezogen …

KA … und ich ganz klischeehaft in Neuperlach. Wo man halt so aufwächst.

WK Seit wann arbeitet ihr schon zusammen?

MA Ich war achtzehn oder neunzehn.

KA Und ich war dementsprechend Ende zwanzig.

MA Wir beide hatten bis dahin wenig miteinander zu tun, uns vielleicht, wenn es hoch kommt, einmal im Jahr bei Familienfesten getroffen.

KA Einmal habe ich dann ein Bild von ihm auf dem Balkon in Solln gesehen und gefragt, wer hat das Ding gemacht? Die Antwort: dein Cousin. Da bin ich in sein Zimmer und habe gefragt, weißt du überhaupt, wer ich bin? Was ich mache? Da ist uns aufgefallen, dass wir sehr viele ähnliche Wege gegangen sind. Vom selben Nachhilfemathelehrer über alle möglichen Sportarten bis zum Graffiti und natürlich die gemeinsame Familiengeschichte. An dem Tag fiel der Entschluss, das Ganze zusammen fortzuführen. Der Gedanke, Künstler sein zu wollen, lag noch fern, obwohl er durch unseren Großvater schon im Raum stand. Er war immer eine Art Leuchtturm.

WK So habt ihr euch also als Graffiti-Künstler-Duo gefunden. Ich stelle mir das vor allem als nächtliche Tätigkeit vor, oder ist das ein Klischee? Wo in der Stadt habt ihr euch damals verewigt?

KA Es gibt legale Plätze wie zum Beispiel an der Tumblingerstraße oder im Schlachthof oder damals auch am Heimeranplatz. Da haben wir meistens gemalt und uns irgendwie ausgetobt. Relativ schnell kamen dann auch die ersten Aufträge, beziehungsweise größere Wände, die wir von der Stadt bekommen haben. Damals war Loomit unser Mentor.

MA Gerade jetzt im Sommer in New York haben wir zufällig auf einer Ausstellung in der Anton Kern Gallery den Künstler Kaws getroffen – und mit ihm über Loomit gesprochen, denn beide hatten 1994 in New Jersey zusammen gemalt!

KA Mich hatte Loomit 1996 in die Graffiti-Szene eingeführt. Als Mehmet dann dazukam, waren wir beide sozusagen die Schüler. Das Verhältnis mit ihm ist bis heute super. Durch ihn haben wir viele legale Wände bekommen. Meine illegale Zeit war schon vorüber, und bei Mehmet war sie auch schon am Abklingen. Zusammen haben wir einfach versucht, gute Bilder zu malen, legal und ohne Stress.

MA Dabei ging es um das gute Bild.

WK Es ist lustig, dass ihr ausgerechnet den Ausdruck »das gute Bild« benutzt, denn stilistisch steht ihr dem »Bad Painting« nahe, wie eine Richtung von Malerei in den Siebzigerjahren in den USA genannt wurde. Dabei fällt mir auch die Kunst von Philip Guston ein.

KA Der Ausdruck war uns damals nicht geläufig. Wir wussten gar nicht, um was es uns eigentlich geht, wir wollten einfach eine gute Arbeit abliefern. Philip Guston ist eine echte Größe, der Wichtigste für uns.

MA Der Gott sozusagen.

KA Um auf das Bad Painting einzugehen: Irgendwann sind wir mit dem Graffiti an eine Grenze gekommen. Wir hatten es so weit ausgedehnt, dass wir nicht mehr wussten: Ist es denn jetzt noch Graffiti, oder was ist das dann, was wir machen? So kam der Entschluss, wenn wir jetzt Künstler sein wollen, müssen wir in die Akademie gehen. So fing eine schwere Zeit an. Es war nicht einfach, aus dem Hip-Hop an die Akademie zu kommen – aus einer ganz anderen Welt, die hier überhaupt nicht respektiert wurde. Viele haben nicht gut gefunden, wie organisiert wir waren. Durchs Graffiti war es für uns schon normal, Sachen einfach in die Hand zu nehmen und selbstorganisiert zu machen.

MA Wir haben bei Markus Oehlen studiert. Er hat uns mit den Worten aufgenommen: »Eure Arbeiten sind scheiße, aber ihr seid zwei coole Jungs.« (Beide lachen.) Er hat uns überhaupt erst mit dem Begriff Bad Painting bekannt gemacht, so haben wir die Schönheit oder das Gute darin kennengelernt.

WK Euer türkischer Nachname Akal heißt übersetzt »weiß-rot«. Seit wann malt ihr in diesen Farben?

KA An der Akademie begibt man sich auf die Suche. Irgendwann waren wir an einem Punkt, an dem Markus uns gefragt hat: »Wieso macht ihr es euch denn so schwer? Ihr habt doch alles, was ihr braucht.« Um die Zeit sind wir nach Berlin gefahren und haben unter anderem Ausstellungen von Bjarne Melgaard und von John Bock gesehen und begriffen, dass es auch andere Perspektiven geben kann. Wenn die Kunst so frei ist, wie man sagt, dann muss es auch einen Platz für zwei Typen wie uns geben. Das heißt, wir müssen dieses Hip-Hop-Thema, das wir lange verdrängt haben, gerade deshalb machen.

MA Dabei haben wir uns auch auf unseren kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt, Weiß und Rot. Wir benutzen mal nur die zwei Farben und fügen dann eben Hip-Hop mit rein und Bad Painting und Humor und Liebe.

Wenn die Kunst so frei ist, wie man sagt, dann muss es auch einen Platz für zwei Typen wie uns geben.

KA Also eigentlich uns.

WK Eure Kunst macht meistens einen fröhlichen Eindruck, und ihr scheint mir auch fröhliche Menschen zu sein.

KA Wir sind auf alle Fälle auf der Gute-Laune-Seite.

WK Das ist ein Glück – und es zeugt von Disziplin!

KA Es ist oft nicht einfach. Man versucht es ständig und wird immer wieder zurückgehalten. Da muss man lächeln und durchhalten. Wir haben uns immer die Frage gestellt, wer wir sind. Wir sind irgendwo zwischen Klamauk und Sozialkritik. Wenn man zu gut gelaunt ist, wird man oft nicht ernst genommen, aber damit spielen wir. Philip Gustons Comic-Ästhetik wurde in seiner Zeit auch nicht ernst genommen. Wir wollen, dass unsere Kunst für jeden offen ist, dass jeder Mensch, der unsere Bilder ansieht, erst mal einen Zugang dazu hat.

WK Seit wann macht ihr Arbeiten fürs Theater?

KA Schon ein paar Jährchen, zehn oder so. Mein Zwillingsbruder Emre ist Regisseur und schreibt auch. Wir haben immer wieder mal etwas für seine Stücke gemacht, das harmoniert sehr gut. Wir nennen ihn den dritten »Kissing Cousin«. Wenn wir für das Theater arbeiten, dann nur mit ihm.

WK Am 5. November findet die Uraufführung von Emre Akals »Göttersimulation« in den Münchner Kammerspielen mit einem Bühnenbild statt, das ihr gerade gestaltet.

MA In dem Stück geht es um Digital Natives in einer digitalen Welt und die Frage, was sie aus der Realität mitgenommen haben oder ob sie neue Konstrukte geschaffen haben? Dann sind da noch zwei Alte, die letzten verbliebenen aus der analogen Welt, die in der digitalen Welt alles neu lernen müssen, das Greifen, das Gehen.

KA Im ganzen Stück verschwimmen reale und digitale Elemente. Von den Kammerspielen, von der Dramaturgin Olivia Ebert und von Emre aus haben wir freie Hand, um gemeinsam mit Paula Wellmann ein Bühnenbild zu kreieren, das sich aus unserer Welt und Ästhetik speist. Von New York aus mussten wir einen Weg finden, wie das Ganze funktioniert. So haben wir das meiste in VR gemalt – oder in 3-D erstellt, das wird analog nachgebaut.

WK Wie kann man sich das vorstellen, mit Virtual-Reality-Brille und Joysticks in der Hand in den Raum zu zeichnen?

Bild vorige Doppelseite und Bilder links: Courtesy the artists (3); Bühnenbildmodell: Courtesy of Münchner Kammerspiele

MA (Er zeigt auf einen Knopf.) Du drückst hier auf den Joystick und beeinflusst das Bild je nach Druck.

KA Du musst es dir vorstellen wie eine Schaumstoffpistole, nur dass man damit eben malen kann. Dafür gibt es verschiedene Programme, auch zum Animieren. So haben wir diese Brillen aufgezogen und dann die Teile der Bühne gemalt, alles im Wechselspiel mit der Bühnenbildnerin Paula Wellmann und der Kostümbildnerin Annika Lu Hermann und mit den Technikern, all das muss passen. Es wurde immer wieder hin- und hergeschickt und verbessert. Außerdem gibt es viele Animationen. Das Ganze dreht sich um eine Drehbühne, die in eine virtuelle Welt eingebettet ist.

MA Wir schaffen eine Illusion mit verschiedenen Ebenen. Wir arbeiten analog und digital und gehen immer von der Malerei aus. Jetzt mit Menschen zusammenzuarbeiten, die so eine riesige Drehbühne für dich bauen, das ist megaspannend.

WK Sie wirkt, als sei sie aus …

KA … Knetmasse, sagen wir mal. Wir finden diesen Look, das Kindliche, sehr spannend. Das passt zu dem Stück, in dem auch acht Kinder und Jugendliche mitspielen.

WK Bei Knetmasse kann man an die Erschaffung der Welt denken, aber sie weckt auch viele andere Assoziationen. Der Look hat etwas Universales.

KA Die meisten, die unsere Animation sehen, denken, wir machen sie wirklich mit Knetmasse und Stop-Motion.

WK Aus welchem Material besteht die Drehbühne?

MA Das wird eine Mischung sein. Wir malen diese Dinger, dann schicken wir sie der Bühnenbildnerin und dem Architekten, und der baut es noch mal so zusammen, dass es passen könnte. Er schickt es uns dann wieder zurück, und wir malen es noch mal nach, sodass es da reinpasst. In den Kammerspielen wird es mit Holz nachgebaut und bemalt, und es kommt ein Plastiker, der einige Elemente dreidimensional gestaltet. Andere Teile sind nur zweidimensional, sehen aber dreidimensional aus. Am liebsten hätten wir natürlich alles in 3-D gedruckt, aber das wäre utopisch.

WK Zur Premiere seid ihr wieder in München! Gibt es jetzt in New York eigentlich etwas, das ihr vermisst?

KA Im Allgemeinen das Essen. Gestern haben wir einen Döner probiert, der hieß »Berlin Döner«, das war wirklich eine Katastrophe. Außerdem natürlich die Standards, Weißwurst und Schnitzel.

WK Habt ihr ein paar München-Tipps für uns? Wo gibt es den besten Döner in München?

MA Wir gehen immer zu Turka Kebap in der Amalienstraße, eigentlich ein ganz normaler Standard-Döner, aber sehr gut dafür – das ist schon schwierig!

KA Bei Verdi am Hauptbahnhof, eigentlich eher ein Supermarkt, gibt es einen Döner, der auch nicht schlecht ist.

WK Und wo isst man die beste Weißwurst?

MA Da gibt es die Gaststätte Großmarkthalle in der Kochelseestraße 13, die ist richtig gut.

Das Interview führte Lisa Zeitz. Die Kammerspiele haben »Göttersimulation« ab 5. November im Programm. Am 7. November sind Mehmet und Kazim bei einem Artist Talk über Mode und Kunst mit Johnny Talbot und Adrian Runhof im Haus der Kunst zu erleben