Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 7 Min.

Bye Bye Beautiful


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 45/2019 vom 01.11.2019

Pferde Hunderte Tiere sterben jedes Jahr auf US-Rennstrecken. Eine Staatsanwaltschaft ermittelt, die Politik droht mit Verboten. Überlebt der Sport diese Krise?


Artikelbild für den Artikel "Bye Bye Beautiful" aus der Ausgabe 45/2019 von Der Spiegel. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 45/2019

Rennen im Santa Anita Park


SHUTTERSTOCK EDITORIAL

Einen Tag bevor sich die Stute G Q Covergirl beide Vorderbeine so schwer verletzt, dass sie ein - geschläfert werden muss, sitzt Dionne Benson auf der Haupttribüne des Santa Anita Park. »Seit März konnten wir die Todesrate im Trainingsbetrieb um über 70 Prozent reduzieren. Das ist großartig «, sagt die leitende Tierärztin der Anlage.

Es ist ein ruhiger Donnerstagmorgen in Arcadia, einer Vorstadt von ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Der Spiegel. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 45/2019 von Hausmitteilung Betr.: Baghdadi, Fluchthilfe, SAP, Roy. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Hausmitteilung Betr.: Baghdadi, Fluchthilfe, SAP, Roy
Titelbild der Ausgabe 45/2019 von Merkels langer Schatten. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Merkels langer Schatten
Titelbild der Ausgabe 45/2019 von Meinung: Die Höcke-App. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Meinung: Die Höcke-App
Titelbild der Ausgabe 45/2019 von Grenzöffnungen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Grenzöffnungen
Titelbild der Ausgabe 45/2019 von »Ich bin nicht die Sprachpolizei, und ich will auch keine haben« SPIEGEL-Gespräch. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
»Ich bin nicht die Sprachpolizei, und ich will auch keine haben« SPIEGEL-Gespräch
Titelbild der Ausgabe 45/2019 von Fall Jalloh »Ungeheuerlicher Verdacht«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Fall Jalloh »Ungeheuerlicher Verdacht«
Vorheriger Artikel
Magische Momente: »Ich hoffte, dass kein Torhüter komm…
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Mein Gott, Franz!
aus dieser Ausgabe

... Los Angeles. Benson, 46, schulterlange blonde Haare, trinkt Tee und schaut konzentriert über die ovale Rennstrecke. Seit rund drei Stunden wird hier trainiert, mehr als 50 Pferde traben und galoppieren über den sandigen Boden.

Benson sucht mit zusammengekniffenen Augen die Bahn nach Tieren ab, die Auffälligkeiten zeigen, Zeichen von Schwäche oder Verletzungen; Pferde, die eigentlich im Stall stehen sollten. Manchmal unterbricht sich die Veterinärin selbst mitten im Satz: »Entschuldigung, ich wollte nur schauen, was das Pferd dort macht.«

Benson weiß: Über jedes angeschlagene Pferd, das unentdeckt bleibt, kann schon das Todesurteil gesprochen sein. Das könnte das Aus für den Santa Anita Park bedeuten. Und für den Pferderennsport in Kalifornien.

Santa Anita Park ist ein märchenhaftes Anwesen, das einem Vergnügungspark gleicht: kunstvoll gestutzte Olivenbäume, ein mächtiger Springbrunnen, bronzene Büsten. Auf der Tribüne, Baujahr 1934, blättert die grüne Farbe von den Sitzen, hinter der Rennbahn erheben sich die San Gabriel Mountains.

Eigentlich ist Santa Anita Park ein Ort der Hoffnung. Pferderennen sind Glücksspiele, mit ihren Tippscheinen wetten die Besucher auf den Sieg ihres Favoriten, spekulieren auf den großen Gewinn, manch einer auf ein besseres Leben.

Auch die Pferde gehen eine Wette ein – darauf, dass sie es lebend ins Ziel schaffen.

Viele verlieren.

Wie Arms Runner. Am 31. März stürzt der fünfjährige Wallach am Eingang zur Zielgeraden, ein anderes Pferd kann nicht mehr ausweichen und fällt über ihn. Das rechte Vorderbein bricht, ein Teil hängt im rechten Winkel vom Körper weg, mit jedem Schritt setzt das Tier mit der Bruchstelle auf. Es wird eingeschläfert.

Am 25. Mai muss Wallach Kochees, 9, aus seinem Rennen genommen werden, nachdem er sich das linke Vorderbein verletzt hat. Später stellen Ärzte fest, dass der Blutfluss im Bein irreparabel gestört ist. Kochees wird eingeschläfert.

Am 19. Oktober zieht sich der dreijährige Wallach Satchel Paige bei einem Rennen einen offenen Beinbruch zu. Er wird eingeschläfert.

Die Geschichten stehen stellvertretend für die 36 Pferde, die seit Weihnachten 2018 bis Anfang dieser Woche in Santa Anita an den Folgen von Renn- und Trainingsunfällen starben. Nummer 35, G Q Covergirl, vergangene Woche Freitag. Nur zwei Tage später folgte Nummer 36: Bye Bye Beautiful. Als hätte es der Namens - geber der Stute kommen sehen.

Galoppierende Pferde wirken kraftvoll, majestätisch. Doch ein Fehltritt kann fatale Folgen haben. Frakturen der Extremitäten kommen bei Pferden oft einem Todesurteil gleich, denn die Heilungschancen sind gering. Ein Problem ist die wochenlange Schonhaltung der Fluchttiere nach der Operation, die zu weiteren Komplikationen führen kann. Meist werden die Pferde daher unmittelbar nach ihrem Unfall getötet.

Während der Rennen folgen Veterinäre den Tieren in einem Krankenwagen, sie sind bei einem Sturz innerhalb von Sekunden bei den Pferden, entscheiden je nach Lage über eine sofortige Einschläferung, ohne Rücksprache mit dem Besitzer. Das Setzen der erlösenden Spritze kann für die Helfer traumatische Auswirkungen haben. »Ich konnte früher zwei Tage danach nicht schlafen«, sagt Dionne Benson, die Chefveterinärin; ihre sonst strengen Gesichtszüge scheinen sich für einen Moment zu entspannen. Studien belegen, dass die Selbstmordrate unter amerikanischen Tierärzten mehr als doppelt so hoch liegt wie im Durchschnitt der Bevölkerung.

Benson trat ihren Job im April bei der Stronach Group an, der Betreibergesellschaft von Santa Anita. Der Auftrag: Benson soll helfen, die verheerende Todesserie zu beenden. Seitdem verantwortet sie die medizinische Abteilung von fünf Pferderennbahnen in vier Bundesstaaten. Keine fordert sie so wie Santa Anita.

Als Anfang des Jahres innerhalb weniger Wochen rund 20 Tiere starben, wurde Santa Anita zum Symbol für alles, was im Rennsport schiefläuft. Zwischenzeitlich wurde die Anlage gesperrt, Experten analysierten den Streckenbelag, vermuteten darin eine Ursache für die vielen Verletzungen. Doch auch nach der Wiedereröffnung ging das Sterben weiter.

Benson installierte ein Team von Veterinären, das bei jedem Training und Rennen die Pferde inspiziert. Wenn das Tier im Trab zu sehr den Kopf hebt und senkt, könnten die Vorderbeine betroffen sein. Ungleichmäßige Rückenbewegungen lassen auf Probleme mit den Hinterbeinen schließen. »Fällt uns etwas auf, nehmen wir das Tier von der Rennbahn«, sagt Benson, »und es darf erst wieder rauf, wenn wir sicher sind, dass alles in Ordnung ist.« Die Trainer und Besitzer der Pferde hätten sich ihrem Urteil zu beugen. Fünf Tiere ziehe sie so im Schnitt pro Woche heraus. Ob es nützt?

Seit Bensons Amtsantritt gab es auf der Anlage 13 weitere Todesfälle. Eine Zahl, die Menschen emotionalisiert.

Heather Wilson hält vor einem der Eingänge einen Grabstein aus Styropor in die Höhe. »Horse Racing« steht auf ihrem schwarzen Top, wobei »Racing« durchgestrichen und durch »Killing« ersetzt ist. »Dieser Sport kann nicht gerettet werden«, sagt Wilson. Die neuen Maßnahmen seien nicht mehr als »Augenwischerei«. Wilson sagt: »Wer den Tieren helfen will, muss Pferderennen abschaffen.«

Wilson, 49, Flipflops und strenger Zopf, arbeitet als Anästhesieschwester. In ihrer Freizeit engagiert sich die Veganerin bei Horseracing Wrongs, einer Initiative, die Pferderennen verbieten lassen will. Heute demonstriert sie mit etwa einem Dutzend Mitstreitern vor dem Santa Anita Park, sie halten vorbeifahrenden Autos Schilder und Grabkreuze mit Pferdeköpfen hin.

»Den Sport wird dasselbe Schicksal er - eilen wie den Hunderennen«, sagt Wilson. Ende vergangenen Jahres beschloss Florida ein Verbot von Windhunderennen und damit das Aus für 11 von 17 Rennbahnen in den USA. Droht dem Pferderennsport Ähnliches? »Die öffentliche Stimmung zwingt uns zu Veränderungen«, sagt Tierärztin Benson, »aber das ist nichts Schlechtes, denn es hilft den Pferden. Wir müssen den Sport transformieren, um überleben zu können.«

Allein in Santa Anita starben in den letzten zehn Jahren durchschnittlich mehr als 40 Pferde pro Saison an den Folgen von Trainings- und Rennunfällen, insgesamt verendeten in den USA in den vergangenen zehn Jahren über 6000 Rennpferde. Sie sind Opfer einer Geldmaschinerie: 2018 wurden bei Wettkämpfen in den USA Preisgelder von insgesamt mehr als 1,1 Milliarden Dollar ausgezahlt.

Der Santa Anita Park wird kontrolliert von Belinda Stronach, einer kanadischen Milliardärstochter. Ihr Vater Frank baute die Stronach Group auf, die sieben Pferderennbahnen betreibt. Außerdem in seinem Portfolio: Wettanbieter, Medienunternehmen, Pferdetrainingscenter – die ganze Wertschöpfungskette.

Bald könnte sie kollabieren. Mittlerweile prüfen Ermittlungsbehörden die Zustände in Santa Anita. Im März schaltete sich die Staatsanwaltschaft von Los Angeles County ein, die Tierschutzorganisation Peta hatte sie angeschrieben: »Wir glauben, eine Untersuchung der jüngsten Todesfälle wird herausfinden, dass einer der Hauptgründe bereits bestehende Verletzungen sind und sich die Besitzer und Trainer dieser bewusst waren«, heißt es in dem Schreiben. Das wäre ein strafrechtlicher Vorgang. Laut kalifornischem Gesetz sind Besitzer dazu verpflichtet, sich angemessen um ihre Tiere zu kümmern.

Noch wurden keine Ergebnisse präsentiert, doch zumindest in einem Punkt folgt Santa-Anita-Veterinärin Benson den Vermutungen der Tierschützer: »Frühere Studien zeigen, dass mehr als 80 Prozent der Tiere bereits bestehende Auffälligkeiten an den Körperstellen aufwiesen, an denen sie sich verletzten.« Kleine Risse etwa, Gewebeveränderungen. Die könnten dazu führen, dass die Pferde den hohen Belastungen auf der Rennstrecke nicht mehr standhalten.

Wie es zu den Vorschäden kommt, ist unklar. Überbeanspruchung der Tiere könnte ein naheliegender Grund sein, aber es ist ziemlich wahrscheinlich, dass die Rennställe Dopingmittel einsetzen. Die entsprechenden Regularien sind in den USA teilweise deutlich lockerer als in anderen Teilen der Welt.

Dionne Benson unterstützt ein neues, schärferes Regelwerk. »Wir können uns nicht den Luxus erlauben, auf die Ergebnisse der Staatsanwaltschaft zu warten«, sagt sie. Seitdem die Änderungen in Kraft sind, sank nach ihrer Auskunft die Todesrate auf der Anlage: in Rennen um 58 Prozent, im Training um mehr als 70 Prozent. Doch noch immer sterben Pferde.

Protestierende in Arcadia: Verheerende Todesserie


MARK RALSTON / AFP

Auch der politische Druck wächst. Seit Juni gilt in Kalifornien ein Gesetz, mit dem die staatliche Aufsichtsbehörde California Horse Racing Board Rennanlagen sperren darf. Zudem meldete sich der Gouverneur Kaliforniens im September zu Wort: Die jüngsten Todesfälle seien eine »Schande«, so Gavin Newsom; er drohte damit, Pferderennen in Kalifornien auszusetzen.

In Santa Anita reagieren einige Angestellte emotional auf solche Ankündigungen – auch Marcus Semona, der als Physiotherapeut auf der Anlage arbeitet: »Unser Management hat Anfang des Jahres ein paar Fehler gemacht, und nun muss die ganze Rennpferdbranche dafür geradestehen. « Der Winter sei ungewöhnlich feucht gewesen, der Boden dadurch matschig, dies könnte ein Grund für die vielen Stürze sein. Man habe darauf zu spät reagiert.

Semona, 40, hilft den Tieren mit Be - atmungsmaschinen zur Regeneration, behandelt sie mit Magnetwellen. Nun steht er mit ein paar Kollegen den demonstrierenden Tierschützern vor dem Haupteingang gegenüber. Er will, dass nicht nur »Tierrechts - extremisten«, wie er sagt, gehört werden.

Zusammen mit seinen Mitstreitern hält auch er Plakate zur Straße hin: »Mein Pferd, mein Job, mein Leben« steht auf einem, »Hupen für Pferderennen« auf einem anderen. Die Existenzangst treibt Semona auf die Straße: »Seit ich 18 bin, arbeite ich in der Branche, war nie auf dem College. Was soll aus mir werden, wenn Santa Anita schließen muss?«

Wenige Meter entfernt steht Aktivistin Heather Wilson. Die rund 2000 Arbeiter von Santa Anita könnten problemlos umschulen, sagt sie. »Und ich weiß auch, wer das alles bezahlen kann«, sagt Wilson, »die Trainer.« In diesem Jahr kassierten bereits über 20 Trainer von Vollblütern in Nordamerika Einnahmen von jeweils mehr als fünf Millionen Dollar.

Wilson will den Protest fortsetzen, auch gegen Widerstände. Dieser Samstag ist ein besonderer Tag, dann findet hier der Breeders’ Cup statt, die höchstdotierte Galoppserie Amerikas, das öffentliche Interesse wird riesig sein.

Wilson hat an ihrem Top eine Bodycam befestigt, um mögliche Übergriffe festzuhalten. Oder Situationen wie die vom 3. März: Damals protestierte sie zum ersten Mal vor der Anlage, legte sich mit einem Sicherheitsmann an, wurde verhaftet. Das habe sie motiviert weiterzu - machen. »Ich fragte mich, was sie zu verheimlichen haben«, sagt Wilson. »Also dachte ich mir: Ab sofort stehe ich jede Woche hier!«

Auf die Anlage selbst gehen die Tierschützer nicht, auch heute nicht. Acht Wettkämpfe werden in der Nachmittagshitze in Santa Anita ausgetragen. Um 16.10 Uhr der Höhepunkt, Rennen sieben, Preisgeld: 53 000 Dollar, Distanz: rund 1100 Meter. Der Wallach mit der Startnummer fünf setzt sich zunächst an die Spitze, fällt dann zurück, kommt als Letzter ins Ziel. Sein Name: Stop The Violence.

Video
Das Leiden der Pferde

spiegel.de/sp452019pferde oder in der App DER SPIEGEL