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Cashmere fürs Ohr


myself - epaper ⋅ Ausgabe 12/2018 vom 14.11.2018

Bettina Rust ist eine der besten Moderatorinnen Deutschlands — und eine der unbekanntesten. Das muss sich ändern


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Bildquelle: myself, Ausgabe 12/2018

Love is on air: Seit 2002 moderiert Bettina Rust, 51, im RBB die gefeierte zweistündige Sendung „Hörbar Rust“.


Wie alles begann: Wer die Neunziger, vor allem auch modisch, so souverän überstanden hat wie Bettina Rust, darf sich heute auf die Schulterpolster klopfen: Mit bauchfreien Office-Chic-Zweiteilern und Statement-Make-up mit zu viel Augenbrauenstift (siehe Foto unten) besteigt sie 1993 ihren Moderatorinnen-Thron. Im legendären „0137 Night Talk“ auf Premiere spricht sie mit 15-jährigen Mädchen über ihre Red-Bull-Abhängigkeit ebenso wie mit Mittzwanziger- Männern, die von ihren Freunden ausgelacht werden, weil sie ältere Frauen lieben. Für ihren charmant-schnoddrigen Rat und ihre Schlagfertigkeit bekommt sie Liebeslieder – und Liebesfaxe.

Call-in mit Betty, 1994 beim „0137 Night Talk“.


Apropos Liebe: Mit 22 Jahren hält Bettina Rusts Beziehung zu Berlin länger als jede andere in ihrem Leben. Die gebürtige Hannoveranerin, die Kommunikation und ...

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... Marketing in Hamburg studierte, zog Mitte der Neunziger in die Hauptstadt, nach Schöneberg. Ein Kiez, für dessen „liebenswerte Trutschigkeit“ sie täglich dankbar ist. „Es ist wie in einer guten Beziehung“, sagt Bettina Rust, „Man hat nicht mehr jeden Tag Sex, weiß aber, was man aneinander hat, und möchte nie Schluss machen.“ Noch genauer kann man es in ihrem neuen Buch „Lieblingsorte“ nachlesen.

Ihr Rezept gegen Schüchternheit: Nachdem Bettina Rust bereits mit 15 Jahren angefangen hatte, in der Gastronomie zu arbeiten, jobbte sie während ihres ersten Studiums in Hannover als Zigaretten-Promoterin. In ihrem Team: ein Ex-Playmate, eine Friseurin und eine Kosmetikerin. Zusammen frästen sie sich durch die Großraumdiscos in Norddeutschland. Großer weißer Cowboyhut inklusive.

Treuester Begleiter: Elli. Ihre Hündin. Für die Sendung „Stadt, Rad, Hund“, die von 2013 bis 2016 im RBB lief, radelte Bettina Rust mit der ebenfalls blonden Schönheit im Körbchen in Berlin von einem Interviewpartner zum nächsten. Nur ins Restaurant durfte Elli nie.

Bester Facebook-Post: „Klarer Anwärter auf Platz 1 der missverständlichsten Sätze des Jahres, wenn man nur von einem mittelgroßen Handtuch bedeckt an der Wohnungstür vor dem Wasseruhrenmann steht und entschuldigend erklärt: ‚Oh, ich dachte, es sei die Post‘ “.

Mit Elli radelt sie 2015 für „Stadt, Rad, Hund“ durch Berlin.


Was tun bei Lampenfieber? Selbst erfahrene Talk- Profis wie Bettina Rust übermannt mal die Aufregung. Dann ist es gut, wenn man einen Plan B hat – zumindest im Kopf. Für ihren ersten „Talk der Woche“, der ab August 2005 auf Sat.1 lief, lud sie die Alpha- Männer Harald Schmidt, Otto Schily sowie Giovanni di Lorenzo ein. Über Letzteren war Bettina Rust besonders glücklich, „weil der dann die Moderation übernehmen kann, wenn ich ohnmächtig werde“. Ihr Worst-Case-Szenario: „Dass ich ausrutsche, auf Schilys Schulter kippe und seine Personenschützer mich erschießen.“ Für Bettina ging dann doch alles gut aus. Nur für die Show nicht, die wurde wegen schlechter Quoten nach drei Monaten abgesetzt.

Für die Talkshow „Ultima“ wechselte La Rust 1995 auch vor die Kamera.


Der Tiefpunkt: Nach einer gescheiterten Beziehung zu einem Mann mit Borderline-Syndrom schlitterte Bettina Rust in eine Krise. Sie sagte darüber später in einem Interview: „Als ich endlich mit ihm durch war, kam ich mir vor wie ein vom Tisch gefallenes Puzzle des Pazifischen Ozeans. 5000 blaue Puzzleteile, die alle gleich aussehen. Und jetzt mal viel Spaß beim Neu-Zusammensetzen!“

Größte Problemzone: Das Bindegewebe. Rust sagt über sich selbst: „Kondition super, Bindegewebe vier minus.“ Sie hat mit sich die Vereinbarung getroffen, nur Netflix-Serien zu schauen, wenn sie auf dem Fitnessgerät steht.

Das Einzige, was ihr wirklich gefährlich werden kann: Migräne.

Das sagt ihr größter Fan, Jörg Thadeusz: Nur unvorsichtige Leute verlieben sich in einen Menschen im Radio. Denn die Enttäuschung ist unausweichlich. Die Stimme setzt im Hörer die schönsten Vorstellungen frei. Man beginnt zu träumen. Zwar ist es weiterhin nur eine Stimme, aber da wächst Wort für Wort die Gewissheit in einem: Hier spricht eine Traumfrau. Bettina Rust ist alles zusammen: Sie hat die sexy Hinterlist von Jennifer Aniston in ihrer Rolle als Rachel in „Friends“. Sie hat die königliche Coolness und Glut von Jennifer Lopez in jeder Rolle, in der Jennifer Lopez ohnehin nur sich selbst spielt. Sie befreit aber auch alle Sklaven von ihrem Joch und bleibt dabei so bescheiden wie machthungrig. Ein bisschen erinnert sie an Emilia Clarke als Drachenmutter Daenerys in „Game of Thrones“. Jetzt mal ernsthaft: Bei ihrer Stimme kann man eigentlich gar nicht anders, als sich augenblicklich zu verlieben. Es ist Liebe auf das erste Wort. Eine Begegnung mit ihr hilft jedoch auch nicht weiter, um den Rausch wieder loszuwerden. (Kann sein, dass sich selbst Jennifer Lopez schon gewünscht hat, sie könnte ein bisschen so sein wie Bettina Rust.) La Rust umkurvt und überfliegt jede Erwartung: Allein dieses Lachen! Wem sie es schenkt, surft umgehend auf einer Ozeanwelle aus Übermu

Verliebt in eine Radiostimme: TV-Moderator Jörg Thadeusz.


Mit Anke Engelke sitzt sie einmal zusammen in ihrer RBB-Sendung bei Radioeins, „Hörbar Rust“, es ist wie in der letzten Bank eines Klassenzimmers. Es wird postpubertär über „

Penis“ und „Scheide“ randaliert und gekichert, um dann flugs auf die Beletage des Humors zu wechseln: die Selbstironie.

Gemeinsam planschen sie in Fettnäpfchen. Bettina erzählt, wie sie sich mal für eine Weihnachtsfeier total schick gemacht hatte. Bis auf einer Wendeltreppe ein fremder Mann vor ihr stand, sie musterte und fragte: „Jochen?“

Dem großen Helge Schneider, mit dem sie überlegte, wofür genau noch mal die Abkürzung LED steht, warf sie mit ihrem Sahnebass ein „Guck mich an, konzentrier dich!“ entgegen. Würde sie mich in diesem Ton zur Hausarbeit ermuntern, ich wäre der beflissenste Spülmaschinenausräumer der Republik.

Bettina Rust räumt mit Floskeln auf, weil sie es kann. „Talk ist doch nur ein einziges Gequatsche“, sagen diejenigen, die auch ungefragt ständig was sagen müssen. Dabei ist ein Gespräch mit Bettina Rust wie ein Sofa, auf dem immer Platz ist. Sobald die gemeinsame Reise Fahrt aufgenommen hat, schaltet Kapitänin Rust die Anschnallzeichen aus, und wir können es uns wirklich bequem machen.

Dabei ist es egal, ob sie vor dem Mikrofon sitzt oder in einer Topfpflanze nach schrumpeligen Blüten zupft: Immer ist da diese Grazie. Diese Eleganz. Diese Balance von nicht zu viel und nicht zu wenig. Das Geheimnis einer Persönlichkeit, die als Radiostimme beginnt. Die in echt dann aber so hinreißend ist, dass man es sich kaum vorstellen kann.

Für Rust-Einsteiger: Die Sendung „Hörbar Rust“, in der sie mit ihren Gästen über Gott, Welt und Musik spricht, läuft derzeit jeden Sonntag, von 14 bis 16 Uhr auf Radioeins. Und in ihrem wöchentlichen Audible-Podcast hinterfragt sie montags die Herausforderungen des alltäglichen Lebens.

Ihr anekdotenreicher Stadtrundgang „Berlin“ ist bei Insel erschienen.


FOTOS: DIRK DUNKELBERG/PHOTOSELECTION, IMAGO STOCK & PEOPLE, EVENTFOTO54/IMAGO

FOTOS: DDP IMAGES, GUNDULA KRAUSE/RBB