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CANON EOS RP IM LABOR- UND PRAXISTEST: Liebesgrüße aus Riga


DigitalPHOTO - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 03.05.2019

TEST | Wir sind mit der kleinen Schwester der EOS R zum gemeinsamen Shooting in der lettischen Stadt Riga verabredet. Mit ihrem attraktiven Preis, dem schlanken Gehäuse und ihrer spiegellosen Eleganz möchte sie Fotografen verzaubern. Ob ihre Avancen von Erfolg gekrönt werden, verrät unser Test.


Artikelbild für den Artikel "CANON EOS RP IM LABOR- UND PRAXISTEST: Liebesgrüße aus Riga" aus der Ausgabe 6/2019 von DigitalPHOTO. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: DigitalPHOTO, Ausgabe 6/2019

BENJAMIN LORENZ
Stv. Chefredakteur DigitalPHOTO


85mm | 1/100 s | F/1,8 | ISO 1000
» Porträtshooting in einer stillgelegten Tramstation. Fotografiert mit natürlichem Licht, das durch eine gegenüberliegende große Fensterfront fiel. Schatten wurden mit einem goldenen Reflektor von rechts aufgehellt.


EOS-VOLLFORMAT ...

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... ZUM KAMPFPREIS
Mit 1.499 Euro UVP markiert die EOS RP den aktuell niedrigsten Preis im Vollformatsegment.

Die EOS RP – das „P“ steht hier für populär – soll nach Canons Wünschen zum neuen Bestseller avancieren und ähnliche Wellen schlagen wie einst die EOS 6D, die die weltweit erste digitale Vollformatt-DSLR war, die die damals magische Preisgrenze von 2.000 Euro unterbot. Die EOS RP geht sogar noch weiter und ruft 1.499 Euro als unverbindliche Preisempfehlung auf, der tatsächliche Straßenpreis liegt momentan noch etwas niedriger. Damit rangiert die spiegellose Systemkamera deutlich unter dem derzeitigen Handelspreis der Nikon Z 6 (um 2.000 Euro) und den noch höher im Preissegment platzierten Modellen von Panasonic (S1, S1R) und den aktuellen Sony-7er-Kameras wie der Alpha 7 III. Einzig schon etwas betagtere Vorgängermodelle, wie die Sony Alpha 7 II (1.078 Euro), unterbieten den Kampfpreis der EOS RP.

Bei allem Wettbewerb und Marktdruck stellt sich für den Fotografen die alles entscheidende Frage, ob sich die Investition lohnt? Denn auch rund 1.500 Euro sind eine Stange Geld, die die meisten nicht ohne Weiteres – und erst recht nicht unbedarft – aus dem Handgelenk schütteln. Canon muss also gute Argumente liefern.

Wir hatten die exklusive Gelegenheit, die EOS RP, die übrigens Canon-intern auf der gleichen Stufe wie die Spiegelreflex EOS 6D Mark II platziert wird, im lettischen Riga ausführlich unter diversen Bedingungen und mit unterschiedlichen RF- und EF-Objektiven zu testen. Zudem haben wir die Systemkamera in unserem unabhängigen Testlabor auf Herz und Nie-ren geprüft. Dabei stellte sich heraus, dass es einige gute Gründe für – aber auch schlagkräftige gegen – die EOS RP gibt. Beginnen wir mit den Vorteilen.

4.779 Autofokuspositionen

Mit einem Gewicht von rund 485 Gramm wiegt die staub- und spritzwassergeschützte RP sogar weniger als zwei Pakete Butter – und rund 300 Gramm weniger als ihr Spiegelreflexpendant 6D Mark II. Zudem liegt sie auch mit ihrem schlanken Gehäuse dank ausgefeiltem Design ausgesprochen gut und souverän in der Hand. Schalter und Regler, die sich teils individuell mit oft genutzten Funktionen belegen lassen, sind prima erreichbar und das dreh- und schwenkbare Display bietet modernen Touchkomfort. Über Letzteres navigieren Sie bequem durch das Canon-typisch aufgeräumte und logisch aufge-baute Menü. Im Vergleich zur umfangreich ausgestatteteren EOS R lässt sich hier allerdings der Dual Pixel Autofokus nicht so umfangreich an die aktuelle Shooting-Situation anpassen. Dennoch stehen bei der RP 4779 Autofokuspositionen zur Verfügung, etwas weniger als bei der R, doch immer noch mehr als ausreichend Optionen zur praktisch nahtlosen Wahl der AF-Position. Neu hinzugekommen ist ein Einzelfeld-Spot-AF für Makroaufnahmen. Darüber hinaus lässt sich der Autofokus, wie bei der EOS R, wahlweise über das dreh- und schwenkbare Touchdisplay per Fingertipp, via Touch-and-Drag, beim Blick durch den elektronischen Sucher und gleichzeitiges Tippen auf das Display oder über die Bedienfelder beziehungsweise die Wahlräder am Kameragehäuse festlegen. Flexibilität deluxe! Porträtfotografen dürfen sich über die Autofokus-Augenerkennung freuen, die kontinuierlich das Auge des Motivs verfolgt und die Schärfe entsprechend reguliert. Dieses Komfortfeature sowie der Einzel-Feld-AF bei 100-Prozent-Ansicht ist übrigens nun auch (endlich) für die EOS R via Firmware-Update verfügbar.

» Das RP-Gehäuse fällt gegenüber der EOS R noch kompakter aus. Gewicht: angenehme 485 Gramm.


50mm | 1/125 s | F/4 | ISO 100
» Auf dem Außengelände einer alten Tramstation fanden wir dieses schmucke Schild. Aufgenommen bei ISO 100 mit dem RF 24-105mm F4L IS USM.


160mm | 1/1600 s | F/2,8 | ISO 100
» Das monumentale Denkmal vor grauem Himmel in Riga wird von der RP bei ISO 100 in toller Bildqualität eingefangen. Fotografiert mit dem EF 70-200mm f/2,8.


200mm | 1/200 s | F/5,6 | ISO 400
» Zahlreiche Gebäude im lettischen Riga warten mit kunstvollen Fresken im Jugendstil auf. Auch stark: Bei diesem Bild aktivierte sich der Augen-Autofokus der EOS RP.



Attraktiver Preis im schlanken Gehäuse. Die neue EOS RP hat viele Stärken – doch auch einige Schwächen.
Benjamin Lorenz, stv. Chefredakteur


85mm | 1/100 s | F/2,8 | ISO 400
» Fotografiert mit dem Canon EF 85mm f/1.8 USM und dem der EOS RP beiliegenden EF-Adapter.


85mm | 1/100 s | F/4 | ISO 2500
» Ein verlassenes Bahndepot, eine große Fensterfront auf der rechten Seite und ein zauberhafter Blick. Drei Komponenten für eine wunderschöne Porträtaufnahme bei Blende f/4 und ISO 2500. Rauschen? Fehlanzeige!


Fotos: Benjamin Lorenz, Hersteller

In Riga stellten wir den neuen Augenautofokus beim Porträtshooting in einer verlassenen Bahnstation auf die Probe. Trotz dunkler Umgebung arbeitete dieser meist sehr zuverlässig und hielt das Auge des Models im Fokus. So konnten wir uns primär auf die Bildgestaltung konzentrieren, während die RP sich um die technische Umsetzung kümmerte. Ein absolut nützliches Feature, das das Fotografieren erleichtert – egal, ob Profi oder Einsteiger.

Beachten sollte man jedoch, dass der Augen-AF nicht mehr funktioniert, wenn das Auge zu klein wird. Bei leicht seitlichen oder frontalen Aufnahmen aus kurzer und mittlerer Distanz sitzt der AF hingegen meist zu 100 Prozent auf dem rechten oder linken Auge. Vergleicht man das Feature mit dem sehr ausgefeilten Augen-AF einiger Sony-Modelle (z. B. Alpha 7 III oder 9) zieht die RP den Kürzeren.

Manko: Bildstabilisator

Was definitiv fehlt, ist ein integrierter 5-Achsen-Stabilisator, wie ihn praktisch alle Vollformat-Systemkamera-Mitbewerber bieten. Angefangen bei der Nikon Z 6 über die Panasonic S1 und S1R bis hin zur Sony Alpha 7R III. Schade, denn technisch wäre eine Integration sicher möglich gewesen. Doch auch die EOS R ließ dieses Feature schon vermissen. Statt dessen setzt Canon auf die Dual Sensing IS Technologie gegen Verwacklungen bei Aufnahmen aus der freien Hand und stattet zudem entsprechend viele RF-Objektive mit einem Bildstabilisator aus. Dies ist auch gut so, denn bei unseren unterschiedlichen Foto-Sessions im lettischen Dämmerlicht konnten wir so noch die meisten Bilder zuverlässig und nicht verschwommen ablichten.

» Die EOS RP besitzt ein drehund schwenkbares Touchdisplay. Aufgelöst werden vergleichsweise wenige 1,04 Millionen Bildpunkte.


Apropos Stabilisator, wer eine Profikamera um 1.500 Euro sucht und auf den Vollformat-Sensor verzichten kann, sollte einen Blick auf die umfangreich ausgestattete Fujifilm X-T3 werfen. Sie bringt nicht nur einen 5-Achsen-Stabilisator mit, sondern auch eine herausragende Bildqualität. In unserem Testlabor kommt das Fujifilm-Flaggschiff der X-Serie auf über 94 Prozent in der Gesamtwertung und dem Testurteil SUPER.

10 RF-OBJEKTIVE 2018 UND 2019
» Mit Vollgas Richtung Zukunft: Die aktuelle Roadmap zeigt, dass Canon in diesem Jahr die Zahl der RF-Objektive auf zehn Exemplare ausbauen möchte. Besonders interessant – aber vermutlich auch hochpreisig – sind dabei vor allem die lichtstarken Telezooms 24-70mm und 70-20mm mit f/2,8 sowie die 85mm-Porträtobjektive mit f/1,2.


Fotos und Grafik: Hersteller

Vielseitig einsetzbar

Kommen wir zu den Motiven Landschaft, Reise und Architektur: Hier spielte vor allem der Bildsensor seine Stärken aus, die er auch im Digital-PHOTO-Testlabor unter Beweis stellen konnte. Bis einschließlich ISO 3200 lässt sich sicht- und messbar hervorragend fotografieren, erst in höheren Sphären trübt eine sinkende Schärfe den visuellen Eindruck. Überraschend hoch ist die Bildauflösung. Diese liegt praktisch auf Augenhöhe mit der preislich deutlich höher positionierten EOS R. Die RP kommt bei ISO 100 auf 2171 Linienpaare pro Bildhöhe, die R auf 2156. Zum Vergleich: Die Nikon Z 6 erreichte im Test 2196 LP/BH (Test in DPH 2/19).

Im Inneren der EOS RP arbeitet ein 26,2-Megapixel-Sensor, der zumindest in Sachen Auflösung identisch mit dem Chip der EOS 6D Mark II ist. Verarbeitet werden die Bilder bei der spiegellosen von einem Digic-8-Bildprozessor, während in der DSLR ein Digic 7 werkelt. Technisch ist die kompakte Systemkamera folglich etwas besser ausgestattet.

In Riga hatten wir zahlreiche Gelegenheiten, die Bildqualität in unterschiedlichen Situationen zu testen. Sei es im schummrigen Licht in der verlassenen Tramstation, beim Porträt-Shooting mit natürlichem und künstlichem Blitzlicht, bei Architekturaufnahmen am Nachmittag oder bei stimmungsvollen Fotos der abendlich beleuchteten Altstadt. Insgesamt gelingen die Fotos mit dem 26,2-Megapixel-Sensor durchweg gut bis sehr gut. Beachten sollte man letztlich noch die minimale Belichtungszeit. Die EOS RP bietet – wie die 6D MK II – 1/4000 Sekunde als kürzeste Zeitspanne an, während die EOS R oder die Nikon Z 6 noch eine 1/8000 Sekunde meistern. Zudem lässt sich der in einigen Situationen eigentlich sehr praktische lautlose Aufnahmemodus der EOS RP nur im entsprechenden Szenenmodus nutzen. Kleine, aber feine Unterschiede, die für einige Fotosujets von entsprechend hoher Bedeutung sein können.

Schwachpunkt Akku

Als ziemlich dürftig erweist sich der Akku. Ein Manko, das Canon kennt, wurden wir doch zum Shooting-Tag mit gleich drei Akkus ausgestattet. Und in der Tat: Bereits nach 150 Aufnahmen ging dem ersten Energieriegel der Saft aus. Obwohl wir etwa das Display nicht exzessiv genutzt haben. Ein Grund war sicher auch die Kälte von unter fünf Grad in Riga. Bei aktiviertem Eco-Modus und anderen Energiespartricks ließe sich mehr herausholen. Immerhin: Die EOS RP lässt sich via USB-C auch mit einer Powerbank aufladen. Die CIPA-Messung kommt auf 250 Bilder. Zum Vergleich: Die EOS 6D Mark II packt 1200 Aufnahmen – Pluspunkt für die DSLR.

Videografen müssen zudem mit 4K-Filmaufnahmen mit Crop-Faktor – wie bei der EOS R – auskommen. Eine Einschränkung, die es bei Systemkameras anderer Hersteller nicht gibt.

photo FAZIT

Mit einem vergleichsweise aggressiv niedrigen Preis will Canon seine Kunden für das neue R-System begeistern und zum Kauf der EOS RP bewegen. Egal, ob potenzielle Spiegelreflexwechsler oder Systemkameraneukunden, beide erhalten mit der RP eine grundsolide Kamera mit großem Sensor und starkem Autofokus. Einschränkungen gibt es in Sachen Akkulaufzeit. Hier kommt die spiegellose EOS laut CIPA nur auf magere 250 Fotos. Mindestens ein Ersatzakku ist also Pflicht. Auch der 4K-Crop-Faktor wird einige nicht begeistern.