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Café Größenwahn


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Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 191/2021 vom 10.10.2021

NACHTLEBEN

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Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 191/2021

Für eine gewisse Zeit, die mir damals endlos erschien, und heute, nach fast vierzig Jahren, weiß ich, dass es nicht mehr als eineinhalb, zwei Jahre waren – für eine gewisse Zeit in den frühen Achtzigern hatten mein Freund Georg und ich genau festgelegte Rollen im Münchner Nachtleben. Vor allem im P1, das damals noch nicht in den Keller gewandert war, sondern im Erdgeschoss der Hauses der Kunst einen großen Raum mit hohen Decken besetzte. Auf einer Empore stand der DJ, auf der Treppe zur Empore saßen nur die Mädchen, denen der DJ das gestattete, und als einmal Prince für eine Weile in München war, durfte auch er da sitzen. In den Waschräumen tranken Leute wie wir, wenn das Geld nicht mehr reichte für ein drittes Bier, Wasser aus den Wasserhähnen. Gekokst wurde dort natürlich auch, und manchmal hörte man Sexgeräusche.

Georg und ich spielten die schlecht gelaunten Intellektuellen: Nur unter ...

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... dieser Bedingung ließ uns der Türsteher hinein. Er hieß Jan Klophaus, war groß, hager, elegant auf unerreicht lässige Art, und arrogant war er natürlich auch – das war die Mindestanforderung für diesen Job. Wir kannten uns aus dem kommunikationswissenschaftlichen Seminar, in dem es, glaube ich, um den symbolischen Interaktionismus ging. »Taking the role of the symbolic other.« Wenn er mich aber nur deshalb hineingelassen hätte, wäre er nicht lange der mächtigste Türsteher der Stadt geblieben.

Uns teuer anzuziehen, konnten wir uns nicht leisten, einen Haarschnitt von Gerhard Meir auch nicht. Ich ging meistens zu einem Friseur in der Maxvorstadt, wo es einen Fassonschnitt um sieben Mark fünfzig gab. Am besten, fand ich, stand mir eine Fliegerjacke, dazu eine extrem weite Bundfaltenhose aus dem Secondhandladen. Georg trug meistens eine sehr alte, sehr schöne Lederjacke. Einmal, so glaube ich mich zu erinnern, aber wahrscheinlicher ist, dass ich eine Münchner Legende einfach eingemeindet habe in meine Erinnerung, einmal standen vor uns in der Schlange ein paar Männer, langhaarig und ein bisschen verzottelt, die sich selbst aber ziemlich gut zu finden schienen. »Heute nicht«, sagte Jan Klophaus höflich. »Wir sind aber die Scorpions«, sagte deren Anführer. »Eben«, antwortete der Türsteher und blieb dabei. Wie es mit ihnen weiterging, haben wir, da wir ja hineinkamen, nicht mitbekommen. Vermutlich sind sie weitergezogen ins Sugar Shack, die Rock-’n’-Roll-Disco in der Herzogspitalstraße, in der in den Siebzigern all die Musiker, die tagsüber in Giorgio Moroders Musicland Studios ihre Rockmusik aufgenommen hatten, also die Stones und Queen und Led Zeppelin, um ein paar von ihnen zu nennen, dann das taten, was von Rockstars erwartet wurde. Sie hörten noch mehr Rockmusik, sie suchten sich unter den Münchner Mädchen die schönsten aus. Und sie gingen erst, wenn sie garantiert so müde, stoned, betrunken waren, dass sie einfach nicht mehr die Kraft hatten, ihre Hotelzimmer zu zerlegen. Jetzt waren aber endlich die Achtzigerjahre da, und auf die Stones wartete im Sugar Shack keiner mehr. Höchstens auf die Scorpions, von denen wir aber nicht wussten, ob sie dann auch kamen in jener Nacht.

Im Tanzlokal Größenwahn in der Klenzestraße würde man der Fürstin Gloria bestimmt nicht begegnen, weil das hier Boheme war und nicht Mainstream.

Wenn wir drin waren, stellten wir uns fast immer an den Rand der Tanzfläche, links vom Eingang unter die Empore. Wir sprachen wenig, schon weil die Musik viel zu laut für eine Konversation war, wir lächelten nie, und wenn alle mal wieder ganz entzückt taten, weil die Fürstin Gloria angerauscht kam, in einer aufgeplusterten Gaultierkreation, mit Gerhard-Meir-Frisur und einer enormen Entourage, ließen wir uns unsere Missbilligung deutlich anmerken, was aber kaum jemanden kümmerte. Ob wir selbst einigermaßen gut aussahen, hätten wir damals nicht sagen können und schon gar nicht hier, wo schon der Türsteher dafür sorgte, dass es auf den ersten Blick so wirkte, als ob hier schöne Menschen nichts als ihre Schönheit feierten. Dass wir aber klug, ja vielleicht sogar furchteinflößend intellektuell wirkten, davon waren wir überzeugt, und davon, dass die Wirkung umso stärker war, je weniger wir lächelten, auch. Dass das die uns zugeschriebene Rolle war, wurde uns erst bewusst, als wir sie längst spielten. Die soziale Plastik, als welche der Türsteher, der DJ und die anderen Gäste so eine Nacht inszenierten, brauchte ein Außerhalb, einen Rahmen gewissermaßen: Das waren wir. Und indem die Leute, befeuert von Kokain, von Champagner oder nur der Stimmung, von der Tanzfläche aus manchmal unsere strengen Gesichter erblickten, spürten sie erst recht, wie unfassbar gut ihre Laune war.

Wir gingen spätestens in dem Moment, da wir fürchten mussten, dass wir uns womöglich doch noch von der Laune anstecken lassen würden; wenn wir, ohne dass wir das wollten, einen Fuß rhythmisch bewegten oder ein seliges Lächeln angesichts der ganzen Schönheit hier kaum noch unterdrücken konnten. Eine Viertelstunde Fußweg war es zum Kleinen Rondell in der Karlstraße, einer Jazzbar, in der ein unwiderstehlich trauriger Afroamerikaner am Piano saß und so schön und leise spielte, dass wir die Stunden im P1 noch mal durchanalysieren konnten. Gegen halb fünf schob der Wirt die letzten Gäste hinaus.

Meine Zeit im P1 ging zu Ende, als eines Nachts Susanne kam, mit zwei Bieren, einem für mich, und mir irgendetwas Nettes ins Ohr brüllte. Ich hatte Susanne beim Baden am Eisbach gesehen und in der Snackbar der Geisteswissenschaftler an der Schellingstraße, ich hatte Georg von ihrer Art, sich zu bewegen, erzählt, von der Herablassung in ihrem Gesichtsausdruck und dem melodischen Bayerisch, mit dem sie eine Portion Leberkäs bestellte. Ich hatte mich nicht getraut, sie anzusprechen, und jetzt schrie sie mir irgendetwas Freundliches ins Ohr. Ich brüllte irgendetwas zurück, versuchte zu lächeln. Und merkte doch, dass ich in meiner Rolle gefangen war. Ich hätte jetzt tanzen müssen, mich locker machen, ich hätte Georg allein lassen müssen mit seiner Intellektuellenpose. Aber es ging nicht, mir fehlte die Übung, und als das Bier getrunken war, war Susanne wieder fort.

Das P1 in jener Zeit war, auf seine äußerst elitäre Art, ja immer Mainstream, Pop im Beat der Globalisierung; wenn Mick Jagger jetzt in München war, ging er nicht mehr ins Sugar Shack, und wenn dort eine der legendären Motto-Partys gefeiert wurde, stand das in der Bunten und der Abendzeitung. Man musste, wenn man kein subkultureller Stumpfkopf werden wollte, in dieser Welt bestehen. Man musste sich ihr aber auch immer wieder entziehen, und das ging am besten im Tanzlokal Größenwahn in der Klenzestraße, wo man der Fürstin Gloria bestimmt nicht begegnen würde, weil das hier Boheme und nicht Mainstream war; und das nur den Nachteil hatte, dass um ein Uhr morgens Sperrstunde war. Unsere Rollen aus dem P1 konnten wir hier nicht spielen; denn der regierende Intellektuelle im Tanzlokal war der Schriftsteller Rainald Goetz, gegen den man gar nicht erst anzutreten brauchte. Goetz war ja, schon vor seinem Auftritt in Klagenfurt, wo er mit einer Rasierklinge seine Stirn geschlitzt und blutend seinen Text gelesen hatte, zumindest hier, in der Isarvorstadt, weltberühmt. Alle hatten seine »Reise durch das deutsche Feuilleton«, eine Reportage für die Zeitschrift Transatlantik, gelesen oder taten zumindest so oder hatten jedenfalls gehört, dass sie unbedingt lesenswert sei.

Goetz war also wer, und damit, so kam es mir manchmal vor, spielte er falsch, ohne dass man ihm das hätte vorwerfen dürfen. Wer noch nichts war, konnte alles werden, und das Schönste an den Begegnungen in diesen Nächten war ja, dass da nicht Tatsachen, sondern Möglichkeiten sichtbar wurden. Georg verehrte Andrea, die hinter der Bar stand im Tanzlokal und die in meiner Erinnerung so aussieht wie heute Scarlett Johansson, nur mit dunklen Haaren. Wenn man ihr nur zehn Minuten zusah, wie sie Gin Tonics mixte und dann über die Bar schob, mit dem schönsten arroganten Lächeln, dann wusste man, dass sie alle Türen, die ihr nicht eh schon offenstanden, einfach eintreten würde mit ihren hohen Stiefeln.

Georg konnte nicht landen bei ihr, und allmählich verloren wir sie aus den Augen, was nicht so furchtbar bedauerlich war, weil wir in anderen Clubs andere Menschen voller Möglichkeiten trafen. Um die Mitte der Achtziger herum löste für ein paar Jahre das Parkcafé das P1 als begehrteste Disco Münchens ab. An der Tür stand Inge Grandl, die Chefin, und war sehr streng; aber drinnen war es lässiger, entspannter, es gab eine große Tanzfläche, aber weiter hinten öffnete sich ein Raum, wo man an Tischen sitzen konnte und einander nicht anbrüllen musste.

An einem dieser Tische saß oft, und immer allein, ein Mann mit seinem Laptop und schrieb und schaute dabei so entschlossen, als hätte er diesen Computer nicht einfach hochgefahren, sondern entsichert. Und als schreibe er das, was gerade geschah und was noch möglich wäre im Parkcafé, wo die ganze Stimmung ohnehin noch sexyer als im P1 war, quasi direkt mit, live, wie ein Hemingway der Münchner Nächte. Es ist, wenn mich die Erinnerung nicht betrügt, dann nur ein Fernsehjournalist aus ihm geworden. Während Maxim Biller, so geht meine etwas unscharfe Erinnerung, der damals längst an seinen ersten Kurzgeschichten arbeitete, im Parkcafé unter keinen Umständen für einen verklemmten Intellektuellen gehalten werden wollte. Er tanzte, lachte, feierte. Und sah dennoch nach mehr Geist aus als der Mann, der drei Tische weiter den Hemingway spielte.

Die soziale Plastik, als welche der Türsteher, der DJ und die anderen Gäste so eine Nacht inszenierten, brauchte einen Rahmen: Das waren wir.

Womöglich wusste ja auch Florian Süssmayr damals schon, dass er einmal Mün-chens bester Maler werden würde. Man sah es ihm aber nicht an, wenn er im Lipstick, der Punkdisco am rechten Isarufer, stand und es fast als Einziger schaffte, die Haare lang zu tragen, ohne für einen doofen Hippie gehalten zu werden. Bei ihm war es eine exzentrische Geste, und dass man ihm mit hippieskem Sanftmut nicht zu kommen brauchte, wussten alle, die jemals einen seiner Auftritte zusammen mit dem späteren Weltumradler Lorenz Schröter gesehen und gehört hatten. »Lorenz Lorenz« hieß ihr Projekt, und wenn ich mich richtig erinnere, lief es darauf hinaus, Musik am Rand der Körperverletzung zu machen, bösen, gewalttätigen Punk. Der andere, der mit langen Haaren davon kam, war Christopher Roth, der eigenwillige Filmemacher und Künstler, den ich aus dem Café Venezia kannte, wo er mit seinen Schwabinger Freunden saß und unerreicht dandyesk aussah. 1982, also mit einem Vorsprung von zehn Jahren, hatte er den ersten deutschen Pop-Roman herausgebracht, er hieß »200D«. Die Mitschrift eines Tages und einer Nacht in München, das Buch also, das der Laptopmann aus dem Parkcafé dann doch niemals geschrieben hat. Auch Christopher Roth sah man, wenn ich mich nicht irre, im Parkcafé, und auch ihm wäre es peinlich gewesen, dort den Künstler zu spielen.

Dass für mich all diese Orte verblassten in der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre, lag wohl daran, dass die Räume des nur gedachten und erträumten Lebens sich langsam schlossen und das wirkliche Leben andere Anforderungen stellte. Mehr durch Zufall als aus einer karrieretechnischen Notwendigkeit hatte ich angefangen, für die Zeitung zu schreiben, meist über Filme, und das Nachdenken übers Kino, der Versuch, die Möglichkeitsräume, die sich dort öffneten, angemessen zu beschreiben und zu reflektieren, war mir Imaginationsarbeit genug. Abends, nach dem Kino, ging ich nicht mehr in die Discos, sondern ins Schumann’s, wo im Hintergrund Jazz lief und ich mir einen Malt oder einen Gimlet endlich leisten konnte. Und auch nach dem dritten Drink gab ich mir Mühe, mich endlich, zum ersten Mal, zu benehmen wie ein erwachsener Mensch.

Claudius Seidl